Joachim Lottmann vs. Wolfgang Koeppen

Hier noch einmal die ursprüngliche, noch unredigierte, handschriftliche Fassung des gestern ins Netz gestellten FAZ-Textes. Inzwischen hat sich natürlich viel getan, und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich preisgebe, daß Anna Katharina Hahn fast uneinholbar in Führung liegt, gefolgt von Tex Rubinowitz, der allerdings bereits als Favorit für den diesjährigen Ingeborg Bachmann Preis bei den Literaturtagen in Klagenfurt gilt (Kandidat von Hubert Winkels):

“Im Juni 2010 wurde der Schriftsteller Joachim Lottmann auf Vorschlag von Sibylle Berg mit dem angesehenen Wolfgang Koeppen Literaturpreis der Stadt Greifswald ausgezeichnet. Das Besondere dieses Preises ist, daß der Preisträger nach zwei Jahren seinen Nachfolger selbst bestimmt.

Die Suche nach dem Koeppen Preis

Von Joachim Lottmann

Am liebsten hätte ich Christian Kracht als neuen Preisträger gesehen. Es wäre eine Herzensentscheidung gewesen. Ich las vorab seinen neuen Roman ‚Imperium‘ – sein Verleger Helge Malchow hatte ihn überglücklich aus Kenia mitgebracht, wo der Autor wohnte – und fühlte mich mehr als wohl. Ich muß sagen: jeder Satz, jede Seite haben mir gefallen, und ich mußte nicht mehr länger suchen. Malchow sagte ernst: „Christian hat auch noch nie einen Preis bekommen, wie du. Der würde sich echt freuen.“
Wirklich? Ich streckte meine Fühler aus, bekam aber keine Signale zurück. Im Betrieb galt es als unwahrscheinlich, daß Kracht mich mochte. Er stand unter dem Druck seiner Freunde im sogenannten Goetz Kreis, die mich regelrecht haßten. Ich wiederum stand unter dem Druck von Sibylle Berg, die mir den Preis vor zwei Jahren mit der Bitte verliehen hatte, ihn bloß nicht den Schurken um Goetz, Biller, Stuckrad und Kracht zu vermachen. Sie hatte nicht Schurken gesagt, sondern sich noch derber ausgedrückt. Sie haßte diese Leute und dachte, ich würde es auch tun. Durfte ich Sibylle enttäuschen? Ja, denn plötzlich wurde Kracht denunziert, aus heiterem Himmel, als faschistoid, natürlich zu unrecht. Der Literaturkritiker des SPIEGEL Georg Diez zog über mein so geliebtes ‚Imperium‘ her, und so hatte ich ein weiteres Motiv. Ich konnte dem Denunzierten beistehen. Das würde sogar Sibylle Berg verstehen.
Leider irrte ich mich. Das Buch schoß aufgrund des Skandals die Bestsellerlisten hoch, wurde ein phantastischer Verkaufserfolg. Wozu brauchte ein reichgewordener Autor dann noch das Preisgeld von 5.000 Euro? Die Gefahr, daß Kracht den Preis aus meiner Hand glatt ablehnte, stieg. Von den Leuten aus dem elitären Kreis um Rainald Goetz war nur Benjamin von Stuckrad-Barre bereit, mir überhaupt die Hand zu geben. Bei Veranstaltungen und zufälligen Begegnungen trat er immer beherrscht auf mich zu, Gesicht und Körper vollkommen angespannt, gab mir kurz und bestimmt die Hand, nickte und wandte sich wieder ab. Man konnte nur ahnen, wieviele Prügel er sich damit einhandelte. Er hätte den Preis angenommen, und sein bisheriges Lebenswerk paßte zu ihm. Sogar besser als das von Kracht. Stuckrad machte sich angreifbar, ging dahin, wo es wehtut, nämlich in den Strafraum der Mediengesellschaft. Ich hatte das in diversen Publikationen schon behauptet, leider. Nun würde eine Laudatio auf den Helden der 90er Jahre angestaubt wirken. Wir leben inzwischen nicht mehr in der Ära des Medienfaschismus, sondern in der des Internets. Zudem war Stuckrads letzte Tat ein unverzeihlicher Flop. Er hatte mit Dietl zusammen das Drehbuch zu einem ‚Rossini‘-Remake geschrieben. Schon das Original war der Endpunkt eines jahrzehntelangen Sturzes, ein sexistisches Männerbesäufnis. Nein, ich prüfte lieber andere Autoren. Gut wäre eine Frau gewesen, eine Feministin. Ich hätte dauerhaft das Gerücht zerstreut, meine Texte seien frauenfeindlich. Und so studierte ich Marlene Streeruwitz, Sabine Gruber, Elfriede Jelinek, Alina Bronsky und Anna Katharina Hahn.
Die Jelinek las ich gern, aber die hatte ja schon den Nobelpreis. Alina Bronsky mochte ich als Mensch, aber ihre Bücher irritierten mich. Das neueste kam gerade auf den Markt, ist ein Jugendbuch und für 15jährige Mädchen mit Migrationshintergrund sicher die Rettung. Dafür, dachte ich erst, geht es bei dem Roman davor um Speisen und Kochanleitungen aus dem Balkan. Scheußlich! Ich konnte und durfte kein Kochbuch derart ehren und belohnen. Inzwischen kenne ich ‚Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche‘ besser – ein gewaltiger Fluß, doch doch.
Alina Bronsky ist zudem immerhin jung, und damit automatisch ein gerüttelt Maß feministisch. Junge Frauen konnten, wollten sie ihre Realität nicht verbiegen, gar nicht anders schreiben. Wie aber stand es mit den alten? Ein interessanter, weil mir bis dahin unbekannter Jammertonfall schlug mir bei Streeruwitz und Gruber entgegen. Diese Leute schrieben offenbar aus der Opferperspektive. Und aus einer ewigen Vergangenheit heraus. Die stöberten in Zeiten herum, die ich nie erlebt hatte, in Orten, die ich nie gesehen hatte, etwa Südtirol 1951. Alles war immer ungerecht und freudlos. Ich spürte gute Literatur, aber keine, die Wolfgang Koeppen gemocht hätte. Der schrieb, bei aller Kritik an der Gegenwart, doch immer in diese hinein und interessierte sich für sie. Alte Nazis wurden ihm nur ein Thema, wenn diese eine neue Rolle im hier und jetzt einnahmen. Ein wehleidiger Blick zurück wäre ihm kein Blatt Papier wert gewesen. Und ich hatte nun einmal die Vorgabe, einen Autor mit Koeppenaffinität zu finden.
Da ich den nicht fand, suchte ich in Buchhandlungen. Wühlte die ‚Neuerscheinungen‘-Tische durch. Und rief Kritiker aus den Zeitungen an. Wen halten Sie für preiswürdig? Wer ist Ihr Lieblingsautor? Was haben Sie zuletzt entdeckt? Ernst A. Grandits empfahl mir Karl Werner Gauß. Das Buch hieß ‚Ruhm am Nachmittag‘. Meine Frau las das und war entsetzt. Ich mußte das Lesen ja delegieren, da immer mehr Titel in die Wohnung kamen, und meine Frau, geborene Leseratte, versteht mehr von Büchern als ich. ‚Ruhm am Nachmittag‘ sei unerträglich maniriert. Ein arroganter Autor sitze da am Schreibtisch und schnitze an den Sätzen herum. Ich dachte, aha, selbst meine gebildete Frau favorisiert inzwischen die Popliteratur alten Schlags, für die, fälschlicherweise, mein Name steht. Auch eine Wiener Freundin ging in diese Richtung. Ich müsse mehr Stolz zeigen für jene frische, moderne, tragigkomische Art, für die mich meine Leser liebten; ich dürfe mich nicht selbst verraten. Den Preis einer alternden Feministin zu geben, sei Verrat an meinen eigenen Büchern.
Hm. Also rief ich weiter bei Kollegen an. Volker Weidermann mußte sofort passen. Er war sich augenblicklich sicher, niemanden zu wissen. Thomas Meinecke drohte sogar, mir die Freundschaft zu kündigen. Wörtlich: „Wenn Du über mich schreibst, ist es vorbei.“ Er wolle sich schon gleich zu Anfang aus der (Koeppen)-Affaire ziehen. Vielleicht meinte er damit sogar, den Preis für sich selbst auszuschlagen. Denn tatsächlich hatte ich inzwischen eine long list mit möglichen Kandidaten zusammengestellt. Die war ihm wohl zu Ohren gekommen, und auf der stand auch sein Name.
Tex Rubinowitz war da anders. Er bombardierte mich mit Manuskripten, Geschenken, Mails, Einladungen. Wir trafen uns privat, wobei er weinte und wehklagte. Er wolle den Preis, er brauche ihn, sein Leben hinge davon ab. Ich überlegte daraufhin, eine Tour durch Deutschland und die Schweiz zu machen. Um nicht von einem einzelnen Autor manipuliert zu werden, mußte ich alle persönlich treffen. Dabei konnte kostendeckend eine Reisereportage dienen. Also ein bißchen. So etwas war ja sehr teuer. Für eine Zeitung, etwa die ‚taz‘, konnte ich den Essay ‚Wie ich den Koeppen-Preisträger fand‘ schreiben. Das war der Plan. Als ich das aber dem ersten Autor erzählt hatte, nämlich Tilman Ramstedt in Berlin, ging ein – verständlicher – Schrei durch die innere Literaturszene. Ich würde aus dem Preis eine Casting Show machen. Ich lief also Gefahr, die Sache zu ruinieren.

Andere Leute testen und dann beurteilen, nein, das ging nicht. Ihre Bücher testen, ja das schon. Also ging das Wettlesen bei mir zu Hause weiter. Ich war erstaunt, wie schnell ich immer abgestoßen war von den eitlen Fleißarbeiten. Das Geplapper der schreibenden, putzigen, selbstverliebten Frauen in der Nachfolge Ildiko von Kürthys ging mir besonders auf den Wecker. Was wollten diese kleinen Frauen? Was fanden sie interessant an diesen unpolitischen Beziehungsreimereien? Warum gab es keine Bücher, die mir gefielen? Selbst Sibylle Lewitscharoff begeisterte mich nur halb. Vielleicht war ich auch nur abgestumpft. Das Leben aus der Sicht alleingelassener, frauensolidarischer, männerverachtender Schwestern, nun gut, das war klasse und herrlich geschrieben, aber dennoch eben nur halb wahr. Die ganze Wahrheit wäre mir schon lieber gewesen. Zudem spüren wir doch alle die bevorstehende Zeitenwende bei dem Thema. Die Piraten fordern schon, daß das Geschlecht nicht mehr im Personalausweis stehen darf. Im Netz gibt es ohnehin keine sexuelle Identität mehr. Es wird bald vorbei sein mit dem elenden Mann-Frau-Gerede, auch in der Literatur, so wie eines Tages das elende Rassen-Gerede aufgehört hat. Außer dem 85jährigen Harry Belafonte in seinem neuen Buch ‚My Song‘ schreibt niemand mehr, seine Hautfarbe definiere ihn. It’s over, old man, träum weiter! Da würde man doch lieber eine Erzählung in Händen halten, die die kommende Dekade schon vorwegnimmt. Wo finden? Erstmal mußte ich mich auf eine short list einigen. Anna Katharina Hahn schob sich ganz nach vorn. Wolfgang Herrndorf kam mit ‚Sand‘ dazu, Leif Randt mit ‚Coby County‘. Herrndorf hätte ich noch vor zwei Jahren blind ausgezeichnet, doch zwischendurch hatte der Mann drei Bestseller und sieben Literaturpreise mit einem sechsstelligen Gesamtwert aufgestellt. Der war satt. Und wieder gesund. Jahrelang hatte es geheißen, sein tragischer junger Tod stünde unmittelbar bevor.
‚Coby County‘ dagegen war eine Frechheit. Da schrieb einer lupenreine Nordrhein-Westphalen-Prosa, mit all den typischen, geschichts- und bewußtlosen heutigen Deutschen, und verlegte das alles nach Amerika. Es klang so scheußlich wie Sido, der deutsche Rapper, der tut, als lebten unsere Wohlstandskids im Gangsta Ghetto. Und auch Leif Randt hatte mit Mitte 20 schon Preise über Preise, sechs Stück, also sechs mehr als Christian Kracht, das politisch uncorrecte Genie, mein Ausgangspunkt. Zum Glück gefiel mir dann aber Anna Kataharina Hahn immer mehr, sodaß sich endlich eine Preisträgerin herausschälte. Die Begründung steht dann ausführlich in der Preisrede. Also, wenn ich bei meiner Meinung bleibe und sie gewinnt. Wenn nicht, sei hier gesagt: Hahn schreibt präzise, unideologisch, gegenwärtig, also Stuttgart 21 kommt vor, schwache Vätermänner, die aber liebevoll zu ihren Kindern sind. Die negative Hauptfigur hat einen ‚Migrationshintergrund‘ (klingt, als hätte sie Aids). Jeder führt ein Leben, für das der Leser Verständnis hat. Man sieht alle Beschädigungen und kann sich nicht auf eine Seite schlagen. Wundervoll. Eben echte Literatur. Einziges Manko: Ich hatte mir vorgenommen, der ersten Frau, die auf der ersten Seite nicht über Körperflüssigkeiten schreibt, den Preis zu geben. Anna Katharina Hahn tut aber genau das.
Hinzu kommt Clemens J. Setz. Ein Schriftsteller, dessen Talent und Kraft alle überragt. Sein ‚Mahlsdorfer Kind‘ war mir frühzeitig aufgefallen, doch dann vergaß ich ihn. Erst ganz am Ende, als ich mich schon für Anna K. Hahn entschieden hatte, las ich seinen 713-Seiten-Ziegel ‚Die Frequenzen‘. Den hatte er mit Anfang, Mitte 20 ausgebrütet. Keine Frage, daß sich da noch mehr Können manifestierte als bei Hahn. Aber Können wozu? Ein Können für oder gegen die Arbeiterklasse, hätte man früher gefragt, in der K-Gruppe. Auf heute bezogen müßte man vielleicht fragen, ob das Buch in der Tradition der Aufklärung stand, ob es Licht brachte ins Dunkel unserer manipulierten, inhumanen, sexistischen, englischsprachigen Konsumwelt, ob es gute Laune machte und befreite. Nein, das tat es nicht. Somit hätte es Dostojewski gefallen, war aber kein Titel der Popliteratur. Na und?
Einerseits mußte ich mich entscheiden, andererseits durfte ich vor einem bestimmten Stichtag nichts verraten. Auf die short list schafften es neben den gerade Genannten noch Doris Knecht, Erwin Koch, Paul Nizon, Lydia Mischkulnig, Elke Naters, Leander Scholz, Matthias Matussek, Heike-Melba Fendel, Severin Winzenburg, Eva Menasse, Doron Rabinovici, Tanja Dückers, Thorsten Krämer aus Köln am Rhein, der Lyriker Frank Hornung aus München, natürlich Feridun Zaimoglu, Kerstin Grether, Maike Wetzel, Juli Zeh, Peter Handke (‚Die schönen Tage von Avanjuez‘), Werner Kofler und der schon erwähnte pop-goes-gender-grandmaster Thomas Meinecke. Kofler wäre perfekt gewesen: unbequem, widerspenstig, unangepaßt, alle beleidigend, sich mit allen anlegend, eben vollständig unbestechlich. Ein letzter echter Außenseiter in einem Berufsfeld, das tägliches intensivstes Networking verlangte. Doch Werner Kofler starb plötzlich! Nicht Herrndorf starb, sondern er. Man hatte den Falschen mit Ehrungen überhäuft. Verzeihung, diese Pietätlosigkeit darf so nicht stehenbleiben. Ich meine: natürlich ist ‚Sand‘ ein Quantensprung im bis dahin problematischen Werk Herrndorfs und hat jeden Preis verdient, etwa den, den Rainald Goetz gerade ohne jeden Anlaß abgeräumt hat (25.000 Euro), und beide, Goetz und Herrndorf, mögen noch lange leben. Der Stefan-George-artige Kult um Goetz ist mir lieb und teuer, genauso wie das nächste Buch nach ‚Sand‘.
Maxim Biller wäre ein würdiger Held der Literatur gewesen, doch sein Superbuch ‚Esra‘ – mein Lieblingsroman der letzten zwölf Jahre – lag schon zu lange zurück. Erwin Koch, den Sibylle Berg so mochte, was ich verstand, war mehr ein Moritaten-Erzähler. Er suchte nach Schauergeschichten in der Wirklichkeit und verkürzte die dann noch zu Horror-Songtexten. Sein Material hatte er aus der Boulevard-Presse. Nein, das war nicht die Welt, die ich meinte. Schließlich stand Tex Rubinowitz wieder vor der Tür. Er hatte Karikaturen und Schallplatten dabei. Ja, als Karikaturist war er genial. Auch als Musiker. Seine Band ‚Mäuse‘ verkaufte in Japan Millionen Tonträger. Er wollte nun den Koeppenpreis, so seine Bücher dafür nicht ausreichten, für sein Lebenswerk.
„Schaun mer mal“, sagte ich und legte die Sachen zu den übrigen Büchern, Fahnen, Ausdrucken und Briefen. Bis zum Tag der Bekanntgabe des Preisträgers durch die Pressestelle der Stadt Greifswald in einigen Wochen heißt es zumindest theoretisch „Nichts ist unmöglich“. Bis dahin wird der zuständige Kulturreferent Andreas Sappelt, ein ambitionierter und verdienstvoller Arbeiter am Weinberg des Herrn Wolfgang Koeppens, alles vorbereitet haben für die Preisverleihung und die mediale Begleitung des Ereignisses. In der nicht unbedeutenden und geschichtsträchtigen Universitätsstadt Greifswald nimmt man den großen Sohn der Stadt und seine Ehrung durchaus ernst, was für die Entwicklung des Preises in den letzten Jahrzehnten förderlich war. Die Folge ist, daß der Literaturbetrieb nun gespannt auf die Entscheidung wartet. Der Druck auf den noch amtierenden Preisträger wird weiter ansteigen. Auf mich.

Joachim Lottmann, 49, in Hamburg geborener Schriftsteller, lebt seit März 2011 in Wien. Im Herbst 2011 erschienen gleichzeitig der Therapeuten-Roman ‚Unter Ärzten‘ (Kiepenheuer & Witsch) und die Wien-Erzählung ‚Hundert Tage Alkohol‘ (Czernin Verlag).

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