Deutschlandfunk bringt „Hotel Sylvia“ als Weihnachtsmärchen / DLF-Literaturchef Jan Drees hievt die preisgekrönte Novelle von Joachim Lottmann ins Festtagsprogramm /

Unter dem Titel „HOTEL SYLVIA von Joachim Lottmann. Eine Novelle in alter Manier“ schreibt der noch immer relativ neue und somit ideenreiche Literaturredakteur Jan Drees – er kam im Sommer als Nachfolger von Deutschlandfunklegende Hubert Winkels zum Sender – über das Buch: „Joachim Lottmann schrieb schon Pop-Literatur, lange bevor Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre erfolgreich waren. Nun hat er mit ‚Hotel Sylvia‘ eine Novelle veröffentlicht. Darin gibt es ein Wiedersehen mit Thomas Mann, Martin Walser und mit Walter Faber, dem kargen Helden aus Max Frischs „Homo Faber“. Nur klingt der Titel ‚Hotel Sylvia‘ vielleicht etwas zu versöhnlich für den bitterbösen Inhalt.

„Alles wurde bezahlt, die Flüge, die Leihautos, die Spesen, das Taschengeld, die Honorare, das ging bis zur Insolvenz des Verlages, wie man später erfuhr. Den gesamten Mailverkehr habe ich kürzlich einmal ausdrucken und binden lassen, es sind etwa 500 Mails.“

Mit diesen lakonischen Worten beschreibt Lottmann am 3. April 2016 „Die Geschichte hinter seiner Novelle ‚Hotel Sylvia’“ im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wer in den vergangenen drei Jahrzehnten Lottmanns Spiel mit Realität und Fiktion beobachtet hat, der glaubt ihm selbstverständlich kein einziges Wort. Der Autor spielt gerne. Bereits Anfang dieses Jahres hat Lottmann dem taz-Blog ein kurioses Interview gegeben, das sich verkürzen lässt auf diese beiden Einstiegsfragen und -antworten:

taz: „In der Literaturszene haben viele schon gespannt auf ‚Hotel Sylvia‘ gewartet…“
Lottmann: „Noch mehr warten sie hoffentlich auf mein Hauptwerk ‚Der Zweite Faschismus‘, das dieses Jahr sehr aufwendig veröffentlicht werden wird.“
taz: Man ist in einigen Kreisen verwundert, dass Sie die Existenz von ‚Hotel Sylvia‘ geradezu zu leugnen scheinen. Ist das so?“
Lottmann: „Nein, überhaupt nicht. Aber ich fände es ärgerlich, wenn diese harmlose kleine Novelle dieselbe Aufmerksamkeit bekäme wie ein 800-Seiten-Oeuvre über unsere Gesellschaft in den Zeiten des weltweit vordringenden politischen Islam.“

das-reale-hotel-sylvia
Das Hotel ist keine Erfindung
Diese Paratexte sind Teil des tatsächlich als Novelle betitelten Buchs. „Hotel Sylvia“. Es erzählt von einem verheirateten Schriftsteller, der auf Reisen geht – zusammen mit einer wesentlich jüngeren Freundin Agnes, mit seinem im Sterben liegenden Bruder Manfred und mit dessen Frau Jessica.
„Eine durchaus adrette Person. Ich hatte sie mir wie eine Angestellte des KZ Ravensbrück vorgestellt, doch sie wirkte eher wie eine zarte Apothekerin. “
Die vier gehen also auf Reisen, nach Grottamare an der Adria. Dort haben die beiden Männer in ihrer lang zurückliegenden Kindheit Urlaub gemacht. Es ist also auch eine Reise in die Vergangenheit und Anlass für den erzählenden Schriftsteller, übers Älterwerden und übers Jungbleiben zu räsonieren.
„Das Hotel Sylvia wurde 1967 gebaut, wir haben es wachsen sehen. Es ist eine der wenigen Bausünden Grottamares, eigentlich das einzige, weil es ein Hochhaus ist, mit etwa elf Stockwerken, also wesentlich höher als die danebenstehenden Häuser direkt am Strand. Das Hotel Sylvia hat natürlich einige Renovierungen erlebt, aber das Eigentliche ist noch genauso wie damals, zum Beispiel der Fahrstuhl, der schnell ist und rumpelig und nur drei Personen fasst.“

Dieses im Buch vorkommende „Hotel Sylvia“ ist keine Erfindung. Auf dem Bewertungsportal Tripadvisor wird es ebenfalls von verschiedenen, realen Reisenden beschrieben. Das tatsächlich in Grottamare existierende Hotel Sylvia liegt demnach nah an den Bahngleisen. Seine Betten gelten als unbequem. Familien beschweren sich, dass ihre Kinder nachmittags nicht bespaßt werden. Der Strand soll grauenhaft sein, das Meer schmutzig. Allein das Essen ist gut, immerhin. Dorthin geht die Reise, nach Italien. Man kann also von einer italienischen Novelle sprechen, die Lottmann hier präsentiert.

„Die Auswahl des Novellenbegriffs für eine Prosaerzählung bedeutet: ‚Seht her, ich ordne mich in eine seit dem Spätmittelalter überlieferte Gattungstradition ein. Ich will alte Formen nicht umstürzen, ich will mich ihrer entweder ernsthaft oder ironisch bedienen, auch um mein handwerkliches Können als Schriftsteller unter Beweis zu stellen‘.“

blondine
Die Novelle scheint von real Geschehendem zu erzählen
Das schreibt der Literaturwissenschaftler Rolf Füllmann über die Gattung – und Lottmann ordnet sich dieser Bewertung unter. Sein „Hotel Sylvia“ ist anspielungsreich, bis weit ins vergangene Jahrhundert zurück. Lottmann beschreibt eine Reise, wie sie ebenfalls Inhalt ist in Martin Walsers stilprägenden Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Zudem präsentiert „Hotel Sylvia“ eine Reise nach Italien, ins Mutterland der europäischen Novellistik, wie in „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann. Und ebenfalls von einer Reise berichtet „Homo faber“ von Max Frisch, dieser tragischen Geschichte um einen rationalen Ingenieur, der sich schuldlos-schuldig macht, indem er ausgerechnet und aus Versehen mit seiner ihm nie offenbarten Tochter schläft. – „Homo faber“, ist, hier gehen die Schleifen weiter, das Lieblingsbuch von Jessica in „Hotel Sylvia“. Und den Inhalt von „Homo faber“ quasi zusammenfassend denkt der Schriftsteller, dass seine Gefährtin Agnes durchaus seine Tochter sein könnte:

„Ich war zwar nicht der Typ ‚alter Mann‘, hätte aber dennoch ihr Vater sein können.“

„Ein fliehendes Pferd“, „Der Tod in Venedig“ und „Homo faber“ sind die wichtigsten Bezugspunkte von Lottmann. Seine Novelle „Hotel Sylvia“ scheint von real Geschehendem zu erzählen. Zugleich ist sich die Geschichte aufgrund zahlreicher intertextueller Verweise der eigenen Literarizität bewusst. Aber dann, Schleife folgt auf Schleife, wird diese Literarizität wieder in der Novelle selbst versteckt, und zwar derart gekonnt, dass sie auch den wichtigen Literaturredaktionen verborgen geblieben ist. Über Lottmanns „Hotel Sylvia“ liest man so gut wie nichts in diesem Bücherfrühling. Das kann am Inhalt, aber ebenso gut auch an der Gattung liegen. Der Novellenbegriff wird von den Verlagen gern vermieden. Eine Anekdote, die der Schriftsteller Helmut Krausser einmal öffentlich gemacht hat, mag das Dilemma illustrieren:

„Mein nächstes Buch wird ‚Schmerznovelle‘ heißen. Es wird sich auch – wenigstens im Groben – an die tradierten Definitionen der Gattung Novelle halten. Vorgestern erreichte mich ein Anruf aus dem Verlag. Marketingabteilung. – Hörmal, Helmut, wie wär’s denn mit: SCHMERZ Roman – Nein, das Ding heißt Schmerznovelle und basta. Heute der nächste Anruf. – Hörmal, Helmut, wie wär’s denn mit: SCHMERZNOVELLE Roman.“

strand
Er setzt eine Marke gegen sein früheres Zeitgeistwerk
Die Verlagswelt trickst seit Jahren mit ihren Gattungsbeschreibungen. So wurden Daniel Kehlmanns Erzählungen, erschienen unter dem Titel „Ruhm“, als Roman verkauft. Verlage wählen, so scheint es, gern die marktechnisch am günstigsten gelegenen Gattung. Wie anders sah das noch im 19. Jahrhundert aus, als die Gattung Novelle in der Blüte stand und Eduard Mörike 1832 seinen Roman „Maler Nolten“ absichtlich eine Novelle genannt hat, um den Debütcharakter seines Werks zu unterstreichen. Wenn im Jahr 2016 aber ein Popautor wie Lottmann auf sein Buch „Novelle“ schreibt, macht er das aus Gründen. Er setzt eine Marke gegen sein früheres Zeitgeistwerk, aber nur, um den Pop als Distinktionsmittel hintenrum wieder einzuführen. Dies geschieht beispielsweise, wenn er den Pop-Kanon gegenüber der viel jüngeren Agnes im Buch ausbreitet:

„Ich erfuhr, dass ihr Lieblingsfilm ‚Lola rennt‘ war und ihr Lieblingsschauspieler Christoph Waltz. Den Film ‚Das verflixte siebte Jahr‘ kannte sie, fand aber Marilyn Monroe darin blöd. Ich mochte Woody-Allen-Filme. Als Lieblingsfilm nannte ich ‚Ein unmoralisches Angebot’ mit Robert Redford, und da sie den nicht kannte, erzählte ich ihn ihr.“

Eine Vierecksgeschichte wird in „Hotel Sylvia“ geboten. Es ist die Geschichte zweier Prinzipien. Auf der einen Seite ist der kranke, vom Schlaganfall gezeichnete Bruder Manfred und die ihn pflegende Frau Jessica. Auf der anderen Seite steht der Held des Buchs, der vitale Erzähler. Der hat seinen Bruder fast so lange nicht gesehen wie der Held in Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ seinen alten Schulkameraden Klaus. Und der Erzähler wird begleitet von der lebensfrohen, weltzugewandten Agnes. Das klingt sehr gebaut. Doch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat Lottmann seine Novelle als Tatsachen-Reisebericht eingeordnet.

„Es erwies sich als viel leichter, eine blonde junge Frau zu engagieren und nach Italien zu verbringen als meinen Bruder. (…) Meine Hoffnung lag in der jungen Schauspielerin, die ihre Sache gut machte und mich zu den wenigen schönen Stellen im Text anregte. Als Vorgabe hatte sie ‚Bonjour Tristesse‘ zu lesen bekommen.“

img_2635
Wie guter Wein: einfach genießen
Dieses Novellenprojekt – mit seinen beiden wichtigsten, ihnen zugestellten Texten aus der taz und der F.A.S. – ist ein intertextuelles Gesamtkunstwerk. Es ist bis in seine mediale Verästelungen angelehnt, vor allem an Martin Walser und an Thomas Mann. Thomas Mann hat einst bekannt, in „Der Tod in Venedig“ sei nichts erfunden – sich also auf das gleiche Realitätsprinzip wie Lottmann berufen. Walser aber nannte „Ein fliehendes Pferd“ eine reine Lockerungsübung, als Erholung von einem anderen, viel größeren Projekt. Auch da treffen sich Lottmann und sein Vorgänger. So schreibt Lottmann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

„Die ‚taz’ titelte ‚Warum ‚Hotel Sylvia‘ nicht erscheinen darf‘. Mein Bruder rief mich an, genesen und tatenfroh, und verlangte Aufklärung. Ich gab sie ihm und schrieb weiter, an meinem islamkritischen Opus Magnum ‚Der Zweite Faschismus‘. Nie zuvor hat mir Schreiben so viel Spaß gemacht. Abends half ich als ehrenamtlicher Helfer im Flüchtlingsheim.“
Auch Juli Zeh hat in diesem Frühjahr mit ihrem Verwirrspiel um den Roman „Unter Leuten“ die Grenzen von Realität/Fiktion ausgetestet. Zeh hatte sich auf das Buch eines Erfolgstrainers berief, der gar nicht existiert. Es ist, so scheint’s, wieder Hochphase für ein Schreibprinzip, das man beispielsweise kennt vom Gonzo-Journalism. Der „Gonzo-Journalism“ wird wiederum in Deutschland vor allem von Joachim Lottmann vertreten. – Der zeitgeistige Pop-Autor und Gonzo-Journalist hat also eine Novelle in alter Manier geschrieben. Man kann sagen; „Hotel Sylvia“ und die ihr zugruppierten Paratexte werden mindestens die Literaturwissenschaft eine Weile beschäftigen. Und trotz aller literaturwissenschaftlichen Finesse gilt für „Hotel Sylvia“ das Gleiche wie für guten Wein. Man kann zwar vortrefflich darüber reden, es macht aber ebenso Spaß, den Wein, respektive das Buch, einfach zu genießen. „Hotel Sylvia“ sei gegönnt, dass es allzu oft genossen wird. Und das ist die reine Wahrheit.
Joachim Lottmann: „Hotel Sylvia“, Haffmans & Tolkemitt, 126 Seiten, 14,95 Euro

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*