‚DIE ZEIT‘, die Kulturzeitschrift ‚SPEX‘, und Rainald Goetz

Inzwischen läuft die künstliche Jens-Jessen-Debatte immer weiter, in der neuen Nummer wird nachgelegt. Allerdings nur in der Absicht, das Thema wieder zu entschärfen, zu verzeitlosen, zuentdifferenzieren. Der letzte Artikel (´Jugend ohne Charakter´II) hätte auch vor 2500 Jahren geschrieben sein können. Das Alter schimpft über die Jugend, aber die Jugend ist besser als ihr Ruf. Da war selbst Frank Schirrmacher mit seinem ´Methusalem Komplott´um Lichtjahre weiter. Er benannte reale, erschütternde, faktische Veränderungen. Wir leben in einem Rentnerstaat, in dem es Jugend gar nicht mehr gibt, nicht mehr als Generation, als gleichstarkes Gegengewicht, höchstens noch als Minderheit; freilich einer ohne Minderheitenkultur. Und die sich jetzt auch noch in der ZEIT rechtfertigen muß: bitte laßt uns am Leben, so schlecht sind wir doch gar nicht…
Da ist die neue SPEX doch ganz was anderes. Das Oktoberheft bringt eine schöne (verkürzte) Doktorarbeit über Rainald Goetz und seinen lebenslangen Kampf des vom-Leibe-Haltens seiner Mitmenschen. Er möchte sie nicht mögen, weil das seine Urteilskraft beschädigen würde. Der Autor des sehr erhellenden Beitrags, Thomas Hübener, erklärt es uns so: „Gleichwohl weiß Goetz um die Schwierigkeiten des Hassens. In zahlreichen Äußerungen wird die Korruptionsgefahr des persönlichen Eindrucks infolge stets drohender Empathie beschworen und gefürchtet. Goetz sagt es selbst: ´Im Umgang mit Menschen gibt es nur Verständnis, Rührung, Zartheit, Takt, Verstehen und nochmal Verstehen.´ Goetz zieht daraus die Konsequenz, den Nächsten im Dienste der Wahrheit gnadenlos und hart gegen sich selbst zu meiden.“ Hübener deutet an, daß ihm das bei ´Lottmann´ nicht gelungen sei. Stimmt. Früher hatte es mir in der Tat Spaß gemacht, dem Autor von `Irre´ immer wieder meine Nähe aufzuzwingen, ihn über ganze Straßenzüge hinweg laut rufend hinterherzurennen, als Abo-Verkäufer in seine Wohnung einzudringen und so weiter. Das hat sein Urteil über mich ganz schön korrumpiert.
Der große Thomas Lindemann sagte mir kürzlich, Leute, die scheinbar Ressentiments gegen mich hätten, hätten diese gar nicht wirklich, sondern „einfach nur Angst, daß Du über sie schreibst“. Genau das aber stört mich an ihnen. Weil es die ureigenste, fast schon definitorische Eigenschaft der schlechten Deutschen ist: bloß nicht öffentlich werden! Immer unter sich bleiben, zu Hause, in der Küche: dort das große Wort schwingen, das besserwisserische Nörgeln, die Ablehnung von allem, der Staaten- und Menschenhaß. Aber nie ein Wort nach ´draußen´! Draußen ist die böse feindliche Welt, die Öffentlichkeit, der Parteienstreit, die verlogene Demokratie! Im Geheimen muß die Meinung bleiben, sauber und straff in Geheimbünden verwahrt, mit Blut und Ehre gesichert! Und so ist einer, der frei von der Leber weg schreibt, immer einer, der ´auspackt´, der das Gesetz des Schweigens bricht, der ´verrät´.
In der jüdischen Kultur ist das genau umgekehrt. In den Woody-Allen-Filmen schreiben alle möglichen Figuren immer gerade ein Enthüllungsbuch über die Ehehölle mit ihrem Geschiedenen, und der schreibt natürlich ein Buch zurück, und beim Schanukka-Fest (oder wie die heißen) sitzen sie wieder zusammen, und stoßen sich unter dem Tisch gegen das Schienbein. Und alle in der ausufernden Familie lesen das Zeug und freuen sich darüber. Undenkbar in arischen Kreisen! Ein Feme-Mord würde beide Schreibenden vom Erdboden tilgen, diese unheiligen Verräter! Und auch die ganze DDR-Einordnung läuft ja ausschließlich über das Stasi-Thema. Ob der Kommunismus 25 Millionen Menschen ermorden ließ oder 35 Millionen, ob Krieg, Vertreibung, Landnahme, Zwangskollektivierung, Vergewaltigung von fünf oder zehn Millionen deutscher Frauen verurteilenswert seien oder doch historisch gerechtfertigt, beschäftigt keinen. Aber ob Gregor Gysi Berichte über Mandanten schrieb und dabei zum Verräter wurde, gilt als die mögliche Quelle allen Unheils.

Kommentare (5)

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  1. Die Klischees über die Deutschen sind genauso stumpfsinnig wie nachweislich falsch und unzutreffen: da wird „Alfred Tetzlaf“ auf die gesamte Bevölkerung projeziert, obwohl er nur einen Typus von vielen ausmacht. Bzgl. der Opfer des Kommunismus: Mao alleine hat über 70 Mio. Menschen auf dem Gewissen, und Lenin/Trotzky/Stalin kommen auf mind. 30 Mio. Insgesamt forderte der Kommunismus also 100 Mio. Opfer Minimum. Das sind die aktuellesten Daten.

  2. In der Tat, nicht nur sehr hellsichtig, auch irre erhellend. Besten, aufrichtigen Dank.

  3. ok, Lottmann, ich nehme das zurueck, leider zuviel des Essentialismus, und loeschen Sie mal die braunen Kommentare heraus

  4. Das ist doch einmal ein hellsichtiger Text, Lottmann, die unauslotbare Verschwiegenheit und zurueckgezogene Privatheit der arischen Zipfelmuetzen gegen den schonungslosen oeffentlichen Konfrontations- und Streit-Diskurs der juedischen Kultur, sehr hellsichtig, letzeres ist in der Tat eines der Dinge, die insbesondere die DDR wie der Teufel das Weihwasser hasste: den (oeffentlichen) Streitdiskurs, die Verneinung dessen reichte HIER sogar weit ins Private, wie mir scheint, bis heute.

  5. Schöner Beitrag. Dazu habe ich gerade einen ähnlichen blog-eintrag verfasst:

    http://www.blauenarzisse.de/podcast/index.php?id=849