Das Handy bringt das kranke Deutschland nach Italien
von lottmannDie Merkel (unsere Kanzlerin) macht es völlig richtig: im Urlaub bleibt das Handy aus. Sie nimmt es gar nicht erst mit. Wir waren nicht ganz so konsequent, nur das Ladegerät blieb zu Hause. Und es wurde auch gar nicht erst nicht aktiviert, das blöde Handy. Aber dann habe ich doch einmal nachgeschaut, nach einer Woche erst, und fand prompt eine Winzigkeit, die mir den schönen Ferientag fast schon versaute. Normalerweise ein Nichts, ein drittrangiges Detail, aber hier, am friedlichen Strand: eine eklige Erinnerung an etwas, an das man sich gerade hier nicht erinnern möchte. Jana Jähzorn (Name geändert, d. Red.) hatte mir eine SMS geschrieben. Das war eine Künstlerin, der ich früher einmal sehr geholfen hatte und deren einziger Fürsprecher ich viel zu lange gewesen war. Ihre schon groteske Erfolglosigkeit hing damit zusammen, dass sie jeden biß, der ihr etwas Gutes tat, also auch mich, was mich aber nicht abschreckte, da ich ihren Fall interessant fand. Ich erkannte mich in dieser Psychopathologie nämlich wieder, auch wenn ich sie natürlich längst überwunden hatte (sonst wäre ich ja nicht der Liebling der Avantgarde geworden). Eines Tages trieb sie es aber dann doch zu weit, und selbst ich brach den Kontakt zu ihr ab. Ich glaube, es war so, dass ich sie nach Berlin geholt hatte, und zum Dank malte sie ein Bild für mich, zerstörte es dann wieder, als sie sah, wie sehr es mir gefiel: ein großer schöner Akt meiner Frau. Zugleich zerstörte sie die Vorlage, ein herrliches Nacktfoto von der June, ein Unikat. Ich habe dann wenigstens die Vorskizzen gerettet und fotokopiert, worauf mich die durchgeknallte Künstlerin wegen geistigen Diebstahls anzeigen wollte. Ich erinnere mich nicht mehr genau, weil es uferlos wurde – plötzlich ging es um Feminismus in der Kunst und was die Machos alles Fieses tun. Ich beendete also die alte Jugend-Freundschaft, und ich schrieb eine kleine Kurzgeschichte über den absurden Fall, um alles in Humor und Wohlgefallen aufzulösen. So machte ich das ja immer, wenn ich mich ärgerte. Ich schrieb, aber nicht böse, sondern so übertrieben, dass es nur noch lustig war. Das war ja auch das Schreibprinzip von ‚Zombie Nation’. In dem Buch verarbeitete ich die atomwaffenstarke Dominanz meiner Frau, auf humorvolle Weise, sodaß sich am Ende keiner beschweren konnte. So klappte es auch diesmal. Ich hörte nie wieder etwas von Jana Jähzorn. Bis heute.
Wikipedia war durch irgendeinen Zufall auf meine kleine Geschichte gestoßen und hatte sie übernommen. Vielleicht sitzt bei Wikipedia irgendein Freund, der mir etwas Gutes tun wollte, und der dachte, diese arme erfolglose Künstlerin sei eine Freundin von mir, und die soll jetzt auch einen Wikipedia-Eintrag bekommen, zwecks Ankurbelung der Karriere. Ja, genau so wird es gewesen sein. Und prompt setzt dieser Reflex wieder ein, und die Frau schlägt Krach, und die Anwälte erscheinen sicher bald auf der Bildfläche, und Wikipedia muß Schriftsätze verfassen, und ich muß mich vor Gericht äußern, schriftlich, in vierfacher Ausfertigung, und dann mündlich, und mein Literaturverständnis darlegen, und über Maxim Billers ‚Esra’ theoretisieren…
Biller hat über seinen Prozeß mit den Esra-Tussen graue Haare bekommen. Ich weiß nicht, welche Lehre er aus der ganzen Sache gezogen hat. MEINE könnte sein: es ist schlimm genug, dass ich selbst so verrückt bin, und ich sollte mich niemals mit anderen Verrückten solidarisieren. Lieber sollte ich normal werden, mich nur noch mit Normalen umgeben, und alle Verrückten meiden wie die Pest! Zum Glück habe ich hier in Italien die beste Gelegenheit dazu. In den letzten Tagen haben wir Ausflüge ins Landesinnere gemacht (Fotos). Die Marken und Umbrien sind ja die schönsten Gegenden Italiens, viel schöner als die Toskana. Es fehlt das Meer, aber bei Getty’s gibt’s es natürlich immer Pools ohne Ende, in die man alle dreißig Minuten springen kann, nach jedem Satz Tischtennis zum Beispiel (Foto, Oligarch v. Guretzky beim Aufschlag). Am schönsten war ein Besuch bei Carlotta in Montepulciano. Sie verbringt dort mit ihren beiden Brüdern und ihrem Vater, einem Professor für Germanistik in Triest, jedes Jahr ihre Ferien. Montepulciano ist ein mittelalterliches Bergdorf, das der Vater vor Jahren, als es die starke D-Mark noch gab, aufkaufte. So wird man da wie ein Fürst behandelt, oder wie der Hausdichter des Fürsten. Und Carlotta ist natürlich die Prinzessin in dem Ort, die ‚Prinzessa’, die jeder berühren will. Alte Mütterchen küssen ihr die Hand, oder tätscheln ihr minutenlang das ebenmäßige Rundgesicht und rufen verzückt „bella ragazza… bella ragazza..!“, was mich sofort zur Nachahmung veranlasste. Aber ich will nicht soviel schreiben, es ist ja mein Urlaub.







