Pornographisierung von Staat und Gesellschaft, neue Rezensionen

Seit Jahresbeginn gibt es eine zweite Welle von Besprechungen für die im Spätherbst erschienenen Romane. Welt am Sonntag Blattmacher Matthias Wulff, nicht verwandt mit dem unseligen Bundespräsidenten, hat in seiner neuen Eigenschaft als Feuilletonchef des Berliner Spriner-Flaggschiffs ‘Berliner Morgenpost’ nachfolgende Rezension unter der kryptischen Headline ‘Ein Buch für die kalte Jahreszeit oder auch zwei’ verfaßt. Hat mir natürlich sehr gefallen. Tatsächlich beschäftige ich mich zur Zeit NOCH EINMAL mit dem Thema des Buches, also die zunehmende Pornographisierung von Staat & Gesellschaft. Dazu gleich mehr, vorher aber der Matthias-Wulff-Text:
Für Paranoiker

Aus voyeuristischer Sicht sind Joachim Lottmanns Romane interessant, weil die eine Hälfte der Wahrheit entspricht und die andere verzerrt, überhöht, verfälscht ist. Welche Hälfte wahr ist, weiß wahrscheinlich selbst Lottmann nicht.

Erstaunlich bleibt es, wie ein Mann, der Schwierigkeiten hat dem anderen unverkrampft gegenüberzutreten, einen so treffenden Blick für Schwächen und Macken des Gegenübers hat. Populär wurde er durch den Berlin-Mitte-Roman “Die Jugend von heute” vor einigen Jahren, aber zu einer ernsten Größe des Literaturbetriebs mit den Walsers, Lewitscharoffs, Tellkamps wird es Lottmann, Jahrgang 1956, nicht mehr schaffen. Er ist zu amüsant, zu offensiv neurotisch und latent unseriös.

In seiner Schreibbesessenheit könnte er es mit Martin Walser allerdings aufnehmen. “Unter Ärzten” erschien in diesem Herbst bei Kiepenheuer und Witsch, ein Roman, in dem Lottmanns Alter Ego Johannes Lohmer von Therapeut zu Therapeut hüpft und wieder und wieder einen neuen Remix seines Lebens veröffentlicht, wenn er nicht gerade von seiner herzlosen, unbarmherzigen Freundin gedemütigt wird. Das liest man über 100 Seiten, auch mit Freude, aber nach der x-ten Schleife über Therapeuten reicht es dann.

Richtig gut ist Lottmann, wenn er Reportagen schreibt. So ist sein anderes Werk, das er im Herbst vorlegte, empfehlenswerter. Lottmann berichtet, wie er Deutschland fluchartig verlassen muss, in die Schweiz geht und nach Österreich (wo er heute tatsächlich lebt). Grund für den Aufbruch ist “Groupie”, wie er sie nennt, die sich von ihm sexuell belästigt fühlt und Anzeige erstattet. Joachim Lottmann, und das gibt dem Jahr einen passenden Ausklang, stellt sich in eine Reihe mit Kachelmann, Strauss-Kahn, Asssange et al. Natürlich ist sie kein Groupie im engeren Sinne, eine Journalistin, eine in “blühender Reife stehende Frau”, wie Lottmann ihr gehässig hinterher wirft, mit ihren 46 Jahren.

Lottmann glaubt in ihr ein Opfer der Pornofizierungswelle zu sehen, die sich einen Annäherungsversuch zusammenbastelt, was Lottmann, den letzten Romantiker aus Berlin-Mitte, zutiefst abstößt. Mit der ihm eigenen Paranoia sieht er sich trotzdem ständig kurz vor der Verhaftung durch die Polizei, schließlich hatte er ihr eine brillantenbesetzte Uhr geschenkt, das würde den Verdacht erhärten: “Für so ein Geschenk musste eine schöne Frau ins Bett, in allen Kulturenkreisen, in allen Jahrhunderten, ob sie wollte oder nicht.” Dass die Uhr aus Indien stammt und um die vier Euro gekostet hat, wusste Groupie ja nicht.

Er landet in der Schweiz (“hasserfüllte, menschenverachtende, ganz und gar böse Gesichter”), dann in Wien, auf der Suche nach einer fester Lebenspartnerin, die ihn vor Vergewaltigungsvorwürfen schützen möge, und erinnert sich höchst ungern an Berlin: “Da laufen jetzt drei Millionen Menschen herum, feiern in Clubs, reden über Sex und verblöden. Da kann keiner mehr die Miete bezahlen.”
MATTHIAS WULFF
(Joachim Lottmann Hundert Tage Alkohol: Kein Roman. Czernin, 164 Seiten, 19,80 Euro).
Soweit die Worte des legendären WamS-Feuilletonisten. Morgen geht es weiter mit meinen Erlebnissen in der österreichischen Lingerie-Branche. Für Leute, die glauben, die Wienerinnen hätten noch mächtig viel Anstand im Leib, werden meine Beobachtungen vielleicht ein Schock sein… Jetzt noch ein Link zu einer weiteren Rezension von ‘Hundert Tage Alkohol’:
vn_Kolumne_lottmann

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