Matthias Matussek und Joachim Lottmann im Vergleich: Warum brachte sich Stefan Zweig wirklich um?

TOD IM PARADIES
Zum 75. Todestag von Stefan Zweig
von Joachim Lottmann, z.Zt. in Petropolis, Brasilien
18.600 Zeichen, Version vom 14. Februar 2017, erschienen in WELT am Sonntag

Stefan Zweig war ein österreichischer Schriftsteller, der sich am 22. Februar 1942 umbrachte. Vielleicht starb er auch erst am 23. Februar. Jedenfalls ist sein Abschiedsbrief auf den 22. datiert. Mit ihm starb seine sehr junge Frau, halb so alt wie er. Er hatte sie erst wenige Jahre zuvor geheiratet. Sie hieß Lotte. Sie war zuvor seine Sekretärin gewesen. Eine wahrscheinlich gar nicht so depressive Frau, obwohl sie von der Nachwelt immer als solche hingestellt wurde. Ein falsches Bild.
Lotte Zweig war wahrscheinlich ein schüchternes, aber alles andere als verängstigtes, willfähriges und ahnungsloses Mädchen. Wenn sie mit dem großen Schriftsteller in den Tod ging, dann aus Solidarität mit ihm und dem, wofür er stand. Er war der größte Pazifist der deutschen Literatur und zugleich ihr bestverkaufendster Autor. Er war der sensibelste Künstler aller Zeiten, gesegnet und geschlagen mit einem Maß an Empathie, die ihm in den Zeiten von Adolf Hitler den Garaus machte. Er konnte das, was Hitler mit den Menschen machte, nicht mehr länger mitansehen, er litt zu sehr mit. Das allein war der Grund seines Freitodes.
Aber so sieht das die Welt nicht. Dieser Doppelselbstmord des Ehepaares Zweig vor genau einem Dreivierteljahrhundert avanciert allmählich, zumindest in diesem Jubiläumsjahr, zum beliebtesten Selbstmord der Medien, dicht hinter dem von Adolf Hitler und Eva Braun, gern verglichen auch mit dem von Kleist und seiner Cousine. Man spekuliert und psychologisiert. Kohorten von Journalisten fahren zu dem kleinen Sterbe-Haus im brasilianischen Urwald, in dem Zweig, ein Mann des Großbürgertums, der Grand Hotels und der Luxus Liner, den Tod suchte. Auch der Autor dieser Zeilen tat das. Wie konnte jemand, der ein Leben lang in der Ersten Klasse reiste, der alle Stars der geistigen Elite Europas kannte, in so einer Hundehütte enden? Fassungslos stehen die Reporter in der restaurierten Kammer, gucken auf die Fotos der beiden eng umschlungenen Toten, studieren den Totenschein im Original und all die anderen Dokumente, die zu fettleibigen Büchern geführt haben, darunter der überaus lesenswerte 500-Seiten-Klassiker „Tod im Paradies“ von Alberto Dines. Und wie man bei Marilyn Monroe immer wieder fragt, welche Nummer die Tote als letztes noch wählen wollte, die Hand an der Wählscheibe, und ob es wohl Robert Kennedy war, oder doch John F., oder beide, so rätselt unsere Branche nun vielstimmig, warum Lotte Zweig das Gift erst nahm, als ihr Mann schon einige Stunden tot war, und was sie in diesen Stunden wohl gedacht haben könnte. Doch das ist alles Boulevard, das ist Schmierentheater. Ebenso die These, der Weltmann Zweig habe sich verirrt in die Mausefalle, die das Städtchen Petropolis zweifellos war, und sei daran zerbrochen. Ich lese bei den Kollegen, es sei nichts losgewesen dort, Zweig habe das in Briefen beklagt, er habe niemanden zum Reden gehabt, die Einsamkeit habe ihn erdrückt. Alles Unsinn.
Er hätte sich in London nicht besser gefühlt. Dort hatte er ja ein Haus gehabt. Petropolis ist zudem gar kein trauriger Ort. Das Klima ist herrlich, die Menschen wunderbar, und in den Straßen tobt es, als wäre das ganze Jahr Karneval. Zweig, ein manischer Briefeschreiber, stand weiter mit unendlich vielen interessanten Menschen in Kontakt. Wenn er moniert, er warte jeden Tag viele Stunden lang sehnsüchtig auf den Briefträger, so ist das kokett. Ein Luxusproblem, das ihn kaum tangiert haben dürfte, wie die angeblich zu kleine Wohnung. Nur wir Heutigen stellen uns vor, er sei in der Enge verrückt geworden, er habe die riesige, weitläufige Bergvilla in Salzburg vermisst und die Salons in Wien. Ja, die Welt von gestern schon, aber die war ihm bereits im Ersten Weltkrieg vernichtet worden, wie er im Dezember 1918 luzide erkennt: Man werde „den jüdischen Spekulanten“ die Schuld am verlorenen Krieg geben und Menschen wie ihm – Jude und Schriftsteller deutscher Sprache – keinen Platz mehr lassen in der Gesellschaft. Mit der „Welt von gestern“ meinte er nicht die bequemen Fauteuils, sondern den liberalen Geist der Aufklärung, den Geist Europas.
Auch Lotte schreibt viele Briefe. Die meisten davon sind erst vor wenigen Wochen erstmals veröffentlicht worden. Von Lebensmüdigkeit steht dort wenig. Aber immerhin von Husten und Asthma. Das tropische Klima Brasiliens war vielleicht doch nicht ihre Sache.
Zweig hat, den Freitod fest im Blick, sein literarisches Werk wie ein Berserker noch vorangetrieben in Petropolis, um es abzuschließen. Seine wichtigsten Werke entstanden in den fünf Monaten vor seinem Tod, zum Beispiel die „Schachnovelle“, die jeder in der Schule gelesen hat. Verhängnisvoll war für ihn sein Buch „Brasilien, ein Land der Zukunft“, das im Sommer 1941 erschien, also noch vor der depressiven Phase, ja, das diese wohl maßgeblich hervorbrachte. Es ist das Buch, das allen das große Rätsel aufgibt. Denn es beschreibt Brasilien als absolutes Paradies. Zweig hatte sich ohne jeden Zweifel in das Land regelrecht verliebt. Man wundert sich fast, daß Lotte nicht eifersüchtig wurde. Warum also, Hitler hin oder her, verzweifelte der Verliebte unmittelbar darauf in und an Brasilien?
Die Antwort ist einfach. Das Buch verkaufte sich – wie immer bei Zweig – sehr gut. Ob in Deutschland, Österreich, Brasilien oder ganz Lateinamerika: immer lasen die Massen seine Geschichten, die auch pausenlos verfilmt wurden. Lange galten sie deshalb im Vergleich zu Thomas Mann, Brecht oder Döblin als seicht, bei manchen bis heute. In Wirklichkeit ist Zweigs Prosa moderner, weil mutiger, authentischer und weniger kalkuliert als die Schwarten der Nobelpreisträger. Sie ist wahrer und somit wertvoller. Zweig scheut sich nicht, ein Adjektiv in drei Sätzen hintereinander zu setzen, wenn er es in der Situation emotional „braucht“. Thomas Mann und seine Lektoren hätte da sofort zweimal nachgebessert. Im Ergebnis lesen sich Zweigs Novellen so frisch, als wären sie heute vormittag geschrieben worden, während einem Thomas Mann wie alter Kaugummi auf den Zähnen kleben bleibt. In der Schule werden die Minderjährigen bis heute mit Dürrenmatts viel jüngerem und doch staubtrockenen „Andorra“ gequält, während sie Zweigs Kurzgeschichten freiwillig in ihrer Freizeit lesen. In die erste Liga des Homo Faber bis Arturi Ui Kanons hat es Zweig nie geschafft. Doch nun zum Punkt: die brasilianischen Intellektuellen lehnten „Brasilien, ein Land der Zukunft“ ab. Sie behaupteten, es sei eine Auftragsarbeit für die brasilianische Regierung gewesen, die sich seit einigen Jahren auf dem Weg in die übliche südamerikanische Diktatur befand. Im Jahre 1936, als Zweig erstmals in Rio landete, war davon noch wenig zu sehen gewesen. Präsident Vargas schien ein Mann zu sein, der etwas für die vertriebenen Juden tun wollte, und so begegnete Zweig ihm wohlwollend. Später dann widerstrebte es ihm, den ‚normalen‘ Diktator Vargas in einen Topf mit dem rassistischen Massenmörder Hitler zu werfen. So simpel wie die landesüblichen Linken, die immer gleichen sich Empörenden, war Zweig nicht (und wäre es auch heute nicht). Prompt wurde er geschnitten, gemieden, ja verachtet und auch antisemitisch verleumdet in den Kritikerkreisen Rio de Janeiros. Das und nur das hat ihm die Lust auf Geselligkeit dort genommen.
Schriftsteller sind Mimosen. Ich bin einmal ein Jahr lang nicht ausgegangen, nachdem mich eine Kritikerin verleumdet und beleidigt hatte. Um wieviel schlimmer mußte es Zweig gegangen sein, dem im Künstlermilieu von Rio nun allgemein unterstellt wurde, er sei ein steinreicher Jude, der mit Hilfe des Diktators noch mehr Geld aus dem Land herauspresse? Da blieb er lieber bei Lotte auf der Veranda des winzigen gemieteten Häuschens sitzen und guckte in den nebelverhangenen Regenwald.
Zu den Pardoxien bei Zweig gehört es auch, daß der größte psychologische Schriftsteller – in meinen Augen sogar der einzige Schriftsteller, bei dem die Psychologie einen Wert hat, denn ich halte diese ‚Wissenschaft‘ sonst für eine ärgerliche Fehldeuterei – daß also dieser Autor beziehungsweise sein Tod eben keine psychische Ursache haben, wie sehr das auch alle annehmen. Es sei denn, man erklärte Mitgefühl für einen psychischen Defekt. Nein, Zweig starb an inhaltlichen Dingen, am Gift des rassistischen Denkens, das sich zwanzig Jahre lang immer weiter ausbreitete. Daß man nun sogar seine Bücher „jüdisch“ fand, war eine neue Stufe der Eskalation.
Und natürlich eskalierte auch der Krieg. Viele fragen sich, warum der große Pazifist ausgerechnet am Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges aufgab. Hitler hatte es bekanntlich geschafft, binnen eines halben Jahres – zufällig Zweigs Monate in Petropolis – auch noch die Sowjetunion und die USA zusätzlich gegen sich in den Krieg zu ziehen. Damit war das Ende des Faschismus unumgänglich, und Stefan Zweig, kein Dummer, wußte das. Da konnte General Rommal noch so sehr Wüsten erobern oder andere Generäle die Krim, es waren Pyrrhussiege, es war vorbei. Zweig selbst sah das Ende des Krieges „in drei Jahren“. Das war vollkommen korrekt geschätzt. Die Antwort liegt in dem Wort Pazifismus. Ein Sieg nach 55 Millionen Ermordeten, darunter den meisten Gebildeten Europas, hätte Zweig nicht mehr geholfen. Seine Welt gab es auch dann nicht mehr. Und selbst wenn, so hätte er das Mitleiden mit den Holocaust-Opfern nicht überlebt. Die Shoah begann ja erst. Zweigs Welt von gestern wiederaufbauen ohne die sechs Millionen ermordeten Juden? Unvorstellbar. In Brasilien dagegen waren die Karten anders gemischt. War hier möglich, was in Europa nie mehr möglich sein würde?
Hier kreuzt sich Zweigs Lebensweg für einen kurzen Moment mit meinem. Auch meine „Welt von gestern“ ist untergegangen. Es war die Welt der überschwenglichen Jugend. Die zahllosen jungen Menschen der geburtenstarken Jahrgänge, ihre Musik, Filme, Kleidung, Bücher, Zeitschriften, Moden, Partys, Clubs, Meinungen, ihre historisch einmalige Frechheit und Innovationskraft. Zwei Generationen später kriechen spärliche Nachkommen mit Rucksäcken durch die Welt, erdrückt von den Alten und Uralten, ohne Zukunft, anpassungssüchtig und still. Die Welt der Jugend kann nie mehr zurückkommen, denn es gibt die dafür nötigen Menschen nicht mehr. Nicht einmal im vergreisten Italien, einst DAS Land der vielen und vergötterten Kinder. Aber in Brasilien? Hier lebt noch alles, pulsiert, lärmt, liebt, kreischt, flirtet, wiegt die jungen Körper in einer Art ewigem Alltagskarneval. Die jungen Burschen, fließend der Übergang von Trauben federleichter Kinder bis hin zu kraftstrotzenden Unterhemd-Schönheiten, karriolen mit selbstreparierten VW-Schrottkäfern über ruinierte Schlaglochpisten, mit der ganzen Schubkraft einer mächtigen, vielköpfigen Generation. Es würde Zweig gefallen, vor allem die Millionen Mulattenmädchen, das ist verbürgt. Ich war in einer Hippie-Pension, die auch von europäischen Studenten genutzt wird. Es waren fast nur junge Frauen, viele blonde Mädchen aus Schweden, Holland und Deutschland, darunter eine Juristen aus Frankfurt, die bald einen „Job“ als Richterin antritt. Sie nannte ihre erste Stelle wirklich so. Man würde sie nicht für älter als 19 halten. Auch ein junger Deutscher schlich herum, seltsam gebückt, verschreckt und kastriert wirkend. Abends legte er im Garten Platten auf, ein grauslich zusammengekochtes Mainstream-Medley aus den 80er und 90er Jahren, nicht seine Musik, ohne Bezug zu heute, einfach das altbewährte Dosenöffner-Programm. Das ist die „Jugend“ von heute. In der großen Küche dagegen die brasilianische Jugend: umwerfende, oftmals recht schwarze Kerls, überall zu hören, die Tag und Nacht Witze machten. Eine wahnsinnig ansteckende gute Laune. Am liebsten würde ich auf der Stelle hierher ziehen. Denselben Fehler machen wie Stefan Zweig.
Zurück zum Thema. Thomas Mann fand es feige von Zweig, aus dem Leben zu scheiden. Andere wiederum, vor allem heute lebende Historiker und Journalisten, finden es gemein, die junge Lotte, genau Elisabeth Charlotte Zweig, gleich noch dabei mitzunehmen. Man versteht nicht mehr, daß in jener Zeit des Weltanschauungskrieges viele ihr Leben für eine Idee gaben. Zweigs Idee, für die er immer gelebt hatte, war die geistige Einheit Europas (Lottes Idee war, ihren Stefan am Leben zu halten). Diese geistige Einheit Europas war das Gegenteil unserer heutigen Europa-Brüssel-Wirklichkeit, und so wird klar, warum Stefan Zweig gerade in dem Moment wiederentdeckt wird, da dieses geistferne, ja geistfeindliche Brüssel-Europa zerbricht. Wenn Zweig von Europa sprach, meinte der die Kultur Westeuropas, die Literatur Frankreichs, die Bauwerke Italiens, die Zivilisiertheit Englands, den Mut der Spanier, die Rationalität Roms und die Philosophie der Antike. Wenn die Brüsseler Politiker von Europa sprechen, meinen sie neue Aldi-Vertriebsketten in Albanien, erleichterte Einwanderung aus Bulgarien und Rumänien, komplizierte Verordnungen für Deutschland und neue Beitrittskandidaten diesseits und jenseits des Bosporus. Ein Horror-Gebilde mit dem falschen Etikett „Europa“, auf das immer weniger Leute hereinfallen.
Die anfängliche „echte“ Einigung Europas zu EWG-Zeiten hätte Zweig natürlich begeistert. Er wäre 76 gewesen, als die römischen Verträge unterzeichnet wurden. Interessant ist die Frage, wie er auf den politischen Islam reagiert hätte, dieses dem Faschismus so ähnliche schleichende Gift, das inzwischen weltweit wirkt, bis hin zu solch entsetzlichen Reaktionen darauf wie Trump, Brexit und AfD. Hätte Stefan Zweig die globale Wiederkehr einer totalitären Idee, eines Zweiten Faschismus sozusagen, früh wahrgenommen und darauf aufmerksam gemacht?
Bestimmt.
Brasilien besteht aus lauter freundlichen Menschen aller Hautfarben und Schattierungen, die gut miteinander auskommen und dabei noch ziemlich gute Laune haben. Für Zweig war es der Beweis, daß Anti-Rassismus viel besser funktionierte als das Dritte Reich. Sein scheinbar durchgängig euphorisches Brasilien-Buch war eine Art strategischer Lüge, eine Counter Propaganda gegen die Weltsicht der Nazis. Natürlich war Zweig bewußt, daß er die Lage auch schönte, aus didaktischen Gründen. Trotzdem glauben Historiker heute, er sei als naiver Idealist durch Brasilien gelaufen, sei seinen eigenen Verklärungen aufgesessen und dann enttäuscht gestorben. Wie auch immer, diese freundlichen Brasilianer brachten mich am Ende doch noch dazu, die klassische Stefan Zweig Tourismus Tour zu machen. Also nicht nur das Sterbezimmer, sondern das ganze Zweig’sche Petropolis. Dabei ist zunächst verblüffend, wie sehr es Bad Ischl ähnelt. Genau das kann man zwar überall nachlesen, trotzdem ist der persönliche Eindruck schließlich überwältigend. Als hätte der Brasilianische Kaiser Pedro II Sisis Kurort nachbauen lassen. Ein bißchen war es auch so. Mehrere tausend Handwerker, Ingenieure und Techniker aus Deutschland waren im Einsatz. Der Palast erinnert stark an Schönbrunn. Pedro II, ein Enkel Maria Theresias, regierte zeitgleich und fast ebenso lang wie Franz Joseph. Stefan Zweig widmete dem brasilianischen Langzeit-Monarchen, der die Sklaverei abschaffte und schließlich darüber stürzte, ein Kapitel im Buch. Er verehrte ihn offenbar sehr.
Auch Petropolis hat so ein Flüsschen in der Mitte einer kilometerlangen Promenade, über das sich geschwungene schmale Holzbrücken biegen. Der Verkehr fließt zu beiden Seiten lebendig, laut und kunterbunt. Berge wie in Österreich türmen sich auf, und der Wind weht knatternd wie in den Alpen. Nur die aus Österreich stammende Straßenbahn, die zu Zweigs Zeiten noch direkt am angeblich so gottverlassenen Haus vorbeiquietschte, und die ihm sicher gut gefallen hat, gibt es nicht mehr.
Dieses Haus heißt heute Casa Stefan Zweig und beherbergt die gleichnamige Stiftung. Man zeigt dort alte Filme, Fotografien und Dokumente, macht Veranstaltungen und Diskussionsrunden zum Thema Stefan Zweig. Die Leiterin Kristina Michahelles bringt brasilianischen Schülern die Problematik von Exil und Integration nahe. Dank dieser charmanten und mehr als kompetenten Kristina Michahelles ist die „Casa Stefan Zweig“ für alle Zweig-Forscher immer wichtiger geworden.
In der Stadtbibliothek, die Zweig liebte, stehen seine Bücher. Er hat sie ihr vermacht. An seinem 60. Geburtstag schrieb er eine vielsagende Widmung in das Gästebuch. Die Welt der Bücher wollte er selbst in dieser Kleinstadt würdigen.
Das kleine Straßencafe gleich an der Ecke, einen Steinwurf von seinem Haus entfernt, gibt es nach wie vor. Gut möglich, daß es sich damals nicht anders anfühlte als jetzt, dort einen Kaffee zu trinken, wie Zweig es täglich tat. Der Wind pustet durch die offenen Wände, es ist ohrenbetäubend und ungemein belebend. Die Leute machen ständig Witze.
Und sogar das Grand Hotel von 1930 macht ebenso unverdrossen weiter. Es sieht so aus wie damals, es ist das erste Haus am Platz, die Eleganz besticht wie eh und je. Man sagt, ein bedeutender Feuilletonist sei heute abgestiegen. Das ist immer noch eine große Sache für die Einwohner. Eine Lokalreporterin kommt, um ihn zu interviewen. Auch Zweig hatte solche neugierigen Leute um sich, wenn er irgendwo erkannt wurde.
Einsam im Paradies? Von wegen. Einsam in der Menge, weil er seine erste Frau Frederike noch liebte? Das könnte gerade noch einen Funken Wahrheit haben, denn tatsächlich blockierte die faktische Dreiecks-Konstellation einige wichtige Optionen zum Überleben. Zweig hatte zuletzt im Grunde zwei Frauen, und der neuen, unbedarft jungen, konnte er nicht die Nähe der dominanten Alten zumuten. So war New York versperrt und Amerika. Freilich hat er dieses Amerika ohnehin immer gehaßt. Das ist ja der Markenkern Stefan Zweigs, sein Europäertum.
Also nicht einsam. Dafür impotent? Das wird von einigen Biographen wirklich erwogen. Neuerdings rückt auch noch die Exibitionismus-Sache in den Vordergrund. Es ist zu lächerlich, um darüber zu schreiben. Oder es wird die These vertreten, dieser zarte, kaninchenhaft ängstliche, zitternde, feine Mensch sei latent schwul gewesen. Wie Thomas Mann. Nun hat der über dieses von den Medien so geliebte „Geheimnis“ in trauter Familienrunde immer herzlich gelacht (und es weiter befeuert). Und Zweig?
In seiner Novelle „Scharlach“ von 1911 beschreibt er in einer Dringlichkeit und Sanftheit, die einen jeden Dostojewski vergessen läßt, die unbewußte Verliebtheit eines 17jährigen Studenten – unerfahren, unterentwickelt und vom Lande kommend – in ein todkrankes zwölfjähriges Mädchen. Der Student ist selbst schon tödlich erkrankt, am Leben der Großstadt, für die er zu schwach ist. Eine Feministin hat sich kürzlich darüber beklagt, solch ein Text sei eine Lolita Sexgeschichte und natürlich abzulehnen.
Stefan Zweig, der zarte, schwache Erzfeind aller Ideologien, vielleicht sogar der feministischen, hätte auch heute wieder viele Feinde.

Joachim Lottmann (* 1959 Hamburg) ist ein in Wien lebender Schriftsteller und gilt als Begründer der deutschsprachigen Popliteratur. Im März erscheint sein islamkritischer Roman ALLES LÜGE (Originaltitel ‚Der Zweite Faschismus‘) im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

 

Nun die aufsehenerregende Entgegnung:

TODESURSACHE ZEITGEIST

von Matthias Matussek

Nun, der sensible und oft reizbare Schriftstellerfreund Joachim Lottmann
hat behauptet, dass Zweig im Mitleiden mit Hitlers Opfern Suizid begangen habe, als literarischer Märtyrer, ich dagegen behaupte: das Alter und die Abgeschiedenheit und die Fremdheit…lassen wir doch einfach die Leser entscheiden!

Vor 75 Jahren setzte der Schriftsteller Stefan Zweig in Brasilien seinem Leben ein Ende, erschöpft von der Flucht vor Hitlers Barbarei. Ein Pazifist, der eine europäische Kultur beschwor, die heute wieder bedroht wirkt
Petrópolis, Brasilien. Der letzte Fluchtpunkt des kosmopolitischen Exil-Dichters
Wie schon in den Tagen zuvor setzt der Regen gegen drei Uhr nachmittags ein, und er fällt bis in die Nachtstunden, sturzartig, ein rauschender silberner Vorhang vor diesem Bungalow, der in den üppig grünen Hang geschmiegt ist, hier in Petrópolis, der Sommerfrische des Kaisers, zwei Busstunden nördlich von Rio in den Bergen.
Da unten eine andere Welt, Karneval im flirrenden Rio mit seinen Trommeln und Tänzern, Probeumzüge im Sambódromo, Feiern in den Straßen, große Diskussion in den Zeitungen über politisch korrekte Texte, die „Mulata“, die Königin des Karnevals, soll nicht mehr Mulata genannt werden, ansonsten das Übliche: Streiks, die neuesten Korruptionsvorwürfe.
Hier oben, fern von all dem und fast 1000 Meter höher, ein anderer Pulsschlag. Hier setzt nach einigen Tagen eine sonderbare Müdigkeit ein, eine melancholische Zauberberg-Müdigkeit, Nebelschwaden hängen über dem Tal, und vor der Terrasse färben sich die Blätter einer Goldfruchtpalme rot und welken.
Hier auf der überdachten Terrasse hat Stefan Zweig, der Kosmopolit, gesessen, ein Hochstand ins üppige Dschungelgrün, hat in den Regen gestarrt oder in den Nebel, der ihn und den Bungalow nicht selten einhüllte und aus der Welt nahm. Und hier hat er gearbeitet, wie besessen, zuletzt an einer Montaigne-Biografie und zum Problem des Selbstmords. Er schrieb: „Das Leben hängt vom Willen anderer ab, der Tod von unserem Willen.“
Gerade beendet in regelrechten Schaffensräuschen war die meisterhafte“Schachnovelle“, in der Geist gegen Macht antritt, und vor allem das autobiografische Buch „Die Welt von gestern – Erinnerungen eines Europäers“, eine Art Testament, das er ohne jede Aufzeichnungen, Briefe und andere Gedächtnisstützen schrieb, denn die waren über alle Welt verstreut.

Foto: Joachim Lottmann (links) und Matthias Matussek (natürlich rechts) vor einer Riesenphotographie der kaiserlichen Familie des brasilianisch-habsburgerischen Kaisers Pedro II in dessen Residenz in Petropolis.
Bereits 1934, noch vor dem Anschluss Österreichs, ging er nach London und kaufte sich dann 1939 an der Küste in Bath eine Villa. Danach zog er weiter nach New York, überall warf er Besitz ab. Alle Brücken hatte er hinter sich abbrechen müssen, nun saß er auf der Terrasse im verlorenen Winkel eines anderen Erdteils, dessen Sprache er nicht mächtig war.
Er liebte den Überschwang, doch um ihn ins Leben zurückzureißen, kam er zu spät
In der „Welt von gestern“ schrieb er fieberhaft auf, was ihm wichtig war, Hunderte von Seiten. Er schrieb über die goldene Zeit der Sicherheit und kunstdurchtränkten Windstille der Weltstadt Wien vor dem Ersten Weltkrieg, schrieb über die Künste und ihre Aufbrüche, Mahler, Hofmannsthal, Freud, über die Neue Sachlichkeit. Sicher, auch über die unendlich triste Katheder-Stock-Schulzeit, die moralische Schwüle, die verklemmte Sexualmoral, wobei er die dunkle Seite, die er selbst auslebte, aussparte: Er liebte es offenbar, sich nachts im Park vor jungen Mädchen zu entblößen.
Er reiste, nach Indien und Ceylon und in die USA, er übersetzte Verlaine und Baudelaire, den Belgier Emile Verhaeren, Rilke zählte bald zu seinen guten Bekannten, Wien war Weltstadt. Europa war für ihn in erster Linie: Kultur – und er hätte sich entschlossen jedem Angriff auf sie, etwa durch islamistische Fundamentalisten und ihre Kulturverachtung, entgegengesetzt.
In seiner soeben erschienenen Monografie „Das unmögliche Exil“ erzählt der jüdisch-amerikanische US-Autor George Prochnik, dessen Großeltern in Wien lebten, von Zweigs letzten Tagen. Zum Karneval war Stefan Zweig mit seiner Frau Lotte noch einmal ins heiße Rio hinuntergefahren, begeistert hatte er darüber in Briefen geschrieben, „eine ganze Stadt vier Tage tanzen, umherziehen, singen zu sehen, ohne Polizei, ohne Zeitungen, ohne Kommerz – eine Menschenmenge nur durch die Freude vereint“. Er liebte den Überschwang, „die Ekstase jedes einzelnen Moments“, doch um ihn ins Leben zurückzureißen, kam er zu spät.
Vielleicht verstand er auch dort erst, wie wenig er dazugehören würde.
Stefan Zweig und seine Lotte kehrten zurück in ihren Bungalow in den Bergen und verteilten letzte Habseligkeiten. Sie kehrten zurück, um zu sterben.
Der Regen war ein letzter Vorhang über dem grausigen Welttheater
Stefan Zweig war abgeschnitten. Er hatte sich selbst abgeschnitten. Der Regen mit seinen Silberschnüren hier in Petrópolis war ein letzter Vorhang über dem grausigen Welttheater, dem er nicht länger zuschauen konnte.
Es gibt diesen Bungalow noch mit seiner Veranda, zehn Schritte lang und drei tief, heute ist er ein Museum, das von der Zweig-Übersetzerin Kristina Michahelles mit vielerlei Programmen bespielt wird. Eine Gedenkstätte für den beliebtesten deutschsprachigen Autor weltweit in seinen Tagen, beliebt aber vor allem in seiner letzten Wahlheimat Brasilien, dem er mit dem „Land der Zukunft“ eine große Liebeserklärung hinterlassen hatte.
Ein Leben ohne ihn mochte, ja konnte sich Lotte nicht vorstellen
Das Schlafzimmer war klein, die Bettengestelle für ihn und seine Frau Lotte passten so gerade hinein. Auf diesen Betten fand man ihn mit seiner jungen Frau am Nachmittag des 23. Februar. Er, gerade 60 Jahre alt geworden, frisiert, mit korrekt gebundener Krawatte, die Hände über der Brust gefaltet, an seiner Seite Lotte, an ihn geschmiegt, mit ihren 33 Jahren so viel jünger, einen Arm hat sie um ihn gelegt, seine Hand ergriffen.
Ein Rätsel blieb am Schluss: Ihr Körper war noch warm, als sie gefunden wurden, sie hat sich erst später zu ihm gelegt. Er hat den ganzen Vorrat an Veronal aufgebraucht, sie nahm grausameres Gift. Was hat sie noch umgetrieben, nachdem er in den tiefsten Schlaf gefallen war? Lotte war seine zweite Frau, seine erste, Friderike, hatte sie ihm einst als Sekretärin besorgt, ein schüchternes junges Mädchen, in das er sich verliebte und sie sich in ihn.
Hat sie sich noch einmal auf die Terrasse gesetzt und ins grüne Tal geschaut, hinunter zum Café, wo er sein Frühstück nahm? Ein Leben ohne ihn mochte, ja konnte sie sich nicht vorstellen.
Auf dem Tisch lag seine letzte Erklärung. Noch einmal dankte er dem „wundervollen“ Gastland Brasilien. „Nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut“, schrieb er, doch seine Kräfte seien „durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“. Und dann, nicht ohne Zukunftspathos: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“
Er hatte sich einen stillen Abschied gewünscht, doch nachdem sich die Nachricht von seinem Tod verbreitet hatte, wurde sein Bungalow von Hunderten, ja von Tausenden Trauernden belagert. Diktator Getúlio Vargas, für den Zweig sein Brasilien-Buch angeblich geschrieben hatte – in der durchaus enttäuschten Hoffnung, dass der sein Land für die Flüchtlinge aus Europa öffnen möge -, ordnete Staatstrauer an. Stefan Zweig wurde in Petrópolis unweit des letzten Kaisers, Dom Pedro II., bestattet.
Stefan Zweig und Brasilien – was für ein wundersames und liebevolles Missverständnis. Zweig liebte das Land wegen seiner Durchmischung aller Ethnien und Rassen, aller Schattierungen der Hautfarben, er rühmte die Fähigkeiten zur „friedlichen Schlichtung aller Konflikte durch gegenseitige Konzilianz“.
Die Linke kochte. Zweig urteilte unpolitisch und liebesblind, und verglichen mit dem Schlachthaus Europa war Brasilien natürlich ein tropisches Paradies, aber selbstverständlich gab es Rassismus, und die politischen Gegner des „Estado Novo“ von Vargas wurden inhaftiert und gefoltert.
Aber Zweig sah nur die unendlichen Möglichkeiten dieses Riesenreiches mit seinen unerschlossenen Reichtümern, er sah hier eine Utopie verwirklicht, er schwärmte.
Zweig fielen Freundschaften zu, er war „ein Genie der Freundschaft“
Was für ein sonderbarer Heiliger hier gestrandet war, feinnervig, immens gebildet und vernetzt wie kaum einer, dieser k. u. k. Dichter mit seiner federleichten Erzählkunst, seiner leidenschaftlichen Essayistik. Alles schien ihm zuzufliegen, ja, das Schicksal lächelte über seinen jungen Jahren. Als Sohn aus reichem Industriellenhaus musste er sich um finanzielle Dinge nie Gedanken machen – er veröffentlichte seine ersten Gedichte im Alter von 16 Jahren und lebte auf großem Fuß als Student.
Freundschaften fielen ihm zu, Freundschaften suchte er, wie die zu Theodor Herzl, der ihn in seinem Feuilleton der „Neuen Freien Presse“ veröffentlichte. Später dann Sigmund Freud, von dem er die Kunst der Seelenerkundung lernte. Die Welt der Musik – Bruno Walter und Arturo Toscanini standen in seinem Adressbuch, Richard Strauss, für den er ein Libretto schrieb. „Er war ein Genie der Freundschaft“, schrieb Richard Friedenthal später über ihn.
Nun saß er auf der Terrasse, abgeschnitten von seinen Freunden, seinen Büchern, und der Regen fiel.
Einst besaß er ein schlossartiges Haus auf dem Kapuzinerberg in Salzburg, Beethovens Schreibtisch stand dort, an der Wand hing Goethes „Mailied“ in der Handschrift des Meisters, in einer feuerfesten Truhe lagen Werkmanuskripte von Novalis, Schiller, Dostojewski, Hölderlin, Whitman und anderen sowie Notenschriften von Bach, Mozart, Schubert, er sammelte mit erlesenem Geschmack, er sog Kultur auf. Er war geradezu die Verkörperung der abendländischen Kultur.
Der Leser wird von den „Sternstunden“ verzaubert und kann zugleich lernen
Das alles war nun fort, verschwunden in dunkler Nacht. Fort auch seine Sprache, sein Publikum, seine Leser.
Er hatte sie leichthändig erobert, seine Novellen hatten Spannung und Plots und oft einen Ton der Verzweiflung, viele davon wurden verfilmt, nahezu alles, was er berührte, wurde Erfolg. Karl Kraus nannte ihn den „Erwerbszweig“.
Da sind die „Sternstunden der Menschheit“, in denen er erzählte, wie dem betagten, verschuldeten Händel der „Messias“ mit dem nicht endenden „Halleluja“ erschien, oder Lenins Fahrt im versiegelten Zug zur Oktoberrevolution, „Die Eroberung von Byzanz“ oder „Die Weltminute von Waterloo“. Der Leser wurde verzaubert und konnte gleichzeitig lernen.
Zu den Novellen (wie die oft verfilmte „Verwirrung der Gefühle“ oder „Das brennende Geheimnis“) kommen noch viele Essays über Dichter-Kollegen und -Helden wie Balzac, Dickens, Dostojewski oder Hölderlin, über Kleist und seine erotisch hochgepeitschte Sprache, die er noch zu übertrumpfen suchte, weil er sich darin wiederfand, und Nietzsche mit seinem „Tanz über dem Abgrund“. Nachempfundene, nachgedachte, nachgestellte Geistesabenteuer, packende Feuilletons, fesselnde Lektüre.
Nach seiner ideologischen Irrfahrt findet er zu sich selbst: als Pazifist
Berühmt aber und Bestseller allesamt seine Biografien, und in allen ist ein Teil von ihm. Fouché, Maria Stuart, Magellan, vor allem, zuletzt, die über Erasmus, den Humanisten und Gegenspieler zum polternden deutschen Luther, ein verkleidetes Selbstporträt.
Was für eine Irrfahrt lag hinter ihm, durchaus auch eine ideologische. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war er begeistert wie alle, und er schrieb an die „Freunde in Fremdland“: „Mit beiden Fäusten muss Deutschland jetzt zuschlagen, der doppelten Umklammerung seiner Gegner sich entwinden.“ Doch er kühlte sich ab und begann seinen Ekel vor dem Schlachten – dem er durch eine Versetzung ins Kriegsarchiv entgangen war – mit seinem pazifistischen Drama „Jeremias“ in biblische Worte zu kleiden.
Nun war er entschlossener Pazifist und befreundet mit Romain Rolland, dem französischen Literaturnobelpreisträger, und als die Zeiten sich erneut zu verdunkeln begannen, wurde er zur Anlaufstelle für Freunde und unbekannte Verzweifelte, er half, wo er konnte, schrieb Gesuche und Einladungen, besorgte Visa, rieb sich auf für die Unglücklicheren, weil Mittelloseren.
Kein Mann des lauten Protests oder der Schriftsteller-Appelle
Man muss sich Stefan Zweig als schmalen Intellektuellen vorstellen, stets tadellos gekleidet, zuvorkommend, charmant und geistreich und jede offene Konfrontation vermeidend. Als Romain Rolland ihn drängte, entschlossen gegen die Hitler-Diktatur aufzutreten, passte er. Kein Schriftsteller-Appell, keine noch so wohlfeile Protestnote würde, das hatte sich doch erwiesen, gegen die schiere, böse Macht der Stiefel und Gewehre helfen. Im Übrigen, meinte er, müssten die linken Friedensfreunde ebenso entschlossen gegen Stalins Diktatur protestieren.
Ein Held war er nicht, dieser Stefan Zweig, der nun in einer Vielzahl von Büchern wiederentdeckt wird. Er war kein Märtyrer des Widerstands. Er war stets depressiv, hatte eine „schwarze Leber“, wie er einem Freund schrieb. Sein Ende war kein politischer Protest gegen Hitler, kein Fanal, sondern ein lang überlegter Schritt. „Als Sechziger ist man ohnehin doch schon unterhöhlt und halb erledigt.“
Der Trump/Hitler-Vergleich seines US-Biografen hätte Zweig gegraust
Sicher, er war Humanist, und er sah in Erasmus seinen Geistesbruder über Jahrhunderte hinweg. Bildung und Kultur waren für ihn die Mittel gegen die Barbarei des Krieges, doch er sah auch deren Schwächen: „Der organische Grundfehler des Humanismus war, daß er von oben herab das Volk belehren wollte, statt zu versuchen, es zu verstehen und von ihm zu lernen.“ Und mehr: „Denn dies war die tiefste Tragik des Humanismus und die Ursache seines raschen Niederganges: seine Ideen waren groß, aber nicht die Menschen, die sie verkündeten. Ein kleines Gran Lächerlichkeit haftet diesen Stubenidealisten wie immer den bloß akademischen Weltverbesserern an.“
Dass sein US-Biograf George Prochnik ihn nun unlängst im „New Yorker“ als Kronzeugen gegen Trump aufrief, hätte ihn gegraust. Noch mehr aber, dass er diesen mit Hitler vergleicht, da der doch auch lüge und das Volk betrüge und die Grenzen sperre. Er hätte es vielleicht als geschmacklose Trivialisierung des schwarzen Terrors empfunden, dem er und seine Zeitgenossen ausgesetzt waren.
Wie auch immer, der Regen wird auch morgen wieder fallen in Petrópolis, über dem Kaiserpalast genauso wie über der verwaisten Veranda vor dem Bungalow am Hang, und es wird regnen, beständig und gleichgültig, als ob nie etwas geschehen wäre.
„Was bleibet aber, stiften die Dichter“, heißt es in Hölderlins „Andenken“. Was von Stefan Zweig bleibt, sind seine Bücher. Und die Erinnerung an ein Europa, das mondän war und gebildet und kosmopolitisch, eine Geisteshaltung eben und keine Vorschrift von Bürokraten.

Trotz unserer Meinungsunterschiede reden wir gedämpft auf dieser Veranda, wo der Verzweifelte die „Welt von gestern“ und die „Schachnovelle“ schrieb…Eine Gedächtnispartie Schach schlug Lottmann aus, weil es „regnete“

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