Helene Hegemann und Joachim Lottmann beschreiben sich gegenseitig im ROLLING STONE

Zum besseren Verständnis: Die Zeitung Rolling Stone, im Besitz des Springer Verlages, arrangierte im Februar 2010 ein Treffen der Autoren Lottmann / Hegemann, wobei jeder über den anderen schreiben sollte. Es war exakt die Woche, bevor die Plagiatsvorwürfe gegen Helene einen beispiellosen Skandal im Literaturbetrieb auslösten. Wir wußten es an dem Tag noch nicht, und jeder konzentrierte sich darauf, möglichst viel Privates vom anderen für die eigene Reportage zu erhaschen und umgekehrt so wenig wie möglich preiszugeben. Zuvor schon waren wir von Star-Fotograf Daniel Josefsohn für viel Geld in semi-anzüglichen Posen fotographiert worden. Der losbrechende Skandal verhinderte dann die Veröffentlichung unserer Texte. Das soll anläßlich der Präsentation von Helenes zweitem Roman ‘ZWEI TIGER REITEN’ in dieser Woche nachgeholt werden. Hier nun erstmals der Lottmann-Teil:

JOACHIM LOTTMANN ÜBER HELENE HEGEMANN

Viel zu früh klingelt es, und mein Schreck ist groß: keine Chance mehr, die Wohnung rechtzeitig zu verlassen. Die junge Schriftstellerin wird alles sehen und dann darüber schreiben! Über meine Geheimwohnung, die niemand außer meiner Freundin und mir kennt. Ich sehe auf die Uhr. Volle zwölf Minuten zu früh. Das ist Absicht. Die will mich überraschen, noch im Unterhemd. Und sich alles ansehen, die frischgebackene Superautorin, und es den Medien preisgeben. Zum Beispiel bei Harald Schmidt, wo sie Tage später sein wird. Sie weiß genau, Privatspäre ist das neue Ding, also das künstliche herstellen und unbedingte Verteidigen derselben. Nun, ich werde das ansprechen. Noch steht sie vor der Wohnungstür, ich kann das Mädchen fast atmen hören. Ich rufe Beschwichtigendes, werfe achtlos ein Hemd, ein Jackett, einen Mantel über, schlüpfe in die Schuhe, öffne die Tür, ziehe sie gleich wieder hinter mir zu. Helene Hegemann erwischt trotzdem einen zwölf-Grad-Blick in meine Geheimwohnung und scannt in Sekundenbruchteilen Teile meiner Privatsphäre. Ein paar Absätze im Text werden dabei schon herausspringen, zwei, drei höhnische Indiskretionen. Geschickt gemacht, die Frau ist ein Profi. Ich stürme die Treppe hinunter, sie hinterher. Ich habe sie sofort erkannt. Aber überrascht bin ich doch, wie klein sie ist. Also kleiner als im Fernsehen. Dort wirkt sie fast füllig, wie Jutta von Ditfurth, was an ihrem Outfit liegt: viele Tücher, Pullover, Ketten, lange Haare, Krimskrams, als müsse sie von ihrer aus den Fugen geratenen Figur ablenken. Aber die Figur ist völlig okay, eher schmächtig, der Körper eines Menschen, der noch mitten im Wachsen begriffen ist. Das Gesicht ist dagegen alt, fast altertümlich, wie die strengen Kindergesichter in Michael Henekes ‚Das weiße Band‘. Ich sehe das alles beim kurzen Umdrehen nach einigen Sekunden. Ich bin wirklich in Panik. Auch das Treppenhaus dieser meiner (auch so genannten) ‚Geheimwohnung‘ sagt viel über mich und meine Wohnsituation aus. In dem Roman ‚Der Geldkomplex‘ berichte ich darüber, mich darauf verlassend, daß man alles für Fiktion halten würde. Jetzt die Enttarnung.
Wir besteigen das Leihauto. Der Wartburg bleibt unbenutzt in der Danziger Straße. Ich habe keine Lust, damit in Schnee und Eis steckenzubleiben. Helene kennt das Wort nicht, Wartburg. Als sie geboren wurde, 1992, gab es schon keine DDR-Autos mehr.
Helenes Erfolg hat viel mit ihrer offenen Art zu tun. Man versteht sich mit ihr auf Anhieb, auch am Telefon, sie duzt jeden und meint es auch so. Anders als Agenturmenschen oder dumme Zeitgenossen scheint sie kein merkantiles Interesse zu verfolgen. Sie will nichts von einem. Sie ist Schriftstellerin. Ihr einziges Interesse kann nur ein literarisches sein, also das Leben selbst, die kleinen Besonderheiten der Mitmenschen. Folglich redet sie nicht über sich selbst, sondern will immer Fragen stellen. Das ist okay. Ich bin auch so. Also werfen wir uns gemeinsam auf Dritte.
Als erstes werden Fotos gemacht, im Studio des jüdischen Starfotographen Daniel Josefsohn. Jetzt erst merke ich, wie selbstsicher Helene ist, denn der Starfotograph ist es nicht. Ob das gespielt ist, diese Unsicherheit, weil das gut ist für die Klienten? Wahrscheinlich. Man fühlt sich plötzlich wie ein VIP, minsestens wie Joschka Fischer, der dort an der Wand hängt. Josefsohn hat sie alle im Studio gehabt, er zeigt uns seine besten Fotos, Kurnatz, Söder, Profalla, Langhans, Krebitz… bei Nicolette Krebitz sagt Helene plötzlich, das sei ihre beste Freundin. Es klingt schrecklich. Als würde ich sagen, Rainer Langhans sei seit Ewigkeiten ein sehr guter Freund von mir. Trotzdem stimmt es: das intellektuelle Biotop, in dem H.H. aufwuchs, besteht aus solchen Figuren der westdeutschen Popgeschichte, wie auch meines. Anders hätte diese etwas abgehobene, niemals bodenständige Schreibe gar nicht entstehen können. Andere beschreiben Bäume und Wetterphänomene, uns sind die Namen von Halbprominenten die wahre Natur. Josefsohn zuckt zusammen, als er das hört, also, daß die Kleine jemanden kennt, den er gerade fotografiert hat. Für ihn ist sie die Kleine, er redet Jugendjargon mit ihr, was sie nicht erwidert. Er merkt nicht, daß sie innerlich mindestens so alt ist wie Nina Hagen. Und er will natürlich anzügliche Fotos herstellen, bestimmt ist das sein Auftrag, also ‚Der alte Herr und das junge Mädchen‘. Der latent lüsterne Greis und die kokette Kindfrau. Schöne Fotoidee. Nur kann das überhaupt nicht funktionieren, weil etwas Unfrivoleres und Ernsthafteres als diese Nachwuchsdichterin gar nicht denkbar ist. Und mich zudem meine 35jährige Freundin gerade völlig auslastet, durchaus im negativen Sinne. Am selben Tag hatte es eine Art Trennungsgespräch gegeben. So braucht der Fotograf hunderte von Schüssen und immer neue Anläufe, um uns irgendwie in eine kompromittierende Stellung zu kriegen. Endlich, als ich krampfhaft versuche, an den letzten Sex mit meiner Freundin zu denken, eine Soldatin der israelischen Armee, huscht eine Spur von Anzüglichkeit über mein durchgeistigtes Gesicht. An was Fräulein Hegemann denkt, ist mir in dem Moment unbekannt. Na, sie kann ja selbst darüber schreiben. Jedenfalls erzähle ich danach von meiner Freundin, und der Fotograph horcht auf, man redet über Israel und die schönen Frauen dort, über Maxim Biller und Henrik M. Broder. Man versteht sich, die Runde wird lockerer. Das erste gute Foto entsteht, dank Israel.
Wir quatschen uns fest und verpassen dadurch den nächsten Termin: Visite beim alten Ex-NATO-General Reinhart v. Luschardt, ein Freund der Familie, also meiner. So ein Militär verlangt natürlich absolute Pünktlichkeit. Wir stehen belämmert vor der verschlossenen Tür. Ich klingele Sturm, er macht nicht auf. Um von der Blamage abzulenken, erzähle ich von meiner Freundin, wie sie in der ersten Nacht ihr Pistolenhalfter samt geladener Pistole ablegte und bedrohlich murmelte „You’d better be good“. Eine Militariageschichte, passend zur Lage gerade. Danach erklärte ich ihr den Falklandkrieg, in dem der NATO-General eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Auch dieses Wort hatte Helene noch nie gehört, Falklandkrieg, wie den Autonamen Wartburg. Aber sie wollte gern wissen, ob in dieser Nacht die Probleme mit meiner Freundin begonnen hätten. Ich gab ihr die entsprechende Antwort. Wir unterhielten uns im Auto weiter, über Liebesdinge, und es wurde klar, daß wir das in der Bar 103 am Zionskirchplatz noch extrem ausweiten würden. Auf dem Weg dorthin hielt ich vor der Villa Ariadne von Schirachs. Es konnte nicht schaden, wenn der Girlie Superstar von 2008 dem Medienstar von 2010 ein paar Tips gab.
Ariadne war ein fünffach priviligiertes Mädchen, ja der priviligierteste Mensch, den ich kannte. Sie war hübscher als 99 Przent ihres Jahrgangs, herrliches Gesicht, blond, blauäugig, schlank, groß. Sie war gebildeter als 98 Prozent meiner Freunde, verschlang seit ihrer Frühpubertät mehrere philosophische Bücher täglich. Sie hatte eine milliardenschwere und zudem jahrhundertealte Familie im Hintergrund. Sie war eine Frau. Sie war jung. Sie war erfolgreich. Sie war prominent. Alle Türen flogen ihr auf. Sie konnte alles und jeden haben. Sie war somit das genaue Gegenteil von mir. Ich war Mann, alt, häßlich, erfolglos, ohne Familie, medial bedeutungslos und auf dem Sexualmarkt ohne Chance. Aridnes Leidenschaft war neuerdings der forcierte Feminismus, was für sie ja hieß, sich auf die Seite der eigenen Priviligiertheit zu stellen und jene armen Hunde noch weiter zu treten, die ohnehin schon im Schatten standen: ihre männlichen, vaterlosen, verunsicherten Altersgenossen. Sie führte nun einen neuen Frauenblog im Internet, der Jungs ausschloß und für die Frauen kämpfte. Das war dann wohl die erste Befreiungsbewegung, die für die Unterdrücker und gegen die Unterdrückten kämpfte. Ich wollte gern sehen, wie Helene darauf reagierte.
Ariadne fürchtete – wie ich vorhin – wir könnten ihre Wohnung sehen. Ich kannte diese zwar, aber die Frau neben mir nicht. Das galt es unbedingt zu verhindern, siehe der neue ‚Privatfaschismus‘, wie Helene das nannte. Es war wohl eine Reaktion auf die totale Transparenz, die das Internet geschaffen hatte. Jedenfalls gab es das Phänomen vor fünf Jahren noch nicht. Damals bin ich Dutzende von Malen einfach in Ariadnes Wohnung spaziert. Heute wurde man verklagt, wenn man nur ein Schnappschußphoto machte, im privaten Rahmen. Sehr seltsam.
Helene hörte mit offenem Mund zu, was Ariadne deklamierte. So eine Person hatte sie noch nicht erlebt. Mein Roman ‚Der Geldkompex‘ sei frauenfeindlich. Und zwar total. Jede Zeile, von vorn bis hinten. Das sei widerwärtig! Dagegen müsse man vorgehen.
Ich überlegte. Frauenfeindlich, das Wort so verstaubt wie arbeiter- und bauernfeindlich. In der DDR wurde jede Form von Realismus immer als antisozialistisch verboten, selbst ‚Spur der Steine‘, ein toller pro-DDR-Film. Ideologien mochten eben keinen Realismus, niemals. Und das galt heute genauso, wo der politisch korrekte Feminismus den Überbau beherrschte. Andererseits blieb die Wirkung solchen Denkens begrenzt, eben auf die Kaste der Ideologieverwalter. Draußen im Leben, darauf kann man wetten, gilt stets das Gegenteil. Ariadne hatte sich also zum zeitgemäßen Pharisäer entwickelt. Sie wollte im Überbau Karriere machen.
Die Wortwechsel wurden schärfer. Ich verteidigte mein Buch, nannte es liebevoll, die andere Seite wurde höhnisch und haßerfüllt. Helenes Kopf raste hin und her, wie beim Tennis. Ariadne meinte, sie wolle viel lieber mit Helene reden, weil die wenigstens eine Frau sei. Schade, Ariadne von Schirach war noch vor wenigen Jahren der feinste Mensch gewesen, den man sich nur denken konnte. Jetzt waren ihre Gesichtszüge fast schon verzerrt vor Dünkel und Größenwahn. Es war doch erstaunlich, wie schnell man den Medien auf den Leim gehen konnte. Ob es mit Helene genauso lief? Ich fragte sie später. Sie wußte nicht was ich meinte. Ich erzählte von den vielen Talkshows, von der SPIEGEL Bestsellerliste, von Ariadnes Bucherfolg ‚Tanz auf der Lust‘. Helene hatte noch nicht entschieden, wie sie mit alldem umgehen wollte. Sie wirkte weder besonders überfordert, noch besonders angetan. Der Medienzirkus begann ja erst. Aber den gerade gehörten Biologismus lehnte sie, nein, er war ihr schlicht fremd, genauso wie Rassismus oder die Unterscheidung von Menschen in große und kleine Mitbürger, Dicke oder Dünne. Sie war eben ein spätes Kind des Humanismus, die Gute, und die groben Unterschiede interessierten sie nicht, nur die feinen, nicht sofort sichtbaren.
Wir stiegen wieder in den Hybrid, also den schneeweiß lackierten japanischen Leihwagen, und fuhren an Helenes Wohnung vorbei, parkten. Sie wollte mir ihr Buch runterholen, das sie vergessen hatte, sodaß wir den förmlichen Buchtausch vornehmen konnten, auf den wir uns schon freuten, ohne blöde Widmung, nur mit Handschlag und angedeuteter Verbeugung. Als sie ausstieg, flackerte Angst in ihren grasgrünen Mädchenaugen. Das Privat-Ding. Ich sagte schnell:
„Nein, keine Sorge, ich gucke mir deine Wohnung nicht an.“
Sie meinte entschuldigend, ich könne mir ihr Zimmer ja auf Facebook ansehen, ihrem Fotoalbum dort. Ja ja, nickte ich, so ein gefaktes Bildchen hatte ich auch auf Facebook. Damit die Leute nicht einmal ahnten, wie meine Privatspäre wirklich aussah. So ging es weiter zu Holm Friebe und zur Zentralen Intelligenz Agentur. Wir hatten dort wenig Glück und landeten endlich am eigentlichen Ziel unserer Recherche, der ‚Bar 103‘. Nun wurde es doch noch gemütlich. Die Stunden verstrichen wie Minuten. Helene erzählte aus dem Nähkästchen. Ihre Ersatzfamilie, ihr Weltbild, ihre Werte und Wünsche. Sie hielt die deutsche klassische Familie, ja jede blutsverwandte Familie, für komplett gescheitert. Nur Ersatzfamilien, die man sich selbst ausgesucht habe, würden funktionieren, und zwar bestens. Sie sei darin sehr glücklich. Das wunderte mich, da ich ihr Buch kannte. Über weite Strecken besteht es aus massiver Verzweiflung. Aber ich wollte ihr nicht widersprechen, ich war ja kein Reporter, und sagte leichthin:
„Laß uns lieber über Sternzeichen und Lieblingsfarben reden, die ernsten Dinge stehen ja schon in ‚Axolotl Roadkill‘…“
So kamen wir uns wieder näher. Ich spürte, daß sie ebenfalls keine Lust hatte, über sexuelle Orientierung, die fortschreitende Pornographisierung von Staat und Gesellschaft und so weiter zu sprechen. Denn wenn etwas von vornherein klar war, dann dies: hier trafen sich zwei Schriftsteller und keine Medienleute. Uns interessierte immer nur die Biographie, und wir kitzelten sie uns gegenseitig heraus. Wobei stillschweigendes Einverständnis darüber herrschte, diese Informationen niemals und auf keinen Fall schriftlich zu verwenden und schamlos auszubeuten.
Außer in einem Roman natürlich.

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