Goetz‘ Vermächtnis

Philipp Rühmann, der Enkel des großen deutschen Schauspielers („Feuerzangenbowle“, „Vater sein dagegen sehr“, mit Marianne Koch), Cornelius Reiber, Ragnhild Moe, Sascha Lobo und Holm Friebe saßen mit mir in der ‚JUNE‘-Bar in der Sredzkistraße und machten lange Gesichter.
„Du hast es Rainald Goetz in die Hand versprochen…“ stöhnte Philipp. Er meinte das Weitermachen, das Zuende-Schreiben, das Beendigen dessen, was Goetz mit seinem Blog ‚Klage‘ nicht mehr hatte zuende bringen können, trotz aller verzweifelten Versuche. Ihm war die Basis weggebrochen, also Ulf Poschardt. Das war so, als würden sie bei der ‚taz‘ über nacht ‚Sir‘ Peter Unfried vom Hof jagen, johlend, schadenfroh, wie Betrunkene, die sich einen üblen Scherz erlauben. Dann könnte ich den eigenen Blog auch nicht weiterschreiben, klar. Ich sagte:
„Ich habe es ihm versprochen, ja. Aber das weiß ja zum Glück niemand.“
„Goetz weiß es.“
„Logisch, er hat es ja gesagt. Aber er hat es ja MIR gesagt. Sogar ziemlich leise, und keinem sonst. Er wird ja wohl kaum plötzlich in die Medien gehen und heraustrompeten: ‚ich hab‘ dem Lojo da was gesagt, nämlich daß er weitermachen soll und muß, und jetzt schert er sich gar nicht drum’… Nee, damit ist nun wirklich nicht zu rechnen. Niemand wird es erfahren… es weiß doch wirklich keiner von der Sache.“
„Doch. WIR wissen es.“
Stimmt, sie standen ja um uns herum, mit langen Ohren, hatten alles mitgekriegt, bei diesem historischen Moment auf Rainalds Abschiedsparty… Ich sah den Freunden ins Gesicht. einem nach dem anderen. Wütend und verstört sahen sie aus, Sascha Lobo zitterte.
„Ja… also IHR wißt es, gut! Und was soll ich nun Eurer Meinung nach tun?! Soll ich ‚Klage‘ weiterschreiben, als sei nichts geschehen? Als lebte Ulf Poschardt noch?“
„Du hast ihm Dein Wort gegeben.“
„Papperlapapp. Es war eine Party. Da redet man viel. Zu diesem und jenem, die Welt ist groß, sie ist ein Karussel.“
„Das war nicht dieser und jener. Das war Rainald Goetz!“
„Jaa-a, ich hab nur Schnitzler zitiert…“
„Schreib weiter, DU kannst es noch!“
„Hm.“
„Schreib das auf, Lottmann! Sozusagen.“
Ich hob meinen Kopf, die Schultern, atmete einmal tief ein und aus. Die jungen Leute konnten einem leid tun. Schließlich sagte ich:
„Wenn Ihr meint, von mir aus.“
Zum erstenmal seit dem Halbfinale der Europameisterschaft brach in der kleinen Gaststätte wieder ohrenbetäubender Jubel aus.

Kommentare (2)

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  1. Fragwuerdige Geschichte. Goetz hatte gerade genug Seiten zusammen um nach 7 Jahren Pausenbrot Suhrkamp zu bedienen. Das Elend von Vanity ist nur eine Dopplung des Elends der deutschen Blogosphaere. Die piefige Geschwaetzigkeit, schnoeseleige romantische Ironie, ein Hallraum von Literaturhaftigkeit. Goetz schrieb in seinen besten Momenten gute Gruende auf warum es unmoeglich ist unter den gegenwaertigen Bedingungen zu schreiben, im Blog und darum auch im Buch. Pennaelerhafte Partyberichte im zweiten Fruehling machen noch keine gute Party, in Rave hat er die Partyparameter ja bereits aufgelistet, das pro7-VIP gehabe gehoert nicht dazu. Der verlorenen Zeit hinterherrennen und aus dem entstehenden Nichts etwas zu machen, das hat Goetz jedenfalls nicht getan. Eher schafft er es immer wieder mit Nietzsche Pathos auf Distanz zu gehen. Lottmann vernichtet Distanz. Sein Verdienst ist immerhin ein genaues Protokoll der Verbloedung.

  2. das Raunen ging durch ganz Berlin. Sehr lustig