Nachtrag zur Party von Rainald Goetz

von lottmann

Nils Minkmar schrieb dann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sehr prominent über diese ‘Klage’ Abschiedsparty, wie ich ja auch, und so ergibt sich für mich die Notwendigkeit eines Nachtrags, eines ganz kleinen. Minkmar sieht nicht, daß es Goetz um das Denken geht und nicht ums Erzählen. Vielleicht muß ich das mit einem Détail aus der Partynacht, das ich sorgsam verschwieg, untermauern. Als ich nämlich über die Feuerleiter die brüllend heiße Party vorzeitig verließ und Goetz mir in gebührendem Abstand heimlich gefolgt war, traf ich ihn unten auf der Straße etwa 500 Meter weiter. Soweit war er gegangen, um einen Platz zu finden, an dem er sich abkühlen konnte, ohne von einem der Partygäste aufgestöbert zu werden. Er wollte sich natürlich auch sozial abkühlen. Die nahezu völlig distanzlosen Begegnungen mit den vielen viel zu bekannten Mitmenschen hatten ihn noch mehr zermürbt als die Sauerstofflosigkeit in dem zellenartigen, fensterlosen Partyraum. Er hatte nun eine Bank in einem Rasenstück entdeckt, dreißig Meter abseits der Straße gelegen, der Oranienstraße übrigens. Diese Oranienstraße und überhaupt ganz Kreuzberg war in einen mir bis dahin ganz und gar unbekannten Rausch des Sommers, der nächtlichen Hitze, des Massenhaften, des Vergnügens geraten. Ich hatte so eine Stimmung erst einmal zuvor in meinem Leben gesehen, nämlich am Quatorze Juillet in Paris. Damals, ich war noch ein halbes Kind, entsetzten mich Feuerschlucker, Betrunkene, Straßenmusikanten, und eben viel zu viele unsinnig lachende Menschen, bestimmt mehrere Millionen. Sie feierten wie jedes Jahr an diesem Tag den Sieg über die Deutschen, und auch das irritierte mich. Diesmal nun ging es um den Sieg der türkischen Nationalmannschaft, glaube ich, und wieder waren bengalische Feuer, lachende Jugendliche, ja die Jugend der ganzen Welt am Werk, und wieder waren es Millionen. Das war die Lage, als Rainald Goetz eine kleine Pause machte, sich auf die Bank fallen lassen wollte, neben der türkischen Imbißbude. Er wollte ja nicht viel, er forderte nichts, er wollte nur eine Minute lang oder zehn die Augen schließen, allein unter Wildfremden, unbehelligt, sprachlos, und auf keine Anregung reagieren, auf kein unschuldiges Hallo, von keinem Türken und auch von sonst keinem. Er wollte einfach nur, daß der verdammte Schweiß ein wenig abtrocknete, oder wenigstens abkühlte, der seinen ganzen Körper und all seine Kleidungsstücke erfaßt hatte. Es war ihm völlig gleich, wer neben ihm auf der Bank saß, ob Türke, Albaner, Brite oder Würzburger. In dem Moment erkannte er MICH. Das war lustig zu sehen, also in Makrozeitlupe war es lustig: er erkannte mich nämlich in verschiedenen Stufen. In der ersten Zehntelsekunde meldete ihm sein Gehirn ‘netter Bekannter’, vielleicht sogar ‘Freund’, oder so eine Art Falschmeldung wie ‘der Albert’. Sein Körper machte eine freudige Bewegung auf mich zu, der rechte Arm, der schlaff nach unten gehangen hatte, schwang affenartig nach oben, der andere machte eine Gegenbewegung im umgekehrten Kreissinne, wie Podolkski bei seinem zweiten Tor. In der nächsten Zehntelsekunde meldete sein Rainald-Goetz-Gehirn ‘Joachim Lottmann’. Er schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. Er rief “Nein, nein!” und drehte sich in die andere Richtung, ziemlich unkoordiniert, und wollte sich von mir, der Bank, der Imbißbude wegbewegen. Er schaffte ein, zwei Schritte, rief dabei “BITTE jetzt nicht!”, und ich sprang ängstlich auf, um ihm zu Hilfe zu kommen. Er taumelte ja fast. Ich klopfte ihm auf die durchnäßte Schulter und sagte ganz automatisch Beruhigendes: “Dir gehts wie mir, ich wollte auch ein bißchen Abkühlen!” Er wimmerte “nein, nein”, und nun erinnerte ich mich, daß er ja Rainald Goetz war, also so problematisch, und daß er, wie Nils Minkmar geschrieben hatte (ich hatte das vorab gelesen und ein bißchen geschönt), eben dieses Problem mit der Distanz hatte. Also so hat das im Manuskript gestanden, ich hatte das auch nicht mehr wegredigieren können, deswegen nehme ich ja jetzt die Gelegenheit wahr, das zu diversifizieren. Also: Ich trug Rainald zurück zur Bank, setzte ihn darauf, schwor ihm, ihn nie wieder anzusprechen, und lief dann nicht zur Party zurück, sondern zur S-Bahn (wie gestern berichtet). Es ist nämlich so, also die Moral von der Geschichte ist: Rainald denkt. Er schreibt seine Gedanken. Immer inspiriert, immer poetisch – aber es sind Gedanken. Es ist die Literatur der Gedanken, nicht die der Situationen (die Minkmar bei Goetz nicht findet). Ich dagegen erzähle. Ich denke nicht. Ich schreibe erzählend. Das hat Vorteile und Nachteile in jedem Fall. Ich will nichts gegen mich selbst sagen (will mir ja nicht schaden), deshalb erwähne ich nur den Vorteil meiner Art. Meine Sätze altern nicht, denn sie haben ja keine Zeitkomponente. Gedanken sind immer zeitabhängig, deshalb altern Rainalds Sätze. Mir ist kein einziger Satz seit meinem fünften Lebensjahr peinlich. Jeder klingt, als hätte ich ihn heute morgen geschrieben. Dafür ist auch keiner klug. Beide Methoden, seine und meine, reichen nicht aus. Es muß, also darin hat Minkmar nun recht, ein Thema dazukommen. Ein Thema ist ein Gottesgeschenk. Ich habe gerade eines gefunden, daher weiß ich das. In meinem Leben waren Themen leider extrem selten, die Ausbeute ist nahe Null, aber es ist möglich. Rainald hatte mit ‘Rave’, ‘Irre’ und jetzt ‘Klage’ auch schon diese Erfahrung, also diese plötzliche, unerwartete, beglückende Erfahrung, daß es ein Thema für ihn GIBT.
Möge er sie noch oft haben. ‘Klage’, wie gesagt, halte ich für ein solches echtes Thema, ohne das jetzt ausführlich/multimedial/philosophisch ausführen zu wollen, also hier (könnte schon), und widerspreche nur dem Kollegen Minkmar, sozusagen in aller Form.”
Berlin, den 22. Juni 2008
J.L.
Am Morgen, als andere noch in den letzten Zügen Klage\'s Ende feierten
Am Morgen nach der Party: Autor Lottmann


Ein Kommentar zu "Nachtrag zur Party von Rainald Goetz"

  1. Hm. Also ich habe zunächst den Feuilleton-Aufmacher von Minkmar in der FAZ gelesen. Kurze Zeit später las ich dann Lottmanns Artikel, und ich war überrascht von der aus meiner Sicht unglaublich stark divergierenden Wahrnehmung der beiden Autoren. Minkmars Sätze waren sehr präzise und durchdacht, mal ganz davon abgesehen dass er insgesamt auch sehr viel ausführlicher war, während sich Lottmanns Text liest wie als sei er in fünf Minuten mal eben dahingeschrieben, man erfährt fast nichts, und von der Anmutung her wirkte er irgendwie geistig-elitär, weit weg auf irgendeiner Insider-Wolke. Ich will nicht polemisch werden, ich schreibe normalerweise keine Blog-Kommentare, aber das musste ich denn doch mal loswerden, insbesondere aufgrund der nachträglichen Verbesserungsanstrengungen seitens Lottmann hier im Blog. Sehr amüsant, sehr strebsam, aber der Punkt geht hier wohl an Minkmar!

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