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vonlottmann 17.04.2015

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Übernächsten Samstag wird das Stück „Endlich Kokain“, nach dem gleichnamigen Roman, erstmals im Theater zu sehen sein. Nun bin ich immer wieder gefragt worden, wie ich dazu stehe. Ob ich die Bühnenfassung selbst geschrieben habe und so weiter. Warum das Drama schon so früh kommt, nicht einmal ein Jahr nach Erscheinen des Buches. Wer die undankbare Rolle des „Stephan Braum“ übernommen hat. Ob es stimmt, daß viele junge Frauen mitspielen, die sich während der Vorstellung auf offener Bühne ausziehen.

Meine Antwort auf all diese Spekulationen soll die Veröffentlichung der ersten fünf Minuten des Stückes in Textform sein, die ich hiermit vornehme. Ehrlich gesagt gefallen sie mir, wie mir überhaupt der gesamte Bühnentext ausnehmend gut gefällt. Ich war bei den Proben nicht dabei. Ich war auch noch nie in Bremen. Ich weiß aber, daß es in der Nähe von Hamburg liegen soll, einer großen deutschen Millionenstadt mit einem eigenen Flughafen. Ich kann also nach Hamburg fliegen und von dort mit einer Vorortbahn in angeblich 55 Minuten nach Bremen fahren. Man wird mich am Bahnhof abholen und zu einem Hotel bringen. Es ist also alles schon gut organisiert.

Der Soundtrack zu der Aufführung wird von der Mädchenband „Zucker“ stammen. Die beiden Frontfrauen heißen Pola und Christin. Eine von den beiden war im letzten Monat in Wien, um sich ein bißchen inspirieren zu lassen für das Stück. Die gesamte Musik ist von dieser Band ja extra geschrieben, getextet und arrangiert worden. Das ist auf jeden Fall eine fast unvorstellbar große Leistung, ich stelle mir das wie das Verfassen einer Oper vor. Ich glaube zudem, daß die Musik auch noch bahnbrechend gut ist. Also nicht nur sehr gut, was ja schon phantastisch wäre, sondern bahnbrechend gut, will sagen: gut und völlig neuartig dazu. Die kreative Leistung dieser Mädchen dürfte also ungefähr der meinen beim Schreiben des Werkes entsprechen, wobei die Ungerechtigkeit darin liegt, daß ich damit berühmt wurde, die Girls von „Zucker“ aber eher nicht. Es ist mir jedenfalls seit Bert Brecht und Kurt Weill kein Fall mehr bekannt, wo der Theater-Komponist richtig berühmt wurde.

Jedenfalls – man merkt schon, daß das ganze Projekt etwas sehr Ungewöhnliches zu sein oder zu werden scheint. Lottmanntexte in der Zeitung sind ja schon fast ein Unding – aus welcher Zeitung bin ich in meiner Frühzeit NICHT herausgeflogen – und meine Prosa in Buchform hat nicht nur am Anfang unisono alle Welt entsetzt. Und nun die nächste Unmöglichkeitsstufe: das alles auf der Bühne. Und viertens: begleitet von einem Soundtrack. Und nicht einmal von den üblichen Handvoll Ohrwürmern, die Leute wie Castorf oder Pollesch dafür unermüdlich „spannend finden“ (Jefferson Airplane, Janis Joplin, von Hendrix ‚Hey Joe‘, von Bowie ‚Heroes‘ etc.), sondern von neuestem Gegenwarts-Pop aus der guten, unverbrauchten Hamburger Schule.

Also, diese blonde Sängerin, Pola, ich weiß sogar noch ihren Nachnamen: Schulten, also Pola Schulten von „Zucker“ war in Wien und ist mit mir durch den Prater gegangen. Wir haben dann innerhalb von 72 Stunden, solange dauerte ihr Aufenthalt, kein einziges Wort über das Stück gesprochen. Das war keine Absicht. Ich weiß noch nicht einmal, ob diese erstaunlich attraktive Musikerin über das Stück wenigstens etwas GEDACHT hat, ich glaube eher nicht. Von Anfang an schien sie wie im Rausch zu sein, im Wien-Rausch. Sicher brauchte sie genau das, um dann später kreativ sein zu können. Man erzählt sich, es hätte noch Anfang März keine Bühnenfassung gegeben. Ich weiß das, weil mein Verlag, bei dem die Rechte liegen, sich beschwerte und wütend nach der Fassung verlangte. Wochen später war dann alles fertig. Die müssen das genial zusammengehauen haben wie die Beatles ihr „Stg. Pepper“-Album. Oder Faßbinder seine Filme, wenn ich an den Regisseur denke, mit dem ich übrigens noch niemals irgend einen Kontakt habe, ja dessen Namen ich nicht einmal weiß. Wohl aber kenne ich den Dramaturgen, der heißt Tarun Kade, also so lautet sein Künstlername. TARUN KADE. Darauf muß einer erstmal kommen. Mit DEM Namen wäre ich auch schon viel früher berühmt geworden. Warum nur blieb ich bei „Joachim Lottmann“? Zu blöd.

Um die Pressearbeit habe ich mich ebenfalls nicht gekümmert. Ich habe mich eben um überhaupt nichts gekümmert. Ich dachte, ich verstünde nichts von Theater – was ja auch stimmt. Meine Theatervorstellung stammt ja noch von Gustaf Gründgens. Der hätte bestimmt keine unterhaltsame Musik für diesen ernsten Stoff bestellt, und keine jungen Schönheiten, die sich ausziehen. Es geht immerhin um einen behinderten Rentner, der lebensbedrohlich erkrankt ist. Der an seinem monströsen Übergewicht leidet. Der tanzt nicht, der singt nicht (nicht, bevor er Kokain entdeckt). Doch zurück zur Pressearbeit. Meine einzige Einflussnahme war, daß ich Claudius Seidl von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einladen ließ. Der wird nun der einzige Journalist sein, der allein meinetwegen kommt. WENN er kommt. Vielleicht sagt er im letzten Moment ab, wenn er erfährt, daß auch Matthias Matussek aufkreuzen wird. Genau das habe ich nämlich vor wenigen Minuten via ‚Facebook‘ erfahren, wo die Nachricht über die baldige Premiere seit heute Nachmittag die Runde macht. Irgend eine winzige Online-Regional-Stadtteilzeitung aus Bremen hat das ins Netz gestellt, und  Ingo Thiele hat es auf Twitter aufgegriffen und an Julian Reichert weitergeleitet. Das sind so Größen in der Online-Welt, glaube ich.

Soweit ein paar erste Gedanken zur Premiere in acht Tagen. Und nun kommt die angekündigte Textprobe:

ENDLICH KOKAIN

IM THEATER BREMEN

NACH DEM ROMAN VON JOACHIM LOTTMANN

Erster Akt:

Gaby
Es war der zweite Frühlingstag des Jahres, der 4. März 2013, als Stephan Braum einen jungen Mann traf, der sein Leben – wenn das, was er bis dahin würgend dahingestottert hatte, Leben genannt werden kann – auf den Kopf stellte. Und der dennoch bald keine Rolle mehr spielte in Stephan Braums befremdlicher Biographie.

Karin
Dieser junge Mann saß in dem Kaffeehaus Aida in der Praterstraße in Wien, ganz in der Nähe des Riesenrads. Man konnte es durch die Schaufensterscheibe sehen, dieses berühmte Riesenrad. Braum betrat das Lokal und erkannte den jungen Mann sofort, obwohl er ihn zum erstenmal sah. Es war nämlich der kleine Bruder eines Freundes von ihm, und der sah ihm ähnlich. Er studierte wohl Geschichte. Auch war er irgendwie Künstler. Vor allem aber galt er als wenig erfolgreich. Eine Freundin hatte ihn Stephan Braum folgendermaßen angekündigt: »Das ist der bekiffte kleine Loser-Bruder.«

Gaby
»Ich weiß leider von dir nur, daß du der Bruder vom Thomas bist … in der Interviewsituation würde man jetzt fragen: ›Was war das bemerkenswerteste Ereignis in deinem Leben?‹ Du weißt, daß ich Journalist war.«

Betty
Ja, er hatte von seinem Bruder so etwas Ähnliches gehört. Der hatte ihm einen Artikel genannt, aus der FAZ, den er im Internet aber nicht finden konnte. Das Gespräch stockte, und so griff er die ironische Frage einfach auf:

Karin
»Das Bemerkenswerteste in meinem Leben war eine Sache, die du nicht weitererzählen darfst: Du kennst doch Elmex, die Zahnpasta?«

Gaby
»Äh, ja! Natürlich!«

Karin
»Der Gründer und Erfinder war mein Großvater. Dessen Neffe und Erbe ist vor zehn Jahren gestorben, in der Schweiz. Wir sind damals hingefahren und haben in seinem Labor historisches synthetisches Kokain gefunden. Du mußt wissen, daß Kokain seit 1932 verboten ist und seitdem nicht mehr hergestellt wird. Die versiegelten Ampullen, die wir fanden, waren aus dem Jahr 1928 und vollkommen unberührt …«

Betty
Kokain wurde nicht mehr hergestellt? Der Stoff von 1928 war immer noch funktionsfähig? Braum glaubte es nicht. Aber der nette junge Typ begann nun, immer überzeugender und beseelter zu erzählen. Braum war froh, daß der andere ein Thema hatte. Und auch, daß er so spektakulär damit eingestiegen war. Denn normalerweise interessierte sich Braum nicht für solche Drogenstorys. Er war immer der einzige gewesen, der nicht mitgemacht hatte beim Kiffen, beim Pilzeessen, beim Tantrasex und beim Komasaufen. Man konnte ihn fast schon dadurch definieren: der Stephan ohne Drogenerfahrung.

Gaby
Irgendwann wollte er sich für die freimütige Offenheit seines Gesprächspartners revanchieren und erzählte seinerseits von Dingen, die ihm nahegingen. Das waren Krankheiten, das Alter, das gefährliche Übergewicht, die dunklen Andeutungen seines Arztes über die geringe verbleibende Lebenszeit. Er verschwieg, daß er schon seit elf Jahren keinen Sex mehr gehabt hatte. Er verschwieg erst recht – da er sich das selbst kaum eingestehen konnte –, daß er eigentlich auch vorher schon skandalös wenig Sex gehabt hatte. Er wollte andererseits den anderen nicht langweilen und konzentrierte sich so auf den ihm prognostizierten baldigen Tod.

Karin
»Sicher hast du alles versucht, das Übergewicht wegzukriegen?«

Gaby
fragte er mitfühlend und musterte ihn. Ein massiger, fast furchteinflößender Körper. Es war klar, daß keine Frau mehr auf so etwas stand. Stephan Braum ließ den Kopf hängen und sagte nur seufzend ja.

Karin
»Aber du hast doch sicher schon hier und da gehört, daß es nur ein todsicheres Mittel gegen Übergewicht gibt. Nämlich harte Drogen. Kokain, um genau zu sein.«

Gaby
»Ach, bei mir kommen noch viel schlimmere Sachen hinzu. Es ist nicht nur das viele Fett, das Cholesterin, die ganzen Symptome, die mit Diabetes zu tun haben, sondern …«

Karin
»Also du bist Diabetiker?«

Gaby
»Noch nicht, nein. Aber das Herz schlägt so unregelmäßig, daß ich jeden Moment tot umfallen könnte. Das hat mir ein zweiter Arzt gesagt, mit dem ich sogar befreundet bin.«

Betty
»Du hast also Herzrhythmusstörungen?
Karin
»Hast du einen Herzschrittmacher?«

Gaby
»Nein, offiziell ist das alles noch nicht. Ich bin noch zu jung für so was. Der ganze Körper ist im Eimer, trotzdem. Glaub mir, ich weiß oft nicht mehr, wie ich die Treppe hochkommen soll. Ich stehe auf der untersten Stufe und denke: Heute schaffe ich es nicht mehr. Deswegen bin ich ja auch pensioniert worden. Ich bin Invalide.«

Betty
»Wie alt bist du denn?«

Gaby
»Ich … äh …«

Karin
»Sechzig?«

Gaby
»Nein, oh Gott! Doch keine Sechzig! Hm, ich rede nicht gern darüber …«

Betty
»Fünfundsechzig!?«

Gaby
»Ich bin am 6. Dezember 1959 geboren.«

Karin
»Aha, also … 53 Jahre alt.«

Gaby
»Ja. Würde man nicht denken, nicht?«

Betty
»Rauchst du viel?

Karin
»Warst du Kettenraucher?«

Gaby
»Nein, in meiner Jugend habe ich gelesen, Briefe geschrieben, das Studium abgeschlossen und so weiter. Dann geheiratet, und während der Ehe ging das dann los mit dem Übergewicht …«

Karin
»Was hast du gemacht, während die anderen gekifft haben oder geknutscht?«

Gaby
»Manchmal mitgekifft, aber es wirkte nicht. Mir wurde jedesmal schlecht.«

Karin
»Aha. Sehr gut. Du hast also keine Erfahrungen mit Kokain?«

Gaby
»Doch, auch, klar. Dreimal habe ich es genommen.«
Karin
»Und?«

Gaby
»Es wirkte nicht.«

Karin
»Nie?«

Gaby
»Na, vielleicht ein halbes Mal. Aber nur recht lau.«

Karin
»Wahrscheinlich war es kein reines Kokain. Du mußt reines Kokain nehmen.«

Gaby
»Aber warum? Ich bin ein Wrack! Weißt du, welche Tabletten ich jetzt schon jeden Tag in mich hineinstopfen muß? Ich habe Schweißausbrüche …«

Karin
»Halt! Du hast einfach nur Übergewicht, und das kriegst du nur mit harten Drogen weg. Vergiß alles andere!«

Gaby
»Stefan, du meinst es gut und ich danke dir. Leider liegen die Dinge nicht so, wie du meinst.« Sie wechselten das Thema.

Karin
Als die Höflichkeitsspanne abgelaufen war, verabschiedeten sie sich.

Gaby
Stephan Braum war ein ehemaliger Beamter. Er war immer ernst und kontrolliert. Das soeben Gehörte konnte ihn unmöglich kaltlassen. Was der junge Mann gesagt hatte, bedurfte unbedingt einer Veri- oder Falsifizierung, also einer genauesten Untersuchung. Immerhin galt es eine Information zu überprüfen, die nicht weniger aussagte als die Behauptung: Er konnte gerettet werden!

Karin
Zu Hause wollte er ins Internet gehen, um über Kokain, Opium und Heroin zu recherchieren. Ihm fiel aber als erstes eine Mail einer alten Freundin auf, die ihm ein Buch empfahl.

Betty
»Was sterbende Menschen am meisten bereuen«.

Karin
Es gab gleich einen Link zu einem Interview dazu, in dem der Verfasser breit über das letzte Stündlein der Menschen berichtete. Er war nämlich Sterbebegleiter, seit 18 Jahren schon. Demnach bereuten die Leute allesamt und übereinstimmend, zu wenig wirklich gelebt zu haben. Sie hätten zu selten das getan, was sie wollten, und statt dessen das getan, was andere wollten.

Betty
Um es ins Konkrete zu übersetzen: Sie hätten zu wenig wilden Sex, hemmungslose Partys, ohrenbetäubende Musik, abenteuerliche Szenen und gehirnsprengende Drogen gehabt.

Karin
Natürlich drückten sie es anders aus, sprachen von der zu kurzen Jugend, den nicht gepflegten Freundschaften, dem verpaßten Rockkonzert der Lieblings-Heavy-Metal-Band und so weiter.

Gaby
Aber Stephan Braum spürte: Diese Leute bereuten, so gelebt zu haben wie er, und genau deswegen mußten sie nun sterben.“

(…)

 

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Autor Joachim Lottmann (auf dem Bremer Rathausmarkt, mit Leih-Rad).

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