Tag des Weltuntergangs

Gestern war also der Tag des angekündigten Weltuntergangs, also des Finanz-Crashs (siehe Eintrag vom 21. September). Wir verbrachten ihn in trauter Runde in dem Lokal ‚Prasnik‘ in der Berliner Torstraße, gegenüber von Kaminers Russendisco. Matthias Matussek war dabei, Christine Eichel von Cicero, sogar Ariadne von Schirach, und natürlich alle Freunde: Friebe, Rühmann, Martin Walser, die schöne Ann Marie Schmidt-Olsen, Wolfgang Herrndorf, Corinna Stegemann, Max Hiller, Intelligenzbestie Bettina Andrea, der Bruder von Philipp Albers, Ex-Talentscout Thomas Hölzl, Kathrin Passig & Sascha Lobo, einfach alles, was in den Nullerjahren Rang und Namen gehabt hatte in Mitte. Vor dem Weltuntergang.
Angefangen hatte der historische Tag mit der Debatte um die Verlängerung des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan im Deutschen Bundestag. Dann wurde das jäh unterbrochen von einer Erklärung der Merkel zum Bankenkrach. Und danach hatte keiner mehr richtig Lust auf Krieg, Bundeswehr, Taliban und so weiter. Die Abgeordneten suchten das Weite…
Aber gehen wir ganz zurück an den Anfang des Tages. Draußen war es noch dunkel, das Frühstücksfernsehen lief gerade erst an, Franziska Schäfer berichtete davon, daß sich deutsche Mädchen zum Abitur kein Auto mehr wünschen wie früher, sondern einen künstlichen Busen. Dann kam die Meldung durch: über nacht war der Nikkei ins Bodenlose gestürzt, minus elf Prozent. Der tecDax minus 8.7 Prozent, Sidney minus weißnichmehr, Tokio im freien Fall, Südkorea nicht zu retten, Hongkong am Arsch und so weiter. Ganz Asien war mit reingerasselt in die Krise. So ging es dann um neun Uhr weiter, als die Frankfurter Börse öffnete, und kurz darauf die europäischen Börsen. Panik brach aus, weltweit.
Ich hielt es nun – es war kurz vor zehn – für meine Pflicht Matthias Matussek anzurufen, um ihn von dem Zusammenbruch des Finanzsystem in Kenntnis zu setzen. Er war schon wach, er ist ja Frühaufsteher (und Nachtarbeiter), und meinte, nun müsse er zukaufen. Bei fallenden Kursen müsse man immer einsteigen. Es fiel mir schwer, darauf nicht zu antworten.
Ich schrieb eine Rezension über das neue Buch von Rainald Goetz, das nächste Woche veröffentlicht wird, ‚Klage‘. Also das Buch zum gleichnamigen Blog. Goetz hat das fein von mir abgeschaut (auch von diesem Borderline Blog hier gibt es eine gleichnamige Printfassung im Buchhandel zu kaufen*). Naja, vielleicht hat er es auch gar nicht abgeschaut, die Idee ist ja nicht unbedingt originell. Im Grunde war Goetz sogar der erste, der so verfuhr: auch den Blog ‚Abfall für alle‘ gab es bereits als Buch, Jahre bevor ich ‚Auf der Borderline nachts um halb eins‘ startete. Freilich war letzteres der erste echte Verkaufsschlager in diesem Segment. Egal – ich konnte mich ja doch nicht recht konzentrieren auf die Rezension. Immer wieder schaltete ich den Deutschlandfunk ein, um die neuesten Börsenstände zu erfahren. Und Rainalds Berichte kamen mir immer mehr wie ferne Rufe aus einer untergegangenen Epoche vor. Wie Inschriften auf dem Sarkophag Tut Ench Amuns. Goetz schreibt noch aus der Zeit des Kapitalismus. Sehr fremd, das alles, inzwischen.
Im Bundestag lief längst diese Afghanistan Debatte, und ich schaltete auf Phoenix um, weil ich im Deutschlandfunk gehört hatte, die Merkelin werde gleich eine Sonder-Erklärung zum Bankenkrach abgeben, direkt im Parlament (weil vom Kanzleramt aus näher als das Gebäude der Bundespressekonferenz am Spree-Ufer).
Aber es zog sich hin. Ein Redner nach dem anderen schwadronierte über den phantastischen Einsatz unserer wunderbaren Soldaten in Afghanistan, was für einen tollen Job sie da täten, wie sie für unsere Freiheit ihr Leben einsetzten, wie sie Brücken bauten, Mädchen in die Schule begleiteten, für die Sicherheit der Bevölkerung sorgten, insbesondere für Frauen und Kinder. Ja, so sprachen sie. Einer wie der andere. Von der CDU genauso wie von der SPD, der FDP, den Grünen, der CSU. Und so sprachen sie auch schon im letzten Jahr, und in den sieben Jahren davor auch. Ein unfaßbarer Skandal. Es stimmte kein einziges Wort davon.
Die Bundeswehr kontrollierte etwa zwei Prozent des Landes. In den anderen 98 Prozent herrschte Verzweiflung, Hunger, nackte Brutalität, unvorstellbare Dumpfheit, eine Mischung aus Steinzeit und Voodoo. Es war ein rein symbolischer Einsatz, auch wenn unsere armseligen Soldaten dabei ihr Leben ließen und der Steuerzahler einen drei- bis vierstelligen Milliardenbetrag. Unsere Truppen symbolisierten unsere Teilnahme an einem scheinbaren Krieg, der in Wirklichkeit nur dazu da war, einer völlig außer Kontrolle geratenen gigantischen US-Rüstungsindustrie auch dann eine Legitimation zu geben, wenn es gar keinen realen Feind mehr gab. Ich brüllte in Richtung Fernseher:
„Sie bauen keine Brücken! Und sie führen keine Mädchen in die Schule!“
Einer von der Opposition trat staatsmännisch ans Mikophon, Grüner oder FDP. Wunderbare Soldaten, wunderbarer Job, sie bohren Brunnen, bringen den Frieden ins Dorf, bla bla.
„Sie bohren keine Brunnen! Soldaten können das gar nicht!“
Ich wollte, daß endlich die Merkel spricht.
Es nützte nichts. Das Geleier ging weiter. Manchmal schwenkte die Kamera auf Oskar Lafontaine, der wie versteinert wirkte. Er hätte jetzt triumphieren können, aber er tat es nicht. Alles war so gekommen, wie er es ein Jahrzehnt lang erzählt hatte. Schon als Finanzminister unter Schröder hatte er die internationalen Finanzströme kontrollieren wollen. Aber jetzt, wo er Recht bekam, war er nur erschüttert. Daran erkannte ich, daß es ihm immer nur um die Sache gegangen war, nie um persönliche Genugtuung.
Und dann, endlich, die Merkel. Man müsse jetzt das Vertrauen in die Banken und in die Wirtschaft wiederherstellen. Ein kurzes Umschalten auf ntv bewirkte in Sekundenbruchteilen das Gegenteil: DAX um weitere 500 Punkte gefallen.
Enttäuscht schaltete ich die Geräte aus und schrieb weiter über das antike Goetz Ouevre. Ich erinnerte mich nun an die vielen glücklichen Momente, die ich damals durch das Blog ‚Klage‘ gehabt hatte, und dadurch kam ich doch noch in eine gute Schreibstimmung (‚flow‘). Die Zeit merkte ich nun nicht mehr, und plötzlich war es früher Abend und ich mußte mich auf den Weg zu den beiden Veranstaltungen machten, die an diesem dienstag Pflicht waren. Zum einen natürlich ‚Der Glaube – Offenbarung oder Rückzug?‘ Martin Walser und Matthias Matussek im Gespräch über Erziehung, Glaube und Gott. Moderation: Christine Eichel, im Sparkassenhaus in Berlin in der Charlottenstraße. Mit von der Partie, allerdings erst beim gemeinsamen Abendessen danach, war auch der Sparkassenpräsident von ganz Deutschland, jener Mann also, der tagsüber nun täglich die Tour durch die Medien machte, um mehr Vertrauen für die Banken anzumahnen. Sein Gesicht war schon bekannter als das von Tom Buhrow (was nicht viel heißt). Die andere Veranstaltung war die Buchpräsentation von Sascha Lobos und Kathrin Passigs Reißer ‚Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin‘, im Radialsystem in der Holzmarktstraße. Hier waren wieder die Holm-Friebe-Leute von der Z.I.A. am Werk, denn bekanntlich sind Lobo und Passig Informelle Mitarbeiter (abgekürzt IM) dieses Netzwerkes.
Beide Veranstaltungen begannen zeitgleich, was mich innerlich fast zerriß. Wem sollte ich mehr Loyalität entgegenbringen, den integren jungen Intellektuellen um Holm Friebe, oder den bürgerlichen Freunden meines Alters um Matussek, Walser und Henryk M. Broder? Der war nämlich auch noch gekommen.
Ich ließ Ariadne entscheiden, und so fuhren wir erst zu Sascha Lobo und dann zu Walser und Matussek. Ich kenne Walser persönlich seit 1997, als er mir einmal entscheidend unter die Arme griff. Er empfahl ein Buch von mir einem Verlag, und das war, nachdem ich zehn Jahre lang keine Zeile mehr veröffentlicht hatte, aufgrund persönlicher Probleme. Für mich also eine wichtige Sache, für Walser nicht. Immer wenn ich ihn sehe, erkennt er mich zwar, weiß aber nicht mehr warum. So war es auch diesmal. Er boxte mir freundschaftlich in den Arm, aber ich ahnte doch, daß es eine Verlegenheitsgeste war, da er meinen Namen nicht mehr gewußt hätte.
Die Leute am Tisch waren nun auch tatsächlich nette Bürger, diese moderne, bürgerliche, fragile, aufgeschlossene Schicht, die es nur im neuen Berlin gibt. Da ich seit meiner Übersiedlung nach Berlin Anfang des Jahrtausends auf unerklärliche, fatale Weise mit der Jugendkultur verbandelt bin, habe ich es allein Matthias M. zu verdanken, wenigstens manchmal an einem bürgerlichen Tisch platznehmen zu können. Ich genoß es also sehr und bedauerte es fast, als wir gegen Mitternacht auf Geheiß Ariadnes in das ‚Prasnik‘ wechselten, um erneut mit Sascha Lobo und Co. zu feiern. Natürlich wollte auch Matthias viel lieber ins Prasnik, denn ihm geht es wie mir, nur umgekehrt: er ist auf unerklärliche und fatale Weise ans bürgerliche Lager gekettet und freut sich immer, einmal mit noch nicht korrumpierten Intellektuellen unter 35 Kontakt zu bekommen. Wir wußten nur nicht, wie die junge Schar Martin Walser aufnehmen würde.
Im Taxi erzählte dann der Taxifahrer, die deutsche Automobilproduktion sei gestoppt worden, ob wir das schon gehört hätten. Opel, Ford, Daimler, VW, alle außer Porsche hätten die Produktion eingestellt, die Meldung kam gerade durchs Radio. Es handelte sich zwar in Wirklichkeit nur um partielle Produktionsstopps und Kurzarbeit, aber das Signal war verheerend. Wer sollte jetzt noch ‚Vertrauen aufbauen‘?
Im ‚Prasnik‘ dann das anfangs schon beschriebene Bild. Wolfgang Herrndorf ging frontal den betagten Walser an, was mich ärgerte. Ich hatte mich daran gewöhnt, daß Herrndorf häßliche Sätze zu netten Leuten sprach, es war seine Art, sein kleiner Wahnsinn, er konnte nicht anders und war trotzdem liebenswert, vor allem: ein brillianter Schriftsteller, besser als ich. Aber als er nun diesem rührenden alten Mann den Abend mit Fragen verdarb wie ‚Mein Gott, wissen Sie, daß Sie noch älter aussehen als im Fernsehen?‘, oder ‚Stinken Sie, äh ich meine, haben Sie starken Mundgeruch, oder kommt das von woanders her?‘, kam in mir Bitterkeit auf. Ich erinnerte mich, daß er sonst MICH immer so traktierte, und daß ich lange Zeit gebraucht hatte, mich dagegen zu immunisieren – übrigens nur mit Hilfe unserer integren Freunde um Holm Friebe, die mir immer und immer wieder das pathologische System Wolfgang Herrndorf erklärten.
Walser ging, aber alle anderen tanzten nun auf dem Vulkan, wie die Cicero Chefin Christine Eichel es tatsächlich auszudrücken beliebte. Dieser entsetzlich blöde Ausdruck hatte zum erstenmal seit 170 Jahren so etwas wie eine Berechtigung. 55 Billionen Dollar Spekulantengeld löste sich gerade in Nichts auf, und wir bestellten einen Martini Bianco nach dem anderen. Am Ende der Nacht hatte ich wohl mindestens drei Glas davon zu mir genommen, das letzte davon randvoll-übervoll, viel mehr als die vorgeschriebenen 4 cl. Bettina Andrae ging der viel zu schönen Ann Marie Schmidt-Olsen an die Brust, was jedenfalls für mich ein echter Höhepunkt war, so tollkühn… Denn Ann Marie Schmidt-Olsen ist nicht nur schön, sie ist VIEL ZU SCHÖN, ihre Äußerlichkeit und Anmut ist eine Beleidigung für jeden anderen lebenden Menschen. Es ist wie eine Ohrfeige, wie der Ruf: ‚Sieh mich an! Und dann sieh dich an!‘ – einfach unverschämt. So klasse darf man nicht aussehen! Und so war die Attacke Bettina Andraes exakt der Ausdruck der unbewußten Impulse aller Anwesenden. Geschlechtsübergreifend. Auch die Frauen hätten die langbeinige Wunderpuppe zu gern einmal angefaßt, sie mit nach Hause genommen, ihre Haare gekämmt und mit ihr Kaufmannsladen gespielt…
Ich will das nicht weiter vertiefen. Der Leser ahnt sicher, wie es noch zuging, in diesem Lokal, und wie es aufhörte, an diesem Tag, der ja ein historischer war… eben wie es immer schon zuging an historischen Tagen, an denen nichts mehr gilt.
Ja, und so endete alles. Und wenn der Kapitalismus nicht gestorben ist, so doch wenigstens dieses Forum.

‚Auf der Borderline nachts um halb eins‘ wird am 5. November nach der Wahl Obamas in veränderter Form fortgesetzt.

*) lottmann

1 Kommentar

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  1. Nachdem einst die Klage an diesem Ort weit vor ihrer Zeit für tot erklärt wurde, erscheint es nun angemessen und längst überfällig, ebendiese Behandlung auch der Borderline angedeihen zu lassen. Man tut dies zur eigenen Überraschung ohne jedes Gefühl des Triumphs, der Rache oder Genugtuung. Vielmehr bedrücken beim Schreiben dieser Zeilen Melancholie und Trauer das Gemüt:

    Las man die hier zur Schau gestellten Texte wirklich einmal mit dieser Mischung aus Neid und Bewunderung? Oder ist selbst dies schon nostalgische Schönfärberei des Vergangenen und eigentlich niemals wahr gewesen?

    Oder sollten selbst die jüngsten, objektiv erbärmlichen Einlassungen nur ein Experiment gewesen sein – sein letztes, kühnstes? Macht hier ein Autor, der alles gesagt, alles geschrieben hat, was ihm bestimmt war zu schreiben, qualvolles Sterben öffentlich wie einst Johannes Paul? Falls ja, dann ist Teil des Plans wohl auch das Misslingen dieses Versuchs in tragischer Unwürde.

    Getroffen
    R.G.