Neustart dank Obama
von lottmannHeute morgen gewann Barack Obama die Präsidentschaftswahl der Vereinigten Staaten von Amerika, und damit ist der Weltuntergang (und das Ende aller Dinge, auch dieses Blogs) obsolet geworden. Es geht wieder weiter!
Das Ereignis erlebten wir im Babylon Kino in Berlin Mitte, und natürlich war der mastermind Holm Friebe mit von der Partie. Auch Christian Y. Schmidt aus Peking war extra gekommen. Er leitet das dortige Büro der Zentralen Intelligenz Agentur. Beide holte ich mit meinem neuen japanischen Mittelklasseauto in Friebes Zweitwohnung in der Tucholskystraße ab. Sie waren schon betrunken, immerhin war Mitternacht vorbei. Erst um eins kamen die ersten Ergebnisse. Vorher hatte der China-Korrespondent Schmidt Gelegenheit, seine neuen in China gewonnenen politischen Ansichten (*) kundzutun, etwa, daß China 1,3 Milliarden Menschen habe, und wir dagegen nur 0,08 Milliarden, somit so gut wie gar keine. Wir seien, im Vergleich zu China, bedeutungslos, ein Nichts, ein GAR NICHTS, ein Fliegendreck unter der Pranke des Drachen. Er deklamierte:
“Ich sage nur: China, China, China!”
Holm Friebe flüsterte mir besorgt zu, Schmidt sei wahrscheinlich betrunken. Ich antwortete trotzdem, aus Respekt vor dem Großen Alten Mann der Z.I.A., der Schmidt nämlich wirklich war, was viele nicht mehr wissen.
“Lieber Ypsilon, der Westen hat mehr Menschen als China, und bei uns leistet jeder ein Vielfaches von dem, was ein Chinese leistet, schon deswegen, weil bei denen nur jeder zehnte arbeitet, bei uns dagegen nur jeder zehnte NICHT arbeitet.”
Das war nicht logisch, klang aber gut, und Schmidt blubberte angestochen los:
“Der Westen, der Westen, Du weißt doch überhaupt nicht, was das ist…”
“Na, Europa und Amerika.”
“China hat 1,3 Milliarden Menschen, Deutschland achtzig Millionen, das ist GARNICHTS, mein Freund, da lachen die doch, nein, das nehmen die gar nicht wahr! Ich schätze Dich als seismographischen Beobachter der Ideenwelt von Berlin Mitte, Lottmann, also echt jetzt, aber von Weltpolitik hast Du einfach Null Ahnung! Da herrscht katastrophale Dummheit vor bei Dir, MEIN FREUND, und ich sage nur: China…”
“… China, China, ich weiß. Aber mit Obama wird doch jetzt alles anders!”
Wieder drehte Holm Friebe, der Dritte im Bunde, seinen ebenfalls betrunkenen Kopf zu mir, hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen, das hatte so etwas Bärenartiges, und sagte gedämpft, damit Ypsilon es nicht hörte:
“Das ist nur, glaube ich, weil Schmidt betrunken ist, weißt Du.”
Womit er wohl recht hatte: denn jetzt outete sich der China-Mann als fanatischer McCain Unterstützer. Der sei nicht so trantütig ahnungslos wie Gutmensch Obama, der von Weltpolitik so wenig begreife wie ich. Obama denke noch, Amerika sei zu retten. Weit gefehlt! Amerika gebe es längst nicht mehr, als Player, die spielten gar nicht mehr mit, das seien arme chancenlose Schlucker, und es sei völlig egal, wer Präsident würde, denn Politik werde nicht von einzelnen Menschen gemacht, sondern von der Masse, und zwar von der, die das Geld habe, und da sage er natürlich nur: China, China… und so weiter.
“Aber unter Clinton war alles bestens”, führte ich nun freundlich aus, “es gab einen Haushaltsüberschuß, der Mann hat keine tausend Billionen für sinnlose völkerrechtswidrige Angriffskriege rausgehauen, angeblich im Auftrag Gottes, und…”
“Ach Quatsch! Alles wäre heute genauso, wie es ist, egal ob mit Bush oder einem demokratischen Präsidenten! Ich bin für die illusionslose Wahl, für John McCain!”
Eine erste Prognose für Pennsylvania kam herein. Ich unterbrach unser ‘Gespräch’:
“Ah, Pennsylvania, das ist wichtig… noch etwas Industrie, weiße Arbeiter, warte mal…”
“Hah! Du hast nun überhaupt keinen Schimmer von Politik, leider.”
“Doch, doch, mein Vater war doch bei der FDP, der hat doch nach dem Krieg…”
“Parteimitglied war er, mein Gott.”
“Landesvorsitzender!”
“Den GOOGLE ich nicht mal!”
“Wahlkämpfe habe ich schon als Fünfjähriger…”
“Ich glaub Dir kein Wort, mein Freund… Hey – hey – hey, McCain rules o-key!!”
Er sprach ‘Mein Freund’ immer so seltsam aus, fast ironisch, so wie John McCain nach jedem zweiten Satz ‘my friend’ aussprach. Nun rief er nochmal ganz laut den Namen des republikanischen Kandidaten und stieß dabei einen künstlichen Juchzer aus, so laut, daß sich Menschen nach ihm umdrehten. Nun, er stand dem Vietnam-Veteranen altersmäßig einfach näher als ich, das mußte man verstehen, trotzdem wurde ich böse:
“Ypsilanti, äh, Ypsilon, reiß Dich zusammen! Hier ‘McCain’ zu rufen, Du spinnst wohl! Das ist ein Verbrecher! Der hat Tausende von Müttern und Kindern mit Napalm verbrannt!”
“Ach, das haben doch alle getan.”
“Nein, das hat NUR ER getan. Und bis heute hat er keine Sekunde darüber nachgedacht.”
Schmidt funkelte mich gefährlich an. Ich solle aufpassen, was ich sage. John McCain habe fünf Jahre im Gefängnis gesessen und dabei gewiß über alles nachgedacht. Ich brüllte:
“Speer hat 20 Jahre im Gefängnis gesessen und keinen Moment über die Millionen Zwangsarbeiter nachgedacht, die er zu Tode schuften ließ!”
Schmidt wandte sich brüsk ab und ging geradewegs von mir weg. Ich rief ihm hinterher:
“McCain ist ein Schwein! Mit Obama wird alles anders!”
Trotzdem, wie um mich sofort Lügen zu strafen, waren die ersten Ergebniss, die um Punkt ein Uhr reinkamen, gegen Obama. McCain führte in drei der vier ersten ausgezählten Bundesstaaten, und zwar deutlich. Entsetzen im Babylon Kino, das mehrheitlich von Amerikanern gefüllt war, von Anhängern der Demokraten. Ich stellte mir kurz vor, wie ich mich fühlen würde, wenn in Deutschland ein Typ wie Mario Barth zum Kanzler gewählt würde, und Inka Bause als Vize, also zwei so populistische Dumpfbacken aus der Unterschicht, medienerfahren, frech, dummdreist, auf ihre Weise charmant, natürlich auch bauernschlau. Und obwohl sie das Land innerhalb von acht Jahren zu ihrem persönlichen Vorteil völlig an die Wand gefahren haben, werden sie ein drittesmal gewählt, einfach, weil das Unterschichtsfernsehen die breite Masse völlig vertiert und verblödet hat und sie sich in den beiden Herzchen wiedererkennt. Welch ein ALPTRAUM. Genau das schien in diesen Minuten zu geschehen.
Ich hörte Christian Y. Schmidt in der Ferne weiter für McCain blöken, und für China, und jeder hörte ihn, weil das Entsetzen über die Ergebnisse alle stumm gemacht hatte. Später wendete sich Blatt für Obama, und dann sah ich auch Schmidt nicht mehr. Friebe sagte mir später, die Leute hätten ihn nach draußen getragen, an die frische Luft.

(Wahlparty der ‘democrats abroad’. Vergrößerung durch Klicken auf das Foto)

(Christian Y. Schmidt mit Steffi Grimm, unten: Holm Friebe mit Strohhalm im Caipirinha)

(*) Christian Y. Schmidt: Allein unter 1,3 Milliarden / Eine chinesische Reise. Rowohlt Berlin. 18,90 Euro. (Die Kritik verortet das Buch zwischen Schmidts Maoismus-Untersuchungen, die er bereits zu Dengs Lebzeiten veröffentlichte, und seiner linkskritischen Joschka Fischer Biographie ‘Außenminister Fischer – der lange Marsch vom Maoisten zum Kriegstreiber’ , die vor einigen Jahren zum Bestseller wurde.)





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Endlich! Ich hatte mir schon große Sorgen gemacht. Das war doch auch keine Lösung!
Dieser Ypsilanti-Schmidt scheint ja ein ziemlich unsympathischer Zeitgenosse zu sein. Muß man ihn kennen? Ist er wichtig? (Bitte nicht antworten.)
Das ist bestimmt ein alter MGler.
Aber so wie`s hier rüberkommt, könnte man fast sagen, der ist so weit links, dass er schon wieder rechts ist. (Sollte es sowas wie links und rechts noch geben)