Sex and the City

von lottmann

Ehrlich gesagt klang für langjährige Kenner des Autors der wehmütige Eintrag über ein privates Redakteurstreffen der alten Vanity Fair Mannschaft vor zehn Tagen in ‘Klage’ bereits wie… Abschied. Man ahnte, daß es nun nicht mehr lange gehen würde. Es gibt ja bösartige Leute, die behaupten, dem Autor sei die Lust vergangen, als er die ganzen Kommentare meinerseits lesen mußte, die neuerdings seine ‘Klage’ begleiten. Aber das ist natürlich Unsinn, dazu bin ich zu unwichtig. Nein, den wahren Grund erkannte ich gestern beim Rezipieren des Vanity Fair Heftes vom 15. Mai (ich berichtete). Da spreizte sich gleich zu Anfang ein neuer Chefredalkteur im Editorial, gab an wie nichts Gutes, blies sich und das Heft auf – gräßlich. Der Mann hat den Stuhl eines Genies besetzt, also von Ulf Poschardt, ist selbst aber wahrscheinlich ein Nichts. Den Namen habe ich noch nie gehört, das Gesicht nie gesehen, obwohl es das Gesicht eines Mannes ist, der schon ein halbes Leben lang mit Schreiben sein Geld verdient. Tja, und dann die Texte: alle ohne Bewußtsein geschrieben. Jeder Autor versucht, einen guten Artikel zu schreiben, aber keiner versucht, die Wahrheit zu schreiben. Also seine ganz bestimmte persönliche Wahrheit, die, eben weil subjektiv und authentisch, auch objektiv wahr wäre. Bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreiben alle Autoren auf diese letztgenannte Weise (*), und deswegen sind eigentlich alle Beiträge sehr interessant. Aber nun ist sowieso alles zu spät, und Goetz geht von Bord, verläßt das sinkende Schiff.
Schon vor einigen Tagen lief ‘Sex and the City’ an, und ich lernte bei diesem Kinofilm in 90 Minuten mehr über Frauen als in den letzten 12 Monaten. Es ist ja nachgerade unfaßbar, wie brutal diese role models mit ihren Trennungspartnern verfahren. Aus nichtigen Gründen, eigentlich formalen, machen sie mit ihnen Schluß, obwohl sie eigentlich noch voll verliebt sind. Dann müssen die Männer, diese armen Schweine, monatelang (genau gesagt: immer bis zum Weihnachtsabend) betteln, jammern, heulen, zähneklappern, sich erniedrigen, Liebesschwüre ausstoßen, und es nützt ihnen aber NULL. Die vier Freundinnen unterstützen sich gegenseitig in ihrem Haß gegen die abgestoßenen Freunde. Das allein ist eigentlich schon recht seltsam, wenn man es einmal distanziert sieht, als Antropologe (Völkerkundler). Warum diese Maßlosigkeit in der Härte? Was ist der Sinn? Was oder wer soll da programmiert, dressiert, charakterich verbogen werden und zu welchem Nutzen? Aber noch seltsamer ist, daß keinem diese Unmenschlichkeiten auffallen: nicht den vier Freundinnen untereinander, nicht dem Publikum im Kinosaal (ALLES Frauen, die übrigens immer recht nett mitlachten, gar nicht so agro zu sein schienen), nicht den Kritikern. Die vier Frauen bilden eine pressure group, gegen die eine ausländerfeindliche Bande von Schlägerburschen noch zahm ist. Aber während solche Jungsbanden zu recht verachtet werden, sonnen sich die besten Freundinnen im allgemeinen Wohlwollen…
…Wie der Film ausgeht? Für alle, die sich nicht überwinden können, selbst reinzugehen: Erst ganz am Ende gesteht eine der Vier, daß durch ihre Schuld das Fehlverhalten eines der Männer (Mr. Big) zustande kam. Endlich rudert also die erste ein bißchen zurück. Zwei Jahre schmerzhafteste Trennungszeit sind bereits verstrichen. Nun endlich also eine leichte Auflockerung. Erst darf Mr. Big sein auf-den-Knien-nach-Canossa-Programm wieder aufnehmen, danach wird es auch den anderen Männern gestattet (einer muß sich noch 6 Monate durch eine Paar-Therapie quälen). Schließlich feiert Kim ihren 50. Geburtstag, alle sind wieder in ihren alten Paarbindungen, und aus dem Off sagt eine süßliche Stimme:
“Und so begann die zweite Hälfte ihres Lebens: eingehüllt in LIEBE!”
Ende, Abspann. Das Wort ‘Liebe’ bezog sich auf die Frauen, und man gönnt es ihnen. Von ihrem fundamentalistischen Bestrafungszwang abgesehen (Zwang, weil sie sich ja immer selbst mitbestrafen), sind sie nämlich recht sympathische, freundliche Mitbürgerinnen, und überhaupt nicht dirty, ‘offen’, sexistisch, schandmäulig. Nein, nette Leute, die hart arbeiten müssen, und die man gern in der lokalen Bürgerinitiative für die Parkerweiterung sieht.

(*) Eine Ausnahme bildet lediglich die Filmredaktion.


3 Kommentare zu "Sex and the City"

  1. Lieber Joachim,
    jetzt bin ich mir endlich sicher, daß ich mir den Film doch nicht anschauen muß…dafür:wie wär’s mit Freitag Abend im Jammin’ Charlotte (ehemals Ultra Lounge) im Stilwerk. Spiele dort mit meiner Rockband.Ungefähr ab 22.00 uhr
    Liebe Grüße, Ina.

  2. Jolo,
    Die Passage über Sex in the City ist toll. Genauso sehe ich das auch und wenn ich in LA bin, ist das genau dieses Verhalten, das Frauen Männern gegenüber haben…..ich glaube letzlich ist das die Diktatur der “Hüfte” oder die Dik eines ‘modernen’ Matriarchat oder so etwas in dieser Richtung…hab da irre Sachen gesehen…du sicher auch
    GG

  3. …habe gerade zufällig entdeckt, dass mein Name hier auf einer seltsamen Buchgewinnerliste auftaucht, und frage mich gerade, wann ich wohl mit dem Buch rechnen darf, ich grüsse auf diesem Anlass auch Joachim Lottmann, der mich in jeder hinsicht immer wieder überrascht hat, und den ich sicherlich für verrückt hielt, wie er mich. (katrin) Rani Kaluza

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