Apple zensiert Joachim Lottmann und zehn weitere Autoren des Czernin Verlages

In einem Schreiben von heute an den Czernin Verlag erklärt das Unternehmen iBookstore (APPLE), die Autoren Robert Palfrader, Thomas Glavinic, Philipp Hochmair, Barbi Markovic, Joachim Lottmann, Julya Rabinowich, Christopher Just, Melanie Kretschmann, Thomas Draschan und Michael Leon – allesamt in der von Ela Angerer herausgegebenen Anthologie ‘Porno’ in der Reihe Moderne Nerven vertreten – in der digitalen Verwertung zu unterbinden, das heißt, sie, besser gesagt nämliche Anthologie, nicht als i-Book bei Apple zuzulassen. Eine genauere Begründung erfolgte praktisch nicht. Man läßt durchblicken, das Werk sei so, wie es heißt, nämlich Pornographie. Wörtlich heißt es in dem Brief an den Verleger des Czernin Verlages Dr. Benedikt Maria Föger: “(…) Porno wird als zu explizit betrachtet und wurde daher nicht freigeschaltet. Wir bitten um Verständnis. Herzliche Grüße, iBookstore Germany, Austria, Switzerland.”
Was ‘explizit’ bedeuten soll, kann man sich denken. Verblüffend ist die Vorstellung, überall in der Welt sitzen Apple-Mitarbeiter, die die Millionen Neuerscheinungen pro Saison durchlesen und prüfen. Aber so richtig durchgelesen haben sie die ‘Moderne Nerven’ Reihe wohl nicht: Daß sich die Autoren gerade GEGEN die Pornographisierung von Staat und Gesellschaft stark machen, wurde da wohl übersehen. Thomas Glavinic: “Da ist doch sogar ‘Madame Bovary’ pornographischer.” Stimmt – und deshalb wird Flauberts Roman vielleicht als nächstes zensiert.
Zum Glück gibt es noch die Konkurrenz ‘Amazon’, wo die Czernin Anthologie nach wie vor zu ordern ist. Aber ein seltsamer Vorgang ist das schon. Apple ist nicht irgendwer, sondern für manche schon “der Herrscher der Welt” (Th. Draschan). Das glaube ich natürlich nicht. Doch was tun, wenn Amazon sich der Zensur anschließt? Dann haben wir etwas, was man seit Jahrhunderten in Kerneuropa für ausgerottet hielt, eben die Zensur, das Verbieten seriöser literarischer Texte.
Ich werde hier meinen eigenen Beitrag in der Anthologie wiedergeben, damit jeder sehen kann, daß es sich um alles mögliche handeln mag, vielleicht um Verrücktes, um Mißratenes (wahrscheinlich), aber ganz bestimmt nicht um Pornographie:
JOACHIM LOTTMANN / ‘Porno’ / Einleitung
“Pornographie ist wie der Islam, wie die Atomdebatte, wie Aids: Dinge, die es gar nicht gibt, die aber die Welt bewegen. Die großen Menschheitsverbrechen werden immer für etwas begangen, die es gar nicht gibt. Für Gott zum Beispiel. Für die Überlegenheit des arischen Blutes. Für die Abwehr der Strahlengefahr. Es gibt keine Strahlengefahr. Es gibt auch kein Aids. Die Menschen in Afrika sterben nicht an einem geheimnisvollen, die Population des Planeten aulöschenden Virus, sondern daran, daß sie mutwillig ihr Immunsystem zerstören. Via Superpornographie nämlich. Auch der Schwerstalkoholiker stirbt ja nicht am mysteriösen Vodkavirus, der jeden anstecken kann, der aus Versehen mit der leergetrunkenen Flasche in Berührung kommt, sondern daran, daß er zuviel säuft.
Trotzdem stülpen sich Milliarden völlig ungefährdeter braver Bürger diese lusttötenden Gummis über. Ihren Kindern erzählen sie, daß die Liebe schnell zum Tod führt. Die Schulen verbreiten dieselbe Lüge, unisono, unwidersprochen. Ganze Generationen sind nun schon mit diesem Bewußtsein großgeworden. Die Lehrer tun so, als sei der erste Mensch, mit dem die Kleinen auf Klssenpartys knutschen, ein älterer Wanderarbeiter aus Simbabwe, der schon mehrere hundert afrikanischen Frauen, viele davon krank und geschwächt, den Hintern durchbohrt hat. Die Auswirkungen dieses Bewußtseins sind verheerend. Liebe ist kein intimer Raum mehr, geschützt, persönlich, poetisch, relativ sicher vor Verrat. Es ist der Tummelplatz von allem, was Angst macht, und am liebsten tummeln sich darin Pädagogen, Politiker, korrupte Medien und natürlich die Pornoindustrie. Sie alle singen das Lied von der großen Aids-Gefahr. Nur das Lied von der großen Atomgefahr erklingt noch schriller und hysterischer.
Die gesamte westliche Hemisphäre kennt seit mehr als zwei Jahrzehnten nur noch ein echtes politisches Ziel: den Ausstieg aus der Atomenergie. Darum dreht und wendet sich alles, jede Sonntagsrede, jeder Zeitungsartikel, jeder Schulunterricht, jede Diskussion im Fernsehen, beim Frühstück mit den Kindern, im Bett mit der Nachbarin. Atomkraft nein danke. Was können wir tun, was können wir lassen, damit der Ausstieg gelingt. Damit die ‚Todeswolke über der Menschheit‘ (Bild Zeitung) verschwindet. Aber natürlich ist das alles Unsinn. Es gibt keine Strahlen, die ganze Kontinente entvölkern, oder wenigstens ein kleines Land, nicht einmal eine Stadt. Als das, wovor sich der Planet so fürchtet, dann tatsächlich geschah, als also der seit Nostradamus prophezeihte Weltuntergang stattfand, in Tschernobyl nämlich, machten die Leute einfach weiter. Die drei noch verbliebenen Reaktoren wurden einfach weiterbetrieben, noch Jahrzehnte, mit denselben Wachmannschaften. Millionen Tote, unbewohnbare Ukraine? Keine Spur. In Fukushima dasselbe. Drei Arbeiter verbrannten sich die Füße, es heilte bald ab. Doch bleiben wir lieber beim Thema Aids, es ist näher dran am eigentlichen Thema, der Pornographie.
Die Auswirkung der bis heute andauernden staatlich und medial gelenkten Aidsangst war eine veränderte Einstellung der Heranwachsenden zur Liebe. Sie wurde vom Leben in die Phantasie verschoben. Nicht mehr reale Menschen wurden geliebt und berührt, sondern virtuelle pornographische Bilder angesehen und dabei der eigene Körper berührt. Der love and peace Generation folgte die Generation der Wichser. Und politisch gesehen folgte der Generation, die für Freiheit und Nächstenliebe kämpfte, also für reale Menschen, eine Generation, die gegen ‚das Atom‘ kämpfte, also für etwas Irreales.
Der Kampf gegen die nicht existierende Atomgefahr wurde zur Volksreligion. Also zu einer für alle verbindlichen Meinung, zu einem Auftrag von oben. Wie die spanischen Eroberer ganz Amerika ausrotteten, weil die ebenfalls nicht existierende heilige Jungfrau ihnen den Auftrag dazu gegeben hatte und diese frei erfundene Meinung eines Tages von allen geteilt wurde, so… aber ich bin schon wieder beim falschen Thema. Was ist mit dem Sex? Ach richtig, führte zur Pornographisierung von Staat und Gesellschaft, deshalb sitze ich hier und schreibe darüber. Was kann ich also darüber sagen?
Pornographie ist blöd, ist dämlich, sogar unsagbar dämlich. Deshalb fällt es mir ja so schwer, etwas dazu zu sagen. Aber sie ist eben auch zur Volksreligion aufgestiegen, wie ‚die Atomfrage‘. Das heißt, alle glauben inzwischen daran. Sobald der letzte lebende Hippie in Deutschland, nämlich Rainer Langhans, das Zeitliche gesegnet haben wird, gibt es niemanden mehr, der an der verordneten pornographischen Weltsicht zweifelt. In dem Roman UNTER ÄRZTEN gibt es eine Stelle, die manchen Leser selbst heute aufhorchen lassen könnte, oder zumindest irritieren könnte – aber nur wenige Sekunden lang, nehme ich an. Nämlich:
„…Vielleicht sollte ich an dieser Stelle ausnahmsweise ein paar Bemerkungen über das Unwort ‚Sex‘ verlieren, das in jener Zeit häufig fiel. Daphne vermittelte gern den Eindruck, auch bei meinem Psychiater, ‚der Sex‘ sei mit mir so gut. Ich stutzte dann immer. Einmal, weil ‚der Sex‘ immer wie eine dritte Person klang, wie ein weiterer Mann, der mit im Bett gelegen hätte, also neben ‚dem Johannes‘ auch noch ‚der Sex‘. Ich dachte es deshalb, weil unser Liebesleben eben gerade nicht gut war, sondern hundsmiserabel. Ein gutes Liebesleben ist, wenn man wochenlang kaum aus dem Bett kommt und zum Beispiel beim Küssen die Zeit vergißt. Wenn man nicht mehr weiß, ob man schon seit zwanzig Minuten küßt oder seit zwei Stunden. Oder ob der Fuß da unten der eigene ist oder nicht. All das gab es mit Daphne niemals. Da sie jünger als ich war, hatte sie die Liebe generationsbedingt nicht mehr kennengelernt. Sie kam auf seltsame Weise zum Orgasmus, und sie nannte dieses viel zu kurze und absurde Zucken, das ich nicht bemerkt hätte ohne ihre Kommandos, ‚guter Sex‘. Dabei schaute sie verschwörerisch, später, wenn sie davon im großen Kreis erzählte. Auch Dr. Stahlmann, der wiederum zu alt war, um die Liebe zu kennen, glaubte ihr, also Daphne, dieser frühen Vertreterin des pornographischen Zeitalters. Und mich blaffte er an:
„Guter Sex, mein Lieber, den Sie ja offensichtlich haben im Bett, ist eine größere Wahrheit als alles Gefasel über Probleme und Nöte in der Beziehung! Merken Sie sich das!“
Einige ältere Leser – wahrscheinlich kaufen sowieso nur noch ältere Mitbürger papiergedruckte Bücher – werden sich womöglich an ihre erste Freundin erinnern. Wie das damals war, noch vor dem Aids-Schock. Wie diese verklemmten, ahnungslosen Oswalt-Kolle-Filme nichts weiter waren als Gaudi für die Jungen, die es besser wußten. Oder der ebenso kreuzblöde Sexualkundeunterricht, wo frigide, humorlose alte Jungfern Liebe mit Eileiterkunde und Laborwissenschaft verwechselten. Ihre körperlichen Erfahrungen bezogen sie nicht aus dem Lotterbett in Amsterdam, sondern aus der Pathologie im Krankenhaus.
Dabei waren beide Strömungen, also die sogenannten Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle und die von staatlichen Stellen finanzierten (‚Helga. Deine Frau, das unbekannte Wesen‘), sowie der Sexualkundeunterricht bereits reine Pornographie. Die Botschaft lautete, und sie wurde gnadenloser repetiert als bei jedem Propagandafilm: es gibt Sex an sich, völlig unabhängig vom Menschen. Als könnten Körper, während die in ihnen wohnenden Menschen sich gerade im Schlaf befinden, miteinander lustvoll kopulieren. Die Szenen in den Filmen wurden stets von einer tiefen, superseriösen Stimme aus dem Off kommentiert. Das ging ungefähr so: Ein junger Mann erwartet in der Wohnung seiner Eltern eine junge Frau. Sie ist seine Freundin. Die Eltern sind nicht im Haus. Die Freundin hat noch eine andere junge Frau mitgebracht, was den jungen Mann überrascht. Er macht ein enttäuschtes Gesicht, sagt:
„Ich dachte, du kommst alleine, Gabi.“
Die angesprochene junge Frau sagt:
„Das ist Simone. Sie wird uns nicht stören.“
„Aber…“ sagt der junge Mann, woraufhin Gabi lacht. Später zieht die andere junge Frau ihren gelben Ringelpulli aus und beginnt, Gabi zu küssen. Auch der junge Mann zieht sich aus. Im Off erklingt die tiefe Stimme:
„Was viele ältere Bürger womöglich als unmoralisch empfinden, ja vielleicht sogar als schockierend, ist für die jungen Leute von heute vollkommen normal. Sie suchen sich ihre sexuelle Betätigung frei aus und achten nicht mehr auf die Vorstellungen ihrer Eltern, die sie als überholt und nicht mehr zeitgemäß ansehen.“
Diese verschmockten Filme liefen nur noch im Fernsehen, als ich jung war, und wir belustigten uns daran, oft auf Partys. Undenkbar, daß tatsächlich jemand auf die perverse Idee gekommen wäre, seine geliebte Freundin mit irgendeinem dritten und unbekannten Menschen zu teilen. Doch nun, eine volle Generation später, hat Kolle gesiegt. Was er da herbeifaselt, würde jeder unterschreiben. Die Millionen Nachfolgefilme, die rasend schnell in unverstellte Pornographie abrutschten (‚Es jodelt in der Lederhose Teil III‘), vielleicht nicht, vielleicht doch, weiß nicht. Dazu gibt es keine Haltung mehr, außer: so ist es eben.
Moment, eine Ausnahme vergaß ich. Nicht nur Rainer Langhaus, auch Alice Schwarzer stemmt sich noch gegen die Pornographie. Jedenfalls noch vor drei Jahren. Inzwischen ist derart dafür verprügelt worden, zuletzt von der Bundesfamilienministerin Christina Schröder, daß sie wahrscheinlich lieber den Mund hält. Selbst ihre Kommentare gegen den Sadomaso-König und Wettermoderator Jörg Kachelmann trugen ihr eher Befremden ein. Nach dem Motto: Was geht sie das an, wie und mit welchen Instrumenten dieser ehrenwerte Herr in ganz Europa seine Frauen be- und mißhandelt? Hey, it’s sex, Mann! Wofür wir alle kämpfen! Was gibt es da rumzumäkeln? Klar, wenn er sie wirklich fast kaltgemacht hätte, okee, das wäre was andres, also wenn er das wirklich vorgehabt hätte. Aber die Alte hat das bisher nur behauptet. Vielleicht nur, weil er prominent ist. Muß man auch verstehen. Hätte man vielleicht auch so gemacht. Mit ihren Memoiren verdient sie dann Millionen. Okee, so ist das Spiel, aber der Sex selbst: alles bestens!
Anfangs, wie gesagt, hat die arme Alice Schwarzer noch gegengehalten. Ich habe sie übrigens immer gemocht. Von Anfang an, solange ich denken kann. Für mich war sie nie eine Feministin, sondern eine Aufklärerin. Entgegen aller Verleumdungen fand ich immer, daß sie gar nichts gegen Männer hatte, im Gegenteil. Sie mochte Männer, weil auch sie eine Eigenschaft besaßen, die sie extrem schätzte: sie waren Menschen. Einmal, ich habe das oft erzählt, sah ich sie zufällig in der Abfertigungshalle des Frankfurter Flughafens. Sie stand sicher fünfzig Meter entfernt, also weit weg, aber ich erkannte sie. Ohne Nachzuden bin ich auf sie zugelaufen und habe ihre Hand geschüttelt. Sie lachte über das ganze Gesicht, und wir haben uns dann sofort über Gott und die Welt unterhalten, sowie über die Stadt Köln, den Kunstmarkt und die gefälschten Hitler Tagebücher, die gerade erschienen waren.
Eine tolle Frau. Als sie später ihre antipornographische ‚PorNo!‘-Kampagne startete, habe ich mich daran beteiligt, und meine damalige Freundin Ariadne von Schirach auch. Für uns beide brachte das im Mediengeschäft negative Reaktionen, über die ich lieber nicht schreiben will.
Nein, die Pornographisierung von Staat und Gesellschaft hat sich durchgesetzt und ist inzwischen abgeschlossen, so wie die anderen antihumanistischen Ideologien Strahlenangst und Aidsgefahr. Insgesamt ist das Ergebnis, daß die Welt nicht mehr klar gesehen wird, sondern Nebel des Irrationalen die Sichtweiten radikal verkürzen. Hat man früher noch erkennen können, wie alles funktioniert, zuletzt übrigens während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009, pappt das Bewußtsein im Kopf nun zusammen wie eine verklebte Pizza, auf der nur noch die Zutaten ‚Umwelt‘ und ‚Sex‘ herauszuschmecken sind.
Wer diese kleine Analyse für paranoid und wenig glaubhaft hält, möge sich einfach diese Anthologie anschauen. Die besten Köpfe des Landes haben sich hier versammelt. Es sind keine korrupten Zeitungsfritzen und Medienknechte, die es hier für Geld tun. Sie schreiben honorarfrei, sie denken das alles wirklich, was sie da über Pornographie absondern! Und Du, lieber Leser, tust es auch! Freiwillig! Du hast sogar ein paar Euro dafür bezahlt, Dir Deine verdruckste, schlüpfrige, pseudoliberale Meinung zu dem traurigen Thema bestätigen zu lassen.
Wenn das kein Beweis ist, daß ich recht habe!”
JOACHIM LOTTMANN: ‘Porno’ (in der gleichnamigen Anthologie von Ela Angerer, 1. Kapitel, Czernin Verlag 2011)

1 Kommentar

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  1. Ganz einfach den Appstore auslassen, und die Kollegen bitte auch informieren – das System ist sowieso zum Sterben verurteilt so toll ist Apple nicht mehr…