Helden (nach David Bowie)
von lottmannManchmal, ganz selten, wenn ich nachts nicht einschlafen kann, oder einschlafe und dann mitten in der Nacht aufwache, denke ich, während die Gedanken auf Reisen gehen, an die vielen, die von mir gegangen sind – zum Beispiel an Marius Meller. Ich hatte ihn sehr gemocht. Fast kommt es mir vor, er stünde jetzt noch im Türrahmen, würfe seinen immer gleichen unattraktiven Parka – so etwas trug man damals, zur Jahrtausendwende – auf den Stuhl und begönne eine Diskussion mit mir über Ernst Jünger und den Nationalsozialismus. Kinder, über SOLCHE Dinge sprachen wir damals! Aber ich habe ihn nie wieder gesehen.
Wie wohl sein Leben weitergegangen war? Hatte er noch lange für den Tagesspiegel geschrieben? Er war ja der große Mann dort. Heimlicher Chef der Feuilletons. Eigentlich der heimliche Chef ALLER Feuilletons der deutschen Hauptstadt. Damals. Sein Name klang wie Cherubin, wie ein Gedicht, eine Verheißung: Ma-ri-us-mel-l-ler… und man ließ die Silben auf der Zunge zergehen, wenn man an all die schönen Aufträge, die Honorare, die Einladungen, die fröhlichen Trinkgelage im Amaté dachte, die gewesenen und die kommenden. Damals.
Heute: vorbei, verweht, Geschichte. Was aus Marius Meller wurde? Wir werden es niemals wissen.
Oder Jost Burger. Einmal ein stattlicher Mann, ein hoffnungsfroher junger Bursche, der die Welt erobern wollte. Ein Idealist, ausgebildet im evangelischen Pfadfinderdienst. Er hatte für jeden ein Ohr, einen aufmunternden Rat, ein Auge für die Schwachen, die Gefährdeten, die gerade Strauchelnden. Dann ging er mit denen um die Alster und richtete sie wieder auf. Aber dann, eines Tages, wurde er Vater. Dann wurde er nochmal Vater. Dann wurde er zum drittenmal Vater. Dann tat er seinen letzten Schnaufer. Ich besuchte ihn im Krankenhaus, hielt seine Hand. Draußen vor der Tür seine Frau, erneut mit gerundetem Bauch. ‘Das wird schon wieder’ sagte ich ihm unter Tränen. Ich konnte niemals so schöne Worte finden wie er. Er überlebte die Intensivstation, wurde in verschiedene Reha-Kliniken abgeschoben. Einmal noch sah ich ihn in so einer Einrichtung am Schalsee. Dann riß der Kontakt endgültig ab. Ich werde ihn nie wiedersehen.
Aber ich werde sie nicht vergessen, Marius Meller und Jost Burger, meine Helden des vergangenen Jahrhunderts.
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