Immer wieder, auf und nieder: Hundert Tage Alkohol

Im ‘Tagesspiegel’ erschien gestern eine aufwendig erstellte Rezension (9.500 Zeichen) des Romans ‘Hundert Tage Alkohol’, auf die man einmal und erstmals grundsätzlich eingehen könnte. Ich sonne mich ja seit Ewigkeiten in dem Bewußtsein, radikal mißverstanden zu werden. Das ist ein Gefühl echter Freiheit. Und es entsteht auf jedem Niveau. Also dann, wenn ich böse angegriffen werde, und auch dann, wenn ich – wieder aus fundamentalen Mißverständnissen heraus – gefeiert werde, wie jetzt bei Gerrit Bartels. Ich fragte mich gestern beim Einschlafen, ob ich eigentlich jemanden seine falsche Sicht ausreden könne, ob das überhaupt möglich sei, ganz abgesehen davon, daß es für mich natürlich geschäftsschädigend wäre. Denn meine Wirkung hat sicherlich mit diesen vielen falschen Bildern zu tun, die meine Texte hervorrufen. Bartels zum Beispiel hat nun schon den dritten Langtext über mich im ‘Tagesspiegel’ geschrieben. Wohlweislich haben wir es beide vermieden, uns jemals zu treffen oder wenigstens zu telefonieren. Seine Projektion wäre sicherlich zusammengebrochen. Er hätte mich zum Beispiel kürzlich anläßlich der großen Doppelpräsentation von ‘Hundert Tage Alkohol’ und ‘Unter Ärzten’ in Wien aufsuchen können. Das Zimmer im Hotel Fürstenhof nahe dem Westbahnhof war schon bezahlt. Der Mann hätte womöglich einen aufrichtigen, mitfühlenden älteren Herrn kennengelernt, mitsamt seiner ebenso integren, hochintellektuellen und humorvollen Frau, und dieses Paar hätte auf ihn einen derart verliebten, ja geradezu euphorischen Eindruck gemacht, daß ihm sein Bild vom verschwiemelten, halbseidenen, sex- und spielwütigen Hasardeur und Jungspund vielleicht – leider – abhanden gekommen wäre. Aus dem großen Lügenbaron wäre Bürger Lottmann geworden. Und was dann? Mit Texten wie dem folgenden wäre es aus gewesen. Hier der Link:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/antiheldenplatz/6048788.html

Aber es wäre auch leichter gegangen. Der Redakteur hätte mich gar nicht kennenlernen müssen. Schon der Hinweis auf meine Arbeitsweise hätte ihn stutzig machen müssen. Wie eigentlich in diesen Kreisen bekannt, schreibe ich immer nur Tagebuch. Ich tue das seit meinem sechsten Lebensjahr, und ich tue es täglich. Bevor ich erstmals veröffentlichte, lagerten schon unzählige spätere ‘Romane’ in meinem legendären Lottmann-Bücher-Schrank. Dazu empfehle ich Helge Malchows Essay beziehungsweise Nachwort in der aktuellen Auflage von ‘Mai, Juni, Juli. Ein Roman’. Auch später blieben 90 Prozent meiner Texte unveröffentlicht, blieben also was sie waren: Tagebuch, von keinem gelesen, selbst von mir nicht. Bartels große, allesmitreissende These, mit der er jedes neue Buch analysiert, nämlich ich sei ein Lügner, ist also von Anfang an idiotisch. Denn warum sollte einer sich fortwährend im Tagebuch selbst anlügen? Es ist wohl eher so, daß sich deutsche Medienknechte partout nicht vorstellen können, so frei zu leben wie ich. Damit will ich nicht sagen, Gerrit Bartels sei ein Medienknecht. Das Interessante an ihm ist ja gerade, daß er sich an der in meinen Büchern gezeigten Freiheit so reibt. Wahrscheinlich spürt er, daß er selbst nah dran ist, oder war, oder sein könnte. Leider ist er im Zeitalter des Medienfaschismus aufgewachsen, ja großgeworden, aber es hätte auch anders kommen können.
Eine dritte Methode, dem Buch ‘Hundert Tage Alkohol’ gerecht zu werden, wäre die Lektüre meines eigenen Essays dazu in der ‘Frankfurter Allgemeinen’ gewesen, letzte Woche, Titel ‘Im Rausch der Tiefe’ (hier abgedruckt). Neun von zehn von Gerrits Thesen wären nicht möglich gewesen, hätte er diesen Text gekannt. Offenbar hatte er seine Rezension noch im alten Jahr verfaßt. Ein Glück! Aber nun kann er ihn ja in aller Ruhe lesen. Und dabei vielleicht ein Foto des real existierenden Ehepaars Joachim und Christa Lottmann betrachten:

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