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vonlottmann 30.06.2014

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Im südfranzösischen Nizza in der Villa Arson waren vom 27. 2. – 13. 4. 87 Bilder und lnstallationen von Werner Büttner, Martin Kippenberger, Albert und Markus Oehlen zu sehen.

Ich kenne nicht viele, die gern über die vier rauhbauzigen, kraftgenialischen, zudem selbst der Sprache so mächtigen Männerfreunde geschrieben haben, also über Kippi, Büttner und die beiden Oehlenbrüder. Die Herren schreiben am liebsten selbst, und sie machen es besser als jeder müde Journalist. Aber die Dinge ändern sich; an vielen Fronten ändert sich die Einstellung, bei jedem der Vier. Die Nizza-Ausstellung ist nicht zufällig (nach all den Jahren!) die erste gemeinsame Ausstellung der vier Unverbrüchlichen, es ist auch die letzte, weil die letzte mögliche. Die gemeinsame Sprache, die ja nichts anderes ist, als das gemeinsame politische Verständnis, rutscht ihnen weg. Ich will nicht von den privaten Umständen reden, von den Frauen den mit ihnen verbundenen sehr unterschiedlichen Verzweiflungszuständen, denn das hat mit Politik nichts zu tun. Um Politik aber, und um nichts als das, ging und geht es ihnen, so steht es in ihrem Grundgesetz, das ist nicht nur ihre Marktlücke einmal gewesen (die selbst gewalttätig geschaffene), sondern auch ihr Moment des Künstler-Werdens: Kunst ist das Wort zum Bild. Angucken allein genügt nicht. Alle Kunst seit Adam und Eva ist es kraft des diskursiven Zusammenhangs geworden. Will sagen: Der diskursive Zusammenhang, will man den jetzigen Stand 1987 herauskriegen, muß moralisch geprüft werden. Drumherumreden hilft jetzt nicht weiter, auch wenn es der Kern des Journalistenberufes sowie oft vornehme Pflicht des Künstlers ist. Da der letzte Satz so kokett klingt: Der Kulturbetrieb ist in aller Regel damit beschäf- tigt, gegen angemessene Bezahlung die real menschlichen, also politischen Wirkung- en von Kunst vermittels pluralistischer Bedeutungshülsen abzutöten. Der (gute) Künstler wiederum versucht naturgemäß, sein Werk zu schützen, indem er die pluralis- tischen Bedeutungshülsen als solche entlarvt. Frage an Albert Oehlen: Sie haben immer sehr geschickt konventionelle Malebenen als Strategie der Differenzierung dem eigenen Impuls des Aufbrechens, quasi der Jugend, entgegenarbeiten lassen.
Antwort Kippenberger: Bis Donnerstag Schmunzelwasser als Vorfreude für ein Wort ohne K. Beim Drumherumreden geht es nicht um Auseinandersetzung, sondern Kulturbetrieb und Kunst versuchen, sich gegenseitig zu Iiquidieren. Worum aber dreht sich die eigentliche Auseinandersetzung? In Werner Büttners ,Begegnung im Haus der Begegnung (Transit I)‘ wird die Ideologie des Miteinander-Redens thematisiert. Seit dem Ende der Ära Adenauer kittet diese ,Man-muß-sich-gemeinsam-an-einen-Tisch- setzen-können‘-Haltung unsere Gesellschaft wie keine zweite, keine andere Ideolo- gie. Als 1966 die Große Koalition geschlossen wurde, gegen den Willen Adenauers, der, wäre es nach ihm gegangen, den kantigen Hardliner Strauß zum Kanzler gemacht bitte, wurde unter dem lostobenden Jubel der gesamten Systempresse als erstes die sogenannte ,Konzertierte Aktion‘ erfunden: Kapital und Arbeit an einem Tisch. Begegnung im Haus der Begegnung. Vordergründiges Motiv: Bewältigung der wirtschaftlichen Krise im Winter 66/67. Zehn Jahre später saßen die Leutchen immer noch am Tisch. Die Konzertierte Aktion tagte ohne Ende, inzwischen war Helmut Schmidt an der Macht und verfeinerte die Begegnungsideologie zum Credo der „Kompromißfähigkeit als oberster Tugend der Politik Treibenden. Jeden Tag wieder- holte dieser Schmidt sein ,Man-muß-auch-Kompromisse-machen-können‘, ich konnte es schon nicht mehr hören, als plötzlich etwas in die Welt kam, das die ‚Wir-Sitzen- alle-im-selben-Boot‘-Arie zur Staatshymne machte, nämlich Helmut Kohl. Folglich spielt sich in Büttners ,Begegnung im Haus der Begegnung (Homo erectus II)‘ die Begegnung der Menschen auf den glitschigen Masten eines Viermast-Seglers ab. Ein Raum weiter, der Leiter des Pariser Goethe-Instituts konnte sich kaum davon lösen: ,Mach Freunden eine Freude‘, offiziell von Büttner, tatsächlich von A. Oehlen. Wo es um einen verbindlichen Standpunkt geht, pfeift man auf kleinkarierten Indivi- dualismus (denke ich mir). Es geht um, bei diesem Bild: Freundschaft, Völkerver- ständigung, Dritte Welt, die „Mennchen“ im pfälzischen Sinne. Also um das Zuscheißen von furchtbaren Unterdrückungszusammenhängen mit eben diesen Wor- ten. ,Mach Freunden eine Freude‘ steht in krakeliger Zuckergußschrift auf einem tellergroßen deutschen Lebkuchenherz, das ein zerquältes, geschminktes Mädchen, eine schwarze Prostituierte, unter den Titten hängen hat. Gut gemalt, übrigens. Ein richtig guter, normaler Akt, eine prächtige Anlage fürs Schlafzimmer. Ein Hauch von Verständnis für den geilen AEG-Vertreter in Kinshasa? Wohl kaum. Seit AIDS ist alles nur noch schlimmer geworden (wenn das noch möglich war), und das Herzl kündet von einem Freier, der nicht mehr wiederkommen wird. 36
Noch nie hatten die vier Deutschen soviel Platz und damit so viele Möglichkeiten. Allein Kippenbergers raumfüllende, hemmungslose Kartonkonstruktionen hätten normalerweise die halbe Ausstellung erschlagen; hier bleibt es ein Raum von vielen anderen, weiteren, wartenden, ebenso wie der Raum ,Familie Hunger‘. Dreizehn große und kleine namenlose, gesichtslose Pappkartons, ohne Arme und Beine, ohne alles, freilich mit einem alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen den Loch in Bauchhöhe, außen schmerzhaft. Bei diesem Loch, unübersehbar, gesteigert durch den ansonsten kahlen Raum, nicht relativierbar und nicht mehr differenzierbar, wird auch jeder Gedanke an Familienplanung zum lächerlichen Spiel für Akademiker. Familie Hunger hat elf Kinder. Die Resignation, die die Künstler privat mit sich herumschleppen und die auch im Ausstellungskatalog die Texte aufschwemmt, hat noch nicht auf die Arbeiten Einfluß bekommen. Unbestechlich klar sind noch alle Aussagen. Nichts ist geblieben vom virilen Hemingway-Touch, am frühen Abend schleichen sie in ihre Hotelzimmer, Kunstgroupies und Museumsdirektoren müssen den heimischen Schampus alleine austrinken – die Künstler sind malade. Kippenherger & Co lecken ihre Wunden, pflegen ängstlich die in Jugendjahren kaputtgesoffene Leber, mögen sich gegen- seitig auch gar nicht mehr so leiden; das Kumpelturn hängt ihnen zum Hals raus. Diese große Ausstellung noch, bei der es nicht zuletzt auch darum geht, als Deutsche im Ausland Flagge zu zeigen, dann ist Ende. So die Stimmung; aber, wie gesagt, dem ausgestellten Oeuvre sieht man es nicht an. Zum Beispiel: ,Avantgardistisches Batschkommando‘ von Werner Büttner. Man sieht auf zwei Handinnenseiten. So klein die Hände, darfst nicht drauf treten, sang einmal der Klassenfeind, sprich Bettina Wegener. Büttner sieht das ganz anders: Er denkt an Beate Klarsfeld, die mit ihren kleinen Händen Kiesinger im Deutschen Bundestag ohrfeigte, ihn schier von der Regierungsbank schalbte – (ein halbes Jahr später war Brandt Kanzler). Es geht darum, mit dem Unsinn aufzuräumen, die eigenen beiden Hände, die jedermann von Gott mitbekommen hat, würden erst in dem Moment ,revolutionär`, wo sie eine Kalaschnikow umklammern. Oder: ,Ohne Titel‘ von Markus Oehlen. Der Zusammenhang von clownesken Elendssymbolen, wie Straßenmusikan- ten, Violinen, Fantasieblumen (Stichwort: Picasso war der Größte) und der Unmög- lichkeit, zu derlei auch nur ein einziges Wort noch zu sagen, wird, gerade im Meer der hier ausgedrückten Titelflut, durch das harsche ,Ohne Titel‘ ausgedrückt. Oder: ,Studentenwohnheim Riad‘ von Martin Kippenberger. Riad ist Detmold ist Avignon ist Sidney ist Wuppertal – es gibt nur eine Welt zwischen Saudi-Arabien und der Wall 37
Street. Die Bundesbahnpaletten, aus denen Kippenbergers Assistent das ,Studenten- wohnheim‘ zimmern mußte, reichen bis nach Riad, und aller Zelt- und Wüsten- und Koranschnickschnack ist im Lichte des real existierenden Studentenwohnheims nur Folklore. ,Der Maler und sein Modell‘, auch von Kippenberger, läßt gleich mehrere Widerspruchsebenen übel zusammenkrachen, nämlich Kitsch, Sex und Gewalt. Jeder, der einmal aus Versehen über den Montmartre gelaufen ist, kennt die putzigen Zeichnungen von kleinen Jungen und Mädchen im ,Liebe ist …‘-Stil, die auf Kopfsteinpflaster pissen, verschämt und großäugig und niedlich. In anderen Variati- onen spielen Kitschjunge und Kitschmädchen ,Erwachsene‘, also Polizist oder Braut oder Bräutigam oder eben: ,Der Maler und sein Modell‘. Nur malt auf Kippenbergers Kopie der wonnige Dreikäsehoch von seinem ebenso wonnigen Modell nur das Geschlechtsteil und im Hintergrund werden wonnige Cruise Missiles getestet. Eine liebe Sonne sowie ein buntes Krieg-der-Sterne-Szenario vervollkommnen das klein- bürgerliche Panorama. Albert Oehlen ist weniger ,platt‘, weniger brutal. ,Disco (dansen, grinsen, bumsen)‘ zeigt die Diskothek aus der Perspektive der unter dem Barhocker getrunkenen Bierleiche. Millionen junge Menschen erleben die wichtigsten, die prägenden Jahre des Lebens aus dieser Perspektive; am Höhepunkt der ohnehin nichtigen Woche angelangt, haben sie die Wahl zwischen Grinsen und Tanzen und Bumsen. Daß der Mensch zwar niemals nicht lächerlich, dennoch mehr sein kann als nur grinsende Amöbe, darauf steuern die Gedanken des Betrachters vielleicht zu, wenn er einen Schritt weiter auf drei Kippenbergerbilder stößt: ,Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongreß~ Junger, progressiver Arzt bei der Betrachtung von Unrat‘ und ,Nieder mit der Inflation: Man kann sich vorstellen, daß Phantasie etwas anderes bedeuten kann als Ornamente und Zitate, nämlich globale Verantwortung und Parteinahme. Was lernen wir? Was wird bleiben von der Nizza-Ausstellung? Werner Büttners ,Sturm auf die Bastille‘ mag einen Wink geben. Die Kämpfer sind müde. Ein kleines Männlein, ein freischwebender, zerlegter Schreibtisch. Es wird nicht mehr gekämpft auf der Bastille, die Barrikaden sind abgebaut. Der Aufstand von 1905 ist verebbt, nichts ist geblieben, scheinbar, Lenin sitzt in Zürich am Schreibtisch und schreibt, ein kleines Männlein nur, und wartet auf das Jahr 1917. Die Zeit ist inhaltsleer und der Kulturbetrieb wird stark (und die Kunst schwach), aber nichts ist ewig, auch die Postmoderne nicht.

JOACHIM LOTTMANN

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Joachim Lottmann 1987

 

 

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