Entdeckung: das Radio!

Von der Wiege bis zur Bahre Stress und und Alkohol. Der Schriftsteller und “Borderline-Journalist” Joachim Lottmann. Feature von Claudia Gschweitl. Gesendet am 31. Januar 2013 um 16.00 Uhr (das ist heute, Donnerstag) in Ö1, das ist das Erste Radioprogramm des Österreichischen Rundfunks:

http://oe1.orf.at/programm/327024

Eigentlich verträgt Joachim Lottmann keinen Alkohol. Das Trinken hat er sich in Österreich erst mühsam angeeignet. 2011 zieht der Autor von Berlin nach Wien. Um seinen Alkoholspiegel an das Niveau der Wiener anzugleichen, unterzieht sich er sich einer hunderttägigen Trinkkur.

In seinem Buch “Hundert Tage Alkohol” schildert Lottmann seine Ankunft in Wien. Als berühmter deutscher Schriftsteller wird Lottmann in Wien gierig empfangen und sogleich in die einschlägige Szene eingeführt, sprich: ins Café Anzengruber, wo sich die die selbsternannte Wiener Bohème täglich trifft. Man geht auf Vernissagen, Buchpräsentationen und andere Kunst-Happenings. Später trinkt man sich gemeinsam ins Koma.

Lottmann erlebt in Österreich einen märchenhaften Aufstieg. Er ist der gefeierte Popautor, dessen Debüt unlängst zum wichtigsten Buch der letzten 20 Jahre gekürt wurde. Innerhalb kürzester Zeit wird er vom Bundespräsidenten abwärts allen wichtigen Personen des Landes vorgestellt. Stimmen, die ihn vor einem jähen Niedergang warnen, verhallen ungehört.

Lottmann suhlt sich in der neu gewonnenen Aufmerksamkeit. Noch dazu wird ihm der Auftrag für ein neues Buch erteilt: “Hundert Tage Alkohol” soll es heißen. Sein Experiment endet allerdings, relativ abrupt, bereits nach 50 Tagen – durch eine Schreibblockade. Diese baut Lottmann ganz einfach ins Handlungsgerüst ein, und der Roman erscheint dennoch.

Cover
Auf der Borderline nachts um halb eins

Das Buch gerät zu einer verschrobenen Karikatur der Wiener Literatur- und Kulturszene. Der Satiriker Lottmann läuft in Wien zur Hochform auf, in der Tageszeitung “Kurier” bietet man ihm eine Kolumne an. Unter dem Titel “Auf der Borderline nachts um halb eins” schreibt er bereits seit einigen Jahren Reportagen für die “Berliner Tageszeitung”. Selten basieren diese auf schnöden Fakten. Wahrheit und Fiktion wirbelt Lottmann wild durcheinander. Ein weiteres Wiedererkennungsmerkmal: Beharrliches Namedropping. Die Danksagung an all seine Wiener Freunde und Freundinnen liest sich im neuen Roman fast wie ein Verzeichnis der auftretenden Figuren: von Doris Knecht über Angelika Hager bis zu Lydia Mischkulnig.
Zitat

Nach wie vor wurde ich abends in diesem Lokal mit dem hässlichen Namen “Anzengruber” anderen Menschen vorgestellt. Sie gaben mir manchmal ihre Karte, mit der ich später nichts anfangen konnte. Wer war Thomas Gratzer? Oder Mitzi Hohenleitner? Xaver Schachinger? Birgit Minichmayr? Elfriede Jelinek? Nun, Letztere kannte ich, da sie berühmt war und einen lustigen Vornamen hatte, aber die anderen bekamen auch durch ihre Karte kein Gesicht. Das war bei meiner Karte anders. Schweres gelb-elfenbeinfarbenes Büttenpapier, außen zerfasernd, und dann eben nur der Name: Joachim Lottmann, Schriftsteller. Ja, in der Tat, ich war also Schriftsteller! Ich besaß den höchsten in Wien geltenden Status. Das war, als wäre ich in Teheran ein Mulla oder in Hollywood Filmregisseur, in Pjöngjang Kernkraftbetreiber.

Joachim Lottmann
Lob über Lob

Über seine Biografie lässt sich nicht viel mit Sicherheit behaupten. Irgendwann zwischen 1956 und 1959 – die Angaben variieren – wurde Joachim Lottmann in Hamburg geboren, die Kindheit verbrachte er angeblich in Belgisch-Kongo. Neben belegbaren journalistischen Tätigkeiten für die “Spex” und “Die Zeit” gibt er an, als Straßenbahnfahrer in Oslo und Leibwächter von Rainer Langhans gearbeitet zu haben.

Grandios beherrscht Lottmann sein eigens erfundenes Stilmittel des “Zu-Tode-Lobens”, für das ihn seine Schriftstellerkollegen fürchten. Ein Mittel, das er übrigens auch bei sich selbst anwendet. Mitunter empfiehlt er sich den Lesern auf seinen Klappentexten selbst: “Einen Lottmann-Text lesen ist wie einen Woody-Allen-Film sehen. Joachim Lottmann
Bereits mit fünf Reporter

Von Kind an konzentriert Lottmann sich aufs Schreiben. Mit seinem Zwillingsbruder gibt er bereits mit fünf Jahren seine eigene Zeitung heraus, überlegt sich Tag für Tag neue knallige Schlagzeilen. Als die Pubertät kommt, legt Lottmann sein Amt als Kinderreporter zurück, vermeidet es jedoch weiterhin Bücher aufzuschlagen. Er schreibt nun Tagebuch. Anfang 20 heuert Lottmann schließlich in der Jugendredaktion einer Hamburger Tageszeitung an. Man erkennt Lottmanns Talent, bald wird er von einer großen nationalen Illustrierten abgeworben. Bei der “Bunten” liefert er neue, sensationelle Schlagzeilen.

Lottmann verlässt den Boulevard, lässt sich allerdings heute noch von dessen Kunstfertigkeit inspirieren. Später schreibt er unter anderem für den “Spiegel”, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” und die “Süddeutsche Zeitung”. Und treibt dort weiter seinen Schabernack. Am 5. Jänner 2011 etwa, klagt er in einem Essay für die österreichische Tageszeitung “Der Standard” über die Mühen des Nachtlebens und des Alkoholkonsums.
Zitat

Von der Wiege bis zur Bahre Stress und Alkohol. Die Nachtlebenlüge eben. Er erzählt sie tapfer, unser kleiner Soldat an der Ausgehfront, ob jung oder alt. Dass das Nachtleben, auch Ausgehen genannt, geil ist, versteht sich angeblich von selbst. Dies anzuzweifeln hieße ein Tabu brechen. Als würde man einen Kollegen fragen, ob es ihm im Bordell gefallen habe. Natürlich hat es ihm nicht gefallen. Es war todtraurig, grauenvoll, und natürlich war er impotent. Aber das aussprechen? Niemals.
“Das ist kein Buch, das ist das Leben”

1987 gelingt Lottmann seine erste Veröffentlichung. Bei Kiepenheuer & Witsch erscheint “Mai, Juni, Juli”. Es handelt von den Monaten Mai, Juni und Juli im Jahre 1987, in denen ein erfolgloser Schriftsteller versucht, einen Roman zu schreiben. Das Buch wurde durchwegs verrissen. Ende der 1980er Jahre erreicht die Neue Deutsche Welle in den Metropolen des Landes ihren Höhepunkt. Lottmann schlägt mit seinem Debütroman exakt in die Kerbe. Trotz oder vielmehr wegen der schlechten Kritiken verkauft sich das Buch ganz passabel.

Es folgt eine Dekade, die er als die “verlorene” bezeichnen möchte, sagt Lottmann. Zehn Jahre lang habe er am Hungertuch genagt und unter unwürdigsten Bedingungen versucht, den nächsten Tag zu erreichen. 2003 kommt es schließlich zur entscheidenden Wende. Die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” wählt “Mai, Juni, Juli” zu einem der “wichtigsten deutschen Bücher der letzten 20 Jahre”.

“Das ist kein Buch, das ist das Leben”, jubelt man. “Mai, Juni, Juli” gehöre zu den “anderen” Klassikern – zu jenen Büchern, die nicht im Kanon von Marcel Reich-Ranicki auftauchen, aber eine tiefe Spur im Gedächtnis einer heutigen, jüngeren Generation hinterlassen hätten. Nicht zuletzt, weil er am Anfang dessen stehe, was heute unter dem Label Pop-Literatur subsumiert wird.
Der Pop-Literat

Sein wahrscheinlich größter Coup gelingt Lottmann 2003, als er behauptet, die deutsche Popliteratur erfunden zu haben und man ihm glaubte. Der Begriff “Popliteratur” ist in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre einer der meist verwendeten Begriffe innerhalb des deutschsprachigen Literaturbetriebes, wobei die etablierte Kritik dahinter durchgängig literarische Minderwertigkeit vermutet. Man unterscheidet zwischen erlaubtem, politisch engagiertem Suhrkamp-Pop und oberflächlichem KiWi-Pop. Zu Letzterem zählt Lottmann sich fortan. Auf den Klappentexten wird er als Popautor präsentiert, irgendwann ist schließlich auf Wikipedia zu lesen: “Joachim Lottmann gilt als ein exponierter Vertreter der deutschen Popliteratur.” Derzeit schreibt Lottmann an einem großen autobiografischen Wien-Roman, mit dem Arbeitstitel “Happy End”.

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