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vonlottmann 28.05.2014

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Montag, siebzehn Uhr. Vor dem Café Prückl am Wiener Stubenring steht ein Mittfünfziger im snickersfarbenen Übergangsmantel neben zwei Fahrrädern von Citybike. Es ist der Schriftsteller Joachim Lottmann, über den der Schriftsteller Rainald Goetz schrieb: „Dieser Mensch ist wirklich böse. Finster, zuinnerst, zutiefst und ohne Grund einfach böse“, und hinzufügte: „…aber wir wissen ja alle: nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“

Lottmann lächelt.

Er hat sich für den heutigen Tag was ausgedacht, damit dieses Porträt über ihn eine runde Sache wird. „Ich habe zwei Fahrräder ausgeliehen, man muss diese Vorrichtung vorm Speichenschloss, glaube ich, nach unten drücken und den Schlüssel abziehen“, säuselt Lottmann. Wenn man die Vorrichtung runterdrückt, passiert nichts. Fünf Minuten Rumfummeln, dann öffnet Lottmann das Schloss mit einem simplen Handgriff. „Kleiner Intelligenztest“, sagt Lottmann.

Vor Kurzem ist bei Kiepenheuer & Witsch sein neuer Roman erschienen. Er heißt „Endlich Kokain“ und erzählt, wie der dicke, erlahmte und öffentlich-rechtliche Fernsehredakteur Stephan Braum (auf die demütigende Idee mit dem m muss man schon mal kommen) eine Kokain-Kur antritt, um endlich abzunehmen. Braum wird tatsächlich immer dünner, die Frauen kriegen sich nicht mehr ein – es wird in diesem Roman dann gekokst, gevögelt und ein irres Blabla ausgebreitet, jenes, das man etwa aus Interviews mit jungen Schauspielerinnen kennt: „Ich bin sehr oft im Leben verletzt worden. Ich lasse es inzwischen kaum mehr zu.“

Viele Menschen kommen in „Endlich Kokain“ vor, die es in der wirklichen Welt auch gibt: Schriftsteller, Maler, Politiker.

Und es kommt Deutschland vor, Berlin im Besonderen, wie es im Jahr 2014 im Brennglas des stets milde lächelnden Joachim Lottmann aufscheint: als zwischen Fahrradweg und dem Spritzbeton des Adlon angesiedelter, von Angestelltenängsten, Redakteursparanoia und Rundfunkratsaufsehern vollgemiefter Subventions- Chillroom, in welchem nebenbei noch belämmert herumtwitternde Studenten an ihrer amorphen Zukunft basteln und labberig gewordene Stars ihre Tristesse im Grill Royal ausstellen.
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Sein neuer, sehr komischer Roman ist noch nicht lange da, hat aber schon viele Feinde
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Zum Teufel also mit den Erzähltheorien aus feuchten Philologenhänden: Stephan Braum ist Lottmann, der keine Lust hatte, sich im Buch Lottmann zu nennen. Dieser Braum macht in „Endlich Kokain“ zunehmend größenwahnsinnige Notizen, die er „Wissenschaftliches Tagebuch“ nennt. Es ist das Logbuch der Wowi-Bohème: „Nun war die Stimmung bei uns wieder bombe. Wir hatten es geschafft, waren bis ganz nach oben durchgestoßen. So sollte es sein, so sollte eine solche Party laufen!“

Natürlich muss man Deutschland nicht so sehen wie Lottmann. Aber die Art, wie Lottmann den deutschsprachigen Kulturraum beschreibt – das ist schon um Welten aufregender und vor allem lustiger als die erlebnisentkernte Bachmannpreis-Prosa, die man sonst so lesen soll.

Joachim Lottmann ist der zeltsakkotragende Typ in der Ecke, der das Sprachmemo laufen lässt und hinterher alles aufschreibt. Die Zecke, die sich vollsaugt mit dem Leben der anderen und einfach alles in die Datei fließen lässt, ohne große Kunstgriffe, ohne stilistische Augenzwinkereien und ohne Scheu vor Indiskretion. Lottmanns Literatur ist die (allerdings: hohe) Kunst der Diffamierung mit den Mitteln der kindlichen Unschuld. So ist auch „Endlich Kokain“ geschrieben. Es ist ein irres Buch, in dem nichts stimmt und alles wahr ist.

Der Roman ist, wie gesagt, noch nicht lange auf dem Markt. Aber er hat jetzt schon fast so viele Feinde, wie Joachim Lottmann selbst Feinde hat – in Wien, wo er seit drei Jahren lebt, aber auch in Deutschland, wo Lottmann lange Zeit so etwas war wie der Herbergsvater der jüngeren deutschen Literaten. Heute mag kaum noch einer von den inzwischen älter Gewordenen mit ihm reden. Mit Maxim Biller ist er mal durch Berlin gezogen und hat hinterher im Spiegel geschrieben, dass Biller ein Spießer sei, der komplett durchdreht, wenn er mal ein Knöllchen am Auto hat.

Wenn Joachim Lottmann über Leute, Städte oder Zeitungen schreibt, dann liest sich das am Anfang wie blütenreine Affirmation, am Ende sollte man besser auch dann lachen, wenn es einen selbst trifft. Die erste, gescheiterte, entsetzliche Ehe seines Helden Braum in „Endlich Kokain“ fasst Lottmann so zusammen: „Obwohl das Landhaus, das sie bewohnten, riesig war, gab es praktisch nur einen Raum, da sie überall, wo es ging, Wände entfernt, Durchgänge geschaffen und Türen ausgehängt hatten. Man war nie ganz für sich. Das Rascheln der großen ZEIT-Doppelseiten hörte man in jedem Winkel des Anwesens. Braum und sie lasen jede Zeile der schnarchlangweiligen Zeitung. Erst jetzt wurde ihm klar, daß jeder, der über Jahre hinweg die komplett unlustige, lebensverneinende ZEIT auf diese Weise gelesen hatte, nur mausetot sein konnte.“

Es ist ein noch etwas kühler Vorsommertag in Wien, Joachim Lottmann möchte jetzt mit dem Rad zum „Morawa“ fahren, der besten Buchhandlung der Stadt. Im Rolling Stone soll eine Kritik zu „Endlich Kokain“ erschienen sein. Lottmann kauft die Zeitschrift und sieht lächelnd, dass die Kritik freundlich ist. Endlich mal was Liebes! Die Kritikerin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hatte eben erst geschrieben, dass Lottmann Altherrenerotik entfalte, worauf man kommen kann, aber nur, wenn man den Witz nicht versteht.

In Lottmanns Wohnung stehen die Tagebücher von Jules und Edmond Goncourt im Regal, die Brüder haben sich im Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts die Salon- und Kulturlöwen ihrer Zeit vorgenommen und in ihren Aufzeichnungen filetiert. Lottmanns Goncourt-Kassette ist noch eingeschweißt, nur in Höhe des ersten Bands ist das Plastik eingerissen.

Klaus Nüchtern, der Literaturkritiker des Wiener Magazins Falter hat seine Rezension mit fest zusammengebissenen Zähnen geschrieben: „Bar aller Anmut klappern die Hauptsatzketten, fern von allem Suspense wird ein Ereignis ans nächste gestrickt.“ Hammer! Selbst ein unterfütterter Lipizzaner-Hengst würde kein solches Schnauben durch seine Nüstern wehen lassen. Lottmann fasst es nicht, wie blöd die Leute sind. Er lächelt.

Am Abend wird er in einem kleinen Wiener Theater aus „Endlich Kokain“ lesen. Zusammen mit Thomas Glavinic, dem gerade gefeierten Erfolgsautor des Romans „Das größere Wunder“. Es sollen auch ein paar von den Leuten kommen, die, wie Glavinic, in Lottmanns Roman auftauchen.

Jetzt geht es erst mal weiter mit dem Rad über die Mariahilferstraße Richtung Naschmarkt, Lottmann fährt weit voraus. Die Mariahilferstraße ist das Lieblingsthema der Wiener Grünen, die hier den Autoverkehr verbieten möchten. Im Roman schreibt Lottmann:“Die Grünen sind einfach die Pest jeder Gesellschaft.“

Gleich um die Ecke ist das Café Sperl. Lottmann schaut durchs Fenster in das Lokal. Da sitzen die berühmten österreichischen Autorinnen Marlene Streeruwitz und Lydia Mischkulnig. „Da können wir nicht rein.“ Warum das denn? Verschlagen eilt Lottmann weiter.

Die Antwort findet man unter anderem, wenn man die schlanke Streeruwitz-Expertise aus Lottmanns noch unveröffentlichtem Roman „Happy End“ liest: „Der Rhythmus schepperte mir Absatz für Absatz um die Ohren, gleich dem ächzenden Geklapper eines alten Fiakers, der um den Stephansdom herumgurkt.“

Also da nicht rein. Weiter.
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„Man muß jeden Zipfel der Wirklichkeit beschreiben, ohne Ansehen der Wichtigkeit. “
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Vor dem Café Anzengruber stellt Lottmann sein Fahrrad ab. Im gleichen Moment kommt Ela Angerer um die Ecke, Schriftstellerin und in Lottmanns Buch „100 Tage Alkohol“ das Groupie genannt. In dem Buch versucht Lottmann, das Groupie ins Bett zu kriegen. Aber das Groupie sagt zu Lottmann: „Ich lese und mag deine Geschichten. Aber ich werde niemals Sex mit dir haben.“

Jetzt, hier vorm Anzengruber, sagt Ela Angerer kühl: „Bist wieder mit deinem E-Bike unterwegs.“

Im Anzengruber trifft sich Lottmann mit seinem literarischen Kreis. Es gibt mehrere literarische Kreise in Wien. Wenn man sie gegeneinander aufstellte, würde es mehr Tote geben als bei der Schlacht um Lemberg. Joachim Lottmann bestellt einen Schnaps und spricht dann längere Zeit nicht, weil Ela Angerer längere Zeit spricht. Sie sagt: „Ich find es so mutig, dass einer über das eigene Scheitern schreibt und die eigenen Unzulänglichkeiten.“

Lottmann: „Das ist meine tagtägliche Lebensbewältigung; und das zweite große Motiv ist natürlich: Rache. Ich will es allen zurückgeben, was sie mir angetan haben.“

Dass das irgendwie stimmen muss, kann man jetzt im Anzengruber toll beobachten, weil gerade eine Gruppe Wiener Journalistinnen am Nebentisch Platz nimmt, unter ihnen die Kolumnistin Doris Knecht, deren Rubrik im Kurier tatsächlich „Jetzt erst Knecht“ heißt. Als Lottmann sich einladend vor ihren Tisch stellt, dreht sie sich sofort zur Seite. Vor ein paar Jahren schrieb Doris Knecht einen lustigen Text darüber, dass sie Joachim Lottmann auf keinen Fall begegnen möchte. „Sie hat Angst vorm Joachim,“ sagt Ela Angerer. Angst vorm Joachim?

Man könnte Angst haben, wenn man glaubt, dass Lottmann seine Täuschungen und Lügen in finsterer Absicht streut. Aber man könnte ihn auch spaßeshalber einen Utopisten nennen, einen analogen Seelsorger der postdigitalen Bohème – einen, der sich Gedanken macht, ob zum Beispiel der Schriftsteller Glavinic am Abend der Lesung in guter Verfassung sein wird.

Lottmann sagt, Thomas Glavinic sei der größere Schriftsteller von ihnen beiden, denn er könne so schreiben wie Lottmann, doch Lottmann nicht so wie Glavinic. Sein Roman ‚Das bin doch ich‘ sei allerbeste Lottmannliteratur. Einen Roman wie ‚Das größere Wunder‘ würde er selbst gern schreiben, könne das aber nicht. Glavinic habe dort eine ganz klare, unbezwingbare Vision von einem STOFF, den er dann ohne Rücksicht auf sprachliche Schwierigkeiten durchsetze. Ihm, Lottmann, würde es bei diesen unvermeidbaren Unzulänglichkeiten die Zehennägel aufstellen und er würde aufgeben. Das nichterlebnisgestützte Schreiben sei naturgemäß klischeehaft, und er hätte nicht den Mut, diese Durststrecken innerhalb eines 400-Seiten-Textes durchzustehen. Allein der Ruf nach dem Klischeeverdacht, den jeder übelwollende Kritiker sofort ausstieße, also etwa jeder dritte, könne nur ein Großschriftsteller mit dem dicken Fell eines Hemingway aushalten, das sei schon immer so gewesen. Insgesamt sei ‚Das größere Wunder‘ ein großer Wurf und derzeit sein Lieblingsroman.

1987 erschien Lottmanns erster Roman „Mai, Juni, Juli“; es ist die Geschichte des jungen Lottmann, der unbedingt Schriftsteller werden möchte und das passende Lebensmodell dafür sucht. Bis er es gefunden hat, richtet er sich in der Wohnung seines Mentors ein – absolut unschwer zu erkennen als der väterliche Kiepenheuer-Verleger Helge Malchow, der Lottmann monatelang Obdach gewährte und zum Dank hemmungslos literarisch verarbeitet wurde. In diesem Roman hat Lottmann auch seine Poetik formuliert, wenn man das bei Lottmann Poetik nennen will: „Man muß, ganz klar, einfach jeden Zipfel der Wirklichkeit beschreiben, ohne Ansehen der Wichtigkeit.“ Und wenn das nicht geht, könnte man ergänzen, muss man seine eigene Wirklichkeit schaffen ohne Ansehen der Wahrheit.

Demnach ist Joachim Lottmann entweder am 3. Oktober 1956 oder am 6. Dezember 1959 in Hamburg geboren. Demnach war sein Vater einer der Gründer der FDP, und seine Mutter eine Journalistin mit Hang zum Mondänen. Demnach ist er am Sophie-Scholl-Gymnasium in München gewesen und hat Rainer Langhans bei dessen Harems-Tätigkeit assistiert. In seinem herrlichen Roman „Die Jugend von heute“ (2004) schildert Lottmann einen Weihnachtsabend in der berühmten Münchner Wohngemeinschaft. Langhans kommt schlecht weg als Harems-Hausmeister, der am Essen von Barbara herumnörgelt, die 16 Stunden in der Küche gestanden hat.

Gesichert ist, dass Joachim Lottmann in den 80er-Jahren bei der Bunten über Fahrradtaxis und sexuelle Frühaufklärung geschrieben hat. Und dass er ein Jahr lang einen Vertrag mit dem Spiegel hatte, für den er jene Art von Borderline-Journalismus erfand, der vor allem die Legion der Wir-sind-weiß-Gott-für-die-Pressefreiheit-aber-das-geht-zu-weit-Leserbriefschreiber auf die Palme brachte. Großartig seine Reportage über das Adelstreffen in Karlsbad: „Und, selbst aus der baltischen Linie, Graf Lottermann?“ Das ist natürlich alles viel zu gut, um auf die Shortlisten irgendwelcher Preise zu kommen.

Vor zehn Jahren wohnte Lottmann in der Hamburger Geschwister-Scholl-Straße. Das weiß man deshalb so genau, weil die Bild-Zeitung damals über Lottmann schrieb, er zahle seine Miete nicht oder nur manchmal und schulde seinem Vermieter noch 7000 Euro. Dem Vermieter, einem Dr. Lidl, mailte Lottmann damals: „Am Ende werden sie noch stolz sein. Ein Autor, der in Ihrer Wohnung einen Bestseller geschrieben hat.“

Neben dem Stephansdom stehen die Fiaker. Lottmann ist noch nie Fiaker gefahren – abgesehen von der Streeruwitz-Lektüre. Neben der ersten Kutsche steht ein Mann mit einer Barttracht im Stil des Kaisers Franz Joseph. „Mit dem möchte ich nicht so gerne durch Wien fahren“, sagt Lottmann laut, „da schäme ich mich.“ Er schlägt vor, kurz in den Stephansdom zu gehen. Dort steuert er direkt den Dom-Shop an und fragt den Mann hinter der Kasse in heischendem Ton: „Haben Sie Ansichtskarten vom Heiligen Vater?“ Der Mann verneint. Lottmann flüstert: „Ich frage ihn das mehrmals in der Woche.“
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Die Lesung in Wien geht dann total aus dem Leim. Nur einer sitzt da und bewahrt die Form
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Dann kommt doch noch eine Fiaker-Fahrt zustande. Sie kostet 80 Euro, führt durch die Hofburg, der redeunwillige Kutscher nölt, dass eine Kirche elfhundertnochwas gebaut sei, und Lottmann sagt, dass er glaubt, dass der 27 Jahre alte österreichische Außenminister Sebastian Kurz eine große Zukunft haben wird. Diese Strecke hier ist noch kein Fiaker gefahren: abgeschabte Gemeindebauhäuser, enge Straßen, graues Wien. Irgendwann hält die Kutsche vor einem Schnitzellokal. Als Lottmann aussteigt, uriniert die Stute kraftvoll durch eine Plastikrinne.

Endlich der Abend im Schauspielhaus. Thomas Glavinic sitzt mit Weißwein neben Lottmann, Glavinic hat das Hemd schon weit aufgeknöpft. Das Publikum besteht hauptsächlich aus Leuten, die unter anderen Namen im Roman auftauchen. Und aus Joachim Unseld. „In meinem Roman kommt ein koksender Maler vor, der ins Koma fällt“, sagt Lottmann: „Das Vorbild ist natürlich Thomas Glavinic.“ Glavinic muss immer lachen beim Lesen. Einmal aber hält er mit ernstem Gesicht sein halb ausgetrunkenes Weißweinglas hoch und ruft gegen die Theke: „Ich brauch noch mal sowas, sonst kann ich das hier nicht machen.“ Glavinic macht den nächsten Hemdknopf auf.

Die Lesung ist ein Erfolg. Ela Angerer ist da, der Schauspieler Philipp Hochmair, der im Buch Sebastian Windbeutel heißt. Dann fahren einige noch ins Anzengruber. Auch Joachim Unseld kommt mit, der Sohn des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld. Hat sein Vater ihn auf Anraten seiner Frau Ulla Berkéwicz aus dem Verlag getrieben? Jedenfalls hält sich Joachim Unseld mit einem eigenen Verlag aufrecht, und er beschwört unter schwerster Verwendung von Zahlen und Statistiken den Untergang des Suhrkamp-Verlags. Er lehnt sich weit über den Tisch. Was er genau sagt, darf hier nicht stehen. Unseld schimpft viel und lange, will aber nicht zitiert werden. Thomas Glavinic hat einen der letzten Knöpfe aufgemacht. Am Ende des Abends wird er mit nacktem Oberkörper im Anzengruber sitzen. Joachim Lottmann hat nicht einmal sein Sakko abgelegt. Stattdessen bewahrt er die Form.

Es gibt stille Straßen in Wien, in der Leopoldstadt zum Beispiel weht einen die lauwarme Melancholie der Vorstadt an.

Lottmann wohnt in der Zirkusgasse, dort links. Der Innenhof ist wegen des Baugerüsts kaum begehbar; alte breite Treppen, und vor der Wohnungstür stehen ein Wäscheständer und Sperrmüll. Lottmann lebt hier mit seiner Frau, der Profil-Redakteurin Christa Zöchling. Hinter der Küchenzeile mit dem Gasofen ist die Badewanne installiert. Als Christa Zöchling einen Kaffee kocht, flammen drei Gaskartuschen gleichzeitig auf.

Lottmann geht in das hintere Zimmer, eine Art Salon mit Büchern, dem Ehebett und einem Bildnis des Heiligen Vaters.

Noch einmal die Frage: „Warum hassen die Leute hier in Wien Sie so?“

„Weil die sich fragen: Was bildet der sich ein? Warum denkt der, etwas Besonderes zu sein? Wieso überhebt der sich, reckt sich, bläst sich auf? Wer ist das?“

Von all diesen Fragen ist eigentlich nur die letzte wirklich interessant.

Ein paar Tage später fährt er nach München, wo er seine Jugend verbracht hat und wo es keine Frauen für ihn gab – „ich musste mich immer fernversorgen“. Er hat wieder aus seinem Roman gelesen. Er ist auch durch Schwabing gegangen und hat dann in seinem taz-Blog geschrieben: „Die Straßen waren leer. Mitten im Mai war die Stadt wie ausgestorben. Die Reichen lebten alle auf ihren Wochenendgütern, und junge Leute gab es nicht mehr. Eine Stadt der Alten und Kranken, der Stubenhocker, der Vorortbewohner.“

Wegen solcher Wahrheiten sollte der große Lügner Joachim Lottmann der Schriftsteller unseres Vertrauens sein.

 

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Hilmar Klute, geboren 1967 in Bochum, hat in München studiert, kam auf verschlungenen, aber im Groben zielführenden Pfaden zum Streiflicht, das er seit einem halben Jahrzehnt mit anderen zusammen lebendig hält und seit 2010 auch verantwortet. Hinzu kommen Reportagen, Essays und Porträts sowie ein kleines Buch, das von der Metaphysik des Hundes und seiner Besitzer handelt.

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