Nun bin ich doch noch einmal, fast am Ende der langen Ära Castorf, in die Volksbühne gegangen, dem legendären ‘letzten Sender des Ostens’. Hier wurde heute ein Stück des römischen Schriftstellers Seneca gegeben, ein wichtiger Mann zu seiner Zeit, der einflußreiche Ratgeber Kaiser Neros. In dem schönen Vierfarbfilm ‘Quo Vadis’ (1949) sieht man Seneca recht anschaulich auf den Regierungschef, gespielt von Peter Ustinov, einwirken. Diesen Film sollte man gesehen haben, bevor man sich den Schriften Senecas nähert, oder der Biographie Ustinovs (‘Lachen leicht gemacht’, Rowohlt 2006). Das Stück, das ich heute sah, heißt ‘Medea’, und Seneca hat es sich nicht ausgedacht, sondern ‘nur’ eine modernistische Fassung geschrieben, ein knappes halbes Jahrtausend nach Euripides. Vielleicht war es auch Aischilos, das kann ich nach so langer Zeit nicht mehr sagen.
Ich war jedenfalls hingerissen. Vom Stück, von Frank Castorf, der unbeirrt und mit sardonischem Lächeln seinen bekannten Stiefel runterspielt, was ich… weiter lesen
Archive for Juni, 2009
Im aktuellen (und langfristigen) Streit zwischen Amerikabesucherin Angela Merkel und Gastgeber Barack Obama um eine gigantische, ungekannte, beispiellose, ZUSÄTZLICHE Staatsverschuldung hat der US-amerikanische Präsident recht: das sollte das Thema des heutigen Blogeintrags werden. Daraus wird nun leider nichts. Denn in dieser Nacht ist Michael Jackson gestorben, und jedes andere Thema verbietet sich in dieser Stunde. Morgen dazu mehr. Zu Michael Jackson, seiner Tablettensucht, und warum er der erste Popstar war, der zu spät starb.
Die Leute in Teheran haben wieder demonstriert, die Sicherheitskräfte haben zugeschlagen, es wurde geprügelt, geschossen, verhaftet, alles ungefähr in der Dimension vom 17. Juni 1953. Offiziell 450 Internierte, wahrscheinlich mit Dunkelziffer ein paar Tausend. Nun schwappt noch hier und da etwas hoch, ein paar Wochen lang, und dann ist es ein Ereignis aus den Geschichtsbüchern. Allerdings gibt es einen Unterschied, und der ist absolut interessant und gravierend (und hier liegt auch das nicht berechenbare Element): Es handelt sich um die erste Revolution der Menschheit, die mit Hilfe des Internet und der neuen digitalen Techniken stattfindet! Deshalb wissen wir auch nicht, was Mussawi noch alles hinkriegen wird. Schon jetzt passieren ja unfaßbare Dinge, die zum Beispiel im niedergewalzten ‘Prager Frühling’ undenkbar gewesen wären. Man stelle sich vor, Alexander Dubcek hätte noch Tage nach dem Einmarsch auf seiner Website Enthüllungen über den Verrat der Bruderstaaten, die Tricks Ulbrichts, die Wortbrüche und Lügen… weiter lesen
Unsere deutschen Medien, die im Laufe der Woche und somit viel zu spät das Thema “neue Revolution in Persien” aufgenommen hatten, sind nun, da es wirklich losgeht, wieder schläfrig geworden. Zwei, drei Tage mit den scheinbar gleichen Meldungen (“Wieder Tausende Demonstranten in Teheran”…) genügten, um sich wieder hemmungslos dem Alltagsbrei zuzuwenden (“FDP erwägt Steuersenkungsanspruch im Mittelstands-Programm”… “Entführte deutsche Geiseln ohne weitere Lebenszeichen”… etc). Gestern waren zwei Millionen Menschen in Teheran aufmarschiert, nachts donnern aus hunderttausenden Fenstern immer lauter die Revolutionsrufe, und heute werden die Soldaten in eine Menge schießen, die kaum kleiner sein wird als gestern. Und dann – gibt es zwei Möglichkeiten. Die vom 17. Juni 1953 in der ‘DDR’. Und die andere. Die andere hat zwei Faktoren der größeren Wahrscheinlichkeit auf ihrer Seite. Erstens demonstrieren nicht Tausende, sondern Millionen. Zweitens demonstrieren nicht Deutsche, sondern Iraner.
Vor einem Jahr berichtete dieser Blog über das Leben und Schicksal von Jost Burger, der damals wie vom Erdboden verschwunden war (der Vergleich zu den Jemen-Geiseln von jetzt drängt sich auf). Nun gab es an diesem heutigen Nachmittag doch noch ein Wiedersehen. Jost Burger lebt, und er trägt sein Schicksal so tapfer wie keiner einer vor ihm (Muhammed Ali vielleicht ausgenommen). Er kämpft., er gibt nicht auf, er jammert nicht, er hilft anderen, er macht allen Mut, denen es ähnlich geht. Mein geliebter und bewunderter Jugendfreund Jost Burger, einst ein stattlicher junger Mann, ein verdammt gutaussehender Bursche, hat sich nur äußerlich verändert (siehe Foto). Sein Herz aber ist geblieben, was es war und bestimmt, da bin ich mir seit heute sicher, immer bleiben wird: ein Löwenherz.
Alles Gute, Jost!

(Personen & Gegenstände in natürlicher Größe durch Anklicken des Fotos)
Heute hat der US-amerikanische Präsident gesagt (seufzend), der iranische neue Oppositions-Star Mussawi sei auch nicht viel besser als Achmedineschad. Die Unterschiede seien weit weniger groß als gedacht. Eigentlich nur graduell. Also vernachlässigbar. Der arme Obama: jetzt bricht ihm auch noch das letzte Feindbild weg. Erst Guantanamo, jetzt Achmedineschad, darf darf einfach nicht passieren! Es geht um Arbeitsplätze, Herrgott. Ohne Guantanamo wird es kaum noch neuen Terroristennachschub geben, neue empörte Fanatiker, deswegen muß die Vorzeige-Hölle ja auch erhalten bleiben. Ohne neue Terroristen kann man der letzten intakten Boom-Branche des Landes, dem militärisch-industriellen Komplex, kaum weitere zweistellige Zuwachsraten garantieren. Man sieht förmlich Obama abends im Badezimmer neben Michelle, wie er ihr sagt: “God damn, ich bin auch für den Frieden, logisch, das ist ja auch nicht schwer, aber hier geht es um Millionen Familien, die ihre Arbeit und ihr Einkommen verlieren, wenn die Terrorhysterie nachläßt! Das bedenken sie nie, unsere feinen liberalen… weiter lesen
Merken die nicht, was da passiert? Die offiziellen deutschen Medien bringen selbst jetzt, nach Tagen, lieber irgendwelche entführten Touristen im Jemen als Topmeldung, anstatt über die Weltenwende in Teheran zu berichten. Der ARD-’Brennpunkt’ packt beide Themen in denselben Topf, mit scheinbar gleicher Wichtigkeit. Erinnern wir uns: 1979 war das eigentlich entscheidende Jahr des letzten halben Jahrhunderts, nicht 1989. Das muß ich ja wohl nicht weiter erklären. Und jetzt wird also wieder gepennt. Sogar der Deutschlandfunk, mein Lieblingssender, bringt als erstes die Touristen im Jemen. Das ist so, als würde Barack Obama erschossen, und man würde als Topmeldung mit einem Autounfall auf der A 2 am Kamener Kreuz aufmachen, nach dem Motto: da sind doch auch Menschen gestorben.
Und so eine Type wie dieser ältere dicke Spießer vom Bayerischen Rundfunk, der den ‘Brennpunkt’ moderierte, Gottlieb, mit wieviel Befremden und Unverständnis er die Millionen Demonstranten in Teheran bespricht, da versteht einer… weiter lesen
Ich bin seit dem Jahr meiner Volljährigkeit Mitglied der SPD, und das ist gut so. Ich bin es gern. Ich bin auch noch in der Kirche, und beim FC Bayern München. Ich liebe meine Frau und werde mich auch nicht scheiden lassen (was sie so gerne wollte). Doch bleiben wir bei Frank-Walter Steinmeier und seiner “Großen Rede” (Arbeitsminister Scholz) gestern auf dem Sonderparteitag. Ich fand sie nicht schlecht! Ich fand sie gut. Ich war überrascht, wie gut er das gemacht hat, der Frank-Walter. Trotzdem haben mich die Bilder, die ich da spätnachts auf dem Computer heruntergeladen habe, schockiert. Also, weil mir binnen Sekundenbruchteilen klar wurde, daß die SPD die Bundestagswahl verloren hat. Schon jetzt. Nein, GENAU jetzt. Die seltsamen Behinderten, die Steinmeier da als das angebliche ‘Junge Team’ mit auf die Bühne holte, sahen aus wie das Gegenteil von jung, also so haarsträubend vorgestrig, daß der Schreck, der gleich folgte,… weiter lesen
DIE LETZTE LANGE NACHT DER POPLITERATUR
Rede zu seinem Abschied als Pop-Autor
“Meine lieben Freunde,
ich freue mich, dass Ihr alle gekommen seid. Wie Ihr wisst, wollen wir heute meinen Abschied von der Popliteratur, der sogenannten, feiern. Wir befinden uns in der letzten langen Nacht der Popliteratur. Viele Journalisten sind erschienen, ich kann sie nicht im einzelnen begrüßen. Auch von den Gästen mag ich niemanden besonders hervorheben, will aber sagen, dass ich mich über den Auftritt des großen Wolfgang Herrndorf, den nach mir letzten großen Vertreter der – dann toten – Popliteratur – besonders freue. Er hat das Buch ‚In Plüschgewittern’ geschrieben, das bis auf den Titel sehr gut ist. Wolfgang Herrndorf war auch gestern nacht in dem Lokal ‚White Trash’ zugegen – Tex Rubinowitz hat es einstmals kurz nach Wende gegründet, als bewussten Affront gegen die Wiedervereinigung. Herrndorf saß rechterhand neben mir gestern, und das war… weiter lesen
Aus: ‘Mit Nichte Hase in Asien’ (folgend die Stelle, in der der Ich-Erzähler den französischen Kollegen Michel Houellebecq in dessen Lieblingsbordell trifft bzw. gerade getroffen hat. Anm. d. Blogwarts).
…Für das Schreiben, erst recht das mündliche Berichten, gibt es in manchen, seltenen Fällen ein ZUVIEL an Erlebten. Ich merkte es, als mich Elke (Naters) unmittelbar nach meiner Begegnung mit Houle scharf zur Rede stellte: “Na, und? Wie war’s?” Ich konnte nur ausweichen. Ich faselte irgendwas, ich weiss es gar nicht mehr. “Und wo hast du ihn getroffen?” Ich sagte, es sei wohl im Sky Train gewesen, das sei so ein Zug weit über den dächern Bangkoks, der in ziemlicher Höhe verkehre, viel höher als unsere S-Bahnen, 30 Meter über der Erde, sehr bemerkenswert, wie in Fritz Langs Metropolis, und er sei recht teuer, dafür führen nur sauber gekleidete junge Thailänderinnen darin, die einem genau gegenübersitzen würden und den Blick… weiter lesen