Die Lange Nacht der Alles Lüge Buchpremiere. Der Film. Der Podcast. Die Fotos. Die Preisverleihung. Rückblick und Ausblick.

Am nächsten Tag kommentierte Holm Friebe öffentlich, der Verlag Kiepenheuer & Witsch habe mit allen Ehrengästen (etwa 50) und mir bis zum frühen Morgen im angesagten Nobelrestaurant ‚Grill Royal’ den Endsieg des christlich-jüdischen Abendlandes gefeiert. Das war natürlich nur halb ernst gemeint, aber dennoch, es verdreht die Lage. Seien wir ehrlich – in Wirklichkeit hat da ein höchst ehrenwerter, politisch links engagierter Verlag seinen Autor geschützt und beschützt – genauer gesagt vor weiterer Selbstbeschädigung – dessen Zündeln mit dem Islamthema alles andere war als die Verlagslinie. Interessanterweise gab es auch genau gegenteilige Kommentare in den Medien, etwa Till Tolkemitt, der schrieb: „Unglaublich war es zu sehen, wie sich Kritiker und Verlag bemüht haben, Dich so weit es geht von Deinem Buch entfernen zu wollen. Eine komische Szene: Alle reden darüber, wie der Autor zu interpretieren ist und wie er es meint, dabei sitzt er daneben wie ein Kind, über dessen Betragen die Eltern in seinem Beisein diskutieren. Ich scheine der einzige zu sein, der das nicht so kompliziert findet. Das Einzige, was „gelogen“ ist, ist der Buchtitel „Alles Lüge“! Nichts ist Lüge sondern alles wahr, schon immer in Deinen Büchern, wenn auch schön lustig überspitzt. Das darf aber nicht sein, oder wie? Undenkbar? Es ist bei Dir GENAU wie bei Houllebecq, und es ist sehr richtig, dass Du ihm das Buch gewidmet hast.“
Also was war es nun? Ein Verlag, der fett und champagnerselig auf das Islamthema aufspringt, um Geld zu machen, oder ein Verlag, der genau dieses Thema repressiv und manipulativ unterdrückt und das eigene Buch schon durch den Titel denunziert? Zwischen diesen Extremen gab es noch mindestens zweihundert weitere Haltungen, nämlich so viele wie Leute im Saal waren. Und meine eigene?

Jenseits der bereits oft artikulierten Sätze dazu – siehe Film und Podcast – möchte ich heute, nachdem alles vorbei ist, doch sagen, daß ich in der Rückschau das Buch bedaure. Hätte ich am Anfang gewußt, was ich da tue, hätte ich es nicht geschrieben. Ich gebe also eher Holm Friebe recht als Till Tolkemitt. Dazu muß man ja immer wieder betonen, daß beide meine Freunde sind, wie ja fast alle im Berghain es waren an dem Abend, daß es also nicht um Gegnerschaft versus Freundschaft geht. Das Zündeln mit dem Islamthema führt nicht zur Erkenntnis der Welt, sondern in eine Sackgasse. Der alte Gassenhauer von der schier unendlichen Komplexität der Welt, er erweist sich eben doch als wahr. Ich verstehe zu wenig von wirtschaftlichen Zusammenhängen, habe mir schlicht zu wenig Informationen darüber erworben, als daß ich mich damit beschäftigen sollte, phänotypische Parallelen zwischen dem Nazi-Fieber der 30er Jahre und dem heutigen weltweiten Siegeszug des konservativen Islam zu beschreiben. Es war naiv zu glauben, ein Erzähler dürfe alles erzählen, was er erlebt.
Das alles wußte mein Verlag, und anstatt sich diskret und lautlos von dem Projekt (samt Autor am besten) zu entfernen, hat er mitgemacht und sich dabei ziemlich verausgabt. Die Solidarität zum Autor war ihm wichtiger als die zur Sache. Wo gibt es das sonst noch?

Auf dem Podium: Cheflektor Marco Verhülsdonk, Verleger Helge Malchow, Schriftsteller Joachim Lottmann, Autorin Waeis Kiani und Kritiker Hubert Winkels.
Der ganze denkwürdige Abend mit Lesung und erbitterter Diskussion – das Publikum griff immer wieder ungefragt ein, auch das für mich ein Novum – wurde von einem hochkarätigen Fernsehteam gefilmt und befindet sich zur Zeit im Schnitt. Ich hoffe, daß bald eine Fassung gezeigt werden kann. Den Podcast gibt es schon jetzt, ebenso Fotos, Kommentare, und sogar einen Ton-Mitschnitt exaltierter Debatten im ‚Grill Royal‘ lange nach Mitternacht. Jeder der konnte, drängte sich lieber in dieses Lokal, als daß er mit der Masse zum Dancefloor des Berghain rüberwechselte. Wie öde das wahre Berghain wirklich ist, merkte ich erst am nächsten Morgen, als meine Frau und ich noch einmal hingingen, um nachzusehen, was aus den Leuten geworden war (Foto).

Und wie geht es jetzt weiter? Innerlich bin ich mit ‚Alles Lüge‘ hundertprozentig durch. Ich merke es zum Beispiel daran, daß ich auf Horrormeldungen im Fernsehen nur noch freundlich neutral reagiere wie auf den Wetterbericht. Mein neues Buch spielt ganz und gar in ferner Vergangenheit, heißt – in Anspielung auf mein neues Vorbild Stefan Zweig – „Die Welt von gestern“, Untertitel „Aufstieg und Untergang der Popkultur“, und ist ein meiner Jugend gewidmeter Erzählband. Es macht mir unglaublichen Spaß, und, wie jedem Autor, will ich mit dem alten Buch nichts mehr zu tun haben. Ich bin daher auch aus Facebook ausgestiegen, aus den sozialen Netzwerken, weil die einen natürlich immer in die Gegenwart reinziehen.

Trotzdem wünsche ich allen Lesern viel Vergnügen mit dem aktuellen Roman und auch mit dem angekündigten Film. Herzliche Grüße

Joachim Lottmann

 

 

Wer nicht auf den Film warten und schon jetzt ein paar Anhaltspunkte haben oder erraten möchte, mag vielleicht folgenden Blog ansehen, den ein Mann ins Netz stellte, der sich mit den Worten „Heiko Schomberg, Fan aus Köln“ vorstellte und ein „Selfie“ erbat, das hier abgebildet ist (Foto). Der Link lautet: https://www.facebook.com/heiko.schomberg/media_set?set=a.10212158898788909.1073741934.1269362897&type=1&l=e4ddd7871b&hc_location=ufi

Die Verleihung des Großen Preises der Botschaft, Berlin für ‚Alles Lüge‘ als ‚das herausragendste belletristische Werk des Jahres 2017‘ ging in dem Diskussions-Furor dann etwas unter. Dazu an anderer Stelle mehr.

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