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Beiträge von Februar 2010

28.02.2010

Digitale und analoge Bohème / Über Frank Schirrmacher und die Getty Zwillinge

von lottmann

Frank Schirrmachers Anti-Internet-Buch ‚Payback‘ sinkt in der SPIEGEL Bestsellerliste wieder ganz langsam nach unten, hinterläßt aber einen fatalen neuen Zustand: wer jetzt noch etwas gegen das Internet sagt, gilt als Fortschrittsfeind. Als ein Parteigänger Schirrmachers eben. Als FAZ-Leser. Als einer, der schon die Dampflokomotiven verteufelt hätte, wäre er bei ihrer Erfindung dabei gewesen. So geht der Dreiklang: Gegenwartsbeschreibung gleich Gegenwartskritik gleich Fortschrittskritik – was bekanntlich das Letzte ist. Daß selbst Schirrmacher die neue Lebenswelt nur beschrieb, löst nur noch höhnische Lacher aus. Der Mann hat einfach fertig.
Wer sich heute auch nur über Facebook humorvoll ausläßt, kann sich wütender Reaktionen und des Vorwurfs, einer wohl verlogen-seligen Vergangenheit hinterherzuträumen, sicher sein. Mir ging es so, als ich am Sonntag Freunde wiedertraf. Noch vor zwei Jahren hatten wir uns jeden Sonntag Mittag getroffen. Aber zwei Jahre sind in der digitalen Entwicklung so lang wie zwei Jahrzehnte. Inzwischen verkehrt man nur noch im Netz, eben als Facebookfreunde.
In meiner Begleitung war eine französische Freundin, der ich deutsche Intellektuelle zeigen wollte.
Jeder hatte einen Laptop auf dem Schoß und kommunizierte nonstop noch mit anderen Leuten und mit zahllosen Netzen, Seiten, Downloads, man kennt das. Das ist oft beschrieben worden. Es hat mich auch nie gestört. Ich bin jung, ich mag das Neue. Freilich tat mir die französische Freundin leid, die kein einziges Mal zu Wort kam. Alle redeten gleichzeitig. Hunde bellten wie von Sinnen. Kleinkinder, noch ohne Laptop, klammerten sich verzweifelt an Tisch-, und Elternbeine, weinten, hatten aber keine Chance auf Aufmerksamkeit, wie die Französin, wie ich. Noch nicht einmal zu den beiden berühmten Holm-Friebe-Fragen, die Holm, als letztes Rudiment westeuropäischer Höflichkeit, zuletzt noch jedem neuen Gesicht stellte, müde, ohne vom Laptop aufzublicken, reichte es, nämlich ‚Und was machst Du so?‘ (gemeint war das Berufliche) und ‚Wie habt Ihr Euch eigentlich kennengelernt?‘
Im Gegenteil. I-Phones klingelten. Monitore liefen unnötig laut. An der Tür klingelte es. Die Gastgeberin rief etwas. Alle riefen etwas. Und hatten dabei jemandem am Handy oder im live chat am screen. Und das über Stunden. Es war das permanente Inferno. Nein, eben nicht! Es war nicht das Chaos, es war der Normalzustand. Wohlgemerkt, es handelte sich nicht um irgendwelche Berlin Mitte startup Nerds, glatzköpfige Durchschnittsdeppen der Neuzeit. Nein, ich spreche von den anregendsten Intellektuellen, die dieses Jahrhundert in unserem Land hervorgebracht hatte: die glühenden Redner der Z.I.A., Autoren der new economy Philosophien (‚Wir nennen es Arbeit‘, ‚Marke Eigenbau‘, ‚Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin‘, ‚Lobomania‘), Gründer der Piraten Partei, Kisch-Preisträger (für ‚Riesenmaschine‘) und Übersetzer des Dialogbuches ‚Michel Houellebecq vs. Bernard Lévy‘, ich spreche von Holm Friebe und seinen Leuten, den Masterminds!
Ich will das nicht kritisieren. Wirklich nicht! Natürlich, es war ein Kulturverlust unbeschreiblichen Ausmaßes, aber seit wann hätte mich je die olle Tante Kultur interessiert? Nein, ich fand das super. Ich dachte in jener Situation nur, daß Frank Schirrmacher sich über eine solche Bild- und Gestaltwerdung seiner Thesen gefreut hätte. Und ich wollte wissen – das dann doch – ob meine Freunde heute glücklicher sind als vor fünf Jahren. Damals redete man ja noch in ganzen Sätzen, und es gab Momente, da hörte jemand sogar zu. Man trank Rotwein, der Hausherr, nämlich Holm Friebe, spielte ab drei Promille Guitarre. Sascha Lobo, noch ohne Irokesenschnitt, sah ihn dabei verliebt an. Man las Luhmann und Deleuze und diskutierte darüber…
Ich drang nicht durch mit meiner Frage, bis ich sie brüllte und im Stakkato-Ton erläuterte. Also ob sie damals glücklicher waren. Ich beschrieb noch einmal die Lage von damals, die Partys auf dem Dach und so weiter. Holm selbst übernahm die Antwort, und sie war echt: „Nein! Um Gottes Willen, nein, es war scheußlich damals!“ Er schüttelte sich. Diese Guitarre, der Rotwein, entsetzlich! Nie wieder! Wie ich denn darauf käme, es klänge ja fast wie Schirrmacher..? Ob ich denn ein Fortschrittsgegner sei? Einer, der auch die ersten Dampflokomotiven verteufelt hätte, wie heute das i-Pad… Oh nein, das war ich nicht, ganz im Gegenteil: ich wußte doch, daß der Blick zurück nicht im Interesse des entfesselten globalen Kapitalismus sein konnte! Romantik war zu jeder Zeit schwer ausbeutbar, eine Art Widerhaken bei den laufenden Geschäften. Man mußte die Gegenwart feiern, wenn man die Rendite steigern wollte. Ich entschuldigte mich rasch und meinte, auch ich liebte das Internet über alles. Schirrmacher sei natürlich ein Arschloch.
Am Abend bin ich dann in die Galerie Unter den Linden gegangen, neben dem Einstein (das für Politiker), und sah die Ausstellung THE TWINS. Dort erhielt ich plötzlich doch noch eine andere Antwort als die von Holm und Lobo. Die berühmten Getty Zwillinge stellen dort Fotos aus, die sie in ihrer Jugend gemacht haben. Eine Jugend, die sie, da sie die wohl hübschesten Mädchen ihres Jahrzehnts waren, mit Uschi Obermaier, Bob Dylan, den Kennedys und den Gettys geteilt hatten (und grundsätzlich allen anderen hippen Personen der Zeit, von Andy Warhol bis Rudi Dutschke). Der Vergleich zur heutigen Paris Hilton drängte sich auf. Also ein Systemvergleich. Die Getty Twins, also die eineiigen Zwillinge Gisela Getty und Jutta Winkelmann, waren in der Selbstinszenierung anders, raffinierter, genialer. Sie mußten keine kreative Energie für ihr Aussehen abgeben, da sie von allein gut aussahen, in jeder Sekunde. Sie wurden ständig fotographiert, wieder ohne eigenes Zutun, weil immer ein aktueller Star neben ihnen stand. Sodaß sie Zeit genug hatten, auch selbst die Kamera zu bedienen. Dabei entstanden die besseren, weil echteren Aufnahmen. Vergleicht man nun diese mit denen von Paris Hilton oder anderen InTouch Größen, begreift man den Dimensionsunterschied. Die Welt damals war durchdrungen von Geist und Schönheit. Italien war noch so unzerstört und unmißbraucht wie die jungen Zwillingsmädchen, die nackt und unschuldig ihre Vision der Liebe lebten, wie ihre ganze Generation. Zumindest sieht es so auf, auf den hunderten von Exponaten. Vielleicht ist es nur genial arrangiert, doch dann wäre es erst recht große Kunst.
Können so viele Fotos so sehr lügen? Das Leben muß damals herrlich und frei gewesen sein. Ohne Berlusconi, Hartz Vier, Proletenfernsehen und, ja, dem Internet. Was werden die käsigen Nerds, die ihre Lebenszeit vor dem Laptop verbringen, von diesen Bildern halten? Was sie sehen, was sie einfach sehen müssen, ist die menschliche Existenz als Abenteuer.
Davon ist heute nichts mehr übrig.

in der taz am 25.2.2010 (Printausgabe)

10.02.2010

An den Galgen mit Oberst Klein!

von lottmann

Heute wird Oberst Klein erstmals vor dem Untersuchungsausschuß des Bundestages vernommen. Dazu zur Erinnerung noch einmal der Kommentar in der taz am 16. Januar 2010:
Letztens bei ‚Beckmann‘ war unser junger Verteidigungsminister zum erstenmal überzeugend. Also für mich. Schnell hat er sogar aus der SPIEGEL-Schelte gelernt (Titelgeschichte ‚Der Entzauberte‘). Er war nicht mehr eitel, kokettierte nicht mehr mit seinem Image, nahm auch keine Rücksichten mehr auf das rechte Lager. Es war, als sei er seiner selbst überdrüssig geworden (‚Der Baron aus Bayern‘), als interessierte ihn nur noch eins: die Sache. Und da geht es ihm wie allen. Denn die Sache – das erste Massaker in deutschem Namen seit 1945 – entpuppt sich immer mehr als tolles Stück. Verständlich, daß ihm der Kragen platzte, als ihm Schneiderhahn so peu à peu davon berichtete (nachdem er ihm viel zu lange nicht davon berichtete). Und daß er ihn samt Komplizen binnen Minuten feuerte.
Das war richtig und couragiert. Aber politisch scheinbar ein Schuß ins eigene Knie, wenn nicht sogar in die Schläfe. Denn der Geschaßte – ein knattriger menschenverachtender Spitzenmilitär wie aus dem Bilderbuch – läßt seitdem genüßlich streuen, daß er sich darauf freue, im Untersuchungsausschuß seiner Loyalität entbunden zu sein. Zu deutsch: daß er nun ordentlich auspacken darf. Daß er oder seine Leute damit längst angefangen haben, zeigen die täglichen neuen Enthüllungen. Und sie wirken in den Medien wie Bomben unter Guttenbergs Stuhl, obwohl sie in der Sache den Minister eher entlasten.
Wir wissen nun, daß Oberst Klein nicht die Tanklaster angreifen wollte, sondern die Menschen zwischen den beiden Fahrzeugen. Er wollte töten. Nun wird scheinheilig erklärt, man habe auch früher schon Situationen des Töten-müssens gehabt, sie seien offiziell Teil des Mandats und somit keine sensationelle Meldung. Krieg sei eben Krieg, auch wenn er (noch) nicht so heiße. Genau dies stimmt aber nicht. Das Mandat unserer Armee lautet: Ihr dürft töten, um euch zu verteidigen. Ihr dürft nicht töten, um zu töten.
Exakt das hat Oberst Klein getan. Jedes Kind, das einmal einen Western gesehen hat, weiß: Wenn der Gauner zieht, darf der Held denselben abknallen. Peng!, weg damit, nächste Szene. Zieht aber der Gauner NICHT, und knallt der Held ihn einfach so ab, ist der Held kein Held, sondern ein Mörder. Und muß natürlich an den Galgen. Dann ist es auch kein Western mehr, sondern ein Problemfilm.
Dieser Problemfilm wird nun in Deutschland gezeigt. Die Menschen, die acht Jahre lang alles geschluckt haben, das Brunnenbohren-Märchen, die vorgegaukelten Schulen für niedliche Mädchen (als wenn unsere verbunkerten Jungs je aus ihren zwei, drei Lagern herausgekommen wären), den hahnebüchenen Quatsch von unserer Freiheit, die am Hindukusch verteidigt werde, sie merken auf einmal, daß sie im falschen Film waren. Und sind maßlos empört. Genau wie unser Verteidigungsminister. Daran erkennt man, daß er tatsächlich jener Anti-Politiker ist, als der er sich so lange geriert hat: er fühlt wie seine Bürger. Ich traue ihm wirklich als einzigem zu, daß er diesen Krieg beendet. Aber dazu muß er die Schlammschlacht überstehen, die nun gegen ihn ausbrechen wird. Schneiderhahn, fast schon die Karikatur eines Spitzenoffiziers (er könnte auch in ‚Neues aus der Anstalt‘ den dortigen Bundeswehrgeneral a.D. spielen), setzt den ganzen Apparat gegen ihn in Marsch.
Doch Guttenberg scheinen in diesem Kampf Kräfte zuzuwachsen. Er wirkt jeden Tag fitter und motivierter. Jede neue militärische Ungeheuerlichkeit, die rauskommt, macht ihn wacher. Schon hört man raunen, der Luftschlag sei überhaupt kein Einzelfall. 30 bis 40 Luftschläge dieser Art soll es TÄGLICH geben, wenn auch in ganz Afghanistan. Und um Selbstverteidigung gehe es dabei wohl kaum. Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Die paar Tausend zotteligen und verzweifelten Bergbewohner mit ihren altersschwachen Gewehren und selbstgebastelten Zündern werden behandelt wie die 25-Millionen-Armee Stalins, die auf Berlin zumarschierte.
Gut, es handelt sich auch hier um einen Krieg – als wenn es um das Wort ginge! – aber um einen der widerlichsten und ungerechtesten, die je geführt wurden. Und ausgerechnet wir, die Nachkommen Hitlers, sind schon wieder mit von der Partie!
Wenn Guttenberg das rauskriegt, ist aber Schluß damit.

09.02.2010

Danksagung

von lottmann

Begrüßungsrede anläßlich der Buchpräsentation von ‚Der Geldkomplex‘ im Münzsalon in Berlin Mitte gestern abend:
„Liebe Freunde und Gäste, mein Name ist Joachim Lottmann, ich bin der Autor des Romans ‚Der Geldkomplex‘, der heute der deutschsprachigen Öffentlichkeit präsentiert wird. Dies ist erst jetzt möglich, da ich bis kurz vor Weihnachten letzten Jahres in Indien war, davon die meiste Zeit in einem hermetisch abgeriegelten Ashram, und der Verlag Kiepenheuer & Witsch nicht wußte, wie er mich erreichen sollte, um einen Präsentationstermin mit mir abzusprechen, ja, ob er mich überhaupt noch jemals erreichen würde, physisch und/oder psychisch. Ich habe die diversen Foltermethoden im Ashram dann aber doch ohne erkennbaren geistigen Schaden überlebt, etwa so wie der amerikanische Bomberpilot und spätere Präsidentschaftskandidat John McCain die Gefangenschaft in einem Lager des Vietcong. McCain bekam dafür später einen hohen Orden, während ich von meinem Verlag Kiepenheuer & Witsch diese kleine heutige Ehrung bekomme, oder sogar große Ehrung, nämlich daß vier namhafte deutsche Autoren und sogar ein namhafter echter Verleger aus meinem Buch lesen werden. Für mich persönlich ist es auch eine kleine nachgeholte Geburtstagsehrung, denn ich bin am 6. Dezember, noch im Lager in Bangalore in Indien, 50 Jahre alt geworden. Damit habe ich das Alter erreicht, in dem Knut Hamsun sein Jugendwerk beendete, geheiratet hat, leider eine viel zu junge Frau, die später Parteigängerin der norwegischen Nationalsozialisten wurde, und dem Nobelpreis entgegenschrieb. Hamsun selbst war niemals Nazi, auch wenn Daniel Kehlmann das diese Woche im Fernsehen behauptete. Kehlmann weiß das natürlich, aber man muß beim Thema Nazis immer etwas ruppig sein. Ich hätte das nicht anders gemacht. Kehlmann hat es mir anschließend genau erklärt, er ist ein guter Freund, und uns verbindet die Liebe zum alten Illusionstheater. Er hätte gern auch heute gelesen, muß jedoch einen familiären Termin im Rheinland wahrnehmen. Seine Lieblingsnichte hat Geburtstag. Ich verstehe das, ich habe selbst eine Nichte, sie heißt Hase, und sie hält sich heute in Paris auf, wo sie studiert. Auch sie wäre gern gekommen, zumal sie in dem Roman vorkommt, aber das Geld reicht in unseren Tagen nicht mehr für Studenten, um zu reisen. Wir leben nicht mehr in den üppigen Zeiten Alexander von Humboldts.
Ich will unsere heute lesenden Autoren kurz vorstellen und ihre Beziehung zum Buch ‚Der Geldkomplex‘ darlegen. Ich beginne mit einem Autor, der auf der Einladungskarte stand, aber krankheitsbedingt leider nicht kommen kann, nämlich Peter Glaser. Das monatelange strenge Winterwetter, also der kältste und schneereichste Berliner Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, hatte Glaser schließlich und ganz am Ende gefällt und ans Bett gefesselt. Er läßt uns alle grüßen. Ich grüße ihn zurück und wünsche gute Besserung sowie demnächst weniger kalte Winter, damit er, sollten wir uns noch einmal in einem so exklusiven kleinen Kreis versammeln, dann mitmachen kann. Die rigide Anti-Erderwärmungspolitik der Bundesregierung läßt allerdings befürchten, daß die Winter nun immer kälter werden könnten.
Als erstes liest heute Maxim Biller. Er beginnt mit der ersten Seite. Die nachfolgend Lesenden werden einfach weiterlesen, bis die ersten 50 Seiten zuende gelesen sind. Maxim Biller kenne ich aus Hamburg, wo wir in derselben Straße, nämlich der Hartungstraße, aufgewachsen sind. Wir haben vor den Stufen der Hamburger Kammerspiele gesessen und mit Ida Ehre, der Prinzipalin des Hauses, Limonade getrunken. Maxims Eltern waren echte Juden, während meine dem NDR angehörten, einer damals bedeutenden Glaubensgemeinschaft, die heute nur noch in einigen Stadtvierteln besteht, etwa Lokstedt und Rotherbaum. Später sind wir nach München gegangen, haben dort studiert. Ich habilitierte unter Diedrich Diederichsen über Thomas Mann, Maxim bei einem anderen Professor über das gleiche Thema – nachzulesen in seinem neuen äußerst geglückten Buch ‚Der gebrauchte Jude . ein Selbstportrait‘. Maxim und ich wohnen seit den späten 60er Jahren in denselben Städten. Wir haben es nie länger als sechs Wochen ohne den anderen in einer fremden Stadt ausgehalten. Dennoch taucht er in ‚Der Geldkomplex‘ nur als Gerücht auf und nicht als agierende Romanfigur. Das hat ihn gekränkt und daran erinnert, daß wir auch Phasen der Feindschaft gekannt hatten, Phasen, in denen wir uns als Kinder vor der Talmud Thora Schule beschimpften, oder später als Erwachsene vor Gericht. Das war aber nie so gemeint.
Nach Maxim Biller liest Heike-Melba Fendel. Ich lernte sie in den 80er Jahren kennen, als Ko-Autorin einer von Peter Glaser herausgegebenen Anthologie. Sie war damals so alt wie Helene Hegemann heute. Die Männer waren hinter ihr her, was ich nicht verstehen konnte, denn sie war körperlich ein totaler Spätstarter. Sie sah damals keineswegs so toll aus wie jetzt, sondern war pummelig, rothaarig und unsicher. Ihre viel zu langen Beine schienen ihr nur im Wege zu stehen, und sie stolperte oft darüber. Ihre Geschichte in der Anthologie war aber dafür umso besser. Vor kurzem hat sie ein Buch mit 99 Kurzgeschichten veröffentlicht. Es heißt ‚Nur DIE‘ und ist wirklich außergewöhnlich. Die allgemein übliche Pornographie, die sich in alle Medien- und Lebensbereiche eingeschlichen hat, wird dort ins Menschliche zurückgeführt und zugleich ins Positive, Helle. Es ist wahrlich ein letztes spätes, zu spätes Werk der europäischen Aufklärung, das dazu noch hinreißend kenntnishaft die Innenwelt der Medienberufe beschreibt. Jeden Suizidgefährdeten würde es ins Leben zurückbringen!
Heike Melba Fendel betreibt seit 20 Jahren die in Deutschland erfolgreichste Schauspieleragentur ‚Barbarella‘. Im Buch ‚Der Geldkomplex‘ gibt es eine längere Partyszene, in der ‚die Melba‘ an den hungerleidenden Ich-Erzähler gerät, der zu dem Zeitpunkt bereits arg von der Finanz- und Wirtschaftskrise gebeutelt ist.
Danach liest Sascha Lobo. Ihn muß ich nicht vorstellen, denn er ist gerade von der Financiel Times Deutschland zum bekanntesten Deutschen Europas gewählt worden. Im Buch spielt er den letzten echten Freund und einzigen Vertrauten des Ich-Erzählers, wobei diese Verbindung dem Druck der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht standhält. Geld und schneller Sex sind Sascha Lobo am Ende wichtiger, als dem untergehenden Freunde seelisch beizustehen. Heute ist Lobo aber auf der Bühne hier, um diesen Eindruck zu korrigieren. Vielleicht sagt er nachher selbst noch ein paar Sätze zu der fatalen Szene aus dem Buch.
Es folgt Thomas Meinecke. Auch über ihn haben die Medien schon tausendfach berichtet, sodaß ich mich auf biographische Details beschränke. Thomas Meinecke holte mich einst zum Journalismus. Als Schriftsteller muß man entweder Preise gewinnen, also völlig wertloses, langweiliges Zeug nach dem Geschmack der immer steinalten und mediokren Jury Mitglieder schreiben, oder man muß nebenbei journalistisch arbeiten. Dank Meinecke stand mir letzterer Weg offen. Eines Tages, es war später Vormittag und die alte Bundesrepublik bestand noch, rief er mich an und machte mich zum Mitarbeiter einer Zeitgeist Illustrierten, die er gerade in München mit Thomas Peichl gegründet hatte. Ich werde nie die freundliche Telefonstimme dieses typischen Hamburger Emigranten vergessen. Ich freue mich ganz besonders, daß er heute hier ist!
Schließlich liest Helge Malchow, den die Branche unlängst zum ‚Verleger des Jahres‘ wählte. Er ist mindestens so bekannt wie die lesenden Autoren, mit Ausnahme Sascha Lobos. Jeder kennt den großen Verleger Helge Malchow, aber keiner kennt ihn so lange wie ich. Er war schon mein Deutsch- und Geschichtslehrer am Apostelngymnasium in Köln, wo ich vorübergehend lebte, nämlich als mein Vater beruflich im nahen Bonn zu tun hatte. Er war dort Bundestagsabgeordneter für die Freie Demokratische Partei geworden. Malchow attestierte meinen Aufsätzen großes schreiberisches Talent und empfahl mir bei der Berufsberatung, die dem Klassenlehrer gegenüber den angehenden Abiturienten oblag, doch später den Beruf des Schriftstellers zu ergreifen. Ich sagte ihm, das täte ich gern, nur fehlte mir dazu ein Lektor. Malchow meinte, ich solle mir darüber keine Gedanken machen, er fände schon einen Weg. Er hat dann ein Kölner Mädchen geheiratet, das aus einer der reichsten und ältesten Familien der Domstadt kam, der Familie Dumont, und diese überredete ihren Vater, den Verlag Kiepenheuer & Witsch zu kaufen, in dem Helge Malchow Lektor wurde und ich sein erster Autor. Den Lehrerberuf hängte er an den Nagel, allerdings unter Schmerzen. Er hatte gern unterrichtet. Die Ehe mit dem reichen Kölner Mädchen wurde bald aufgelöst, aber nicht, weil der angehende Lektor das wollte, sondern die Frau, die sich an Karneval in einen kraftstrotzenden Macho verliebte. Mit gebrochenem Herzen und fraglich gewordenen Lebensperspektiven blieb der Ehemann zurück, der sich nun erst und ausschließlich dem Verlagswesen widmete. Erst ein Vierteljahrhundert später heiratete er erneut – und Neven Dumont verkaufte prompt Kiepenheuer & Witsch -, aber da war der Verlag der erste in Deutschland geworden, noch vor Suhrkamp, und viele seiner Autoren durchgesetzt, sogar ich. Es ist mir eine ganz große Ehre, daß er nun heute zum ersten- und einzigenmal die Seiten wechselt und an den Tisch der Autoren kommt, um wie sie zu lesen, aus einem Buch, das so aussieht, als wäre es von ihm, das er auch erfunden und begleitet hat, das aber ich geschrieben habe, nämlich ‚Der Geldkomplex‘. Einen größeren Anteil am Gelingen und Glücken dieses meines sicherlich besten Romans hat nun nur noch ein Mensch, den ich ganz am Ende meiner Begrüßungsrede erwähnen, ehren und hochleben lassen will: meinen Lektor der letzten fünf Jahre, Marco Verhuelsdonk! Ihm verdanke ich nicht nur die Bücher ‚Die Jugend von heute‘, ‚Zombie Nation / Der Roman einer alternden Gesellschaft‘ und ‚Auf der Borderline nachts um halb eins‘, sondern auch die einzigartige Romanfigur ‚Marco Van Huelsen‘ in dem heute vorgestellten Buch. Lieber Herr Verhuelsdonk, haben Sie für alldas meinen größten Dank, und auch dafür, daß wir bereits jetzt an unserem nächsten Buch arbeiten, das ‚Unter Ärzten‘ heißen wird. Ich freue mich nun auf den heutigen Abend, und ich bin froh, daß Sie heute gekommen sind, Sie, Herr Verhuelsdonk, und Sie, die Autoren samt dem Verleger, und Sie, die Gäste dieser charmanten kleinen Großveranstaltung. Vielen Dank, herzlich Willkommen, und viel Spaß!“

08.02.2010

Heute Geldkomplex Party

von lottmann


So sehen sie also aus, die Leute, die heute zur Geldkomplex Buchpräsentation in den Münzsalon Münzstraße 23 in Berlin Mitte kommen, eben wie diese Jungschauspielerin vom Berliner Ensemble (Foto). Dabei ist der Münzsalon mitten im Einzugsgebiet der feindlichen Volksbühne, die ja nur einen Steinwurf entfernt ist. Peter Glaser mußte leider krankheitsbedingt absagen und wird von Helene Hegemann ersetzt (Foto unten).

04.02.2010

Oberst Klein und der aktuelle SPIEGEL

von lottmann

Der bemerkenswerte Bericht im aktuellen SPIEGEL ist, nach langer, viel zu langer Zeit, endlich einmal wieder ein Glanzstück des Journalismus, ein perfekter Text, eine einzige Freude. Man erfährt alles, und man erfährt es im allerbesten Deutsch, wie von einem Schriftsteller geschrieben und dennoch vollkommen neutral.
Heißt: Anhand dieses Textes müßte die einzig interessante Frage zu beantworten sein, die es zu dem Luftschlag gibt. Nämlich: Warum tat Oberst Klein das? Wir wissen, daß er ein umsichtiger, verantwortungsvoller, ängstlicher und warmherziger Mensch ist, seit einer Ewigkeit im Dienst, immer defensiv, nie in Kampfhandlungen verwickelt. ER kann das Motiv nicht liefern. Wir wissen nun auch, daß noch zwei andere Leute am Schießbefehl beteiligt waren, zwei Militärs, die in den fraglichen Stunden neben Klein im Bunker standen. Von ihnen, oder einem von ihnen, muß die kriminelle Energie ausgegangen sein. Von Klein nicht, und deswegen hat zu Guttenberg auch diesen fast schon hysterischen Satz gesagt „Ich werde Oberst Klein niemals in meinem Leben fallenlassen!“. Dank SPIEGEL kennen wir nun wenigstens den zweiten Soldaten, offenbar ein Riesenarschloch. Ein Saarländer, der sich darin gefällt, immer im breitesten Südstaaten-Amerikanisch Sottisen zu erzählen, und der diese widerlichen Base Caps trägt, mit New York Yankees Schriftzug, die bestenfalls zwölfjährigen Jungen in Oregon gut stehen. Dieser Mensch wird es wohl gewesen sein, der auch noch in den Vernehmungen seinem Vorgesetzten ständig in den Rücken fällt. Der Dritte im Bunde bleibt sogar im SPIEGEL Bericht anonym. Das läßt aufhorchen. Ein Herr also, der selbst über dem SPIEGEL steht, der Vierten Gewalt? Das muß nun wirklich ein dicker Fisch sein. Wohl kein Deutscher. Irgendein Strippenzieher eines supergeheimen Zirkels im militärischen Geheimdienst des Weißen Hauses und/oder des Kanzleramtes, direkt den beiden transatlantischen Verteidigungsministern unterstellt, oder so, oder gerade nicht, keine Ahnung. Diese Suppe ist ja immer äußerst dick, die da angerührt wird, solange der Führer nicht persönlich das Heft in die Hand nimmt… Wie gesagt, hier kann nur noch die Phantasie blühen.
Was lernen wir aus dem Bericht? Erstens war es ein lupenreines Kriegsverbrechen, wider alle Vernunft, geradezu aberwitzig scheußlich. Man sprengt eine harmlose Menschenmenge in die Luft, ohne jeden Grund. Nur so. Für Deutschland. Zweitens gibt den Befehl ein Unbekannter, der anonym bleiben darf und offenbar vom Pentagon geschützt wird – was jeden Untersuchungsausschuß sinnlos macht. Drittens: Bevor es nicht endlich Massendemonstrationen gegen diesen Krieg gibt, wird der Wahnsinn, der Methode hat, aber eine uns nicht einsehbare, weitergehen.

(in der taz vom Mittwoch, Printausgabe)

03.02.2010

Wenn erst der erste Anschlag kommt

von lottmann

Der Fehlalarm am Münchener Flughafen war doch eigentlich eine peinliche Sache, könnte man denken, und die Behörden sollten sie schnell vergessen. Falsch! Gerade hat das Bayerische Landeskabinett umfangreiche Verschärfungen der Sicherheitsmaßnahmen beschlossen, als Konsequenz aus dem „ernsten Vorfall“. Das heißt, daß inzwischen sogar ein kompletter Irrtum der Security Leute dieselbe Wirkung entfacht wie in anderen Ländern ein echter Anschlag. In gewisser Weise ist das auch nötig, denn, auch wenn man es nicht glauben mag: einen echten Anschlag hat es in Deutschland in den jetzigen Grenzen noch nie gegeben.
Man reibt sich die Augen. Regierung auf Regierung hat sich gebärdet, als seinen wir mitten im Bürgerkrieg. Ein Sicherheitspaket jagte das nächste. Die Überwachung und Ausspähung der eigenen Bevölkerung wurde auf das totalitäre Maximum getrieben, umfassender als in George Orwells schmerzlichsten Phantasien. Auch das harmloseste Gute-Nacht-schlafgutmeinSchatz-Gespräch wird heute aufgezeichnet, jedes. Wenn sich im Flugzeug irgendwo in Afrika ein Idiot im Klo einsperrt, ist das Grund genug, für Milliarden Euro neue Durchleuchtungsgeräte bauen zu lassen und die gesamte Bevölkerung weitere Rituale der Gefahrenabwehr abzuverlangen. Es genügt, daß einer ruft „Sicherheit voran!“, und alle folgen, quer durch alle Lager, denn bei diesem Reizwort kennen wir keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Und erleben, wie selbst ein Ex-Terroristenanwalt zum maßlos wütenden Bluthund wurde, die Geheimdienste aufblähte und in harmlos demokratischen Zeitungsredaktionen einbrechen ließ. Dies alles, wie gesagt, ohne einen einzigen Anschlag. Eine Stimmung wie kurz vorm Losschlagen, wobei sogar seit acht Jahren Krieg gegen Afghanistan geführt wird, aus dem einzigen Grund, dort könnten sich Leute befinden, die eines Tages einen Anschlag bei uns machen könnten. Auch hier: keine Oppostion, kein Widerwort, keine Empörung, keine Gegenmacht (Lafontaine war der einzige, und wie wurde er dafür gehaßt!). Und alles ohne einen Anschlag. Was aber passiert, wenn er nun endlich kommt, der erste echte oder auch unechte islamistische Terroranschlag in Deutschland? Wenn das erste deutsche Haus in die Luft fliegt, nach tausenden afghanischen Häusern, die bombardiert wurden, auch in unserem Namen?
Werden wir uns dann vergleichsweise moderat verhalten wie etwa die Israelis, die manchmal fast täglich die zerfetzten Knochen ihrer Landsleute von der Straße sammeln müssen und trotzdem die Nerven behalten? Die nach hunderten von Anschlägen noch eine bessere, direktere Demokratie haben als wir? Nein, bei uns bricht dann endlich los, was seit Jahren gezüchtet wird und nun raus darf: der Faschismus im neuen Gewand. Notstandsgesetze sind das mindeste, was sofort umgesetzt wird. Razzien, Verhaftungen, Sicherheitsverwahrungen, Pressezensur, gelenkte Medien, öffentlich geförderte Denunziationen, Computerzugang, Online-Polizei, stundenlange Zwangsuntersuchungen an Flughäfen, in Zügen, auf der Autobahn: es wird nichts geben, was durch „den Anschlag“, wie er von allen nur noch genannt wird, legitimiert wäre.
Und selbst Oskar Lafontaine wird, den Lauf einer Pistole im Nacken, zum unbarmherzigen Endkampf gegen das Grundübel der Menschheit aufrufen: „Die Terroristen sind unser Unglück!“

(in der taz am Montag, Printausgabe)