Im Sog der Graphic Novel: Jutta Winkelmanns süchtigmachendes Gesamtkunstwerk „Mein Leben ohne mich“

Jutta Winkelmann hat ihr lange erwartetes Buch veröffentlicht, über das seit einem Jahr Auszüge im medial gut vernetzten Freundeskreis kursierten und von dem alle nur von einer „echten Sensation“ sprachen und sprechen. Es ist in der Tat so ungewöhnlich, daß selbst mir – und erst recht vielen Feuilletonisten – die Spucke wegbleibt, also die geschriebene Sprache. Mit einer einzigen Ausnahme, auf die ich sofort eingehen werde, haben sich alle verhoben, oder sie sind gleich im fassungslosen Schweigen geblieben. Vom Doyen der Branche, Claudius Seidl, liest man in der Frankfurter Allgemeinen eher hilflose Routine als inneres, neues, adäquates Begreifen. Und auch ich bringe nichts zustande. Ich gebe auf.

Schließlich gibt es nichts Peinlicheres, als in einem Text über jemand anderen, sei es eine Biographie oder ein Werk, ständig über sich selbst zu sprechen. Das würde ich nämlich zwanghaft tun, wenn ich über Jutta Winkelmann schriebe. Ich habe es sogar schon einmal VERSUCHT, vor Monaten, aber schon die erste Version gefiel mir nicht, und auch Jutta Winkelmann gefiel sie nicht – sie war sogar enttäuscht davon – und übrigens war sogar der erwähnte Claudius Seidl „not amused“ und startete erzürnt seinen eigenen Versuch.

Man muß nun nicht das blöde Wort von der „Ironie des Schicksals“ bemühen, wenn man jetzt sieht, daß ausgerechnet Matthias Matussek, den die meisten unserer Freunde nicht leiden können (ich schon, Seidl nicht, zum Beispiel), die einzige brauchbare Rezension zu dem Buch hingekriegt hat. Mehr als das: sie ist so genial wie das Buch selbst. Das schöne deutsche Adjektiv „kongenial“, oft unpassend verwendet, trifft es endlich einmal. Ich bin so beeindruckt, daß ich meinen eigenen Text sofort und erschrocken zurücknehmen will und meinen Platz hier für diese wunderbare Buchkritik zur Verfügung stelle, für Matusseks Text über Jutta Winkelmanns „Mein Leben ohne mich“ (sollte sich jetzt ein Shitstorm erheben und das nachträgliche Herausrücken MEINES Textes fordern – bei Matussek ist ja eigentlich immer mit einem Shitstorm zu rechnen –  kann ich das ja gern tun, beziehungsweise eigentlich ungern). Voila, lesen Sie, New-Journalism-Altmeister und Joachim-Lottmann-Vorbild Matthias Matussek (18 Jahre beim SPIEGEL, heute ‚Focus‘) über Jutta Winkelmanns Graphic Novel „Mein Leben ohne mich“:

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Jutta Winkelmann, 67, stirbt. Sie stirbt schon seit Jahren. Nun tun wir das ja alle. Leben heißt sterben lernen. Sagt man so dahin. Allerdings frisst sich der Krebs, unterbrochen von trügerischen Ruhepausen, wütend durch Mark und Bein dieser einst strahlenden Lebenskünstlerin und Filmemacherin und Autorin, buchstäblich. Knochen brechen wie Streichhölzer, Zement wird gefüllt, die Schädeldecke bricht ein, der Körper als Baustelle und Schlachtfeld.
Nun ist Jutta Winkelmann nicht irgendeine: Sie ist ein Emblem, Teil eines Emblems, denn sie bildete gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Gisela Getty das wohl berückendste Frauenduo, das die deutsche Hippie-Kultur Anfang der 70er-Jahre auf die Welt losgelassen hat.
Sie waren Sirenen des Agitprop, Prinzessinnen der Gegenkultur, Gangsterbräute, weibliche Outlaws und so irrsinnig schön mit ihren ephebenhaften Körpern. Ja, sie waren jung und schön und oft nackt zu sehen.
Sie lebten in Roms Halbwelt wie Figuren von Fellini (der tatsächlich mit ihnen arbeiten wollte). Sie lebten von der Hand in den Mund, gemeinsam mit dem Bohemien und Milliardenerben Paul Getty, mit dem sie eine Entführung inszenierten, weil ihn der Alte in Kalifornien nicht alimentieren wollte, und verlangten Lösegeld. Die Sache ging böse schief.

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Später hingen sie auf Partys mit Roger McGuinn von den Byrds in den Hollywood Hills ab, Jutta diskutierte mit Bob Dylan über die deutschen Verbrechen und wollte doch eigentlich nur LSD mit ihm einwerfen. Das taten sie dann doch, und es hat sie „mit sich selber konfrontiert“.
Sie drehten mit dem drogenirren Dennis Hopper merkwürdige Gangsterfilme – und sie waren immer sorgfältige Kuratoren ihrer Selbst-Bilder, gleichzeitig wild und kontrolliert.
Nun stirbt eine ganze Kultur. Ein Teil von ihr.
Eine Kultur, die sich geschworen hatte, forever young zu sein, wie Dylan sang, auf ewig jung, das Mantra der Peter-Pan-Generation.
Später bildeten sie mit Rainer Langhans von der Kommune 1, ihrer Schwester und zwei anderen Freundinnen den sogenannten Harem in München. Sie experimentierten weiter, im Grunde genommen ein Leben lang, fernöstliche Weisheitslehren, vegetarisches Essen, keine Drogen, Selbsterfahrung, ja, sie waren Virtuosen der Selbstbeobachtung, besser: der gnadenlos ehrlichen Selbstzerfleischung. Sie drehten Dokumentationen darüber. Schließlich waren sie auf der Suche nach dem neuen Menschen.
Ab und zu trat Rainer Langhans, der alte Space-Cowboy, ganz in Weiß in Werbefilmen auf oder im Dschungelcamp. Alles Laborexperimente. Rainer Langhans ist sich sicher: Mit dem Internet, der allseitigen, globalen Vernetzung, ist der Kommunetraum Wirklichkeit geworden. Technologisch. Fehlt nur der letzte Schritt: der neue Mensch.
Und nun bricht der alte Mensch durch, der einsame, gebrechliche, ängstliche, gottverlassene, und all die bezaubernden Schleiertänze der Sinngebung sind an ein Ende gekommen.
Jutta Winkelmann stirbt und hat ein großes Buch darüber geschrieben: „Mein Leben ohne mich“. Sie hat es geschrieben und bebildert mit zu Cartoons verfremdeten, „literarisierten“ Fotos, denn das Buch erzählt dieses Leben in den letzten Zügen auch als Graphic Novel.
Es ist nicht das „Tibetanische Totenbuch“, sondern das von Jutta Winkelmann, und es beginnt mit einer

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Beschwörung von Jim Morrison aus diesem Wahnsinnskonzert 1968 in der Hollywood Bowl: „This is the end, beautiful friend/this is the end/my only friend, the end“ . . . und dann los, in diesen merkwürdigen Freund, der vor allem eines tut: schmerzen, töten.
„Mein Rückgrat ist zerstört, zwei Wirbel von zwei Tumoren zerfressen. Sie sitzen direkt am Rückennerv. Es sind höllische Schmerzen. Ich rühre mich nicht. Ich kann jederzeit gelähmt sein. Nicht weinen. Ich habe schreckliche Angst.“
So schlicht und bibbernd, so ungeschützt setzt sie an. Irre vor Angst, ist der Tumor schon im Kopf?
„Es gibt kein Verhandeln mit Gott wie vor elf Jahren, als mir die Brust abgeschnitten wurde.“ Die sagenhaften Amazonen der Antike sollen sich eine Brust abgeschnitten haben, um die Bogensehne beim Pfeilschuss nicht zu behindern, einbrüstige Kämpferinnen, aber wo ist der Feind?
Das Zement ist aus ihren Knochen ausgetreten, Schmerzambulanz, sie verträgt kein Morphium, schon in Rom hat sie das Opium nicht vertragen und ihrem aristokratischen Freund die Seidenkissen vollgekotzt. Sie verflucht alle Drogen, die sie je genommen hat. Sie möchte nüchtern sein und klar. Und mitten durch den Schmerz.
Hoffnungen. Mit Rainer und ihren Haremsschwestern fährt sie nach Indien, ihr Sohn Severin Winzenburg dreht den Film „Good luck finding yourself“ über die Reise, die zu kiffenden Sadhus führt und in den

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img_9317Himalaja und zum Ganges, ein ernster und gleichzeitig urkomischer Nachtrag zur Hippie-Bewegung.
Rainers Guru lebt nicht mehr. Aber vielleicht in irgendeiner Inkarnation? Könnte er helfen?
Zurück, alles ist schlimmer. Die Gerätemedizin, die Gazemasken, die Zeichnungen auf der Haut, das Bombardement der Strahlen auf eingezeichneten Körperregionen, wie Luftaufnahmen im Krieg. Und zwischendurch ist sie Hiob mit seiner großen Klage: Womit hab ich das verdient, warum, Gott?
Sie erlebt Patienten, denen der Krebs aus dem Gesicht wächst. „Das bisschen Jugendglück, das bisschen Lachen muss so grausam bezahlt werden – andere zahlen noch bitterer.“ Draußen Kriege, Massaker, Hunger, Elend, was soll der Scheiß? Sie will alle und alles über den Haufen ballern, sich, die anderen, Ägypten und Syrien, Facebook, Liebe, Obama, Merkel, alles in die Luft jagen in einer großen nuklearen Explosion.
Doch Jutta Winkelmann wütet in Liebe, wie Kleists großartige Amazone Penthesilea: „Küsse, Bisse, das reimt sich!“
Und dann entsteht ein Bild, schaukelt nach oben auf diesem Strom des Grauens. Ein altes Kloster in China – „altes Holz, Zeit, Stille, Sinn. Wasser selber holen, wenig Essen, das leise Rascheln der rot gefärbten Ahornblätter . . .“
Auch der Tempel hält sich nicht in ihrem Wüten. „Zünden wir ihn an!“, ruft sie sarkastisch. „Das alte Holz

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brennt prächtig, und jagen wir den alten Lama aufs Feld!“ Sterben lernen. Der Feind ist innen. Erschöpfung und Rainer Langhans‘ stoische Grausamkeiten, da musst du durch, um zu lernen.
Sie schaut auf sich, diese Beobachtungsweltmeisterin, und dann der Griff nach Rainers Hand, und diese Hand wird herangezoomt im Comic, unfassbar beeindruckend, diese zu Zeichnungen verfremdeten Fotos,

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Fantasiebilder, Spruchblasen, Totenmasken, Dämonenfratzen, die grausamen Geräte, Stahl und Sterilität, dann das Sutra des Herzens, alles wirbelt in diesem Kosmos durcheinander.
Ein umwerfendes Gesamtkunstwerk. So schonungslos und so verletzlich, ein im fröhlichsten Hippie-Sinn naiver und gleichzeitig philosophisch tiefer Abgesang auf eine Generation, die nach dem neuen Menschen suchte.

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