Ich wählte Maxim Billers Nummer. Als er meine Stimme erkannte, wurde er sofort schlecht gelaunt. Er hatte gerade einen ziemlichen Hass auf mich, eine Stinkwut sozusagen, und deswegen rief ich an. Ich wollte mich entschuldigen, so machte man das inzwischen in Deutschland, und zwar grundsätzlich und flächendeckend. Ich hatte auf einen kleinen Zettel sogar die Worte aufgeschrieben, die Guttenberg kürzlich in ähnlicher Lage gebraucht hatte. Wir lebten schließlich in der Entschuldigungsgesellschaft.
Maxim hatte in der Wochenzeitung Die Zeit geschrieben, er hasse mich, weil ich in einer launigen Buchpräsentationsrede kolportiert hatte, er und ich hätten als Kinder vor den Stufen der Hamburger Kammerspiele gespielt und manchmal mit Ida Ehre Tee getrunken. Das stimmte zwar nicht, war aber semantisch richtig. Wenn es ein Wort hätte geben sollen, das die kleine Schnittmenge zwischen seiner und meiner Familiengeschichte semantisch auf den Punkt brachte, sozusagen verdichtete, und wir waren ja Dichter, so wäre es… weiter lesen
Archive for März, 2011
Das Letzte
Die Welt nimmt Anteil am Schicksal von
Knut, dem Eisbären, der sich am Wochenende
im Berliner Zoo von einem Felsen aus ins tiefe
Wasser stürzte, kurz aufzuckte und dann elend
verstarb. Dumme Medien rätseln über seinen
frühen Tod, doch nur die Berliner wissen, warum
er sich im Alter von vier Jahren das Leben
nahm: Knut war eine Seele von Mensch, ein
echter Berliner, mutterseelenallein, zunehmend
apathisch, nie hat man ihn lachen sehen,
ihn, den seine Mutter nach der Geburt böse
verstieß, weil sie sich selbst verwirklichen und
durch die lange Stillzeit ihre Figur nicht aus
der Fasson bringen wollte. Tag und Nacht
musste der Pfleger Thomas Dörflein sich um
das Findelkind kümmern, und als Knut ihn
endlich in sein Herz geschlossen hatte, da verstarb
Herr Dörflein, und Knut war wieder… weiter lesen
Morgen ist die entscheidende Landtagswahl in Deutschland. Es entscheidet sich das politische und menschliche Schicksal Angela Merkels. Deswegen haben meine Freundin Ela Angerer und ich uns entschlossen, eine gemeinsame Wahlempfehlung herauszugeben. Bekanntlich wohne ich nicht mehr in Berlin, sondern auf Schloß Laudon nahe Wien (Foto).

Dennoch traue ich mir zu, die Dinge in meiner ehemaligen Heimat noch beurteilen zu können. Ich sympathisiere mit den Grünen und dem Kopfbahnhofskonzept K21. Meine österreichische Freundin kennt sich weniger aus. Um zu einer GEMEINSAMEN Wahlempfehlung zu gelangen, einigten wir uns nun auf den Appell, Parteien aus dem demokratischen Spektrum zu wählen. Ich weiß, daß gerade die jungen Leute auf ein Zeichen dieser Art warten. Wir sagen daher: “Wählt keine Nazis ins Stuttgarter Parlament (und der Mappus ist auch blöd)!”
Wer weitere Argumente für unsere Entscheidung, die wir uns nicht leichtgemacht haben (bis zuletzt feilten wir daran, noch am späten… weiter lesen
Ovsanna Shekoyan ist erst 21 und wird einmal ein Star des Kunstbetriebs sein. Sie kommt aus Armenien und malt abhängende Jugendliche, die nichts mit sich anzufangen wissen, malt das gegenständlich, leuchtend in den Farben des Sozialistischen Realismus, kombiniert das mit alten erstarrten Angstportraits aus sowjetischen Zeiten. Mit einem Wort: sie malt gegenständlich, politisch, und niederschmetternd schön. Das Zeug werden ihr die Scouts und Sammler bald aus den Händen reißen.
Ovsanna spricht nicht gern. Lieber setzt sie sich mit einer Flasche Jim Beam an den Tisch und steht erst auf, wenn sie leer ist.
Ovsanna sieht gut aus. Ihr sinistres Kharma, in Verbindung mit deutlich erhöhten erotischen Strahlenwerten, könnte ihr im von ältlichen Frauen und Homosexuellen dominierten Kunstmarkt allerdings auch Mißgunst eintragen.

Penka Mincheva kommt aus Bulgarien. Sie kann es kaum fassen, daß sie nach Österreich durfte, Gast der Republik ist, dort unterstützt und gefeiert… weiter lesen
Gestern unterhielt sich ein sehr konzilianter Vertreter des Unternehmens mit mir, Herr Ohlscheff, und er tat das wirklich auf freundliche und wohltuende und äußerst zuvorkommende Weise. Mein Telefon ist nun auch für Österreich freigeschaltet. Alle Funktionen sind aktiviert, vor allem das Internet. Auch Facebook geht innerhalb von Sekunden. Man hat mich als Kunde wie einen König behandelt. Danke! Den auslösenden Artikel auf taz online ‘Geht nur nicht zu Base’ wird der Blogwart demnächst vom Netz nehmen.
Ein Bekannter von mir, der Ex-Ehemann einer guten Freundin, hat die 100 Ereignisse der Jahre seit dem Unfall aufgelistet, die deutlich schlimmer waren als Tschernobyl. Der arme Mann wird dafuer natuerlich belaechelt. Auch ich wuerde sowas nie tun. Jaehrlich sterben 65.000 Menschen an Feinstaub, zum Beispiel (aktueller SPIEGEL Seite 40), ein Vielfaches waere es mit den Kohlekraftwerken, die von den AKWs ersetzt wurden. Nein, nein, ich sage das alles nicht. Ich nicht. Es ist naemlich das, was die (von mir gehassten) Atomlobbyisten gebetsmuehlenartig lebenslang verbal absondern. Deshalb habe ich dann doch lieber den Krieg Hitlers bemueht, was natuerlich genauso unmoeglich, weil verbraucht ist. Ich moechte mich dafuer in aller Form bei allen, die ich dadurch verletzt habe, also bei Thomas Draschan, entschuldigen.
P.S.: Mein Eintrag ‘Wie alles ausgeht’ hat sich dennoch bewahrheitet. Schaltet nur mal in 75 Minuten das Radio an, wenn die ersten Hochrechnungen verkuendet werden. Und vom… weiter lesen
Der Artikel über das Telefon- und Handy-Unternehmen, der an dieser Stelle stand, wurde gesperrt. Da eine komplette Löschung aus technischen Gründen nicht möglich war, folgt hier ein Blindtext in gleicher Länge.
Liebe Ava,
mein lieber Bruder schickte mir noch ein paar interessante Zeilen, die wohl in der ZEIT standen, im Februar, und die ebenfalls mit Ida Ehre und unserer Familie zu tun haben. Es ließe sich dazu noch viel sagen, ja wohl ein Buch schreiben. Gestern zum Beispiel kam auf RBB diese Veit Harlan Dokumentation, und an einer Stelle erzählt dessen Tochter, wie sie als Kind miterleben mußte, wie ihre Eltern – Veit Harlan und Kristina Söderbaum – in den Hamburger Kammerspielen 1948 in einer Vorführung saßen. Es gab in der Zeit noch kein anderes Theater im zerstörten Hamburg. Die Harlans waren natürlich Theaterfanatiker. Kurz vor Beginn des Stückes trat die Prinzipalin auf die Bühne und sagte: “Wir… weiter lesen
Weil ja nie jemand sagt, wie die fest verabredete Super Gau Apokalypse dann konkret aussieht, ganz kurz die Info dazu:
Seit einer Woche haben wir ja die Kernschmelze, wie Minister Röttgen und die entsprechenden Fachleute gesagt haben. Von Anfang an erwartete man in unmittelbarer zeitlicher Nähe das Bersten der Behälter und damit – ENDLICH – die Tschernobylsituation. Angeblich war das gar nicht mehr zu stoppen, da die Brennstäbe nicht mehr gekühlt wurden.
Sie werden aber halten, die Behälter. Gute alte Wertarbeit, aus Zeiten, da der VW Käfer die Welt eroberte und Hitlers Kampfgenosse Franco ein Schwestermodell vom Reaktor in Spanien einweihte. Da platzt nichts, weil der Überdruck immer qua Automatikventile nach draußen gelassen wird (deshalb die gemessene Strahlung, die für die armen Arbeiter zum Verhängnis wird, nicht jedoch für die übrigen 178 Millionen Japaner). Irgendwann wird man die Kühlaggregate wieder zum Laufen gebracht haben, und dann entschärft sich… weiter lesen
1001 repraesentativen Deutschen wurde vor Jahresfrist die Frage gestellt, was fuer sie die groesste Katastrophe der Menschheitsgeschichte gewesen sei. Na klar, sicher doch das sechsjaehrige Wueten der Wehrmacht in zahllosen Laendern, das Zerstampfen, Zertreten, Zerschmettern von 55 Millionen Menschenkoerpern, das unvorstellbare Berserkern, Anzuenden, Zubomben, Erschiessen, Vergasen, Verhoehnen, Denunzieren, Rueckgratbrechen und so weiter gegenueber der gesamten Bevoelkerung Europas, das Bruellen, Luegen, Hassen, Toeten, das Ausrotten von Rassen, Denkrichtungen, Werten, von Schoenheit, Religion, Ethik, Guete… der Satz koennte noch lange weitergehen. Aber die Befragten gaben eine ganz andere Antwort. 61 Prozent bezeichneten Tschernobyl mit seinen 249 Toten als das Desaster aller Desaster.
Eine Telefonkonferenz mit allen mir zugaenglichen Redaktionen ergab: niemand will von mir einen Kommentar drucken, in dem die Strahlenangst als real existierende aktuelle Volksreligion beschrieben wird. Tschernobyl gilt uns Deutschen als die groesste vorstellbare und niemals zu wiederholende Mutter aller Katastrophen, eben als das Schlimmste auf Erden ueberhaupt. Eine dreistellige Zahl an Menschen starben, ein Zehntausendstel des betroffenen Landes wurde unbewohnbar. Tja. Oeko-Hardliner vermuten eine hohe Dunkelziffer und bis zu zehntausend Tote auf 50 Jahre bezogen. Also die Zahl der jaehrlichen Verkehrstoten eines mittleren Landes. Reicht das aus, um hundertmal mehr oeffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als die ECHTEN Katastrophen, Buergerkriege, Voelkermorde, die Millionen, die allein in Darfur gekillt werden, die 80.000 Bombentote durch die US Luftwaffe in Afghanistan, 200.000 in Irak, das Gemetzel gerade in Lybien? Natuerlich nicht.
Das groesste Tabu auf allen Kanaelen und allen Talkrunden ist die Frage nach den groessten denkbaren Schaeden. Auch Maischberger… weiter lesen