Der Papst! Der Papst!

Die größte Medienfigur der Menschheit ist abgetreten, der beste Player, der netteste. Nie werden wir das zitternde Zusammenfalten der Hände vergessen, ja die ganze unverwechselbare Motorik dieses einzigartigen Menschen, der unser Heiliger Vater aus Deutschland war. Wie er ging! Wie eine perfekte Demonstration der motorischen Möglichkeiten eines hochintelligenten Menschen, der den Körper eines leider tendenziell Hundertjährigen zu bewegen hat. Jeder Muskel, jede Wegstrecke, jeder Zentimeter wird eingerechnet – nicht viel anders als beim Robotergehirn der Marssonde Curiosity, wenn sie Steine einsammelt da draußen in der fernen Welt. Das war er: UNSER PAPST.
Unvergessen natürlich auch der bohrende Hundeblick von unten nach oben, aus der gebückten, gramgebeugten Haltung heraus. Wobei Hundeblick das falsche Wort ist. Benedikt war das Gegenteil eines hündischen, sprich unterwürfigen Charakters. Er war von Anbeginn an ein freier Geist, einer, wie jetzt hervorgehoben wird, der größten geistigen Führer auf dem Papstthron. Als junger Flakhelfer holte er im Zweiten Weltkrieg jene Flugzeuge vom Himmel, die Hitlers Propagandisten Terrorbomber nannten, da sie den gottlosen Nazifrauen und Nazikindern den Tod brachten. Nur er selbst – und der Allmächtige natürlich – werden wissen, wie oft er damals absichtlich danebengeschossen hat.
Nach dem gewonnenen Krieg dann der rasante Aufstieg, von seiner Rolle beim Zweiten Vatikanischen Konzil, wo Kardinal Frings seine Sprechpuppe wurde (zu zweit verwandelten sie die Veranstaltung in ein revolutionäres Tribunal), bis zu seiner Krönung zum Papst Benedikt XVI. Seitdem die immer gleichen Bilder, sowie die jeder Medienlogik hohnsprechende tonlose Stimme. Wir haben sie geliebt. Niemand sonst hatte je vorher solch eine jederzeit identifizierbare Stimme, außer Marcel Reich-Ranicki. Die wehenden Gewänder beim Flugplatz, neben dem Helikopter, vor der riesigen Papstmaschine, beim Abschreiten der militärischen Ehrenformationen. Präsidenten, Kanzler, Blaskapelle, Staatsorden, die silbernen vollen Haare, das wegfliegende weiße Käppi, die glückstrunkene Merkel, die Jahrhundertrede im Bundestag: alles vorbei, weg, vergangen! Alles nun Geschichte! Es ist nicht zu fassen. Wir dachten, es würde ewig währen. Wir waren zu uns selbst gekommen. Gebe ihm Gott noch zehn Jahre!, baten wir innerlich an seinem 85. Geburtstag. Warum sollte das vermessen sein, unwahrscheinlich, in einer Zeit, da die Menschen locker die 90 erreichen und dann die 95? Die Lebenserwartung ist so. Und Benedikt war erkennbar um eine Dekade rüstiger als sein Vorgänger in dem Alter. Und jeder wußte doch, daß Päpste bis zur letzten Stunde des letzten Tages ihres Erdendaseins im Amt ausharren. Doch nun dies. Was für ein Schock!
Wie er Babys anfaßte, die ihm gereicht wurden! Wie Nitroglyzerin. Oder wie Dynamitstangen, deren Lunte schon brannte. Wie er die Tiere fütterte in seiner Sommerresidenz, vor allem die im Teich, dunkle schwererkennbare Wassergeschöpfe, wahrscheinlich Krokodile. Sein unsicheres Gucken, wo er hinfallen würde, wenn er stolpern würde mit seinen wackeligen Greisenbeinen. Sein wacher Gesichtsausdruck, wenn er mit der Kanzlerin redete. Vorbei, vorbei. Der liebe Bruder in Regensburg, sein inniges Verhältnis zu ihm. Die Sondersendungen den ganzen Tag. Die gleißend hellen Vatikangebäude. Seine brokatbestickten herrlichen Gewänder, schwer wie Rüstungen. Die Zwiesprache mit Gott, wenn er etwas zu entscheiden hatte. Vorbei, vorbei.

Joachim Lottmann erhielt im Sommer 2005 in Köln vom damals frischgewählten Papst Benedikt XVI die Generalabsolution (Vergebung aller Sünden). Im Sommer 2012 traf er ihn erneut in Castel Gandolfo. Fotos: Mit dem Pontifex im vatikaneigenen Düsenflugzeug 2011 (oben). Gefaßt und dennoch verunsichert verfolgen der Autor und seine Frau Christa heute mittag um kurz vor zwölf Uhr die Ereignisse in Rom am Fernsehgerät (unten).

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