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Beiträge von Mai 2009

25.05.2009

…und Schluß.

von lottmann

Es war wirklich ein heißer Tag gewesen, und der gepflegte Herrenspaziergang, der uns auf dem Rückweg vom Spielplatz am Arnswalder Platz in einem weiten Bogen über Friedrichshain wieder zurück nach Hause in die Kastanienallee bringen sollte, strengte uns zusehens an. Vor allem Dr. Reiber spürte nun sein Alter. Erst vor wenigen Wochen hatte er in dem Lokal ´Weltempfänger´ seinen 35. Gegurtstag gefeiert.
„Ich gehe nun auf die 40 zu, und weiß der Himmel, ich merke es!“
„Ach, du bist doch erst gefühlte 32, wenn das Wetter mitspielt und die Knochen nicht vom Rheuma geärgert werden.“
„Ja, wenn´s warm ist wie heute, kann einem wenigstens die Gicht keinen Streich spielen.“
Mit einem Ächzen humpelte er weiter. Dabei hatte er sogar eine Freundin. Die durfte solche Ausfallerscheinungen natürlich gar nicht sehen. Vor ihr spielte er immer noch ´den jungen Mann´, was ich aber gut verstand, denn ich tat es bei schönen Vertreterinnen der Facebookgeneration ebenso; das heißt, ich gab mich fit wie ein potentieller Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten. Jackett aus, Oberhemd weit aufgeknöpft, rauhe Stimme, geballte Faust. Da steckte noch Kraft drin, im aktuellen Lottmann. Ich erzählte es meinem Männerfreund, also daß Opel gerettet werden müsse, und dass ich das der jungen Generation auch sagen würde, gerade auch den attraktiven jungen Frauen, die ja Familie und Opel unter einen Hut zu bringen hätten.
„Auch Bini?“ fragte Cornelius etwas zu scharf zurück.
„Was willst du damit sagen?“
„Du weißt doch genau, was ich damit meine. Es war säuisch, wie du dich der jungen Frau gegenüber verhalten hast. Ich bin dein Freund, sonst würde ich nicht mehr mit dir hier spazierengehen. Aber schwer fällt es mir schon.“
„Aber ich habe doch schriftlich alles erklärt. In diesem ´taz´-Block. Hast du das gar nicht gelsen?“
„JEDER hat das gelesen. Es war so eine ´Rette-mich-Aktion´. Total peinlich. Hat alles nur noch schlimmer gemacht.“
„Versteh´ ich nicht.“
Er versuchte, mich noch einmal und umfassend ins Bild zu setzen. Neue Argumente konnte ich dabei nicht erkennen. Aber ich begriff wohl, daß die Menschheitsgeschichte in zwei Teile zerfiel: in die Zeit bis zur Googlefähigkeit von Personen, und in die Zeit seitdem. Wir lebten im zweiten Teil der Menschheitsgeschichte. Man konnte uns googeln. Gerade wir Deutsche mit unserer merkwürdigen Fixierung auf das Stasiphänomen waren nun im gefühlten totalen Überwachungsstaat angekommen, in George Orwells ´1984´, wo ein Mensch, dessen Name einmal im Netz auftauchte, verloren war. Ich schüttelte den Kopf, mußte es aber akzeptieren. Ich wollte nicht meinen letzten Freund verlieren. Ich entschuldigte mich vorsichtshalber noch einmal, denn wir lebten nicht nur in der gefühlten Stasi-, sondern auch der realen Entschuldigungsgesellschaft. Ich sagte also:
„Cornelius, es tut mir leid, was da mit der Bini passiert ist, und wenn ich dabei die Gefühle von Angehörigen und Freunden verletzt haben sollte, so entschuldige ich mich dafür.“
Aber Reiber war nicht so schnell zu besänftigen. Dazu ging es dabei einfach um zuviel:
„Entschuldigen! Du machst mir Spaß! Und das arme Mädchen wird derweil zur Projektionsfläche von… sexuell perversen Phantasien von… aufgegeilten, äh, notgeilen Männern, Wichsern, Internet-Usern aus… allen Schwellenländern dieser Erde! Von Millionen, von MILLIARDEN! Schon mal darüber nachgedacht, wieviele Männer inzwischen Zugang zum Internet haben?!“
„Aber Cornelius, warum sollten sie denn gerade das völlig harmlose Bild von der guten Bini angucken?“
„Es geht um die MÖGLICHKEIT, du Schlafmütze, um die potentielle Potentialität, wie es bei Lacan heißt, die diese notgeilen Typen haben.“
“‘Notgeil’, was ist das eigentlich? Was ist bloß der Unterschied zu ‘geil’?”
“Das ist, wenn diese Leute dieses schöne Gesicht, von der Bini, diese kleine Nase, diese… süßen Grübchen…”
Er schnaufte und kam nicht weiter. Schweiß trat ihm auf die Stirn. Ich half ihm.
“Ach, Cornelius! Natürlich hat sie was Nettes, die junge Bini. Aber das Foto war doch alles andere als aufreizend oder, wie sagst du?, aufgeilend. Sondern im kalten Februar auf dem Hackeschen Markt aufgenommen, von mir selbst, mit meinem wackeligen Fotohandy. Bini war bis zur Nase mit Mantel und Schal bedeckt, fast wie eine Araberfrau!”
“Das kümmert die wenig, die Araber.”
“Nein, Cornelius, nein. Außerdem war das Foto nur wenige Stunden im Netz. Noch am selben Tag hat der ‘taz’-Blockwart den ganzen Beitrag samt Fotos gelöscht, nach den Protesten überall. Daher – aus die Maus!”
“Bist du eigentlich WAHNSINNIG? Das Internet vergißt nie! Hörst du – NIE!! Das Internet vergißt nicht, niemals, nicht bis zum Jüngsten Tag, das ist doch gerade der Unterschied zu Archiven wie der Birthler-Behörde oder anderen Geheimdiensten! Sag, mal, in welcher Welt lebst du eigentlich?!”
Er hatte mich an den Schultern gepackt und schüttelte mich, wobei er nochmal, mit aufgerissenen Augen, rief, das Internet vergesse nie.
“Ja, davon habe ich auch schon gehört. Warum eigentlich?”
“Weil – irgendwer hat es sich runtergeladen und wird sich wahrscheinlich gerade jetzt, während wir hier dumm rumlabern, einen darauf runterholen! Vielleicht sogar ihr Chef, bei dem sie sich womöglich um eine Stelle beworben hat!”
“W- wie soll denn gerade ihr… ihr Chef… also, wie das denn nun wieder? Wie soll denn das technisch gehen, wenn das Foto gelöscht wurde?”
Reiber sah mich an, als hielte er mich nun WIRKLICH für geistig behindert. Er quetschte hervor:
“Wenn’s einer runtergeladen hat, kann er’s auch wieder ins Netz stellen!”
Ich gab ihm recht. Es war technisch möglich (*). Und ich lebte noch in der Welt vor der Googlefähigkeit der Menschen. Ich sprach ruhig auf ihn ein. Obwohl er, mein Freund Cornelius Reiber, auf der richtigen Seite stehe, möge er mit mir gnädig umgehen, denn:
„Wie auch immer: Daß unsere heutigen Mitmenschen in einem Bewußtsein leben, das so ist, wie du es gerade beschreibst, ein Bewußtsein der realen Verfolgung, finde ich nun doch auch abscheulich. Wie muß es in den Köpfen der jungen Leute bloß finster aussehen!“
„Auch der alten Leute, du Neandertaler.“
„Maxim Biller denkt bestimmt nicht so.“
Dr. Reiber sah mich kurz und haßerfüllt an, verkniff sich aber jede (möglicherweise weltanschauliche) Erklärung dafür, daß ausgerechnet Maxim Biller hier ein abweichendes Verhalten zeigte. Mit einer schroffen Handbewegung machte er klar, daß das Thema ´Bini´ für ihn nun erledigt sei. Kein Wort mehr über die 24jährige, die es schwer genug hatte!
Es war gar nicht leicht, wieder auf normale, freundliche Gesprächstemperatur zu kommen. Ich versuchte es mit Fußball; damit kommt man bei jedem Deutschen gut an:
„Wird denn Barca gewinnen am Mittwoch, oder Manchester United?“
„Oh, ich bin ein großer Freund von Lionel Messi…“
Nun ging es wieder. Messis Werdegang, den mir mein letzter Freund nun darlegte, war wirklich interessant. Der große Fußballstar war abnorm kleinwüchsig gewesen als Kind, und bereits auf eine Sonderschule abgeschoben worden. Erst nach der Pubertät bekam er noch einen völlig unerwarteten Wachstumsschub, und nun war er fast schon so groß wie Diego.
Wir unterhielten uns noch lange über Messi, Diego und vor allem Christiano Ronaldo, bis wir uns mit dem Versprechen verabschiedeten, beim Spiel am Mittwoch aneinander zu denken.

(und Schluß)

P.S.:
Ja, ich habe das nachgeprüft. Ein Artikel von mir, der in der WamS online erschien und dann durch eine Intervention Volker Hages gelöscht wurde, kann durch einen einzigen User, der ihn zufällig downgeloaded hat, wieder zum Internetleben erweckt werden (und dann ewig weiterleben). Du kannst es selbst ausprobieren:
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24.05.2009

…und weiter…

von lottmann

Wir sind dann, nach den ersten 20 Männern und ebenso vielen Frauen, aufgestanden und die Kastanienallee hochgegangen, bis zur Eberswalder Straße Ecke Schönhauser Allee. Das Wetter war herrlich. Wir bogen in die Danziger Straße ein und gingen diese bis zur Prenzlauer Allee hinunter. Dort nahmen wir uns die Jablonskistraße vor, soziologisch versteht sich. Wir erreichten die Greifswalder Allee, gingen aber direkt weiter über die Holm-Friebe-Straße bis zum Arnswalder Platz. Dort betraten wir den in der Mitte des Platzes angebrachten Kinderspielplatz, wo wir auf die Familien Lindemann, Friebe und Krone trafen, samt Kindern natürlich. Neue deutsche Familien? Natürlich nicht, mochte man sofort rufen. Die Väter sahen ja klasse aus, trugen weder Strampelhosen noch infantilisierende Base Caps mit überlangen Schirmen oder ähnliche Häßlichkeiten. Holm Friebe zum Beispiel trug richtige schwarze Herrenschuhe, selbst im Sand des Spielplatzes, und keine wulstigen, sinnlos bepolsterten Riesenturnschuhe, die ihn tapsig und kindisch hätten wirken lassen wie die Kleinen selbst. Und Thomas Lindemann trug nur teuerste Ware von JULIAANDBEN, keine selbst verunstaltete, abgeschnittene Army-Hose. Statt Bizeps mit Tattoos zeigte er lieber nur sein hochgeschlossenes weißes Herrenoberhemd von Brooks Bros., zugeknöpft bis zum obersten Knopf.
Es geht also auch anders!
Trotzdem sind wir mit Berlin fertig. Dieser Sommer ist der letzte. Aber das hielt uns nicht davon ab, diesen unseren vielleicht letzten Herrenspaziergang in der Hauptstadt zu vollenden…
(Morgen mehr!)

23.05.2009

Die häßlichen Männer von Mitte

von lottmann

Es ist natürlich sehr dekadent und niveaulos, über die Unattraktivität bestimmter sozialer Schichten zu reden, was Dr. Reiber, also mein Freund Cornelius, genau wußte. Er hat es dennoch getan, wozu Courage gehörte und wofür ich ihm dankbar bin. Als erstes fiel uns ein junger Mann mit Fahrradhelm auf, das war noch harmlos. Wir saßen einfach im Nola’s und warteten ab, was vorbeilaufen würde. Schon bald kam ein 25jähriger mit Bizeps, Ohrringen und Strampelhosen. Dann eine Gruppe seltsamer Vögel aus England: alle hatten kleine Hütchen auf. Ihre Gesichter waren weißgeschminkt, wie bei Clowns, und so wollten sie wohl auch aussehen. Ihre Kleidungsstücke waren mal viel zu klein, mal zu groß, sodaß manche wie Vogelscheuchen, andere wie zu schnell hochgewachsene Kinder wirkten.
“Ganz schön scheußlich, der Style, nicht wahr?”
“Du sagst es, Reiber!”
“Wie impertinent die Visagen von denen da sind, den Germanen da hinten, guck, mit den roten Haaren und den entblößten Beinen!”
Ja, das sah schon abstoßend aus. Vor allem gingen die ‘Germanen’ wie auf Stelzen. Die Frauen, die ja auch vorbeikamen, gefielen uns dagegen gut. Aber das ist ja keine Neuigkeit (wohl aber eine Bestätigung unserer Ausgangsthese). Ich fragte Cornelius, wie die neue ZIA-Dependance in New York laufe, und er sagte, gut, wirklich sehr zufriedenstellend und angenehm. Am nächsten Tag wollte er rüberfliegen und die Crew verstärken.
“Vatergefühle sind übrigens etwas durchaus Schönes”, sagte ich und sprach von mir selbst, “aber natürlich machen sie ziemlich stumpf gegenüber dem, wie soll ich sagen, ‘Fluidum des Amourösen’. Man sieht diesen neuen deutschen Vätern, diesen Häßlichkeitsbolzen in der schlechten Kleidung, an, daß sie nur an ihre Kinder denken.”
“Aber warum nur sehen die Frauen allesamt so gut aus? Es sind doch richtig viele Göttinnen dabei, obwohl die doch genauso die Kinder haben.”
“Sogar mehr als die Väter, Reiberchen.”
“Oh nein. Die neuen deutschen Väter haben die Mutterstelle, die du meinst, längst besetzt.”
Wir guckten weiter auf diese Phalanx der Ekelbolzen. Viel Haut zeigten sie, die Deutschmänner, fahle, bleiche, grobporige Haut, mal behaart, mal mit unsexy Flaum verunziert. Allesamt trugen diese Kerls ungewaschene T-Shirts und stinkende alte Armmeehosen, die sie eigenhändig in Kniehöhe abgeschnitten hatten. Mit einer Schere? Nein, sowas hatten die gar nicht. Mit ihrer Laubsäge, die sie wie alle ihre alten Spielsachen aufbewahrten.
“Hat eigentlich die neue Bettlerplage in Mitte etwas mit den neuen häßlichen Männern zu tun?” Wollte ich plötzlich wissen. Das wäre fatal gewesen. Gegen Bettler durfte man selbstverständlich nicht spotten, das wäre klassischer Zynismus gewesen.
“Nee, das sind verschiedene Dinge. Zwischen den neuen Vätern und den neuen Bettlern gibt es gar keine Berührungspunkte.”
“Die neuen Väter übernehmen ‘Verantwortung’ und kennen sich mit Computern aus. Was machen die neuen Bettler?”
“Weiß nicht. Geld verdienen? Kenn’ keine.”
“Gemeinsam ist ihnen immerhin, daß sie nur in Mitte vorkommen.”
“Wissen wir doch gar nicht.”
“Doch, ich war gerade in der Schweiz. Da gibt es das nicht. Es gibt nur normale mittelalte Väter, und gar keine Bettler.”
“Scheiß Mitte. Ich bin nicht mehr lange da.”
Wir sprachen über ‘Verantwortung übernehmen’, womit Kinderzeugen gemeint war, und über ‘mit Computer auskennen’, womit überhaupt nichts gemeint sein konnte. Genauso gut könnte man damit angeben, sich morgens gut die Zähne putzen zu können.
“Wenn sie bloß nicht diesen stierigen Blick hätten!”
“Es gibt aber auch andere. Zum Beispiel den Typ ‘falschverstandener Biller’. Das sind Leute, die denken, sie könnten, durch bestimmte Äußerlichkeiten so wirken wie Maxim Biller. Das Ergebnis ist aber immer das Gegenteil.”
“Genau! Glatze allein und Biller-Style-Brille reichen natürlich nicht.”
“Überhaupt nicht!”
“Das kannst Du laut sagen, Cornelius Reiber.”
“Ein bißchen was in der Birne sollte schon sein.”
“Wenigstens ein Gedicht von Paul Celan.”
“Mindestens.”

(Morgen mehr!)

22.05.2009

Gepflegter Herrenspaziergang

von lottmann

An Himmelfahrt, dem traditionellen Vatertag, haben Cornelius Reiber und ich wieder einmal einen gepflegten Herrenspaziergang unternommen (s. Foto). Wir tun das immer an diesem Tag, und darüber hinaus auch noch an Weihnachten (Zweiter Weihnachtsfeiertag), an meinem Namenstag (6. Oktober) und manchmal, bei schönem Wetter, sogar an Karfreitag. Cornelius ist ja sehr gläubig (er glaubt, wie ich, an die segensreiche Allmacht der Vernunft), und so versäumen wir nie unsere gemeinsamen verabredeten Spaziergangstage, die wir innig und voller Respect füreinander begehen. So auch gestern.
Wir trafen uns an der Ecke Kastanienallee und Schönhauser Allee, wo Dr. Reiber bereits auf mich wartete, neben ein paar häßlichen Burschen stehend. Ich fragte ihn, ob ihm auch schon das Mißverhältnis zwischen häßlichen Männern in Mitte sowie den schönen Frauen aufgefallen sei, das jedes Jahr ärger werde und in diesem Frühling einen neuen entsetzlichen Rekordstand erreicht habe. Oh ja, meinte Reiber, das sei wahr. Wir sahen uns um und entdeckten sofort häßliche Mitte-Männer. (Morgen mehr!…)

16.05.2009

Kleiner Exkurs über die Idee der MEINUNG in der Internetgeneration

von lottmann

Kürzlich bekam ich Ärger mit der taz Chefredaktion, weil sich eine Bürgerin, die ich in meinem harmlosen Blog einmal kurz erwähnt hatte, über mich beschwert hatte. Was war geschehen? Warum wählte sie diesen unrühmlichen Weg der Denunziation bei meinen Vorgesetzten, auch schlicht ´Petzen´ genannt, anstatt ihre Meinung direkt im gleichen Blog kund zu tun? War mein Bericht über sie vielleicht gar nicht harmlos, meine Meinung ehrabchneidend und falsch? Was hatte ich behauptet? Was war meine inhaltliche Position dabei, welche Politik vertrat ich, und welche Weltanschauung stellte die Bürgerin jetzt dagegen?
Der ganze Fall ist höchst interessant, und zwar, weil er geeignet ist, zwei völlig unterschiedliche Geisteshaltungen zu skizzieren: die der Leute über 35, und die der Generation, die ausschließlich durch das Internet sozialisiert wurde. Die Frau, über die ich berichtet hatte, war ein 24 Jahre altes hübsches Mädchen, gebildet, schlank, höflich, freundlich, ja sogar überdurchschnittlich freundlich. Von ihr konnte man nicht erwarten, daß sie etwas Falsches oder Ungerechtes tat.
Was hatte ich geschrieben? Nun, wirklich nur das: daß sie überaus gebildet und klug sei, manchmal ein bißchen zusätzliches Geld damit verdiene, weniger hellen Köpfen die Diplomarbeit zu schreiben, und daß sie bereits diverse Förder- und Hochbegabten-Stipendien gewonnen habe. Daß sie eine echte Schönheit war, mußte ich nicht mehr mitteilen, da ich ein Foto von ihr in den Text einfügte, das sehr gelungen war: hübsch, strahlend, geschmackvoll gekleidet, trotzdem züchtig und alles andere als frivol. Ein Girl, daß jeder Mittelstandsmann zwischen San Francisco und Helsinki sofort und ungeprüft heiraten würde (was ich NICHT schrieb). Der Vorwurf war nun, daß ich ihren Namen veröffentlicht hatte und das Foto gleich dazu.
Wie bitte? Die bloße Nennung des guten Namens eines Mitbürgers war bereits etwas Schlechtes? Nicht etwa, WAS man über ihn schrieb, sondern lediglich DASS man etwas über ihn schrieb, war bereits a priori böse? Exakt das. Nicht die Meinung stand zur Diskussion, sondern das Hinaustreten in den öffentlichen Raum. Ich mußte mich durch meinen Neffen aufklären lassen, der im selben Alter ist wie die vermeintlich Geschädigte:
„Jolo, du hast ja nicht nur ihren NAMEN in die Öffentlichkeit getragen, sondern auch noch ihr FOTO!! Jetzt kann jeder Perverse in der ganzen Welt sie googeln und ALLES über sie erfahren! Milliarden Wichser, schmierige Typen, fundamentalistische Frauenhasser können ihr jetzt nachstellen und ihr auf ihren facebook- und MySpace- und Studi-ZV-und so weiter Seiten sexistische Mails schreiben!! Du hast die Frau praktisch ruiniert!“
Schluck. Das arme Mädchen. Konnte das eben Gehörte wirklich stimmen? War es nicht eher eine völlig durchgeknallte paranoide Weltsicht eines Verschwörungstheoretikers mit Verfolgungswahn im ameisengroßen Gehirn? Nein, nein, so klang es zwar, aber mein Neffe war ein kluges Kind. Fast so klug wie die Frau, deren Biographie ich wohl gerade zerstört hatte. Ich rief sie an und entschuldigte mich. Ich sagte ihr, in meiner Generation sei alles noch ganz anders gewesen. Freie Bürger hätten keine Angst gehabt, ihre Meinung auch öffentlich zu sagen und nicht nur verdruckst und aufschneiderisch-pseudomutig in der eigenen Küche. Das Wegducken und den-Mund-halten sei das untrügliche Zeichen einer jeden Diktatur. Darüber müßten wir einmal länger sprechen, ja diskutieren, wenn sie wolle.
Sie willigte ein. Ja, darüber könne man einmal ein längeres Gespräch führen.
Ich war froh. War ich nicht gut gewesen? Vorbildlich? Hatte ich etwa das junge Ding angeschnauzt, wie es eigentlich dazu käme, mich bei der Chefredaktion anzuschwärzen und mir meinen Job zu gefährden? Nein, ich war ruhig geblieben, hatte mich sogar dafür entschuldigt, etwas Nettes über sie geschrieben zu haben! Nun war alles wieder gut, dachte ich.
War es aber nicht. In ihrem Bekanntenkreis machte es bald die Runde, was ich gegen sie verbrochen hatte. Bald wußte es ganz Mitte. Immer wieder wurde ich darauf angesprochen, auch von den besten Freunden:
„Sag mal, Joachim, wie konntest du nur so etwas tun? Das Mädchen ist erst 24! Die hätte ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt!“
Ich dementierte, rückte gerade, argumentierte, steigerte mich in ein demokratiefreundliches Pathos hinein. Schon meine Eltern seien furchtlose Journalisten gewesen (was sogar stimmte), und jeder sollte mutig zu seinem Namen stehen, zu seinem Gesicht stehen, ja sogar zu seiner MEINUNG stehen! Denn alles drei gehöre zusammen in einem freiheitlichen Gemeinwesen!
„Ja, schon. Vielleicht. Also wenn man es in den eigenen vier Wänden macht, okay. Vielleicht okay. Ich weiß es nicht. Das muß jeder selbst entscheiden. Aber doch nicht IM INTERNET!“
Die Leute hatten am Ende immer das letzte Wort. Egal, welche Register ich zog. Einmal entblödete ich mich sogar, Kurt Tucholsky ins Feld zu führen. Das sei früher einmal ein Schriftsteller gewesen, in Deutschland, noch vor Hitler, und der habe unerschrocken, ja lauthals gefordert, ein Kerl müsse eine Meinung haben. Die Leute reagierten fast verärgert:
„Wie peinlich ist DAS denn?“
„Äh, wie bitte? Wer hat das gesagt?“
„Kurt, who?… Kurt… Kempiski? Das Hotel?“
„Eine Meinung? Warum jetzt das?“
„KERL? Die Frau ist doch ein Mädchen!”
„Versteh´ ich jetzt nicht? Was soll das mit der ‘Meinung’? Es geht darum, daß du die arme Bini ans Messer geliefert hast, und um keine verfickte ‘Meinung’!”
“Genau! Hier geht es um das Recht auf das eigene Bild! What the fuck soll das mit einer ‘Meinung’ zu tun haben?”
Eben. Das meinte ich ja. Kein Kerl, keine Meinung, kein nichts – und trotzdem Ärger! Ich sprach noch einmal bei der jungen Frau vor, die inzwischen alle Passswörter, Identitäten, Avatare und bürgerliche Namen geändert hatte. Tränenaufgelöst sagte sie, daß ie nicht mehr mit mir ´das längere Gespräch´ führen wolle. Sie wolle nie wieder etwas mit mir zu tun haben. Sie lehnte jede weitere Entschuldigung und jede Wiedergutmachung, auch eine materielle, ab. Tag und Nacht wurde sie von röchelnden, schwitzenden, masturbierenden Internetfreaks aus allen fünf Kontinenten belästigt, auf allen Kanälen, auf AOL, Skype, Nokia, Xing, Firefox, Daihatsu, Telekom, Stayfriends und natürlich immer wieder dem unverwüstlichen Facebook. Etwa 120 Millionen User moderner friedship-networks waren hinter ihr her, am schlimmsten und hartnäckigsten die aus Pakistan.
Ich war erschüttert, und ich sagte das auch jedem. Umsonst. Ich wurde nun überall ausgeladen, jedenfalls hier in Berlin, wo ich inzwischen fast so bekannt bin wie das genannte Mädchen im Internet. Allmählich begreife ich die Zusammenhänge. Ich ahne, was ich angerichtet habe. Es geht nicht mehr um Meinung in der heutigen Welt. Die unter 35jährigen wissen gar nicht, was das ist, und die über 35jährigen haben es auch vergessen. Nur eines ist mir noch nicht klar:
Warum belästigt MICH keiner, nicht einmal einer aus Pakistan?

15.05.2009

Kleiner Exkurs über die Solidarität

von lottmann

Der Gedanke der Solidarität war mir immer sehr wichtig in der sogenannten Zweierbeziehung, ohne daß ich ihn je verwirklichen konnte. Ich habe es natürlich nicht so genannt. Gern dozierte ich früher über Lessings Verständnis von dem Wort ‘Mitleid’. Zuletzt war der Begriff ‘Empathie’ recht beliebt, wurde von mir aber nur widerwillig verwendet, also eigentlich nur, weil ich mit dem viel schöneren Terminus MITLEID am Ende überhaupt nicht mehr landen konnte.
Ein schöner Beginn für eine längere Abhandlung, nicht wahr? Nach einer kleinen Pause für die innere Sammlung lege ich los, heute noch. Freu’ Dich drauf!
Also… die großen Idenn… welche Rolle spielen sie in der Liebe? Natürlich die Hauptrolle. Die Idee der Solidarität ist dabei, fand ich immer, die schönste. Einmal hatte ich eine Freundin, der es, als ich sie kennenlernte, schlecht ging. Ich dachte sofort: der geht es wie mir, wir sollten uns zusammentun. Im Folgenden hörte ich mir monatelang ihre Probleme an, und das war von Anfang an meine Rolle, oder, um das Wort nicht zu doppeln, meine Position (vulgo: meine Sprecherhaltung). Mir fiel gar nicht auf, daß das Mädchen umgekehrt auf meine eigenen vorgetragenen Probleme niemals reagierte. Schließlich kam ich auf die Idee, ihr diese einfach schriftlich mitzuteilen. Die Frau machte umgehend mit mir Schluß. Meine Probleme und dunklen Schattenseiten hätten sie nicht nur erschreckt und verstört, sondern SEHR erschreckt und verstört. Hätte sie davon vorher gewußt, hätte sie sich niemals mit einem wie mir eingelassen. Sie wolle keinen Problemfall an ihrer Seite, sondern einen weißen Ritter, der ihr, wie Richard Gere in dem Film ´Pretty woman´, im offenen Rolls-Royce Blumen bringe. Sie habe in ihrem ganzen Leben blöde Männer gehabt und nun endlich ´Mr. Right´ verdient, der gut ausehe, mächtig Kohle verdiene und sie, die bisher hochdepressive Freundin, auf Händen durchs Leben trage.
Donnerwetter, dachte ich, das waren gewiß andere Ideen über die Liebe, sozusagen charakterlose. Aber warum hatte sich diese Frau, wenn DAS ihre Ideen waren, ausgerechnet in mich verliebt, zu Beginn? Wahrscheinlich war ich eine falschverstandene abstrakte Form dieser kitschigen, konsumistischen und inhumanen Haltung. Ich symbolisierte für die äußerlich durchaus attraktive, wie soll ich sagen, nervöse Frau erstmal nur STÄRKE, und zwar einzig deshalb, weil ich diese Sprecherhaltung des Zuhörenden eingenommen hatte, also des Therapeuten (wie sie dachte, nach vielen Therapien, was dann ja auch nahelag). Und wer stark war, sehr stark, fuhr auch ein tolles Auto, brachte Blumen und war Chefarzt, im Prinzip.
Womit wir bei der Idee der Stärke wären. Für mich war ein konventioneller Blumenschenker und Opfer der Porsche-Werbung nicht stark, sondern schwach. Ein armseliges Würstchen, im Vergleich zu einem guten und talentierten Schriftsteller etwa. Niemals hätte ich einen über hirnlose Restaurants und teure Hotels so weltläufig wie langweilig schwadronierenden Professor Brinkmann für stark gehalten und den kleinen, schielenden Jean-Paul Sartre für schwach. Stärke war für mich einzig geistig definiert. Und hatte aber, um zum Thema zurückzukommen, mit Liebe sowieso nichts zu tun. Schwäche schon.
Leider stehe ich damit aber alleine da in der Welt. Wer die Schwäche eines anderen liebt, macht sich nicht erst in unseren Zeiten, sondern auch seit 100 Jahren schon, des Mitleids strafbar. Jemanden aus Mitleid lieben, so geht die durchgesetzte Meinung aller, ginge gar nicht, das sei a priori ein völliges Unding. Es gebe wohl manchmal Männer, und die nannte man dann auch nicht zufällig ´arme Schweine´, die wollten von fremden Frauen Mitleid einfordern, nachdem sie von ihrer eigenen Frau verlassen wurden. Aber in Wirklichkeit gehe es ihnen nur darum, den Preis für den verabredeten ordnungsgemäßen Sexualakt (200 Euro) zu drücken. Gottfried Ephraim Lessing hatte vor einem Vierteljahrtausend noch anders argumentieren dürfen, und deshalb war er auch schon während meiner Studienzeit unter Diedrich Diederichsen in Hamburg mein Lieblingsdenker. Lessing sagte, das geläuterte Mitleiden gegenüber der mit einem verbundenen Freundin sei die edelste menschliche Eigenschaft und die am vordringlichsten zu entwickelnde und anzustrebende Tugend. Nun war Lessing aber auch Hamburger. Er lehrte am Johanneum in der Maria-Louisen-Straße 132. Womöglich hatte seine Einstellung auch damit zu tun, also mit der Region. In der alten Hansestadt findet man womöglich selbst heute noch ein mitfühlendes Herz, das Lesssings Tugenden nachlebt, während im schnoddrigen Berlin schon 1759 nur der arrogante Militär im offenen Vierspänner Schlag bei den Frauen hatte.
„Wat, Solidaritäät?!“, fragte der nur mit schnarrender Stimme. Und gab seiner Frau die Peitsche, bei passender Gelegenheit. Aber das ist natürlich auch lange vorbei. Heute geht man viel mehr davon aus, daß Liebe weder mit der Härte der Macht, noch mit Solidarität zu tun hat, noch mit irgend einer weiteren Idee, sondern einzig mit der Liebe selbst, also mit Irrationalität. Bestenfalls die Behaviouristen halten noch manchmal dagegen: man oder frau liebe den, der sich am günstigsten verhalte. Der den größten materiellen Vorteil ermögliche. Ein guter Ansatz, der sich aber außerhalb der Therapiezimmer kaum noch finden läßt. Auch die anfangs erwähnte Freundin wirkte ja mit ihrem Anspruch auf Richard Gere eher komisch (sie kam an dem Tag auch direkt aus dem Therapiezimmer). Nein, durchgesetzt hat sich die Vorstellung, daß sich die Liebe unter den Bürgern und Bürgerinnen unseres Landes komplett irrational entfalte. Das Wichtigste im Leben wäre demnach reines Voodoo. Tja, wenigstens hätte es der globale werbetreibende Kapitalismus gern so…
Ich aber sage: dann lieber Solidarität!

Morgen:
Ein kleiner Exkurs über die Idee der Meinung in der internetgeprägten Generation. Hatte ich heute den ganzen Tag im Kopf, eigentlich, und nicht das eben Geschriebene. Aber ich stand ja bei Euch im Wort, es zuende zu bringen…

11.05.2009

Der Papst besiegt das Fernsehen

von lottmann

Heute hat ja keiner mehr einen Fernsehapparat in der Wohnung stehen. Wer nicht völlig blöd ist, sieht seine Nachrichten oder Filme oder Serien auf dem Apple Laptop. Es mag noch Rentner-Opas geben, die ihre klobige GRUNDIG-Kiste für die widerliche Oliver Geissen Show brauchen, als tägliche Ohrfeige gegen die Menschenwürde. Oder gleich für den Dauerkonsum von ‚Neun live’ wo alle Frauen käuflich sind. Aber der Bürger unter 35 schaltet allenfalls noch ein, wenn, sagen wir, ein Attentat auf die Merkel stattgefunden hat und ein ARD-‚Brennpunkt’ lockt. Oder ein Besuch des Heiligen Vaters im Gelobten Land. So geschehen gestern.
Man zappt durch alle 33 Kanäle, studiert alle Fernsehzeitschriften und –programme. Wo sind die herrlichen Bilder, die man zu recht erwarten konnte? In zahllosen Sondersendungen hätte man doch eigentlich Papst Benedikt XVI Tag und Nacht sehen müssen, wie einst seinen Vorgänger, als dieser das geteilte Deutschland besuchte. Jedoch – es gibt diesmal nichts zu sehen. Es bleibt bei ‚Frauentausch’, ‚Carmen Nebel’, ‚Bauer sucht Frau’, namenlosen Billig-Soaps und endloser Werbung. Auch im ‚heute’-Journal kein Filmbericht über den Papst. In den ‚Tagesthemen’ auch nicht. Nirgends. Nicht einmal mehr im Bayerischen Rundfunk.
Wirklich nirgends? Im Internet schon. Ein einziger Klick bei Google, und eine Zehntelseku nde später ist er da, der Pontifex. Die weiße Soutane flattert, sturmzerzaust er steht allein auf dem Berg, von dem aus der sterbende Moses einst das Gelobte Land erblickte. Der Papst breitet die Arme aus, die Kamera fährt um ihn herum, man sieht die Gewitterfront vor ihm, die Berge und das weite, fruchtbare Tal. Nur Gott und diese aufgewühlten, regenverhangenen Himmelsmassen stemmen sich dem Papst entgegen, diesen ausgestreckten, bannenden Armen mit den nach außen gespreizten Fingern. Phantastisch.
Dann bewegte Bilder mit ihm in der ganzen arabischen Welt. Schwarzgewandete, leicht gebückte Muslime hasten über den Platz, auf den Papst zu, der aufrecht steht, als einziger nicht in Schwarz, sondern ganz in Weiß, vom Käppi bis zur Sohle, ein blendendes Weiß, das ihn in seinem maßgeschneiderten, perfekten Kostüm zur Lichtgestalt macht. Er segnet, er lächelt nachsichtig, seine Lider senken sich altersmilde und wohl auch etwas müde. Seine Augen liegen tief, die Haut ist zu hell, und beides zusammen wirkt manchmal gar nicht so gütig, wie es sollte. Die ganze Welt wünscht sich ja einen gütigen Papst. Aber von der Physiognomie her, eben diesen eingelagerten Augen, die so gar nicht lieb wirken, sondern leider arglistig, und die eine unheimliche Schwärze rändert, eben die dunklen Augenhöhlen, hat er – nur vom Typ her – etwas von einem 20er Jahre Stummfilm-Unhold, einer Fritz-Lang-Phantasie. Man würde sich nicht wundern, wenn auch20die Ohren ein wenig spitz nach oben zuliefen. Und diese für die Zwecke der Kirche an sich ungünstige Physiognomie muß nun ständig mit Riesenaufwand umtransformiert werden in ‚Güte’, ‚Ewige Wärme’, ‚Segen für die Menschheit’ und so weiter. Gar nicht so leicht. Und mit Spannung zu beobachten.
Schon sagt es wieder jemand, diesmal sogar der gastgebende Prinz und Moslem: Benedikt sei „ein Weltführer in Sachen Ethik und Menschenrechte“! Und so falsch ist das nicht, zumindest wird das geistige Potenzial an diesem Papst erkannt. War Johannes Paul II noch, für jedermann sichtbar, ein gutartiger, lieber Pole, so verrät der kalte Blick Ratzingers den klassischen Intellektuellen. Umso dicker muß er bei den Ritualen auftragen, wenn man so will: beim esoterischen Teil seines Jobs. Festlich schreitet er auf die Menge zu, auf die Turbanträger, auf Menschen, Tiere, Berge, Kreuze, gepanzerte Monster-Mercedesse. Das schwere goldene Kreuz baumelt vor der Brust, auf dem edel schimmernden Stoff, und glänzt gen Himmel. Huldvoll grüßt Seine Heiligkeit den Erdkreis, segnet die Journalisten, herzt Kinder und ausgewählte Schönheiten in Ordenstracht…
Das ist stark. Das ist heftig. Auf zig Foren und Links kann man nun darüber reden, chatten, weiter einsteigen in diese magische Materie, mit allen Freunden, die gerade online und ebenfalls gepackt sind, oder mit anderen mündigen Bürgern unter 35.
Nur der Fernseher, der muß jetzt das Maul halten, endgültig. Der kommt in den Keller.

09.05.2009

Cornelius Reiber

von lottmann

Heute war die große Geburtstagsparty von Dr. Cornelius Reiber (31), Assistent von Joschka Fischer in dessen Amerika-Jahr, wir erinnern uns. Die Party fand in der gemütlich-submondänen Bar “Weltempfänger” am herrlichen Arkonaplatz in Berlin Mitte statt, und alle, alle kamen. Es war eine angenehm entschleunigte Atmosphäre, mit im guten Sinne normalen Menschen, was bedeutete: alle redeten wirklich miteinander, bei jedem Gespräch schien es tatsächlich um etwas zu gehen. Nicht immer drei Sätze Floskeln und dann Themenwechsel und wieder drei Sätze Floskeln, sondern erregtes Argumentieren. Man spürte einfach, daß sich Cornelius’ Freunde alle seit dem Abitur kennen und ihr Geld seitdem mit geistiger Tätigkeit verdienen. Da ist natürlich an erster Stelle Rühmann, Friebe, Lobo und Reiber selbst zu nennen. Wenn man diese vier zusammen reden sieht, weiß man wieder, was Freundschaft eigentlich sein könnte. Gemeint ist HOLM Friebe, nicht Jens, der jedoch mit dem Genannten verwandt ist und gerade in der Zeitung ‘Zitty’ einen hellsichtigen Essay über Inklusion und Exklusion veröffentlicht hat. Jens Friebe ist auch der vielleicht wichtigste Popmusiker der Gegenwart, was ich jedoch nicht beurteilen kann. Früher traf ich ihn manchmal im Bötzowviertel mitten auf der Straße, und wir plauderten ein wenig. Ich weiß noch, daß er mich immer als erstes fragte, ob ich denn nicht in Ruhe lassen könnte. Ich nahm dann meine Kopfhörer ab, und er lachte wie Nikolaj Wsewolodowitsch Stawrogin, der bekannte Bösewicht Dostojewskijs. Einmal hatte ich ihn sogar auf Puschkin ansprechen können, worauf ich in seiner Achtung stieg. Aber das ist gewiß schon lange her.
Doch zurück zu Cornelius Reiber’s Party. Natürlich wurde Philipp Rühmann (sein Großvater spielte übrigens den Briefträger in dem erfolgreichen UFA-Film “Der Untergang”) immer sachlicher und nüchterner, je mehr er trank. So war er immer schon. Sein authentischer Zustand wird erst durch den Alkohol freigelegt. Nach dem ersten Bier wirkt er noch beschwipst und ausgelassen, ja manchmal lallt er dann sogar und macht vielleicht einen Witz über mein verkürztes Geschlechtsorgan, das er einmal auf einer öffentlichen Toilette hat beobachten dürfen. Aber das ist nicht sein wahres Ich. Nach dem zehnten Bier, wenn alle schon unter dem Tisch liegen, erlebt man den wahren Philipp Rühmann: präzise, sachorientiert und stark im Detailwissen erklärt er einem längst vertierten Gegenüber – gern auch sächlich – die letzten Gesetzesänderungen im Steuerrecht oder in der Stammheimforschung. Natürlich ist er in philosophischen Themen genauso gut.
Die vielen Informellen Mitarbeiter der ZIA, die anwesend waren, machten klar, wie stark dieses Netzwerk inzwischen angewachsen ist. Kein Wunder, daß sie allmählich nach New York ausweichen müssen. Wolfgang Herrndorf, auf Dauersteuerflucht in den “Staaten”, gab dem Jubilar die Ehre, wirkte aber noch warmherziger als sonst. Was wohl mit ihm geschehen war? Man konnte nur spekulieren. Vielleicht hatte er endlich seine geheime Beziehung zu Cornelius wieder aufgenommen? Vielleicht hatte ihm auch jemand Geld gegeben. Seine Probleme wurden ja zunehmend unliterarisch. Dafür wirkte Thomas Lindemann so ungesund wie nie zuvor: als wäre er gerade von einem zweiwöchigen Malle-Urlaub zurückgekommen. Leute mit Frau & Kindern sehen aber öfter gesund aus als Singles, die ihre Nächte in Clubs verbringen müssen – das ist nur natürlich.
Draußen sah man den Arkonaplatz, also durch die hohen Schaufensterscheiben sah man ihn, und der Regen rann die Scheiben runter, weil es regnete und furchtbar blitzte und donnerte, so laut, daß die Musik im ‘Weltempfänger’ übertönt wurde. Die Musik ist in dem Lokal sowieso nur leise und ohne Bedeutung. Warmes Licht bricht sich in den hohen Decken. Alte Stehlampen, nicht zu dunkel und nicht zu hell, schaffen eine ruhige Stimmung. Niemals könnte man sich in der ‘Bar 103′ so gut unterhalten wie hier. Dort sitzt ja auch Maxim ‘Biller’. Dadurch, daß der romantische Arkonaplatz mit seiner unveränderten 20er Jahre Stimmung andauernd ins Lokal hereinlugt, wird es niemals böse, verkokst, sex- und Mitte-mäßig. Auch die Preise sind nur halb so hoch wie in der Kastanienallee, die ja nicht umsonst früher Castingallee hieß. (Gerade kommt Lukas im Schlafanzug herein, sehr charmant – gute Nacht, gute Nacht!)
Das Geburtstagskind war am Ende geradezu überschäumend vor Freunde, was daran lag, daß es, also Cornelius Reiber, eine lebenslange Geburtstagspartyphobie gehabt hatte, die nun auf einmal widerlegt und überwunden war. Er hatte das Event erst zwei Tage zuvor beschlossen und bekanntgegeben, auch nur in einer einzigen dürftigen Rundmail, voller Angst und Weh. Und dann war es doch so ein freundlicher Abend geworden!
Ich drückte ihm beim Abschied lange beide Hände. “Ich soll Dich übrigens”, sagte ich noch, “recht herzlich von Bettina Andrae grüßen, die auch kommen wollte, aber durch einen Trauerfall in der Familie verhindert war.”
Er dankte gerührt und war doch etwas erschrocken über die Nachricht: “Bettina Andrae, die ‘klügste Frau der Welt’, wie man so sagt, was… was ist passiert in ihrer Familie? Und sollst du Penner das wirklich in deinem Blog breittreten?” Ich versuchte es ihm zu erklären, und er ließ mich umgehend im Regen stehen …


05.05.2009

Katja Hentschel

von lottmann

Am Abend sind wir dann noch zu Katja Hentschel gegangen, nachdem Jonathan Frentzen am Wannsee geblieben war. Der große amerikanische Schriftsteller, der in der American Academy aus seinem neuen Roman las, liebt diese Anlage noch aus der Zeit, als er dort mit Philipp Rühmann gewohnt und gearbeitet hatte (2006-2007). Damals kam ja auch das Gerücht auf, Berlin sei DIE Stadt für neue amerikanische Schriftsteller.
Jedenfalls rief Philipp an und sagte, der Meister sei beim besten Willen nicht mehr zu bewegen, nach Mitte zu fahren. Da wir des Wetters wegen Depressionen hatten, nahmen wir das Angebot an, ein paar von Uwe Barschel’s TAVOR zu probieren und anschließend noch etwas ‘Erleben gehen’ zu wollen / sollen. Also liefen wir zu Katja, die nur 100 Meter weiter wohnte. Die äußerst energiereiche Frau bestach sofort durch rasche Einführung, zügige Gesprächsmoderation, plärrend laute Tischmusik, die aus fünf-Watt-Lautsprechern eines alten Batterie-Cassettenrecorders kam, und klaren Informationen über Mode, Design, Blogging, Journalismus, Indien, China, Brasilien und Holland. Ihre Rede war oft so schnell und hart, daß uns die Ohren klingelten. Auch ihre Einlassungen über psychische Konflikte, Liebeskummer, menschliche Enttäuschungen & berufliche Rückschläge kamen im Stakkato, wirkten profund und sachlich gut durchdacht. Keine Gemeinplätze wurden hier in Reihe losgeballert, sondern alles war selbst hergestellt und ausformuliert worden. Nach einigen Stunden wurde klar, daß hier eine Persönlichkeit wirkte, hier in Mitte, in der kleinen 1949er DDR-Wohnung, in die Katja erst vor drei Wochen, aus London kommend, eingezogen ist. In Abwandlung des alten Rainald-Goetz-Titels ‘Der geht seinen Weg’ könnte man sagen: diese Frau geht ihren Weg. Wie benommen saßen wir in den gemütlichen 50er Jahre Plüschsesseln und hörten mit offenen Mündern zu. Irgendwann kam noch ein weiblicher room mate vorbei, so um halb drei Uhr nachts, und Katja Hentschel sprach dann sofort 25 Minuten lupenreines Englisch mit ihr, ebenso schnell und präzise, als wäre sie Margaret Thatcher. Dann wandte sie sich wieder uns zu, die wir darauf dankbar reagierten.

04.05.2009

Nachtrag: Galerientage

von lottmann

Nota bene waren zuletzt Galerientage in Berlin. Die sind immer am ersten Mai-Wochenende. Es gibt dafür keine Plakatwerbung, kein Geld vom Senat, keine kleinen Berichte im Deutschlandradio Kultur. Einzig die Kunstinteressierten interessieren sich dafür. Und gehen auch hin und sehen sich an, was die besten 30 Galerien der Stadt im Angebot haben.
Heute, um kurz abzulenken mit Gegenwärtigem, treffe ich Holm Friebe nach langer Zeit, um mit ihm und seiner bezaubernden Frau Catrin über den aktuellen Geisteszustand der Berliner Republik zu reden. Morgen am frühen Nachmittag setzt sich das dann fort beziehungsweise fließt ein in Das Gute Gespräch, das ich mit Philipp Rühmann in dem Internetcafé „Oberholz“ bei einer Tasse edlen Kaffees führen werde. Wir beide freuen uns schon sehr darauf. Im Kiki Blofeld haben wir uns schon am Samstag eher zufällig gesehen und uns sogleich, versonnen auf die Bar 25 blickend (in der es zuging wie auf einer bengalischen Fürstenhochzeit), verabredet. Es gibt eben so Leute, die sprudeln schon in den ersten vier Minuten soviele verwertbare neue Informationen über Kultur & Gesellschaft hervor, daß man sich sofort verabreden muß, um auf diesen Zug überhaupt noch aufspringen zu können. In der Zwischenzeit kann man ja intellektuell aufrüsten und alle Zeitungen aus dem „Weltempfänger“ klauen, bis hin zu de:bug, El Pais, Il Messangero, WELT kompakt und Claudius Seidl´s „FAS“. Das Wichtigste verrate ich aber schon jetzt: Die Zentrale Intelligenz Agentur (Z.I.A.) soll, so geht das Gerücht, nach New York umziehen. Schon Ende des Monats soll angeblich ein Vorauskommando in Manhattan Wohnraum und Computer anmieten. Der Grund ist wohl, daß der Firmenname in Deutschland immer etwas affig wirkte, im globalen Zusammenhang aber nicht. Aber es ist wie gesagt noch keine bestätigte Meldung. Und jeder weiß ja, daß ich mich an Spekulationen grundsätzlich nicht beteilige.
Doch nochmal zurück zu den Galerientagen. Bei sovielen Galerien im selben Viertel kann man kein Auto gebrauchen. Ich holte daher Jutta Winkelmanns cremefarbenes Hollandrad der Marke „Amsterdam“ aus dem Fahrradkeller, das seit sechs Jahren praktisch niemand mehr gefahren hat, außer Severin einmal im Jahr, und natürlich Marco im letzten Sommer (also Marco Van Huelsen, mein Lektor). Vom Bötzowviertel aus radelte ich zur Galerie Esther Schipper in der Linienstraße. Dort waren Sittiche und andere Vögel ausgestellt. Crome, mit dem die Galeristin einmal zusammengewesen war, ließ sich nicht blicken.
Es ging weiter zu Neugerriemschneider, ebenfalls in der Linienstraße. Ganz nett, nicht schlecht. Aber kein Vergleich zur Galerie von Henry Lübke (ich glaube, er heißt so), der in der Auguststraße Neo Rauch, Tim Eitel und die gesamte Leipziger Schule im Portfolio hat. Ich äußerte Interesse an einer kleinen Zeichnung von Neo Rauch, und eine angenehm engagierte Assistentin machte es möglich, daß ihre Chefin mich in einen schrabbeligen kleinen Raum im Dachboden führte, wo nette kleine Neo-Rauch-Skizzenblöcke herumlagen. Für schlappe 12.000 Euro riß ich mir ein DIN-A-4-Blatt raus, das jetzt neben dem gleich großen Bild meines Vaters in meinem Schreibzimmer hängt und natürlich sehr eindrucksvoll & schön ist.
Zahlen erfolgt dann später. Dazu muß ich erstmal und schon bald eine diesjährige journalistische Phase einlegen. Wahrscheinlich erläßt man mir 2.000 Euro, aber die übrigen zehn muß ich schon zusammenkriegen. Einen Neo Rauch unter einem fünfstelligen Betrag darf es natürlich nicht geben, das hat mit Ehre zu tun, verstehe ich schon. Also nehme ich seit Sonntag jeden Auftrag an. Zunächst werde ich wohl eine Werbekampagne für Michael Schirner machen.
Doch weiter im Rundgang. Von „Eigen + Art“ fuhr ich zu Monika Sprüth in die Oranienburger Straße. Mann, hatte DIE was zu bieten! Andreas Gursky, Jenny Holzer, Joseph Kosuth, Cindy Sherman und Rosemarie Trockel! Da vergaß ich gern, daß ihr Hauptkünstler gerade Richard Artschwager war, der gefällige, nichtssagende Design-Kunst ausstellte, für reiche Leute, die die Finanzkrise nicht mitgekriegt hatten. Dann ging es zur Contemporary Fine Arts, was die natürliche Steigerung war und nur noch am späteren Nachmittag von der Galerie Werner getoppt wurde, die ja bekanntlich alles anbietet, was über eine Million Dollar pro Bild kostet: Immendorffs letzte Arbeiten aus dem Todesjahr, Baselitz, Penck, Albert Oehlen, Lüppertz, Warhol, Armin Boehm. Die Wände waren 30 Meter hoch, wie in einer modernen Kirche. Werner selbst hatte wohl rabiat alle Zwischenetagen raushauen lassen, in der Kochstraße. Offiziell gehört die Galerie inzwischen seinem Sohn, aber Ausstellungsmacher („Kurator“) und verantwortlicher Händler ist immer noch der Dad, der große Entdecker von einst…
(wird fortgesetzt)