100 Jahre Willy Brandt / Die Heimkehr

Wenn der Exilant drei Jahre lang die deutsche Hauptstadt nicht betreten hat, fällt die Heimkehr schwer – noch dazu am hundertsten Geburtstag des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt. Bei Jauch sitzen dessen alte Freunde und Feinde, nämlich Egon Bahr und Heiner Geißler, und Brandts ältester Sohn Peter. Mich hat keiner eingeladen. Mir bleibt nur Facebook. Dort finde ich MEINE Freunde von einst.
Viele leben noch, auch wenn Wolfgang Herrndorf sich erschoß, Almut Klotz gestorben ist und Philipp Albers nicht mehr bei der American Academy arbeitet. Nichte Hase, die selbst emigrierte, ist sogar heimlich nach Berlin zurückgekehrt. Und sie ist noch immer auf ihrer alten Nummer erreichbar. Ein großes Glück, denn fast alle anderen Nummern von Weggefährten, Ex-Freundinnen und damaligen Kollegen funktionieren nicht mehr. Wo ist Holm Friebe? Greta Taubert? Wer kennt noch Claudius Seidl? In welchem Viertel wohnt inzwischen Jakob Augstein? Nur Matthias Wulff, der Getreue wilder Schlachten, sendet ein ‚gefällt mir‘.

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Die Stadt ist nicht wiederzuerkennen. Meine Wohnung auch nicht. Ich komme mir vor wie Indiana Jones. Meterhoher Staub liegt auf den Ruinen, die einst meine Möbel waren. Mit Atemmaske und Taschenlampe kämpfe ich mich Meter für Meter voran.
Das Viertel – Bötzowviertel – hat tausend neue Läden bekommen. In jedem Haus in jeder Straße in jedem Eingang ein neues Geschäft, ein weiterer Fahradladen, ein neues Kaffeehaus, ein Irgendwas. Und nochmal 800 Prozent mehr Kleinkinder. Die Straßen sind schwarz vor neuen Eltern mit neuen Kindern, ein revolutionäres Zusammenbrauen von Menschenmassen wie bei Eisenstein. Es brodelt, aber die Geräusche sind leise, es sind menschliche und keine industriellen Geräusche, sozusagen Bio-Geräusche. Keine Autos, keine Maschinen, keine Produktion, keine Wertschöpfung. Hier wird ausgegeben, nicht gearbeitet.
Wo ist Philipp Grassmann? Willi Winkler? Peter Unfried? Mein Bruder? Der ist aufs Land gezogen, vor die Tore der Stadt, in die Mark Brandenburg. Mein Neffe Elias lebt jetzt in München. Heiko Arntz in Wedel bei Hamburg. Helge Malchow hat seine Wohnung in der Griebenowstraße untervermietet. Aber Cornelius Reiber: DER wohnt noch immer in der Kastanienallee Nummer 2! Wir haben uns zum traditionellen Herrenspaziergang verabredet. Er wird mir morgen erzählen, was aus Sascha Lobo geworden ist. Und aus allen anderen…

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