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vonlottmann 25.09.2016

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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In den 80er Jahren kannte ich den Maler Martin Kippenberger. Es war sein Jahrzehnt. Am Ende dieses Jahrzehnts, als meine beiden zeitgleichen Texte geschrieben wurden, befand er sich auf dem absoluten Höhe- und Scheitelpunkt seiner Karriere. Ich hatte ihn im Februar 1980 in Hamburg kennengelernt, wurde aber erst sechs Jahre später in Köln ein richtiger Freund. Ich, deutlich jünger, schrieb viele Texte für ihn, und er beschenkte mich großzügig mit Aufmerksamkeit, Bildern und anderen Werken, und Frauen. Geld gab es in Kippenbergers Freundeskreis keines. In meinem Roman Mai, Juni, Juli portraitierte ich den Superstar mit leichter Hand, also zutreffend, bewundernd und wie stets auch ein bisschen verletzend – was ihn mehr kränkte, als er zugab. Aber die gegenseitige Liebe blieb über Jahre groß.
Im Frühjahr 1989 dachten wir uns eine Medienaktion aus, eine typische Kippenberger-Idee, auch wenn sie ursprünglich von mir stammte. Ich wollte zwei Porträts über ihn schreiben, eine Hymne und einen Verriss, und beide Texte zur selben Zeit in verschiedenen Organen veröffentlichen. Der eine Text sollte so vernichtend sein wie der andere vergöttlichend. Letzterer sollte im Stern erscheinen, ersterer in einer der damals wichtigen Zeitgeist-Zeitschriften Tempo oder Wiener. Wie einem heute nicht schwerfällt zu begreifen, rissen sich die Zeitgeist-Zeitschriften um den Verriss, während die Hymne vom dünkelhaften Stern nur halbherzig akzeptiert wurde. Der Stern war schon damals keine Zeitschrift im engeren Sinn, sondern eine Art Generationen-Phänomen, nämlich das Organ der 70er-Jahre-Geprägten. Das ist sogar heute noch so. Letzte Woche las ich den Stern noch einmal beim Zahnarzt und quälte mich durch die Titelgeschichte Die schreckliche Pubertät. Da wurde so getan, als erlebten heutige Kinder dieselbe Pubertät wie die Kinder der 70er Jahre. Sie würden ihre „Alten“ hassen, Drogen nehmen, sexuell ausflippen, harten Rock hören und so weiter. Dass seit anderthalb Generationen unsere Kleinen von liebevollen Alleinerziehenden geschützt und problemfrei großgezogen werden, ignoriert der Stern so beharrlich wie absichtsvoll. Und natürlich konnte er damals mit einer Hymne auf einen Künstler, der Joseph Beuys und den ganzen Sozialismus-Unfug verhöhnte, nichts anfangen.
Und so kam es zur Katastrophe: Der Verriss erschien, die Hymne – unter einem Vorwand – nicht. Kippenberger, dessen Freundin gerade im Krankenhaus ein Kind entband, war zerknirscht. Aber es kam noch schlimmer. Der Verriss war von der Zeitschrift bombastisch aufgemacht worden, über neun Heftseiten, mit vielen Verfärb-Großfotos, die Starfotografen extra noch angefertigt hatten. Tempo und Wiener hatten damals eine heute nicht mehr nachvollziehbare Bedeutung und Verbreitung. Zumindest in der Kunst-, Medien- und Literatenszene las jeder den Text – auch Kippenbergers Freundin, und zwar wenige Tage nach der Geburt des gemeinsamen Kindes. Viele Zeitungen brachten Berichte über den ‚unerhörten Text‘, in dem Martin Kippenberger als historisch einmalige Verkörperung von Sexismus, Größenwahn und Genie verleumdet wurde, mit üppigen, nie versiegenden, intimen Details und persönlichen Anekdoten. Seine Freundin war außer sich.
Sie zwang Kippenberger, mich aus der Stadt und der Szene zu verbannen. Alle meine Freunde trennten sich von mir. Auch meine damalige Freundin Caroline von Nathusius biss in den sauren Apfel. Sie war beruflich darauf angewiesen, in Köln weiter zu verkehren. Sie war dennoch eine der ganz wenigen, neben Walter Dahn und Markus Oehlen, die sich fair verhielten und öffentlich weiter zu mir standen. Aber im Kölner Klüngel – mein Verlag gehörte dazu – gingen für mich alle Türen zu.
Ich konnte die nächsten zehn Jahre keine Bücher mehr veröffentlichen. Erst nach Kippenbergers Tod lockerte sich nach und nach die ‚Kippi-Fatwa‘, also das stillschweigende Lottmann-Verbot.
Kurioserweise war ausgerechnet der Hymnen-Text die ganze Zeit verschollen. Er war ja nie erschienen, und außer Kippenberger, mir und ein paar Stern-Redakteuren wusste niemand, dass es ihn überhaupt gab. Keine Kopie, keine digitale Datei existierte, in der Zeit vor Erfindung des Internets. Erst in dieser Woche, am 9. September 2016, kam das Originalmanuskript bei einer Aufräumaktion zum Vorschein, über 27 Jahre nach der Entstehung. Den Verriss-Text dagegen hat es immer im öffentlichen Bewusstsein und in den Archiven gegeben. Waahr wird ihn in zwei Wochen ebenfalls an dieser Stelle ins Netz stellen.
Mir geht es inzwischen wieder gut. Nach der Aufhebung der ‚Kippi-Fatwa‘ Anfang des neuen Jahrhunderts habe ich zehn Bücher veröffentlicht, teilweise auf Manuskripten der Fatwa-Zeit beruhend, teilweise gänzlich neue, wie die Bestseller Die Jugend von heute (2004) und Endlich Kokain (2014). Auch Caroline von Nathusius kehrte zu mir zurück (2003). Inzwischen lebe ich aber sehr glücklich in zweiter Ehe mit einer Österreicherin zusammen, einem echten Wiener Mädel, in der schönen Stadt an der Donau, im Zweiten Bezirk.

 

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Kippenberger Skandal (I):  DIE HYMNE
von
Joachim Lottmann
Porträt
unveröffentlicht, verfasst Frühjahr 1989
‚I am the greatest’, sagte Muhammed Ali, als er noch als Cassius Clay alle dumpfen Schwergewichtsboxer mit blitzschnellen kleinen Punktschlägen an die Kinnspitze besiegte. „Ich bin der Größte“, sagt der Künstler Martin Kippenberger von sich. Und so wie es 1965 stimmte, was Clay über sich sagte, so stimmt 1989 der Satz, den der Deutsche über sich formulierte: Kippenberger ist im europäischen Kunstmarkt in der Tat der Größte – zumindest der Wichtigste. Wer ist dieser Mann, der das Kunstverständnis der heutigen Avantgarde, auch der etablierten Gegenwartskünstler revolutioniert? Wie lebt er, was macht er? Joachim Lottmann traf den 34jährigen sympathischen ‚besessenen’ Arbeiter Ende Februar in Köln.
Es war ein guter Zeitpunkt. Gerade war ruchbar geworden, daß die ökonomische Existenz des Mannes, der als Aushängeschild deutscher Kultur im Ausland gilt, fast zusammengebrochen ist. Kippenbergers Kunst ist aufwendig, kostet weit mehr Geld, als die Bilder wieder hereinbringen. Um den Irrsinn der heutigen Warenwelt ver- und bearbeiten zu können, muß der Künstler mitten hineinspringen in eben diese Welt der Geschwindigkeit, der Statussymbole, des Konsums. Er kann nicht den Dachkammerkünstler abgeben, der sich an Stillleben erfreut. Soeben hat er ein Testament geändert, das alle seine mutmaßlichen unehelichen Kinder mitberücksichtigt hätte. „Sie würden ja nur Schulden und immer wieder Schulden erben“, lacht der ansonsten stolze Vater.
Wir sitzen in einem luftigen Tagescafé in der Kölner Innenstadt unweit des berühmten ‚Belgischen Viertels’, des Künstlerviertels. Kippenberger trinkt nicht mehr, geht nachts nicht mehr weg, ist – seiner Arbeit zuliebe – ungemein solide geworden. Um uns sitzen Freunde der Kunst, ein paar Literaten, ein handverlesener Suhrkamp-Lyriker mit dem Namen Thomas Kling. Kippenberger sitzt allein an einem großen Tisch. Die Zeiten, da er eine Lokalrunde nach der anderen schmiß und den Unterhalter mimte, sind gottlob vorbei. Ein sehr ernster, ja: gereifter Martin Kippenberger stellt sich dem Interview. Einer, der es ‚geschafft’ hat und zugleich innerlich erfahren mußte, welch ungeheure Verantwortung es mit sich bringt, kultureller Systemträger ersten Ranges zu sein. Genau dieser Verantwortung aber stellt er sich… „Die Ausstellung in Madrid ist schon verkauft!“, meldet ein Angestellter der Galerie Hetzler (vielleicht ist es sogar Max Hetzler höchstpersönlich; alle Menschen, die sich der neuen Nummer Eins im Kunstbetrieb (nach Beuys’ Tod) nähern, tun dies ausgesprochen ehrerbietig, sodaß es schon unfreiwilligerweise vorkommen kann, daß ein gesetzter Herr wie Max Hetzler, ein Mann von weit über vierzig Jahren, wie ein einfacher Bote, wie ein Diener daherkommt). Martin Kippenberger ist’s zufrieden. Von seinem Thema läßt er deswegen aber nicht ab: In liebevollen Worten spricht er von seiner Frau, die gerade das erste Kind erwartet. „Sie hat schon alle Bücher bekommen, ins Krankenhaus. Rund um das Bett stapeln sich die besten Romane der Weltliteratur. Allein von Colette hat sie zwanzig Bände. Die Ärzte halten sie bereits für überdurchschnittlich intelligent!“
Ist sie das denn nicht?
„Willst du, daß ich gegen dich ausfallend werde? Keine Unhöflichkeiten bitte. Selbstverständlich ist sie extrem intelligent, fast so intelligent wie das Kind einmal sein wird, nach dem dritten Doktortitel!“
Er erzählt, daß ihm eine Freundin gerade ein paar Baselitz-Zeichnungen geschenkt hat, Wert 50.000 Mark, und daß er sie notverkaufen muß. Er leidet unter diesem Zustand. Gerade die guten Baselitz-Stücke hätte er sich gerne ins gediegene Wohnzimmer gehängt.
„Aber so ist das Leben. Wenn man Nachwuchs bekommt, zählt nur noch das. Und die Kunst natürlich. Jetzt habe ich schon zwei Göttern, denen ich dienen muß – dem Gesetz der Natur und den ewigen Künsten.“
Er lacht, wie um zu zeigen, daß er den letzten Satz nicht vollkommen ernst, im Sinne von ‚bierernst’, verstanden wissen haben möchte. Er hat durchaus Humor, auch wenn das hemmungslose, verantwortungslose Lachen, auch das Lachen auf Kosten anderer, das Künstler manchmal pflegen, seine Sache nicht (mehr?) ist. Früher hatte er sich viele Feinde gemacht – durch eine zwar soziale, gesellige, jedoch zuweilen auch aggressive Art, durch ein radikales Stellungbeziehen gegen andere Künstler, die verwundert auf den neuen Kippenberger sehen und den alten Haudegen, der er einmal war, vermissen. Sie wundern sich, daß sich ein Mensch in unserer heutigen Zeit so schnell so entscheidend ändern konnte. Der ‚neue’ Kippenberger ist seit Monaten das Gesprächsthema in den Salons der kunstinteressierten Industriellengattinnen, auch auf Vernissagen, selbst in einfachen Kneipen im Belgischen Viertel, in denen der ‚alte Kippi’ einst hofhielt. Auch wir sind auf diese Weise aufmerksam geworden.
Martin Kippenberger, Sie haben im letzten Jahr in Spanien gelebt. Hat Sie das sehr verändert?
„Spanien als Land, als System – das ist die bessere Täuschung. Der Himmel ist blau, dafür ist der Smog dort stärker. Ungefähr das Fünffache unserer Werte. Natürlich ist das Land nicht besser als Deutschland, es ist genauso problematisch, die Probleme sind viel ähnlicher als man glaubt, aber es wird anders verkauft: Aufstieg, Aufschwung, Kunstboom, Kulturblüte und so weiter.“
Früher hatte er mehr Gegner als jeder andere deutsche Künstler. Wie kam das und warum ist das inzwischen anders geworden?
„Die Gegner haben sich damals nicht genug angestrengt. Das hat mich niemals wirklich gefährden können… das ist im Übrigen auch nicht mein Problem, wenn mich jemand zum Gegner hat, also ein Feindbild von mir hat. Ich selbst habe keine Feindbilder, wirklich nicht. Vielleicht gibt es ein paar Menschen, die sich ein bißchen wie Arschlöcher benehmen, Vermieter und so weiter, aber trotzdem. Mir reicht eine Einseitigkeit. Man muß die Sachen nicht genauso ähnlich sehen wie ich. Auch Dummheit muß nichts Schlechtes sein. Das kann ja auch zur Kunst werden…“
Er sinniert weiter über den Zusammenhang von Kunst, Werten, Menschen nach. Seine gepflegten Hände sind so gestellt, daß die Fingerspitzen sich berühren. Erstaunlich elegant sind Sakko, Hemd und Krawatte aufeinander abgestimmt. Allein die Krawatte dürfte für einiges Geld aus einem Spezialladen aus der King’s Road geholt worden sein. Kippenberger gilt unterdes bei aufmerksamen Beobachtern als einer der bestangezogendsten Männer Deutschlands. Er weiß das auch, aber er protzt nicht damit. Wir fragen, ob er eigentlich gerne Professor der Kunstakademie Düsseldorf werden würde? „Das arbeitet zwar in der richtigen Tradition, aber nicht so stark, daß es notwendig werden würde. Letzten Endes käme vielleicht nur dabei heraus, daß die Schüler mich kopieren würden. Nein, da reizte es mich schon eher, Rechtsanwälte über die Kunst zu unterrichten.“
Ortswechsel, Szenenwechsel – dieselben Figuren, ein anderes Stück. Martin Kippenberger gibt ein großes Essen für vierzig Personen. Und zwar in einer Privatwohnung, keineswegs in einem öffentlichen Lokal, keineswegs in einer der berühmt-berüchtigten Saufstätten von früher. Nicht in der Paris Bar, nicht im Chin’z, nicht im Blue Shell. In einer verschnörkelten, hochherrschaftlichen, 250 Quadratmeter großen, bürgerlichen, fast schon spießigen Wohnung, eingerichtet mit Gelsenkirchener Barockmöbeln, lädt der neue etablierte Herr Kippenberger zum Essen. Tischkarte und goldene Löffel. Hinein kommt nur, wer eingeladen ist. Eingeladen sind die besten der besten der besten Freunde aus zwölf Jahren harter Arbeit: Galeristen, Freunde, Weggefährten. Prominent sind sie inzwischen alle. Nach dem Essen soll es möglich sein, Kippenberger weitere Fragen zu stellen.
Man sieht die Galeristin Tanja Grunert demonstrativ mit einer Sprudelflasche herumlaufen – obwohl vom Hausherrn Champagner ausgeschenkt wird. Es war eine harte Woche für die meisten. Die Fettlebe ist vorbei, die Dreißig ist für alle überschritten. Schon vor vier Jahren hatten Kippenberger und Oehlen den ‚Abschied vom Jugendbonus’ angekündigt, keiner glaubte ihnen. Schließlich kennt man auch Beispiele von exzessiven ‚Wilden’, die im schlichten Alkoholismus endeten.
Die Bewirtung ist perfekt. Das Essen vom Feinsten. Die Crème der deutschen Kunstszene gibt sich ein Stelldichein.
‚Kippi’, wie ihn hier alle nennen, erzählt Witze – äußerst witzig, schlagfertig, denkschnell. Er stellt sich auf die oberen Stufen einer Empore, geht auf und ab, spricht mit dem Publikum, fängt jede Regung auf. Wo hat man das schon: ein Hausherr und Gastgeber, der gleichzeitig ein gutaussehender Entertainer ist, der seine Gäste mit absoluter Souveränität humorvoll und anregend durch den Abend führt? Nun bittet er nacheinander alte Freunde, ebenfalls je einen Witz zu erzählen. Eingefangen von seiner Selbstsicherheit, läßt sich jeder darauf ein, alles klappt und die Stimmung steigt noch um ein weiteres.
Kippenbergers Verhältnis zu Frauen ist anders als zu Männern. Er läßt sie alle gelten, fragt nicht nach Bildung und Status und Klasse. Frauen behandelt er einfach grundsätzlich gut. Dazu ist er ein ‚sauguter Tänzer’, bewegt sich elegant auf dem Parkett, sehr wendig, sehr sportlich im Grunde. Den ersten Tanz macht er allein mit Gisela Capitain, seiner langjährigen Freundin aus der Galerie Borgmann. Borgmann selbst guckt zu und sagt bewegt: „So etwas Schönes habe ich lange nicht mehr gesehen.“ Kippenberger und die Capitain tanzen wie im Film, so eingespielt, leicht, glückstrunken wie Lilian Harvey und Willy Fritsch in Der Kongress tanzt von 1930. Vorbei sind die Zeiten, da M.K. (Martin Kippenberger) sich nach Punk- und Acid-House-Rhythmen restlos ‚schaffte’. Geschont hat er sich nie, das mußte man ihm lassen. Noch morgens um vier schien er innerlich und äußerlich zu ‚rasen’, stand er im Ring, in den schlimmsten Nachtdiscos, und setzte neue Marken, Faust nach oben gereckt, das Gesicht verzerrt, das Hemd heruntergerissen, der Körper schweißüberströmt. Damals. Ein Mann mit zuviel Energie. Die Energie fließt jetzt in eine große Aufgabe.
„Komm, jetzt setz dich erstmal hier her“, sagt er sehr nett, sehr väterlich, als ich in wieder mit meinen Fragen belästige. Er hat diesen spöttisch-gütigen Blick, der einem jede Angst nimmt. Sein Instinkt für die guten Eigenschaften der Mitmenschen ist Legende; so haben sicherlich dreihundert Menschen schon für ihn gearbeitet, und alle sind gut dabei gefahren. Kippenbergers Aufstieg zum bedeutendsten Künstler Westeuropas in relativ kurzer Zeit hat mit diesem Instinkt zu tun. Er kümmert sich um mich, den einzigen Nichtprominenten, dem einzigen Fremden in einer Runde echter ‚Freunde fürs Leben’. Ein bißchen ungeschickt frage ich ihn als erstes, wie er seinen Stellenwert als Künstler inzwischen einschätze. „Nun, ich glaube – es klingt verrückt, aber ich glaube das wirklich – das man sagen kann und daß das auch stimmt, ja daß das TATSÄCHLICH stimmt: daß ich der beste Künstler weltweit bin zur Zeit. Ich weiß, wie das klingt, so etwas zu sagen. Aber sie haben gefragt.“
Wie beurteilen Sie die Aktion, die Walter Dahn gerade mit William S. Burroughs gemacht hat?
„Nun, nicht besonders hoch schätze ich das ein. Vielleicht macht er mit ihm ‚naked lunch’, anstatt Tag der Wahrheit. Soll heißen: das ist Ablenkung.“
Wie ist Ihr besonderes Verhältnis zu Konrad Adenauer zu beschreiben?
„Ich habe ihn im Alter von 14 Jahren hinter Glas gemalt und an die Deutsche Bank verkauft, allerdings an den Onkel von mir, der dort arbeitet. Ich meine, Adenauer, eingeschlagenes Gesicht, klar, den mochte ich. Man liebt ja seine Großväter.“
(Michael Goodman erklärt gerade seiner bildhübschen Tischpartnerin von eben die unterschiedliche Übersetzung des Altes Testaments und Sunny Boy Daniel Buchholz schmuggelt eine gerade erfolgreiche Rockband, bestehend aus sechs minderjährig aussehenden Jüngelchen, in die Party, nämlich die Jeremy Boys aus Hamburg/London. Am ‚Intellektuellentisch’ bemängelt Diedrich Diederichsen das Fehlen von Kunstkritikerkollegin Isabelle Graw, die in New York hängengeblieben ist. Albert Oehlen hat sich seinen Schnurrbart abnehmen lassen, sein charakteristisches Minjour-Bärtchen. Art-&-Language-Theoretiker Mayo Thompson hat graue Haare bekommen, trägt aber immer noch sein schwarzes Früh-80er Outfit. Galeristin Jule Kewenig lacht mit ihrer ehemaligen Mitarbeiterin Caroline v. Nathusius. Alle fühlen sich wohl. Sechs Kellner der Restauration Spitz aus der Ehrenstraße gießen Gläser nach.)
Was sind ihre Lieblingsschriftsteller?
„Gogol, Taras Pulver, das mag ich mit Abstand am liebsten. Oblomov. Werner Büttners Wenn die Nudeln im Meer schwimmen. Aber auch Thomas Bernhard, der vorzüglich gelebt hat. Das war ein Genußmensch.“
Warum besitzen Sie keinen Führerschein? Haben Sie kein Verhältnis zu Automobilien? Das wäre ungewöhnlich für einen Gegenwartskünstler.
„Ich kann nicht mit Maschinen umgehen, und die Maschinen können auch nicht mit mir umgehen. Außerdem sind mir Maschinen im Rahmen des Statussymbolprogramms zu langweilig. Das zieht sich zu sehr in die Länge. Wenn’s um Statussymbole geht, kenne ich schnellere Methoden.“
Was machen Sie am liebsten?
„In die Kirche meiner Frau zu gehen.“
Sind Sie religiös?
„Meine Frau ist meine Kirche.“
Grübeln Sie inzwischen manchmal? Sind Sie ein nachdenklicher Menschen geworden?
„Nee. Glasnost wird mir nicht meine eigene Schande verderben!“
Was ist für Sie die größte Autorität? Bei welchen Menschen hören Sie lieber ganz still zu und reden selbst nichts mehr?
„Bei Michael Krebber, meinem Assistenten vom letzten Jahr.“
Teilen Sie die früher mancherorts vorgebrachte Auffassung, Sie hätten andere Künstlerkollegen des öfters persönlich angegriffen?
„Der einzige persönliche Angriff ist meiner Meinung nach der Schlag in die Fresse. Ich kann das somit verneinen.“
Ist das nicht ein Freibrief für Journalisten, die zum Beispiel skrupellos über Sie alles mögliche schreiben könnten, ohne daß Sie sich persönlich angegriffen fühlen?
„Ich bin gar keine Angriffsfläche. Das ist alles deren Problem. Alle Leute für Intellektuelle zu halten, ist nicht mein 4-1/2-Minuten-Frühstücksei. Das, was ich ausbrüte, esse ich auch nicht. Die legen ihr eigenes Ei.“
Haben Sie nicht Angst vor dem Niedergang?
„Ich habe gutes Benehmen. Wenn der Kellner sich schlecht benimmt, muß ich ihm ja nicht folgen.“
Was ist Unglück für Sie?
„Allein in der Wüste mit Zahnschmerzen.“
Ist es wahr, daß Sie private und öffentliche Sphären nicht trennen?
„Darüber muß ich mir noch einmal ernsthaft Gedanken machen.“
Ärgern sich Leute noch über Sie?
„Ärger? Ist doch alles Einbildung! Wut? Die tun doch nur so, als hätten sie Wut. Das ist doch durch Nichtstun eine Meinung haben.“
Betrügen Sie Frauen? Sie hatten ja einmal den Ruf eines Schürzenjägers?
„Das sind die Angstvorstellungen anderer, das ist das Geflüster anderer, aber das gibt es nicht. Solange ich mit einer Frau zusammen bin, gehe ich auch nicht fremd. Sonst ist alles falsch und man weiß sich nicht zu wehren. Was die Vergangenheit einer Frau anbetrifft, so interessiert mich das auch nicht. Ich bin kein Ahnenforscher, sondern versuche, jung zu sein.“
Unterbrechung, Rosemarie Trockel spricht ihn an. Ich denke derweil, daß der Mann wirklich sehr intelligent ist. Jede Bemerkung ist immer genau auf den Punkt. Vielleicht war er früher, in der Schule, in Latein gut, oder in Mathe… Er wendet sich wieder mir zu und greift den Faden ‚Frauen’ auf:
„Ich bin früher Frauen hinterher gerannt, die mich gar nicht unbedingt wollten. Heute habe ich einen anderen Frauentyp. Ich mag diejenigen, die MICH mögen, also die, die ich erreichen kann. Diese miese Lügenparade Mann & Frau, Miller, Bukowski, die Eroberungsnummer, stimmt alles nicht. Wenn man etwas gut gemacht hat, wird man dafür belohnt. Den Bukowski, den sollen sie totschlagen, als Heilung, mitsamt seinem Suff.“
Ist das Alter der Frauen wichtig?
„Das ist eine Geschmacksfrage.“
Was sind denn die Qualitäten einer Frau?
„Es soll ein Anreiz da sein. Die Frau soll Anreiz sein. Es gibt so viele Frauen, plötzlich ist eine da, da ist ein Anreiz, rein sinnlich, dann frage ich nicht nach dem Alter.“
Stop. Es wird eine Rede auf ihn gehalten. Peter Cadera hebt jovial das Glas und legt los. Eine Rede auf Kippenbergers Tochter Eleonore. Auf die Tochter, auf die gelungene Ausstellung in Madrid, auf diverse Gäste, die aus Spanien gekommen sind, vor allen Dingen aber auf den liebenswürdigen Gastgeber selber. Alle sind gerührt. Martin Kippenberger bedankt sich in gesetzten, ernsten und doch warmherzigen Worten.
Als um zwei Uhr das Essen beendet wird und die Gäste nach draußen treten, auf ihre Limousinen zu, den klaren Sternenhimmel über sich, weiß ein jeder: Die Szene der ewigen Jungkünstler hat ihren Leithirschen verloren – und die Welt einen großen Künstler gewonnen.

 

Der Kippenberger Skandal (II)

Kommentar zu DER VERRISS
verfasst am 23. September 2016 in Wien
Selbst über 27 Jahre nach der Veröffentlichung fällt es schwer, diesen Text zu lesen. Er ist so hart, ich habe es nicht bis zum Ende geschafft. Heute verstehe ich, warum die Sache so erstickend für mich enden musste. Kippenberger selbst dürfte noch am ehesten damit fertig geworden sein, denn er las ja nur, was er tatsächlich lebte. Aber die vielen anderen Beteiligten! Sie mussten sich zu Tode schämen. Und so wurde der Text verdrängt und der Autor ins Ausland abgeschoben.
Ihn aus dieser Verdrängung wieder herauszuholen, den Text, war noch schwerer, als es beim ersten Teil dieses ausgeklügelten Kunstprojektes (Die Hymne) war. Dieser erste Teil, der ja nie veröffentlicht wurde – ich berichtete davon – wurde einfach eines Tages auf dem Dachboden gefunden. Der klassische Verlauf, wie bei dem Tagebuch von Mark Twain letztes Jahr. Man findet etwas, von dem keiner mehr weiß, dass es das gab, und veröffentlicht es. Ein Glücksfall, eine „Trouvaille“. Doch was war mit dem zweiten Teil, der ja immerhin ein paar Hunderttausend Leser gehabt hatte? Viel schwieriger!
Dr. Joachim Bessing, selbst eine Legende des letzten Jahrhunderts, war ebenso optimistisch wie ich und druckte binnen einer Woche die „Hymne“, einfach darauf bauend, zeitnah ein Exemplar des zweiten Textes in irgendeinem deutschen Archiv zu finden. Er täuschte sich. Dieser äußerst distinguierte, beherrschte und elegante Herr, immer höflich und liebenswürdig, nie anders als beispiellos eloquent (Tristesse Royale, Untitled) hatte sich offenbar zu einer schwer zu verzeihenden Dummheit hinreißen lassen. Er wusste es nur noch nicht.
Am Sonntag, den 18. September 2016 unternahm ich mit meinem caprigelben Wartburg 353 S eine Autofahrt von meiner Berliner Geheimwohnung aus zum Wannsee, um dort Joachim Bessing in dessen Villa persönlich von den Problemen zu berichten. Es gab womöglich keinen Folgetext für seinen angesehenen Internet-Verlag Waahr, der genau diesen Text – ausgerechnet für die kommende Jubiläumsausgabe – aufwendig angekündigt hatte.
Bessing ließ sich nichts anmerken und führte mich durch das weitläufige Anwesen, das direkt neben dem Literarischen Colloquium Berlin lag. Von einem Balkon aus konnte man direkt in das sogenannte Turmzimmer blicken, in dem ich einst als junger Stipendiat den Roman Deutsche Einheit geschrieben hatte. Später fuhren wir in Bessings Motorboot auf den Wannsee hinaus. Dort, Kilometer vom Ufer entfernt, stellte mein Gastgeber den Motor ab, ließ die nun einsetzende unheimliche Ruhe auf uns wirken und griff dann das eigentliche Thema wieder auf. Seine Stimme blieb ruhig, wirkte aber an diesem Ort inmitten des windstillen Binnenmeeres überaus deutlich, fast schneidend. Ich MÜSSE den Text herbeiführen, das sei „alternativlos“. Ich hätte über das abgenutzte Merkelwort gern gelächelt, aber dafür war nun wirklich kein Platz mehr. Ich zeigte mich einverstanden und wir fuhren zurück.
Bessing verabschiedete mich von der Freitreppe aus, fein die Hand hebend. Ein subalterner Hauswart, der aus Amerika stammte und eine behinderte minderjährige Tochter versorgte, schloss das Tor für mich und den Wartburg 353 S auf. Bald schoss das Fahrzeug mit aufgedrehtem Zweitaktmotor die AVUS-Rennstrecke entlang, wie schon einmal, 1939 mit Bernd Rosemeyer, der dort die zeichnungsgleiche Konstruktion der Auto Union erprobte (die Firma Wartburg baute den Wagen in der kommunistischen Ära dann in Millionen Exemplaren weiter).
Als alle Zeitungs- und Staatsarchive und andere Möglichkeiten ausgeschöpft waren und ich erneut aufgeben wollte, meldete sich auf Facebook der ehemalige Chefredakteur der Zeitgeistzeitschrift Wiener, Wolfgang Maier, bei mir. Er habe vor seinem letzten Umzug noch einige Hefte aus den 80er-Jahren besessen. Vielleicht sei die alte Wohnung noch nicht restlos ausgeräumt, er könne da einmal hinfahren. Sie lag auf dem Land, er verriet nicht, wo genau. Ich versprach umgehend eine ausgiebige Gegenleistung, und er brach tatsächlich binnen 24 Stunden auf, um irgendwo im Waldviertel nach diesen vermoderten Zeitschriften zu suchen. Erfolgreich.
Teilweise war der Text nicht mehr von den modernsten Lesemaschinen des Waahr-Verlages lesbar, aber wir konnten dort per Hand eingreifen und den Originaltext wieder vollständig herstellen. Nun kann ihn jeder lesen, vor allem natürlich die Oberseminaristen der Literaturwissenschaft und der Kunstgeschichte.
Bei all dem Stress und Trouble vergaß ich vielleicht zu sagen, dass dieses ganze Kippenberger-Doppeltext-Projekt trotz aller Dokumentation und Aufklärung natürlich auch ein gigantischer, persönlicher, paradigmatischer Verrat war. Ich habe das lange Zeit verdrängt, so wie Edward Snowden wahrscheinlich immer noch verdrängt und noch lange verdrängen wird und muss, dass seine NSA-Enthüllungen eben auch ein Verrat sind. Ohne eine psychologische Disposition zum zwanghaften Verraten hätte ich die Kippenberger-Texte niemals schreiben können. Es entstand damals sogar ein ganzer Roman, er hieß Die Kunst, die Frauen und der Staat, in dem die Kunstszene rund um den Magneten Martin Kippenberger kongenial beschrieben wurde, und er war tatsächlich schon fertig, als ich das Doppelporträt begann. Dieses Werk konnte dann natürlich auch nicht mehr gedruckt werden, weil ebenfalls zu decouvrierend, wenn auch wärmer im Ton. Ich habe das Verraten-Müssen viele Jahre und Jahrzehnte mit mir herumgeschleppt, ehe ich endlich, im letzten und in diesem Jahr, den finalen Roman ALLES LÜGE schrieb, mein ‚Opus Magnum‘ sozusagen, und meine diesbezügliche Pathologie darin verarbeitete. Er erscheint im Februar 2017 in meinem Hausverlag Kiepenheuer & Witsch.
Viel Spaß dabei wie auch bei dem hier nun präsentierten Dokument Der Verriss.

 

 

Der Kippenberger Skandal (II)

DER VERRISS

erschienen im April 1989 in Wiener

ER ist ein Ekel. Er säuft, furzt und sagt zu jeder Frau „Fut“. Aber er ist wahrscheinlich der größte deutsche Künstler seit Beuys. Joachim Lottmann zeigt Martin Kippenberger, wie Sie ihn nie zu sehen wünschen
Wenn es in meiner Jugend ein IDOL gegeben hat … gewiß, Willy Brandt kniete vor Polen, David Bowie schrieb Let’s Dance, Desirée Nosbusch moderierte in fünf Sprachen … Erich Mende trug öffentlich das Eiserne Kreuz … nein, mein IDOL war vom siebzehnten Lebensjahr an: Martin Kippenberger. Das war ein Berserker, vor dem sich alle Jugendgangs fürchteten, ein aufgedrehter, wirrer Monomane, der 700 LSD-Trips in Folge schluckte, tagsüber. Nachts nahm er Captagon, um keine Sekunde an den Schlaf zu verschenken. So viele Trips in Folge er nahm, so viele Mädchen hatte er auch. Er saugte das ganze Mädchenmaterial einer ganzen Großstadt ab …
Er liebte es, sich zu raufen. In Berlin geriet er in eine Schlägerei mit achthundert Konzertbesuchern. Von der acht Meter hohen Bühne war er mit einem Schrei des Entzückens direkt in die brodelnde Menschenmenge gesprungen. Sein Vater war Künstler, seine Mutter war Künstlerin, er selbst verachtete das alles und schuf eine Kunstrichtung, die allen bisherigen „Kultur“-Ansätzen diametral entgegensteht. Er ist seit Beuys’ Tod der wichtigste Mann in Deutschland, vielleicht ganz Europas.
Doch soviele Millionen er auch verdient – seine spezielle Form der rasenden Konsumption und Konsumzerstörung treibt alle Konten ins Minus und seine Milliarden Gläubiger zur Verzweiflung. Er fällt tagtäglich in die Einkaufspassagen der deutschen Städte ein, mitsamt seinen Elefanten wie Hannibal, also mit seinen „Burschen“, den zahllosen Assistenten, Bewunderern, Kollegen, Frauen, Kindern, Polizisten, kommunalen Parlamentariern, dem Hund von Albert Oehlen und dem Berichterstatter vom WIENER. Er zieht mit einem Clan von Ausstellung zu Ausstellung wie Muhammed Ali von Kampf zu Kampf. Er treibt tiefe Schneisen in die Geschäftsviertel. Da, wo er war, gibt es anschließend nichts mehr zu kaufen.
ER – so wollen wir Martin Kippenberger abkürzungshalber in den kommenden Zeilen nennen (ER selbst hat es so gewollt) – ist die Zusammenfassung aller kraftgenialisch-deutscher Phantasien von Zuckmayer, Stefan George und Wolf Wondrascheck bis Boris Becker und Georg Baselitz heute. Der letzte große Mann, Siegfried mit dem Schwert, ein potentieller Reichsgründer, größer als Bismarck, der Künstler als Genie, der Charismatiker, der Unwiderstehliche, der Führer, der hardcore Baghwan. Einer wie er könnte Khomeini das Fürchten lehren. Neun Schwestern hat er gehabt. Sie haben ihn über alles geliebt, den einzigen Jungen in der Familie.
Seit einer Woche wohnt er im Hotel Chelsea. Ich sehe ihn jeden Tag. Die Crew hat tiefe Ringe unter den Augen. Eigentlich wollte ich ihn nicht interviewen, aber es ist unmöglich, IHM zu entgehen. Ich muß über IHN schreiben. Ich muß es endlich loswerden. Ich will wieder frei atmen.
Sie trinken Tag und Nacht. Sie spielen „Offizierskasino“: Ein Stuhl wird auf den Tisch gestellt, auf den Stuhl eine Flasche. Alle steigen über Tisch und Stuhl, trinken aus der Flasche, bis sie tot umfallen. Der letzte Überlebende hat gewonnen.
Sie trinken immer, morgens, mittags, abends. Wenn sie nicht „Offizierskasino“ spielen oder einkaufen, sitzen sie um IHN herum, grinsen, schweigen, hören zu. ER spricht. ER spricht und spricht und spricht und spricht und spricht. ER hört nie auf.
„… Förg. Das Beleidigungsprogramm. Der beleidigt alle, der Förgi, aber rucki-zucki, ha ha ha! Den Bruder von Ascan Crone. Der hat die Binationale gemacht. Wenn es um Juden geht, dann sagen wir dem schon, dem Güntherchen: Hey, sag’ alles, mach’ ihn fertig, aber mach um Gottes Willen nicht deine blöde Heil-Hitler-Nummer. Hält er sich auch dran. Ganz erstaunlich, acht Promille, und trotzdem. Wir kennen das ja, das Beleidigungsprogramm. Wir wissen ja, was kommt. Naja, und wenn’s ein Schwuler ist, sagen wir: Gut, Förgilein, mach’ ihn alle, aber sag’ nicht schwule Sau zu ihm. So war das. Hat sich auch dran gehalten. Und er macht ihn fertig, aber wirklich das volle Rohr, und da hängt so ein Gerhard Richter an der Wand, genau hinter dem Crone. Fängt der an, der Förg. Sagt der: ‚Stehen Sie sofort auf!‘ Sagt der zum Crone, dem Kunsthallen- und Sonstwas-Chef. ‚Sehen Sie sich dieses Richter-Bild an. Treten Sie fünfzehn Meter weg und sehen Sie noch mal drei Sekunden lang hin. Und dann HÄNGEN SIE ES SOFORT AB!! Diesen Scheiß!! Diese Wichse!!‘ So fängt der an, der Förg. Und wir wissen schon, was kommt. Und der macht ihn fix und fertig. Scheißt ihn total zusammen. Das gute alte Beleidigungsprogramm. Den ganzen Abend. Crone sitzt kalkweiß da, tut so, als könne er’s lustig nehmen. Und wir fragen uns schon: Warum sagt der überhaupt nicht ‚schwule Sau‘? Der Crone ist ja schwul. Das wär’ der Genickschuß. Aber er sagt’s nicht. Sehr diszipliniert, der Förgi. Kann kaum noch aus den Augen gucken. Ist ja so, mit dem Beleidigungsprogramm: erst scheißt man sie zusammen, dann versöhnt man sich, und dann stellen sie einen aus, die Schweine, fressen einem aus der Hand … so macht’s der Günter, ich nicht. Ich hab’ nichts gegen Menschen, erst recht nicht gegen Galeristen. Ich hab’ kein Feindbild. Aber der Förgi, der macht das so. Diesen Leuten, Museum hier, Kunsthalle da, Direktorenposten dort, denen alle in den Arsch kriechen, denen sagt der Förgi auch mal ein paar andere Wahrheiten, ha ha ha. Da steht der nicht so drauf, aufs Geschleime. Na ja, also er sagt nicht ‚schwule Sau‘ zu ihm, und dann, ganz am Ende, als alle fertig sind, beugt der sich vor und flüstert: ‚Du bist so dumm wie Du schwul bist.‘ Sagt es DOCH. Und der Mann bricht ein, das Gesicht fällt runter, Ende von allem, der is’ hin. Und rennt zum Telefon und spricht erst mal ‚ne Dreiviertelstunde mit einem Schwulifreund. Und kommt wieder, immer noch leichenblaß, versöhnt sich mit Förg, macht auf lustig, so gut er eben noch kann. Seitdem: Alles paletti. Förg hat einen neuen Förderer, lebenslang. So läuft das da. Das Beleidigungsprogramm. Ich find’s toll. Immer erfolgreich. Ich glaub’, ich mach’ das auch mal…”
Beifälliges Gegrunze. Das sind die Geschichten, die die Clique gerne hört, sogar der Berichterstatter vom WIENER. Also gehen sie so weiter, gehen sofort über in die nächste Anekdote, man kann es unmöglich alles aufschreiben. Um meinen Auftrag ordnungsgemäß abzuwickeln, stelle ich IHM gleich zu Anfang zehn stinknormale Reporterfragen. Sie seien wiedergegeben.
Wie finden Sie den Künstler Markus Lüpertz?
„Ein ganz Lieber, wenn man mit ihm alleine ist. Der kriegt einen Sarg beim Begräbnis. Der kriegt kein Sartre-Begräbnis.“
Wie finden Sie Andy Warhol?
„In Kindesaugen habe ich Altersschwäche gesehen. Trifft auch für Gerhard Richter in höherem Maße zu. Der hat sich auch nie geopfert. Der Richter. Der kennt keinen Altar, der kennt nur Techniken.“
Seltsam, diese Abneigung gegen diesen großen deutschen Künstler, dessen Gemälde bald die Millionengrenze erreichen werden, die Schallgrenze. Woran liegt es wirklich? An der Baader-Meinhof-Ausstellung letzte Woche?
„Die Baader-Meinhof-Bande: lächerlich! Und das heute! Spielt nachträglich den Revoluzzer! Will plötzlich was zu SAGEN haben!“
Wie finden Sie Joseph Beuys?
„Er hat uns Walter Dahn geschenkt. Alles andere ist unwichtig.“
Wie finden Sie den denn, Dahn?
„Das ist das Kunst-Ottoversands-Paket. Ich wünsche ihm alles Gute für die Tokio-Tournee, wo alle Deutschen geliebt werden.“
Walter Dahn gilt als der einzige ernstzunehmende radikale Gegenentwurf zu Ihrer Kunstauffassung und -praxis heutzutage. Viele meinen, Dahns Arbeit spiele bereits im 21. Jahrhundert, während ihre Arbeiten die Lebensumwelt der 70er Jahre reflektieren würden. Was sagen Sie dazu?
„Nicht alt sei es, nicht neu sei es, gut sei es.“
Dahn erzielt schon jetzt höhere Preise als Sie. Die Menschen lieben ihn. Er ist freundlich und vorurteilslos zu jedermann. Einen Großteil seines Geldes gibt er dafür aus, armen Künstlerkollegen zu helfen, sie zu beschäftigen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Er ist glücklich verheiratet, hat mit dem Saufen aufgehört, lebt am Tag, schläft in der Nacht. Hassen Sie ihn?
„Es ist wirklich so: Ich habe kein Feindbild. Das unterscheidet mich von allen anderen Menschen. Ich kenne nicht einen einzigen schlechten Menschen. Es gibt nämlich keine. Es gibt keine guten und keine schlechten Menschen. Sie sind immer beides zugleich.“
Warum umgeben Sie sich mit so einem Haufen dahergelaufener Claqueure? Wollen Sie unbedingt geliebt werden? Können Sie nicht alleine sein?
„Sehen Sie – SIE sind es, der zwischen guten und schlechten Menschen unterscheidet. Ich habe wirklich keine Feinde …“
Oh doch!
„… natürlich gibt’s ein paar Arschlöcher, Vermieter und so Leute, Immobilienmakler, klar, aber das macht mir nichts, mir reicht eine Einseitigkeit. Man muß die Sache nicht genauso ähnlich sehen wie ich. Auch Dummheit kann ja zur Kunst werden.“
Dennoch haben Sie Legionen von Feinden.
„Die strengen sich nicht genug an. Das ist deren Problem, daß sie mich zum Feind machen. Interessiert mich einfach nicht.“
Möchten Sie Professor an der Kunstakademie Düsseldorf werden?
„Ich unterrichte lieber Rechtsanwälte.“
Wie wird die Zukunft aussehen?
„Ich werde 72, bekomme vier Kinder, die haben alle Mädel zu sein. Wenn’s Jungs sind, werden sie auf die Straße gesetzt, mit einem Schild um: Bitte nicht nach Hause schicken. Natürlich warm eingepackt.“
Haben Sie sich schon einmal mit dem Faschismus beschäftigt?
„Ich werde mich hüten. Ich kann mich doch nicht mit der ganzen Welt auf einmal abgeben.“
Überwiegt nicht bei manchen Menschen das Gute, bei manchen das Schlechte, etwa bei Nazis?
„Nein, niemals. Ist immer in Balance. Die Welt ist es, die die Nazis macht, nicht umgekehrt. Man muß die Welt erklären.“
Fühlen Sie sich einsam?
„Für einen Familienmenschen gibt es keine Einsamkeit.“
Sie reißen gerne Konventionen ein?
„Das ist doch keine Anstrengung. Das ist wie Zigaretten ziehen.“
Betrügen Sie Frauen?
„ ‚Betrug’ gibt’s in dem Bereich doch nicht. Ist doch ganz ehrlich da, im Bett und so. Es gibt Leute schlecht behandeln, das auch noch erzählen, das öffentlich machen, also weh tun.“
Es heißt, Sie haben vier Frauen, die gleichzeitig Kinder für Sie austragen. Wie geht das?
„Den Plan hatte ich durchaus. Aber jetzt lasse ich lieber per Suchanzeige alle schon bestehenden unehelichen Kinder aufspüren. Die erben dann meine Schulden. Ich will ja nicht, wenn ich nach Hause komme, einen Fernseher aus dem zweiten Stock auf den Kopf bekommen. Die Kopfaußenhaut ist zu sensibel.“
Soweit meine Fragen. Während er mir antwortete, hatten sich die „Burschen“ an einen langen Tisch verzogen. Nun, da ich das offizielle Interview in der Tasche hatte, konnte ich mich entspannt dem Zirkus anschließen und einfach mitfeiern. Ich mußte fortan nichts mehr sagen. NICHT EIN WORT, es wäre nur als Störung empfunden worden. Champagnerselig schunkelte ich mit den anderen um IHN herum. 72 Stunden lang dröhnte ich ab, mit den Burschen, von Bar zu Bar. Ich lernte jeden Winkel der hippen Kunstszene Deutschlands kennen, jede Espressomaschine, jeden Privatkellner, jedes Art-Groupie.
Im Rathenau, im Belgischen Viertel, es ist „erst“ drei Uhr nachts. Der Abend beginnt. Alle sind schon schrecklich besoffen. Kippenberger hat ein kleines Mädchen auf dem Schoß. Das kleine Mädchen hat aber einen kleinen Freund, der sitzt ängstlich am Nebentisch, harrt aus, will nicht gehen. Die Clique ist auf zwanzig Mann angewachsen. Aber Kippi will eine Frau. Von den zwanzig „Burschen“ haben nur zwei eine Frau mitgebracht, nämlich Daniel Bettermann und noch einer. Letzterer hat eine hässliche Figur dabei, aber die langjährige Freundin von Daniel Bettermann, die ist wunderschön: blauschwarze, seidene Haare, rote Lippen, heller Teint. Nur ist Daniel einer der „besten“ Freunde des Meisters, sozusagen ein Oberbursche. Früher war er ein Schüler, dann Meisterschüler, dann Assistent bei Kippenberger, Assistieren tut er heute noch, aber wie weit geht das?
„Ich bin so geil, so irr-sin-nig SCHARF …“ sagt Kippi schon den ganzen Tag. Das kleine Mädchen springt ihm vom Schoß. Er greift unbeholfen nach ihr.
„Komm her, Püppi … bleib jetzt hier … gib mir einen Kuß.“
Er hat seine besoffenen Männerarme um ihre kindliche Taille geschlungen. Sie ist höchstens 17.
„Zwanzig ist sie!“, ruft er. Sie ist blond, hat blaue, grün schimmernde Augen, schimmernd wie große Glasmurmeln, dazu ein niedliches, ovales Gesicht. La belle et la bête. King Kong und das weiße Mädchen. Sie wiegt höchstens vierzig Kilo, Kippenberger hundertvierzig.
Ein neuer Bursche tritt an den Tisch, Unruhe entsteht, das Vögelchen will wieder wegfliegen. Kippenberger küsst sie auf die Lippen. Der Bursche benimmt sich beim Hinsetzten so ungeschickt, daß Kippenberger die Hände hochnehmen muß. Flatter-flatter! Weg ist er, der kleine Rauschgoldengel. Das Mädchen ist entwischt. Aber der Meister will „Fut“ haben. „Ich sehe den ganzen Tag nur Titten und Ärsche! Ich dreh‘ noch durch! Ich hab‘ mir schon zwei blasen lassen, aber ich bin GEIL … Blasen gut und schön, aber ich will ficken.“
Er guckt sich um. Die Bedienung! Noch frisch, noch jung, noch kräftig, und prächtige, überproportional große Titten. Er winkt sie heran. Die Clique schmunzelt, gluckst. Ein paar halten bereits ein vorgezogenes Nickerchen, sind ganz allein mit ihrem bayerischen Bierglas und ihren infantilen, präpotenten Tagträumen. Der Kippi, der macht das alles für sie. Sie selbst kennen Frauen nur aus den Wichsmagazinen, aber der Kippi, der hat dafür gleich in jeder Nacht mehrere. Der macht das stellvertretend, der wird besser fertig mit dem anderen Geschlecht …
Er redet mit der Bedienung, faßt sie an. Gott, sie hat wirklich Holz vor der Hütte. Drall und drahtig ist sie, keine vierundzwanzig, Hakennase, blitzende Augen, Haß. Ein elektrischer Schlag, wieder nichts! Bei der kommt er nicht an. Er pöbelt herum. Er ist so geil! Alle verstehen ihn. Geil ist er, der Arme, das kennt man, das ist jedem schon mal passiert!
Nun wirft er sich auf die funkelnde, noch unbeschädigte Freundin seines „Freundes“ Daniel Bettermann.
„Hey, du siehst so aus, als ob ich dich gleich vergewaltige.“
„So?“, sagt diese Frau in einem der Burschenrunde unbekannten Tonfall, so seltsam aufrichtig. „Ich bin noch nie vergewaltigt worden und werde auch nie vergewaltigt werden.“
„Du wirst es jetzt schon!“, faucht der alte Monsterich.
„Das kann ich so nicht finden. Inwiefern denn?“ Ein Aussehen wie Schneewittchen, aber eine Stimme wie eine SPD-Bundestagsabgeordnete.
„Wir werden heute nacht ins Bett gehen, das steht jedenfalls schon fest, ha ha ha. Darauf kann sich hier jeder im Saal verlassen. Du weißt es ganz genau, ha ha ha.“
„Ja, gewiß, sicherlich, ich wollte nur betonen, daß…“
Sie verheddert sich. Der SPD-Tonfall rutscht ihr irgendwie an die falsche Stelle. Daniel beginnt zu zittern. Er versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Kippenberger wirft sich mit aller Kraft auf die Frau, geht sie frontal an, kümmert sich um nichts anders mehr, starrt sie mit weit aufgerissenen Augen an, greift sie am Oberarm, unglaublich fest, so daß es blaue Flecken gibt, steht auf, zerrt sie zur Seite, führt sie ab. Sie wehrt sich, zappelt, aber er führt sie aus dem Lokal wie ein US-Polizist eine aufgegriffene illegale Nutte. Die Burschen schlagen sich auf die Schenkel. Was für eine Szene! Mal wieder unschlagbar, der Kippi, filmreif! Brüllend lustig! Wenn DER geil ist, dann IST der auch geil, ho ho ho … man wartet ab, bis er zurückkommt, der gute Kippi, und die nächste Gaudi liefert!
Unendlich viele Biere, Moet & Chandons, Tequilas und Lokale später, Stunden später (Tage?), im Alten Spitz in der Mittelstraße (Kölner Innenstadt): Kippenberger lacht, er verklärt sich. Er ist Baal. Seit drei Stunden erzählt er Witze. Neidlos muß ich anerkennen – das perfekte Unterhaltungsprogramm. Besser noch als Förgs Beleidigungsprogramm. Er steht auf dem abgedunkelten Tresen (Man kann nur noch ahnen, wieviele Nasen noch zugucken von der Clique) und läßt die Hosen runter.
„Glühwürmchen, Glühwürmchen, glühe …“ Er ist ein guter Tänzer, ob mit oder ohne freiem Ding. Er wiegt sich hin und her, stößt mit dem Becken in Richtung einiger anwesender „Fut“. Das Wort Frauen haßt er. Es sind neue „Fut“, eine blonde und eine dunkelhaarig brünette Frau, beide gutaussehend. Die Brünette lacht manchmal kleinmädchenhaft auf, die Blonde ist nachdenklich, wirkt leicht deprimiert. Kippenberger läßt sich eine Zeitung geben, knüllt sie in der Mitte, spitzt sie an, steckt sie sich in den Hintern und zündet sie an. Großes Gejohle, Rockkonzert, dummdeutsche Rufe: „Jeii!“
Wieder runter, wieder Gebrabbel, Witze, Angebereien, Gospel. Wer ist der tollste, größte Künstler auf der ganzen Welt?
„Der Kippi!!!“
Jeii! Und schon wieder ist er so menschlich-allzumenschlich „geil“ … und eine der beiden Frauen muß dran glauben … aber es dauert so lange … und ich bin wieder dabei, und tue so, als wäre alles heiter.
Der letzte Tag. Vierzig Leute essen auf Kippis Kosten. Er hat eine Party arrangiert. Er hat Geburtstag. Er darf sich alles wünschen. An seinem Geburtstag darf eine Frau ihm nichts abschlagen. Einige erzählen, er sei gar nicht so ungestüm, wie man vermute. Es stimme nicht, daß er nachts nicht schlafe. Am Ende der ewigen Show breche er zusammen wie einst Onkel Adolf nach einer 5-Stunden-Rede im Bürgerbräukeller, versinke in traumlose verzweifelte Ohnmacht, da gingen alle Lampen aus, da sei nur noch Wimmern und Schlafen angesagt. Das sagen einige Frauen. Andere sagen etwas anderes. Ich sage: der Mann verbrennt, und die Kunst, die dabei entsteht, ist phantastisch. Als Künstler ist er mit Abstand das Beste, was wir in Europa haben, zusammen mit Walter Dahn. Was ist selbst ein Albert Oehlen dagegen, der ja auch nicht schlecht ist: brotlos, ein Mann ohne Thema. Kippenberger bringt den Wahnsinn des ausgehenden Jahrhunderts auf den Punkt. Dahn ahnt das kommende Jahrhundert genial vorweg. Das muß einmal gesagt werden. Daß die KUNST des Herrn K. über jeden Zweifel erhaben ist. Wir wollen nicht NUR lästern, nicht NUR über die „Fut“ schreiben. Wir sind nicht NUR Klatschreporter. Und wir wollen auch der hämisch denunzierten Clique zugute halten, daß die einzelnen Leute WISSEN, wie gut die KUNST des Martin Kippenberger ist, daß sie DESWEGEN das Kasperletheater dulden, zumindest AUCH deswegen. Viele werden sich vielleicht auch ganz einfach amüsieren. Werden die stressy show goutieren. Josef Strau: „Unterhaltung, aber vom Feinsten. Da geht nix drüber. Da bin i ganz staad. Da will i net störn!“ Er hat glänzende Augen. Niemand pfuscht dem Kippi in die tägliche One-man-Performance hinein, ist doch logo!
Dennoch stört mich das andauernde Besudeln und Abschleppen von Frauen, pardon, „Fut“, einigt man sich auf „Art-Groupies“, lieber Leser, verehrte Leserin? Das sind sie dann wohl doch oder? Vielleicht die Hälfte? Die andere rutscht zufällig in diese schiefe Rutschbahn. Auch an diesem Geburtstag. Da sitzen sie wieder in Reihe, die Hühner. Vor ihnen tanzt ALF, der Außerirdische. Alle sehen ALF. Alle sind sie erst acht Jahre alt. Alle wohnen in prolly Vorstadthäuschen und starren in die Video-Glotze.
Der Mann ist ein Kind. Die ist gut, aber dieses Kind ist eine Katastrophe. Es ist nicht zum aushalten. Er protzt wieder wie ein Weltmeister. Die Blonde hat er schon gehabt, jetzt kommt die Brünette dran, heute, am Ende der Reise. Ich will einmal den Helden spielen, wg. Rushdie. Kampf den Mullahs! Sollen 500 Jahre europäische Geistesgeschichte umsonst gewesen sein? Sollen die Frauen wieder verschleiert gehen? Ich nehme mir vor (Es ist zwei Uhr nachts), die Brünette zu beschützen. Ich stelle plötzlich das weitere Trinken ein, ganz unbewußt. Ich denke an Martin Luther, an Erasmus von Rotterdam, an Lessing, an Marx und an Thomas Bernhardt. Sollen diese vortrefflichen Menschen alle umsonst gelebt haben? Mein Herz beginnt zu rasen. Kippi erzählt gerade eine Geschichte, wie er kürzlich eine bekannte Schweizer Sammlerin zwei Tage ununterbrochen abgefüllt und angebaggert hatte, bis sie endlich kaufte. Diese elende Fotz’ war der härteste Brocken, den er je hatte! Die hat sich gesträubt wie nichts Gutes! So eine Zicke! Sowas Widerspenstiges! So eine kranke Tante! Er schüttelt sich vor Abscheu.
Dann kommen wieder Witze dran. Ich kenne sie inzwischen auswendig. Am Tisch sitzen nahezu alle hochkarätigen Persönlichkeiten der Kölner Gegenwartskunstszene. Ich nenne keine Namen, diese Reportage wird mich ohnehin aus der Szene katapultieren. Man wird ein Kopfgeld auf mich aussetzen. Ich bin Rushdie. Aber vorher muß ich noch diese Brünette retten. Ihr anfängliches Kleinmädchenlachen ist längst selten geworden. Ich bin mir über vieles im Unklaren, aber eines weiß ich mit Gewißheit: Das Erlebnis, daß dieses Mädchen mit Kippenberger haben würde, wäre scheußlich für sie.
Aber ich werde schwach. 72 Stunden Saufen. Mir wird weich in den Knien. Er ist doch auch ein Mensch, der Kippi. Er hat etwas Dämonisches. Die Faszination des Dämonischen, der wir Deutschen so oft erliegen. Aber es ist doch nur Schwäche, so zu denken. Alles Unsinn. Dämonen gibt’s nicht. Faule Ausreden.
Kippi hottet über Teller und Gläser, tanzt den Verrückten-Shuffle, zerbeißt das Glas der Rotweinkelche, springt an den Kronleuchter, läßt sich wie ein Stein zu Boden fallen, knöpft die Hose auf, züngelt mit der Zunge herum wie einst Gene Simmons von der Gruppe Kiss. Er babbelt und sabbelt, nuschelt, ist der verwegene Anarchist, wie die bourgeoisen Weinkeller-Galeristen ihn sich erträumen. Seit hundert Jahren derselbe Traum. Die einen Träumen, die anderen machen ihren Beruf. Was ist daran auszusetzen?
Nichts. Man entferne nur die Opfer. Ich habe das Mädchen nach draußen geführt, was gar nicht so schwer war. Wahrscheinlich hat sie sich ein kleines bißchen erleichtert gefühlt, aber das kann man nur mutmaßen – gezeigt hat sie es nicht. Ich hatte eher das Gefühl, daß sie es schon im Taxi bereuen würde.

 

(Die vollständige Dokumentation auf www.waahr.de)

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https://blogs.taz.de/lottmann/2016/09/25/dokumentation-der-kippenberger-skandal-joachim-lottmann-ueber-zwei-texte-die-kunstgeschichte-schrieben-und-ihn-selbst-vernichteten/

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