Eine ganz normale Partynacht

von lottmann

Ich hatte den Namen vorher noch nie gehört, aber in Berlin ist Erik Schmitt (?) offenbar etwas Besonderes – das schließe ich aus der Party, die ich gestern besuchte. Eindeutig eine Erwachsenen-Party, obwohl die Leute nicht älter waren als die Szene-Slacker in Mitte. Alle trugen schicke Sachen, Designer-Anzüge, weiße Hemden, Glitzerkleider die Frauen; das war schon mal eine beruhigende Abwechslung zum sonstigen Sportswear-Einerlei. Sonst sehen ja alle so aus, als kämen sie gerade vom Joggen. Von mir einmal abgesehen und Oliver Maria Schmitt (ja, das ist der andere, der echte, der berühmte Schmitt, Chefredakteur von ‘Titanic’, der Mann, der karmesinrote Maßanzüge aus London trägt und so weiter… aber das ist eine andere Geschichte). Also, ich war überrascht, daß ich so viele Leute da kannte. Nur eben den Gastgeber nicht, und auch nicht seine umwerfende bebrillte blonde Nerd-Partnerin, die die Party mehr oder weniger leitete. Nun der Schock: sie kannte mich auch nicht! Ich nannte dreimal meinen Namen, buchstabierte ihn, malte ihn mit Kugelschreiber auf eine Papierserviette – nichts. Schließlich gab ich ihr ‘meine Karte’. Das ist ein auf ausfaserndem Büttenpapier mit antikem Prägedruck geschriebener Name:
JOACHIM LOTTMANN
Schriftsteller
Sonst nichts, keine weiteren Angaben. Das macht normalerweise immer Eindruck, und zwar seit 1785. Aber die umwerfende Nerd-Frau konnte mit mir und dem Namen nichts anfangen. Dabei wollte ich doch nur ihre Handynummer haben, und den Laden wissen, in dem sie die Brille gekauft hatte. Eine große, eckige, das halbe Gesicht bedeckende, schwarze strenge Brille mit Fensterglas, die ich selbst gern gehabt hätte. Gleich am Montag wollte ich mir ein Exemplar für meinen Kopf konstruieren lassen. Ich konnte aber mit der hochgewachsenen Amazone nicht lange diskutieren, weil sie damit beschäftigt war, alle Gäste zu fotografieren (wie früher, auf Familienfeiern). Aber ich redete mit vielen anderen, ja, ich hatte selten so viele gute, weiterführende Gespräche an einem einzigen Abend wie diesmal. Ein älterer Herr im Trachtenanzug sprach mich auf die Punkte an, die ich zuletzt über John McCain geschrieben hatte (*). Jüngere wie Ingo Niermann gaben mir bahnbrechende, ja geniale Tips für mein neues Buch. Mit Eva Munz kam ich ins Gespräch, über die ich allerdings sagen muß, daß ich noch nie einen Menschen getroffen habe, der so dermaßen mit Ressentiment gegen mich zugekleistert war wie sie. Wieviele Gigabyte von Humor muß man eigentlich NICHT haben, um zu solch einer heillos verkorksten Einstellung zu J. Lottmann und seiner harmlosen Spottlust zu gelangen? Aber neben ihr stand schon wieder Thomas Lindemann, der das mitgekriegt hatte, halb ratlos, halb belustigt, und der dann sehr anregend über berühmte Mitmenschen und ihre Drogenprofile (**) extemporierte und mich anschließend mit Thorsten Thyssen-Borghese bekannt machte, einen der seriösen Köpfe des israelfreundlichen Axel Springer Verlages (‘WELT’).
Später ging es weiter zu Harriet Wolff, die seit Mitternacht ihren 40. Geburtstag feierte, und in deren schöner Wohnung sich ab drei Uhr so nach und nach alle Nachtschwärmer einfanden…

(*) “…Dieser 72jährige Kriegsheld war Bomberpilot in Vietnam und damit einer von denen, die Millionen Zivilisten mit Napalm verbrannten, höchst unsinnigerweise, ohne jede Reue, ja ohne jedes Nachdenken darüber in 40 Jahren. Die Bomber flogen oftmals so tief, daß den Babys die Trommelfelle platzten. Die USA verloren genau deshalb den Krieg gegen den zwanzigfach unterlegenen Gegner: nicht, weil die Infantaristen schlecht kämpften, nicht weil die Kommunisten beliebt gewesen wären, sondern einzig, weil das Inferno, das die Bomberpiloten anrichteten, so infernalisch wie militärisch unsinnig war…” (taz.online)

(**) bezieht sich jetzt nicht auf Eva Munz, die im übrigen ein wundervoller Mensch ist. Selbst das Ressentiment ist ja eine höhere Form von Loyalität bei ihr. Deswegen ist es aber doppelt schade.


Kommentar Schreiben

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*


*