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vonlottmann 08.06.2016

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Selten habe ich in dieser Saison ein Stück gesehen, daß so sehr einer bestimmten Theatertradition verpflichtet war wie dieses. Vor allem: was für einer! Die kleinen Pariser Vorort-Bühnen des 18. und 19. Jahrhunderts – und auch jene in der Leopoldstadt – spielten unterhaltsame und gleichwohl ernste, weil den Alltag spiegelnde Komödien, eben wie „Schönwettermenschen“. Um 1850, als das reiche Bürgertum die Theaterpaläste besuchte, hatten auch die kleinen Leute ihre Erbauung. Als dann das Kino kam, das Radio, das Fernsehen, starb das alles ab. Es ist schon erstaunlich, daß 166 Jahre später so ein Text geschrieben, in dieser Weise aufgeführt und solch ein Publikum finden konnte (nämlich die unteren Schichten des Problembezirks am Hauptbahnhof). Der Saal war überfüllt wie ein sizilianisches Kino kurz nach dem Krieg. Und die Stimmung war von ersten Pointe an „bombe“, wie man in der Donaustadt sagt. Die Leute kreischten vor Vergnügen und weinten echte Tränen bei den traurigen Stellen.

Tina Göbel

Dabei wurden die ganz großen Themen verhandelt, Liebe, Ehebruch, Verrat, Betrug, Lüge, Freundschaft. Es darf nicht verwundern, daß das Ganze mit hunderten von grellen Sex-Jokes gesättigt war. Vermutlich war das schon zu Nestroys Zeiten so gewesen, nur hatte man das später verschämt unterschlagen. Einfache Leute lachen gern über Sex, was einer aus der Hamburger Oberschicht zwar nicht nachvollziehen kann – ich – aber schweren Herzens akzeptiert. Natürlich geht es fortwährend um das elendige Mann-Frau-Thema, genau gesagt um Paarungsverhalten, und rein theoretisch hätte man die Rollen auch Tiere spielen lassen können. Umso verblüffender und überraschender waren dann aber die schauspielerischen Leistungen, vor allem von der Prinzipalin selbst, Tina Goebel (28). Das junge Allround-Talent hatte das Stück geschrieben, sang die zahlreichen Couplets, begleitete sich selbst und ihre (weniger musikalischen) MitspielerInnen auf diversen Instrumenten und stolperte gekonnt als gutherzige Naive über die Bretter, die einst die Welt bedeuteten. Das Publikum war hin und weg. Buchstäblich perfekt auch das Timing und die Verzahnung mit Rita Hatzmann (37), die in der Rolle der Wahl-Schwester so etwas wie wahre Liebe ahnbar werden läßt, in einem Leben der verkorksten Tinder-Abenteuer. Viele trauten ihren Augen nicht, denn soviel Pfeffer und Esprit schafft das moderne Regietheater schon seit zwanzig Jahren nicht mehr – vielleicht, weil die Häuser dafür zu groß sind. Die vielen Referenzen an den Zeitgeist – Stichwort Flüchtlingskrise – waren ehrenvoll. Aber dafür hat dann doch die Jelinek das geschicktere Händchen.

Theater

taz-Theaterkritiker Joachim Lottmann

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