Die zweite Meinung

von lottmann

Eine Telefonkonferenz mit allen mir zugaenglichen Redaktionen ergab: niemand will von mir einen Kommentar drucken, in dem die Strahlenangst als real existierende aktuelle Volksreligion beschrieben wird. Tschernobyl gilt uns Deutschen als die groesste vorstellbare und niemals zu wiederholende Mutter aller Katastrophen, eben als das Schlimmste auf Erden ueberhaupt. Eine dreistellige Zahl an Menschen starben, ein Zehntausendstel des betroffenen Landes wurde unbewohnbar. Tja. Oeko-Hardliner vermuten eine hohe Dunkelziffer und bis zu zehntausend Tote auf 50 Jahre bezogen. Also die Zahl der jaehrlichen Verkehrstoten eines mittleren Landes. Reicht das aus, um hundertmal mehr oeffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als die ECHTEN Katastrophen, Buergerkriege, Voelkermorde, die Millionen, die allein in Darfur gekillt werden, die 80.000 Bombentote durch die US Luftwaffe in Afghanistan, 200.000 in Irak, das Gemetzel gerade in Lybien? Natuerlich nicht.
Das groesste Tabu auf allen Kanaelen und allen Talkrunden ist die Frage nach den groessten denkbaren Schaeden. Auch Maischberger scheiterte daran gestern. Was passiert, wenn nun wirklich der Behaelter platzt? fragte sie immer wieder. Ja, dann geschehen Dinge, die nicht mehr vorhersehbar oder gar steuerbar sind. So? Welche denn, bitte mal Klartext! Ja, stotter, stotter, dann kann es sein, dass die Kernschmelze kaum noch aufzuhalten sein wird. Ja, weiter, und dann? Oh, ja dann, oh mein Gott, dann muss man wirklich mit dem Schlimmsten rechnen. Womit denn?? Dann, Frau Maischberger, koennte die giftige Kernschmelze in den Boden absinken. Ja, und was bedeutet das? Oh, dann waere dieser Boden auf Jahre vergiftet, ausserdem kaeme Strahlung in die Luft, die hunderte von Kilometer fortgeweht wuerde. Sterben davon Menschen? Nein, das nicht. Werden sie davon krank? Nun, das eigentlich nicht. Aber die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, steigt um 0,6 Promille im Umkreis von 80 Kilometern rund um so einen Fall Out Reaktor.
Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall zu sterben, bleibt unendlich viel hoeher. Aber darauf hinzuweisen, gilt als zynisch. Weil es unsere grosse letyte verbliebene Volksreligion, die grosse Angst vor dem Unsichtbaren, in Frage stellte.


12 Kommentare zu "Die zweite Meinung"

  1. Zur genannten Bewertung der Risiken großflächiger will ich mich nicht weiter äußern als dass sie in der Tat umstritten sind und die genannten Zahlen sich sehr deutlich im unteren Bereich der Abschätzungen bewegen – die pessimistischeren Zahlen sind mehr als zehn mal so hoch. Durch Statistiken kausale Zusammenänge zu belegen, ist schwierig selbst dann wenn diese Zusammenhänge sehr naheliegend sind – wie im Fall der Kinderkrebsquote – oder offensichtlich, wie die veränderten Geschlechterverhältnisse bei Neugeborenen in der Nähe von AKWs.

    Aufmerksam machen möchte ich dagegen auf eine andere arugmentative Figur, welcher der Autor zu erliegen scheint: Die unrichtige Trennung von direkten und indirekten Folgen. Zum Beispiel wird im Fall von Tscernobyl argumentiert, dass die beobachtete Zunahme von psychischen Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht auf die Strahlung zurückzuführen sei, sondern auf Faktoren wie den Verlust der Heimat und gesicherter Einkommensquellen. Diese Argumentation ist unrichtig: Wenn ein Ereignis A eine Folge B hat und diese dann wiederum die Folge C verursacht, kann ich sagen, dass A verantwortlich für C ist.

    Ein Beispiel: Es wird oft gesagt, dass Fahren mit hoher Geschwindigkeit tödliche Unfälle verursacht. Der geübte Sophist könnte jetzt argumentieren, dass die tödlichen Verletzungen gar nicht Folge des schnellen Fahrens sind, da sie nicht durch die Fahrgeschwindigkeit verursacht werden, sondern durch einen Aufprall, WENN das Fahrzeug außer Kontrolle gerät. Demnach würde hohe Geschwindigkeit nict für den Unfall verantwortlich sein. Wir wissen, dass das falsch ist, denn die zu hohe Geschwindigkeit ist die direkte Ursache für den Verlust der Kontrolle.

    Genauso tragen die mittelbaren Folgen wie Verlust des Zuhauses, des materiellen Besitzes, der Arbeitsstelle zu den Folgen von Atomkatastrophen wie Tschernobyl bei. Um so mehr, als die Flucht ja direkt darin begründet ist, starken direkten Folgen der Strahlung zu entgehen.

    Dass Flucht das Lebensglück und Wohlergehen von Menschen nicht fördert, ist eine Binse. Wenn Atomkatastrophen Flucht und Folgebelastungen verursachen, dann ist die Nutzung der Technologie auch für diese direkt verantwortlich.

  2. Was für eine grundlegend dämliche Argumentation!
    Die Chance, in Deutschland (oder sogar generell als Deutscher) im Jahre 2011 an einem Krieg zu sterben, dürfte auch weitaus geringer sein als die, an hierzulande einem Verkehrsunfall zu sterben.
    Und dennoch steht wohl ausser Frage, das Kriege zu vermeiden sein sollten.

  3. Zu diesem und dem letzten Feed fällt mir etwas ein. Senden Sie mir mal eine eMail und ich schicke mein aktuelles Facebook Profilbild zurück, das bei einem beträchtlichen teil meiner “Freunde” für Irritation gesorgt hat.
    Beste Grüße
    Jean

  4. Völkermord gegen Atomunfall aufzurechnen ist wohl das blödeste das ich seit Jahren gehört habe. Die Japaner sind nicht zuletzt deshalb in Panik weil in Reaktor 3 Michoxydelemente verwendet werden: Sprich: Plutoniumgefahr. Über Plutnium möge sich jede selbst informieren. Bei Frau Meischberger besser nicht, wie auch zu sonst keinem Thema. Wenn man sich solchen Schwachsinn ansieht könnte man sich auch vorstellen: Was sagte Frau Meischberger zu James Joyce oder zur Physik der Transurane. Da ist es vermutlich besser sich mit Claudia Schiffer über Infinitesimalrechnung oder Qantenphysik zu unterhalten, obwohl: Quantenphyisik versteht kaum ein Mensch und daher glaubt auch jede Esoterikhausfrau mitreden zu dürfen. Bei den Aufräumarbeiten in Tschernobyl sind offiziell und unmittelbar 35 000 Menschen ums Leben gekommen. Die weiteren Folgeschäden können natürlich schöngeredet werden. Dann noch schöne Grüße an Frau Merkel und ihre Atomschergen aus Wien.

  5. So ist das in Deutschland.

    „If we can’t think for ourselves, if we’re unwilling to question authority, then we’re just putty in the hands of those in power. But if the citizens are educated and form their own opinions, then those in power work for us. In every country, we should be teaching our children the scientific method and the reasons for a Bill of Rights. With it comes a certain decency, humility and community spirit. In the demon-haunted world that we inhabit by virtue of being human, this may be all that stands between us and the enveloping darkness.” – Carl Sagan

    http://ernstwilhelm.wordpress.com/category/politik/page/22/

  6. Es ist immer wieder schön zu lesen, dass man Tote gegen Tote aufwiegt um zu beweisen, was denn nu katastrophaler war. Das ist arm. Aber auch wieder sehr deutsch. Da werden nicht nur Äpfel und Birnen gewogen, sondern gleich ein ganzes Gemüsebeet vermessen. Und das Fazit ist an erdrückender Beweislast kaum mehr zu überbieten: “Verkehrsunfall – unendlich viel höher”. Unendlich.

    Mehr muss dazu nicht gesagt werden. Ich schlage vor, ein Physikbuch der 8..9ten Klasse in die Hand zu nehmen, dann hätten Sie sich die rhetorischen Fragen an Frau Maischberger durchaus sparen können.

  7. Nach Tschernobyl hatte die Regierung Kohl eine Studie in Auftrag gegeben, was im “worst case” bei einem Supergau in Deutschland passieren könnte. Resultat in Stichworten: Kernschmelze in Biblis; 10.000 plus X Tote sofort; 100.000 Tote langfristig; volkswirtschaftlicher Schaden in Euro umgerechnet ca. 2.500 Milliarden; Großraum Frankfurt am Main über hundert Jahre unbewohnbar.

    Sicher die “Chance” so etwas zu erleben ist sehr gering. In etwa so unwahrscheinlich wie eine Beben Stärke 9 in Nordjapan. Dennoch sind die Auswirkungen mit einem Nebelunfall auf der A7 nicht zu vergleichen und verbieten sich.

    Das ist zu mindest meine Meinung.

  8. vielleicht haben sie es noch nicht begriffen: ein radius von mindestens 30 kilometern um fukushima wird unbewohnbar sein, mindestens. vermutlich sogar noch mehr fläche. kann man wissen, wenn man will.
    für die menschen dort ist das eine ECHTE katastrophe: die rettungsmaßnahmen nach erdbeben und tsunami werden durch den super-gau dort massiv beeinträchtigt, viele werden nicht mehr in ihre orte zurück können.
    vielleicht sollten sie die berichterstattung etwas intensiver verfolgen – gerade ihre annahme, es würde sich hier bei der angst vor strahlung um ein deutsches phänomen handeln zeigt einfach nur, dass sie einen begrenzten radius zu haben scheinen, der ausländische presse nicht mit einschließt.

    die medien halten sich z.b. was den begriff super-gau angeht ziemlich zurück und de facto – auch nach atomlobbydefinition – haben wir dort schon einen super-gau. die arbeiter vor ort werden nicht nur irgendwann sterben, sondern in den nächsten wochen bzw. monaten. kann man auch wissen, wenn man will. und ja, das liegt an den strahlen. das ist nämlich keine volksreligion, sondern etwas, das in der realität menschen tötet.

    wenn man jetzt nicht auto fährt, ist man von diesem von ihnen so hoch eingeschätzten risiko des todes durch auto fahren nicht betroffen.
    nicht von einem akw bedroht zu werden, diese wahl habe ich nicht, insofern hinkt dieser autovergleich: ihr artikel fällt nicht besonders durch logische gedankenführung auf.

    des weiteren, wenn sie die ihrer meinung nach echten katastrophen darüber hinaus vergessen, ihr problem. nur weil japan grad meistens ganz oben auf der seite steht, heisst das nicht, dass ich nicht bis nach unten scrollen würde – liegt wohl mehr an der typischen journalistischen arroganz, zu meinen zu wissen, wie leicht der leser durch berichterstattung beeinflussbar ist: nur weil sie was auf die eins packen und damit die hauptnachrichten füllen, heisst das nicht, dass ich das auch als das wichtigste ansehe und alles andere darüber hinaus vergesse.

    diesen kommentar von ihnen finde ich so überflüssig wie die sendung menschen bei maischberger, keine neue information, keine genialität in der gedankenführung, nicht mal sprachlich irgendwie ein genuss. einfach nur ein senf dazu geben: vielleicht ist das der grund, warum niemand den artikel drucken will.

  9. Oder einmal hier entlang: http://de.wikipedia.org/wiki/Katastrophe_von_Tschernobyl

    “Die Weltgesundheitsorganisation schätzte in einem 2005 veröffentlichten Bericht, dass bis zu 4000 Menschen an den Folgen der Strahlenexposition durch den Unfall gestorben sein werden. Bis Mitte 2005 wurden jedoch weniger als 50 Sterbefälle als direkte Folge der Strahlung identifiziert, die meisten von ihnen Arbeiter der Aufräumarbeiten. Die Gesundheitsschäden durch den Unfall waren potenziell entsetzlich, nach eingehender wissenschaftlicher Untersuchung blieben sie jedoch deutlich hinter den Befürchtungen zurück.”

    Was ohnehin für mich das Interessanteste ist: Die Auswirkungen von Atomunfällen werden überschätzt und die Wahrscheinlichkeit wohl eher unterschätzt.

  10. mein gott, was für ein scheissartikel…
    genau die gleiche beschissene argumentation derer verantwortlicher…
    borderline? aber volle kanone.
    lottmann, erspare uns bitte in zukunft solch BLÖDwagnerischen ergüsse.

  11. @Ernst Willhelm:
    Schön wenn man nur die Informationen zu sich nimmt, die man sehen will. Der Link den Sie gepostet haben enthält auch ganz andere Zahlen, so zum Beispiel:

    “Einige Studien von anderen Organisationen und Wissenschaftlern beschreiben im zeitlichen Zusammenhang mit der Katastrophe hingegen einen deutlichen Anstieg von genetischen bzw. teratogenen Schäden wie Totgeburten und Fehlbildungen in der Unglücksregion, aber auch in Deutschland und in anderen europäischen Ländern und legen einen ursächlichen Zusammenhang nahe.”

    “Zu höheren Fallzahl-Schätzungen kam der Bericht The Other Report on Chernobyl (TORCH). Er kommt zum Ergebnis, dass zwischen 30.000 und 60.000 zusätzliche Krebstodesfälle durch die Katastrophe von Tschernobyl möglich sein könnten.”

    Das Argument, das “nur” 50 Personen an den direkten Folgen gestorben sind, wiegt die Langzeitfolgen nicht auf, bei weitem nicht. Und wenn Sie meinen das die Auswirkungen von Atomunfällen (bzw. Radioaktiverstrahlung) überschätzt werden, sollten Sie sich eventuell auch mal mit Hiroshima und den genetischen Langzeitschäden beschäftigen.

    @lottman:
    Selten so einen schlecht fundierten, schwachsinnigen und blauäugigen “Artikel” gelesen. Selbstverständlich will das niemand drucken bzw. in seiner Onlineausgabe feilbieten. Argumentativ eine sechs, sprachlich nicht weit davon entfernt. Aber versuchen Sie es ruhig weiter, vielleicht gelingt Ihnen irgendwann mal ein Geniestreich; hoffentlich einer der nicht zu 50% aus Ihrer Sicht auf eine Fernsehsendung besteht.

    Wünsche eine Gute Nacht.

    P.S.: Vielleicht sollten sich Ernst W und lottman zusammentun und mal ein paar allgemeingültige Fakten recherchieren. Stichworte wären hier: Radioaktivität, Halbwertzeit, Strahlenkrankheit, Langzeitschäden, Kontaminierung von Ökosystemen. Wäre ein Anfang.

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