Alles Lüge oder alles Islam? Joachim Lottmann im taz Interview über seinen neuen Roman und zur Buchpremiere im Berliner Club Berghain heute Nacht

taz: Erst sollte Ihr neuer Roman „Der Zweite Faschismus“ heißen, hatte ein Cover, das suggerierte, es ginge um den Islam. Jetzt erscheint das offenbar gleiche Buch unter dem Titel ‚Alles Lüge‘. Was ist da passiert? Ist der Islam doch nicht der Faschismus des 21. Jahrhunderts? Ist es alles Lüge, so etwas zu behaupten?

Lottmann: Es stimmt schon, der Text ist derselbe geblieben. Aber Sie dürfen mich nicht dazu bringen wollen, das zu interpretieren. Ich habe dazu keine Meinung. Ich habe überhaupt keine politischen Meinungen, ich bin Erzähler.

taz: Hat der als links bekannte Verlag Kiepenheuer & Witsch das Cover geändert, weil ihm das Thema Islamfaschismus zu heiß war?
Lottmann: Natürlich. Keine Ahnung. Kein Kommentar.
taz: Warum wurde ein so wichtiger Titel nicht als Hard Cover herausgebracht, sondern nur als bescheidenes Taschenbuch? Die Umschlagsgestaltung wirkt ja so, als sollten Titel und Autor geradezu versteckt werden. Die Schrift erkennt man nicht, der Rest ist ein dunkler Fleck ohne jeden Bezug zum Inhalt.
Lottmann: Da war das Islam-Cover schon knalliger, klar. Hätte sich NOCH besser verkauft. Was war jetzt die Frage?

„Als Tiger gesprungen…“

„… und als Teppich gelandet.“
Taz: Johannes Lohmer, der Protagonist Ihres Buches, steht der Multi-Kulti-Gesellschaft kritisch gegenüber. Seine Frau begrüßt die neuen Mitbürger mit offenen Armen. Welche Position vertreten denn Sie persönlich? Wie stehen Sie zur neuen Migrationsgesellschaft?
Lottmann: Wie gesagt, als Autor Joachim Lottmann habe ich eigentlich keine Standpunkte. Selbst die Kunstfigur Johannes Lohmer tut sich schwer. Der hat eigentlich auch keine, oder wechselt sie nach Tageszeit und Situation. Manchmal reagiert er sogar wie ein Linker. Aber er reagiert fast immer anders als seine Frau.
taz: Aber als Privatperson müssen Sie doch zumindest irgendwelche Ansichten haben, etwa morgens beim Frühstück mit genannten Frau, sollte es sie geben, wenn Sie die Zeitungen lesen.
Lottmann: Die Frau gibt es, aber steht mit der ‚Harriet‘ im Buch nur in einem reziproken Verhältnis. Ja, ich mag zum Beispiel junge Menschen, jedenfalls öfter als ich alte Menschen mag… obwohl ich gerade sehr alte Menschen wieder besonders mag.
taz: Die Flüchtlinge sind meistens jung.
Lottmann: Ja, ich mag die Flüchtlinge, ich liebe sie. Sie sollen kommen, je mehr, desto besser. Ich bin da euphorischer als alle linken Politiker inklusive der Kanzlerin.
taz: Aber Ihre Figur im Buch tickt da wohl etwas anders.
Lottmann: Das ist gar nicht einmal gesagt. Man muß einfach zwischen Menschen und Ideen unterscheiden. Der Mensch ist gut, der ist willkommen, aber die ihn tragende Idee, hier der Islam, womöglich schlecht. Die darf man bekämpfen, ohne daß man den Menschen bekämpft. Im Gegenteil, es geht ja gerade darum, ihn zu gewinnen, ihn zu verführen, für uns, für unsere Sache. Er könnte uns ja retten, der Flüchtling, eines Tages. Er ist sogar der einzige, der unsere alternde Gesellschaft retten kann. Mit unserer Geburtenrate sind wir doch binnen drei Generationen ausgestorben. Das ist Mathematik.
taz: Und wenn die Verführung nicht gelingt?
Lottmann: Es geht einzig um den Versuch. Das reicht völlig. Also um den offenen Wettbewerb der Ideen. Ist die andere Idee überzeugender, nehme ich sie gern an.
taz: Moment einmal – dann würden Sie Moslem werden?
Lottmann: Natürlich. Aber vorher muß ich sagen dürfen, was ich vom Islam halte. Es scheint ja die schlimmste Heimsuchung der Menschheit seit Hitler zu sein. Oder etwa nicht? Ich warte auf Gegenrede.
taz: Finden Sie, dass Angela Merkel einen guten Job gemacht hat? Werden Sie im Herbst für Sie stimmen?
Lottmann: Merkel hat etwas Phantastisches geleistet. Noch einmal: Durch sie haben wir die Option bekommen, überhaupt zu überleben, sozusagen biologisch. Ob wir auch kulturell überleben, ist zwar im Moment eher unwahrscheinlich, aber verloren ist noch nichts. Man könnte umsteuern, Zeit ist dafür genügend da. Tun wir es nicht, werden künftige Generationen in einem reaktionären, frömmelnden Deutschland leben, das geistig so tot ist wie das Dritte Reich. Alles, wofür Linke, Frauen, Arbeiter, Künstler jahrhundertelang gekämpft haben, gibt es dann nicht mehr. Mit den Evangelikalen übrigens vorneweg. Diese abscheuliche Brut räkelt sich ja bereits allerorten. Aber die darf man wenigstens Scheiße finden, während man den Islam ‚respektieren‘ muß.
taz: Politisches mischt sich in „Alles Lüge” mit Popkultur — als deren Spezialist Sie ja seit Beginn Ihrer Schriftstellertätigkeit gelten. Halten Sie die Popkultur, oder besser gesagt, das, was davon noch übrig ist, überhaupt noch für relevant? Was interessiert Sie daran?
Lottmann: Popkultur ist für mich Andy Warhol, das London der 60er Jahre… eigentlich nur die Mode eines bestimmten Jahrzehnts. Ich mag es, wenn meine Frau einen schwarz-weiß gestreiften Minirock anzieht. Aber beruflich hatte ich damit nie zu tun. Ich weiß bis heute nicht, wie der Sänger der Beastie Boys hieß oder wie es in ‚On the road‘ von Jack Kerouac nach den ersten zehn Seiten weitergeht. Ich mochte ‚Solo Album‘ von Benjamin von Stuckrad-Barre, vor allem die – überaus visionäre – Stelle, wo er Alltagsverrückte in Hamburg beschreibt. Damals gab es das prekäre ‚Berlin‘ als Phänomen noch gar nicht, und Stucki hat das alles vorausgesehen. Nein, ich bin kein Popliterat, aber wenn Popliteratur einfach nur ein Wort für schnörkelloses, nichtfiktionales Schreiben ist, bin ich gern doch einer. Dann bin ich total dafür, also für so eine ‚Popliteratur‘, und zwar zu allen Zeiten. Dann ist auch Anton Reiser von Philipp Moritz Popliteratur, Knut Hamsuns ‚Redakteur Lynge‘, Maupassants ‚Bel Ami‘… und Ronja von Rönnes ‚Sudelblätter‘ sowieso.

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