„Und die Nacht prahlt mit Kometen“: Neu-Autorin Ela Angerer über ihren Roman, in dem eine junge Frau unter die Räder kommt. Sie ist einem gewalttätigen Serben verfallen.

Auch Bücher haben anscheinend ein ‚Schicksal‘, manchmal ein verqueres. So wie mein großer Roman „Der Zweite Faschismus“ – das ganz normale Alltagsleben vor dem Hintergrund eines sich weltweit ausbreitenden politischen Islam – jetzt das perfekte Buch zum Anschlag in Berlin wäre (es wurde Mitte Juli beendet, genau nach ‚Nizza‘), hätte Ela Angerers Roman über eine Liebe in Zeiten der ethnischen Gegensätze zum Buch des Jahres werden können, ja vielleicht zum wichtigsten Buch der engagierten Frauenliteratur überhaupt. Es kam anders. Der hochbrisante ethnische Konflikt wurde weitgehend herausredigiert – weil politisch unkorrekt – und der Stoff zu einer zeitlosen Boy-meets-Girl Geschichte heruntergedimmt. Ich sprach mit der Autorin.

TAZ: Die Aufnahme Ihres neuen Romans „Und die Nacht prahlt mit Kometen“ ist rekordverdächtig positiv. »Nimmt sich kein Blatt vor den Mund«, »Schonungslos offen, aber mit hintersinnigem Witz«, »Bittersüße Leidenschaft, wie sie nur von einer Frau empfunden werden kann«, »Die Autorin hat einiges durchgemacht und macht kein Hehl daraus«. Kurz: einhellige Begeisterung unter den Redakteurinnen. Vor allem der Frauen-Zeitschriften. In der Bürgerlichen Presse war bislang noch nichts zu lesen. Warum?
Ela Angerer: Dafür reden wir ja jetzt miteinander.
TAZ: Überall begeisterte Frauen. Ihr neuer Roman wird sogar in der feministischen Szene stürmisch gefeiert. Irritiert Sie das auch ein bisschen?
Ela Angerer: Nein, ich erzähle ja auch die Geschichte einer Emanzipation.
TAZ: Emanzipation? In Ihrem Buch sucht man abgenutzte Begriffe dieser Art zum Glück vergeblich. Es ist sprachlich recht eigen und so ganz anders als die alteingesessene „Frauenliteratur“. Warum lassen Sie es zu, mit diesen Gesinnungs-AutorInnen in einem Topf zu landen?
Ela Angerer: Möglicherweise verstehen die Feministinnen das Buch als Abrechnung — das ist es aber nicht — es ging mir nicht darum, einen Kerl an den Pranger zu stellen, sondern darum, das sich ausbreitende Gift einer falschen Liebe literarisch zu behandeln.
TAZ: Ronja von Rönnes zweischneidige Karriere als bad girl des Literaturbetriebs entstand, als eine Journalistin sie bat, für ihre Zeitung „etwas über Frauen mit Frauen für Frauen zu machen“. Sie antwortete schlicht, dass sie keine Lust habe, etwas über Frauen zu machen. So etwas könnte Ihnen nicht passieren, oder?
Ela Angerer: Alles kann einem passieren! Ich schätze Ronja von Rönne sehr.
TAZ: Ihr Buch wird aber als politisch korrektes Manifest gegen männliche Gewalt vermarktet. Da kann Ihnen bestimmt gar nichts passieren.
Ela Angerer: Das ist es vielleicht ja auch. Wir haben in Deutschland und Österreich Frauenhäuser, die aus allen Nähten platzen. Männerhäuser mussten bisher noch keine gebaut werden. Vor allem aber: Girl meets Arschloch — dieser Plot interessiert wohl jede Frau.
TAZ: Nein, „Arschloch“ wäre keine Literatur. Die Figuren werden durch ihre kulturelle Prägung echt, gerade bei Ihnen. Sie schildern den pariarchalisch-familiären Hintergrund des „Arschlochs“ und verzichten dabei auf Frauenhäuser und Männerhäuser.
Ela Angerer: Aber die gibt es.
FAS: Nicht in Ihrem Buch. Frauenhäuser sind Wirklichkeiten, die nichts mit Ihrer bildungsbürgerlichen Leserschaft zu tun haben. Geht es in Ihrem Buch nicht um etwas ganz anderes: einen Kulturbruch, der sich im Erotischen abspielt? Und das hat durchaus eine Relevanz für Ihr Publikum! Warum stehen Sie nicht dazu?
Ela Angerer: Ja, man könnte das Buch auch als eine Art Totentanz der Projektionsflächen verstehen.
TAZ: Möglich. Sie ziehen sich aber dauernd die falschen Schuhe des Steinzeit-Feminismus der 70er Jahre an, also in den Interviews, obwohl Sie literarisch und inhaltlich schon Lichtjahre weiter sind. Der Konflikt zwischen einem bürgerlichen Mädchen und einem Migranten aus einem anderen Kulturkreis ist hochmodern. Davon hört man aber öffentlich nichts. Da wird so getan, als sei Ihre tragische Geschichte zeitlos.
Ela Angerer: Nein, das ist sie natürlich nicht. Das archaische, frauenverachtende Weltbild vieler Migranten lässt sich nicht durch einen Sprachkurs und ein Dach über dem Kopf vertreiben. Nicht umsonst hat Feridun Zaimoglu im Schweizer Tagesanzeiger gesagt: „Es ist nicht verkehrt, wenn man diese Menschen dazu einlädt, sich von ihrer Gewaltkultur und ihren Komplexen zu lösen.” Die junge und naive Valerie in meinem Buch glaubt ja, dass dafür ihre Toleranz und ihre Liebe reicht. Insofern hat dieser Plot, obwohl eine der beiden Zeitebenen in den 80er-Jahren spielt, viel mit unserer heutigen Zeit zu tun
TAZ: So kommen wir der Sache schon näher. Ihr Verlag verschweigt diese Ebene aber. Hatte er vielleicht Angst, schon das Erwähnen eines möglichen Kulturkonfliktes würde als „ausländerfeindlich“ missverstanden und Ihnen zum Verhängnis werden?
Ela Angerer: Sagen wir so: Es wurde darüber diskutiert, ob man im Klappentext erwähnt, dass der Mann, um den es im Buch geht, serbischer Abstammung ist.
TAZ: Wann und wodurch begreift Ihre Heldin, dass der sadistische Boyfriend zu bezwingen ist?
Ela Angerer: Da werden jetzt viele Feministinnen aufschreien: Aber ein Opfer schafft es vielleicht nicht, zu gehen — doch irgendwann dämmert es ihm unter Umständen, dass es auch Macht über seinen Täter hat. Es beginnt mit ihm zu spielen — mit seinem schlechten Gewissen oder einfach dadurch, dass es nicht mehr funktioniert. Die Protagonistin in meinem Buch rächt sich an ihrem Peiniger, indem sie ein Kind von ihm bekommt, gegen seinen Willen. So verletzlich man als schwangere Frau auch ist: Man kann in diesem Zustand sein Umfeld ziemlich gut in Schach halten. Sie rettet sich also über das Kind.
TAZ: Zum Abschluss unseres Gespräches noch etwas ganz Anderes: Sie haben soeben ihren Facebook-Account gelöscht. Kurz davor hatten Sie noch ein saftiges Kündigungsschreiben an Mark Zuckerberg gepostet, das im Netz eine Welle der Begeisterung ausgelöst hat.
Ela Angerer: Ja, es ist absurd. Viele Leute gratulieren mir zu meinem Mut und bezeichnen mich plötzlich als Role Model. Dabei habe ich nur beschlossen, aus einem sehr anstrengenden System auszusteigen und mir mein Leben zurückzuholen.

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Ela Angerer (Mitte) mit taz Reporter Joachim Lottmann. Im Hintergrund scheint immer noch ihr serbischer Freund und Peiniger Bojan zu lauern.

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