Offener Brief an Angela Merkel
von lottmannIch wußte ehrlich gesagt immer noch nicht, was die Freunde meinten. ‘Klage’ weiterschreiben, Unsinn. So schreiben WIE Klage, also den Stil kopieren, anklagend schreiben, verbittert, empört, unzufrieden? Ich kam nicht drauf. Wahrscheinlich sollte ich einmal einen offenen Brief an Angela Merkel schreiben! Ich nahm es mir vor.
Einfach wurde es nicht. Schließlich brachte ich folgenden Text zustande, der, wie alle ‘Klage’-Leser zugeben werden, den Stil vollständiger Aufrichtigkeit, und vor allem den Verzicht überflüssiger und meist selbstbezogener und somit eitler Ironie, beachtet – genau wie bei Rainald Goetz. Also:
„Liebe Frau Bundeskanzlerin,
ich bin ein Bürger dieses Landes und Sie kennen mich wahrscheinlich nicht, auch wenn ich schon ein paar Bücher veröffentlicht habe. Ich bin Schriftsteller, und ich bin gegen den Krieg in Afghanistan, also gegen den Einsatz der Bundeswehr dort. Mit mir fühlen die meisten Deutschen. Vier von fünf Deutschen wollen die jetzt beschlossene Truppenverstärkung nicht. Noch weit mehr, nahezu alle, wollen keinen Kampfeinsatz der Bundeswehr im Süden des Landes. Trotzdem tun die Politiker so, als kämpften unsere Soldaten für uns in dem Land. Angeblich hielten sie für uns ihren Kopf hin. Angeblich verteidigten sie für uns unsere Freiheit im Hindukusch. Das stimmt aber nicht, und zwar doppelt nicht: Wenn ich gar nicht will, daß einer etwas für mich tut, und er tut es trotzdem, tut er es nicht für mich. Und zweitens hat Deutschland keinen Feind dort, keinen feindlichen Staat, der unser Land mit seinen Armeen überrollen will wie einst Hitler das kleine Polen. Es gibt dort keinerlei Gefahr für uns. Da leben geschundene Bauern, denen man immerzu Bomben auf den Kopf wirft, aus US-amerikanischen Flugzeugen heraus. Wie sehr es traumatisiert, wenn von oben irgendwas angeflogen kommt, und danach steht alles in Flammen und die liebsten Angehörigen sind tot, Unschuldige allesamt, sollten wir nach dem 11. September wissen. Aber die Amerikaner machen das munter weiter, jeden Tag. Und damit sie dafür nicht allein am Pranger stehen, sind auch ein paar unserer Truppen dort, wenn auch nur symbolisch. Jetzt fragt man natürlich, warum die Amerikaner das überhaupt machen. Die drei Dutzend Holzgewehre, die die zahnlosen Eseltreiber da noch haben, können doch der Atommacht USA nicht wirklich den Garaus machen, und der Halbmond wird nicht über dem Kapitol in Washington gehißt und die Sharia nicht, nachdem der letzte überlebende Eseltreiber Los Angeles eingenommen hat, in Kalifornien eingeführt werden. Warum also der sadistische Irrsinn? Noch dazu mit symbolischer deutscher, unserer, meiner Unterstützung? Weil mehr Geld und Extraprofite im Spiel sind als in der gesamten Militärgeschichte der Menschheit zusammengenommen vorher. Gerade haben beide US-Parlamente eine weitere dreistellige Milliardensumme ZUSÄTZLICHER Militärausgaben für Irak/Afghanistan abgenickt, ohne Einspruch, ohne Debatte. Eine Milliarde sind tausend Millionen. Schon früher galt, daß mindestens 20 Cent jeden Rüstungsdollars Schmiergeld sind, Extraprofit also, der zum fetten normalen Profit noch dazukommt. Heute, bei dieser Hemmungslosigkeit, werden es 30 bis 35 Cent sein. Das wären dann locker zwanzigtausend Millionen (mindestens und zusätzlich), um Politik und Öffentlichkeit gefügig zu machen. Kein Politiker, schon gar nicht Barack Obama, kann sich gegen diese ungeheure Dynamik stellen. Tausende von Milliarden Dollar sind durch diesen Irak-Afghanistan-Krieg verbrannt worden, nein, nicht verbrannt, sie liegen nun auf den Konten einflußreicher Menschen. Barack Obama hat sich gegen den Irakkrieg ausgesprochen, und seine objektive Aufgabe ist es nun, den Irakkrieg zu beenden, ohne den Krieg insgesamt und die damit verbundenen Rüstungsausgaben abzuwürgen. Daher will er als Ersatz für den Kriegsschauplatz Irak den in Afghanistan und Pakistan, am besten auch noch Iran, ausbauen. Für Afghanistan will er die Deutschen mit in die moralische Schuld reißen. Ich appelliere an Sie, liebe Frau Bundeskanzlerin, dem zu widerstehen. Geben Sie Herrn Obama keine Zusage für Kampfeinsätze der Bundeswehr in Staaten, die Deutschland in keiner Weise militärisch bedrohen. Denken Sie dabei einfach an das Grundgesetz! Die Bundeswehr ist für die Landesverteidigung da, DAFÜR halten unsere Jungs den Kopf hin, nicht für die Eroberung fremder Territorien.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Ihr Joachim Lottmann
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Lieber Jolo, dieser – Dein – ja, ich möchte da sagen – unserer – Brief, ist ja mal richtig gut und wahr.