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vonlottmann 04.05.2009

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Nota bene waren zuletzt Galerientage in Berlin. Die sind immer am ersten Mai-Wochenende. Es gibt dafür keine Plakatwerbung, kein Geld vom Senat, keine kleinen Berichte im Deutschlandradio Kultur. Einzig die Kunstinteressierten interessieren sich dafür. Und gehen auch hin und sehen sich an, was die besten 30 Galerien der Stadt im Angebot haben.
Heute, um kurz abzulenken mit Gegenwärtigem, treffe ich Holm Friebe nach langer Zeit, um mit ihm und seiner bezaubernden Frau Catrin über den aktuellen Geisteszustand der Berliner Republik zu reden. Morgen am frühen Nachmittag setzt sich das dann fort beziehungsweise fließt ein in Das Gute Gespräch, das ich mit Philipp Rühmann in dem Internetcafé „Oberholz“ bei einer Tasse edlen Kaffees führen werde. Wir beide freuen uns schon sehr darauf. Im Kiki Blofeld haben wir uns schon am Samstag eher zufällig gesehen und uns sogleich, versonnen auf die Bar 25 blickend (in der es zuging wie auf einer bengalischen Fürstenhochzeit), verabredet. Es gibt eben so Leute, die sprudeln schon in den ersten vier Minuten soviele verwertbare neue Informationen über Kultur & Gesellschaft hervor, daß man sich sofort verabreden muß, um auf diesen Zug überhaupt noch aufspringen zu können. In der Zwischenzeit kann man ja intellektuell aufrüsten und alle Zeitungen aus dem „Weltempfänger“ klauen, bis hin zu de:bug, El Pais, Il Messangero, WELT kompakt und Claudius Seidl´s „FAS“. Das Wichtigste verrate ich aber schon jetzt: Die Zentrale Intelligenz Agentur (Z.I.A.) soll, so geht das Gerücht, nach New York umziehen. Schon Ende des Monats soll angeblich ein Vorauskommando in Manhattan Wohnraum und Computer anmieten. Der Grund ist wohl, daß der Firmenname in Deutschland immer etwas affig wirkte, im globalen Zusammenhang aber nicht. Aber es ist wie gesagt noch keine bestätigte Meldung. Und jeder weiß ja, daß ich mich an Spekulationen grundsätzlich nicht beteilige.
Doch nochmal zurück zu den Galerientagen. Bei sovielen Galerien im selben Viertel kann man kein Auto gebrauchen. Ich holte daher Jutta Winkelmanns cremefarbenes Hollandrad der Marke „Amsterdam“ aus dem Fahrradkeller, das seit sechs Jahren praktisch niemand mehr gefahren hat, außer Severin einmal im Jahr, und natürlich Marco im letzten Sommer (also Marco Van Huelsen, mein Lektor). Vom Bötzowviertel aus radelte ich zur Galerie Esther Schipper in der Linienstraße. Dort waren Sittiche und andere Vögel ausgestellt. Crome, mit dem die Galeristin einmal zusammengewesen war, ließ sich nicht blicken.
Es ging weiter zu Neugerriemschneider, ebenfalls in der Linienstraße. Ganz nett, nicht schlecht. Aber kein Vergleich zur Galerie von Henry Lübke (ich glaube, er heißt so), der in der Auguststraße Neo Rauch, Tim Eitel und die gesamte Leipziger Schule im Portfolio hat. Ich äußerte Interesse an einer kleinen Zeichnung von Neo Rauch, und eine angenehm engagierte Assistentin machte es möglich, daß ihre Chefin mich in einen schrabbeligen kleinen Raum im Dachboden führte, wo nette kleine Neo-Rauch-Skizzenblöcke herumlagen. Für schlappe 12.000 Euro riß ich mir ein DIN-A-4-Blatt raus, das jetzt neben dem gleich großen Bild meines Vaters in meinem Schreibzimmer hängt und natürlich sehr eindrucksvoll & schön ist.
Zahlen erfolgt dann später. Dazu muß ich erstmal und schon bald eine diesjährige journalistische Phase einlegen. Wahrscheinlich erläßt man mir 2.000 Euro, aber die übrigen zehn muß ich schon zusammenkriegen. Einen Neo Rauch unter einem fünfstelligen Betrag darf es natürlich nicht geben, das hat mit Ehre zu tun, verstehe ich schon. Also nehme ich seit Sonntag jeden Auftrag an. Zunächst werde ich wohl eine Werbekampagne für Michael Schirner machen.
Doch weiter im Rundgang. Von „Eigen + Art“ fuhr ich zu Monika Sprüth in die Oranienburger Straße. Mann, hatte DIE was zu bieten! Andreas Gursky, Jenny Holzer, Joseph Kosuth, Cindy Sherman und Rosemarie Trockel! Da vergaß ich gern, daß ihr Hauptkünstler gerade Richard Artschwager war, der gefällige, nichtssagende Design-Kunst ausstellte, für reiche Leute, die die Finanzkrise nicht mitgekriegt hatten. Dann ging es zur Contemporary Fine Arts, was die natürliche Steigerung war und nur noch am späteren Nachmittag von der Galerie Werner getoppt wurde, die ja bekanntlich alles anbietet, was über eine Million Dollar pro Bild kostet: Immendorffs letzte Arbeiten aus dem Todesjahr, Baselitz, Penck, Albert Oehlen, Lüppertz, Warhol, Armin Boehm. Die Wände waren 30 Meter hoch, wie in einer modernen Kirche. Werner selbst hatte wohl rabiat alle Zwischenetagen raushauen lassen, in der Kochstraße. Offiziell gehört die Galerie inzwischen seinem Sohn, aber Ausstellungsmacher („Kurator“) und verantwortlicher Händler ist immer noch der Dad, der große Entdecker von einst…
(wird fortgesetzt)

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