Heute nahm ich mir die Geschäfte für Dessous vor, nachdem ich für die einzige echte Tageszeitung mit Niveau hier in Wien über die allgemeine und zunehmende Pornographisierung des Landes zu schreiben hatte (die Ausgabe erscheint morgen, aber schon jetzt am späten Abend sieht man die Nachtbummler Wiens diesen Artikel gierig verschlingen). Also, die Lingerie. So heißt die Branche neuerdings. Victoria’s Secret hat den neuen terminus technicus durchgesetzt. Ich gehe den Graben entlang, diese Straße in der Innenstadt, und sehe überall dieses ebenfalls neue und häßliche Wort SALE. Spricht man wohl ‘sejl’ aus. Selbst die normalen Läden mit diesem SALE Schild arbeiten mit Nacktpuppen. Früher wäre das schlicht unerhört gewesen. HUMANIC, Triumph, BIPA, Palmers, überall Nacktmodelle, auch auf Fotos. Die tragen zum Teil Strumpfbänder wie vor hundert Jahren im Bordell. Rüschen, kleine Diamanten auf der Unterhose, im Schritt, auf den Körbchen genau in der Mitte. Die Schaufensterpüppchen knochig, kindhaft, trotzdem busenbetont.… weiter lesen
Archive for Januar, 2012
Seit Jahresbeginn gibt es eine zweite Welle von Besprechungen für die im Spätherbst erschienenen Romane. Welt am Sonntag Blattmacher Matthias Wulff, nicht verwandt mit dem unseligen Bundespräsidenten, hat in seiner neuen Eigenschaft als Feuilletonchef des Berliner Spriner-Flaggschiffs ‘Berliner Morgenpost’ nachfolgende Rezension unter der kryptischen Headline ‘Ein Buch für die kalte Jahreszeit oder auch zwei’ verfaßt. Hat mir natürlich sehr gefallen. Tatsächlich beschäftige ich mich zur Zeit NOCH EINMAL mit dem Thema des Buches, also die zunehmende Pornographisierung von Staat & Gesellschaft. Dazu gleich mehr, vorher aber der Matthias-Wulff-Text:
Für Paranoiker
Aus voyeuristischer Sicht sind Joachim Lottmanns Romane interessant, weil die eine Hälfte der Wahrheit entspricht und die andere verzerrt, überhöht, verfälscht ist. Welche Hälfte wahr ist, weiß wahrscheinlich selbst Lottmann nicht.
Erstaunlich bleibt es, wie ein Mann, der Schwierigkeiten hat dem anderen unverkrampft gegenüberzutreten, einen so treffenden Blick für Schwächen und Macken des Gegenübers hat. Populär wurde er durch… weiter lesen
Im ‘Tagesspiegel’ erschien gestern eine aufwendig erstellte Rezension (9.500 Zeichen) des Romans ‘Hundert Tage Alkohol’, auf die man einmal und erstmals grundsätzlich eingehen könnte. Ich sonne mich ja seit Ewigkeiten in dem Bewußtsein, radikal mißverstanden zu werden. Das ist ein Gefühl echter Freiheit. Und es entsteht auf jedem Niveau. Also dann, wenn ich böse angegriffen werde, und auch dann, wenn ich – wieder aus fundamentalen Mißverständnissen heraus – gefeiert werde, wie jetzt bei Gerrit Bartels. Ich fragte mich gestern beim Einschlafen, ob ich eigentlich jemanden seine falsche Sicht ausreden könne, ob das überhaupt möglich sei, ganz abgesehen davon, daß es für mich natürlich geschäftsschädigend wäre. Denn meine Wirkung hat sicherlich mit diesen vielen falschen Bildern zu tun, die meine Texte hervorrufen. Bartels zum Beispiel hat nun schon den dritten Langtext über mich im ‘Tagesspiegel’ geschrieben. Wohlweislich haben wir es beide vermieden, uns jemals zu treffen oder wenigstens zu telefonieren. Seine… weiter lesen
In der aktuellen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung findet sich auf der Seite eins des Feuilletons ein bemerkenswerter Essay über das euphorische Lebensgefühl in der Stadt Wien. Dort, in der österreichischen Hauptstadt, leben zumindest große Teile des gehobenen Bürgertums samt angeschlossenen Künstlerkreisen in bester Stimmung. Ja, selbst die übrigen Schichten der Bevölkerung scheinen gute Laune zu haben. Das ist erstaunlich, bedenkt man den finsteren Tenor aller Aussagen, die in Deutschland zum Jahreswechsel getan werden. Es ist ja ein einziges Geschimpfe, vom Taxifahrer bis zum angesehenen Leitartikler: alles ist angeblich korrupt, marode, geht den Bach runter, verlogen, aussichtslos, am Ende. Der Politik darf man kein Wort mehr glauben, die Wirtschaft ist ein hybrides, geistesgestörtes Spielkasino, die Religion ein Ort millionenfacher Kinderschändung, Christian Wulff der größte lebende Peinsack seit 1945. Oder so ähnlich. Ich kann nur den Sound wiedergeben, nicht das Detail. Hartz 4, diese Lachnummer, wird immer lächerlicher, angeblich, mit zehn… weiter lesen
Folgender Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT wurde vom zuständigen Gremium mit dem Henri Nannen Preis 2012 ausgezeichnet:
Zeit_2011_41_0215
Zeit_2011_41_0216
Dieser posthume Bericht über den österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider erschien am 6. Oktober unter der Überschrift ‘Kleine Freiheit Nr. 11′. Beschrieben werden die letzten Stunden vor seinem Tod, die er in einer Klagenfurter Schwulenbar verbrachte. Christa Zöchling, die Haider gut gekannt hatte, fuhr mit mir deswegen in die Kärntner Landeshauptstadt, und wir mieteten uns in einem Hotel unweit der Bar ein. Die Momente vor unserem Einsatz waren aufregend. Würden uns die Schwulen überhaupt hineinlassen? War uns nicht die feindliche Einstellung zum Nationalsozialismus anzusehen? Durfte Frau Zöchling als Frau in dieses Männerlokal? Spürte man meine langjährige, nur mühsam auskurierte Homophobie noch immer? Würden die Homos versuchen, mich umzudrehen? Würden sie mich gar erkennen, als den deutschen Journalisten, der gern gemeine Geschichten schrieb? Oder Frau Zöchling, die mit ihrem Buch über… weiter lesen