Leseprobe zu ‚Alles Lüge‘ von Joachim Lottmann (Roman, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 354 Seiten,12 Euro)

(Seite 12 f.f.): …Harriet stürmte nach draußen, um der dubiosen Hotelleitung endlich die Meinung zu sagen. Wir hätten bezahlt und gebucht und so weiter und so fort, und außerdem sei sie krank und könne nicht fort. Ein Riesengeschrei erfüllte das Viertel. Ich hatte Angst um meine kleine Frau. Also, sie ist nicht klein, sondern sogar eher groß, von makelloser Form, aber eben ein ausgesprochen femininer Typ, ihr fehlt jeder männliche Zug, jedes Starke und Harte, Germanische, Faschistoide. Man kann sie umblasen, an den langen, vollen Haaren packen und auf den Scheiterhaufen werfen. Zumal, wenn man von der Bild Zeitung ist. So ging ich auf den Flur, wo sich alles abspielte, und versuchte, sie zu beschützen. Ich schob sie sachte ins Zimmer zurück, schloß die Tür hinter ihr und blieb noch im Flur, um den Lynchmob zu zerstreuen. Ich sagte, meiner Frau gehe es schlecht, sie müsse liegen und Ruhe haben.
„She has to go to a hospital!“ Rief der griechische Mann der ‚Bild‘-Mitarbeiterin.
„Was hat sie überhaupt?“ fragte diese mit metallischer Stimme.
Selten habe ich zwei so unangenehme Visagen gesehen. Er sah wie der klassische Sträfling aus, mit extrem niedriger Stirn – hatte er überhaupt eine? – schwarzem Pockengesicht, Punktaugen, Falten, Runzeln und Bart, dazu war er mit Mörderhänden ausgestattet. Gute Nacht! Seine Frau besaß statt eines Gesichts eine Art hervorspringenden Keil, wie den Bug eines Schiffes. Die sehr spitze Nase bildete mit den Wangen eine Fläche. Mit diesen Spitzkopf konnte sie im Prinzip Kuchen schneiden oder einen Laib Brot. Oder sie konnte sich mit diesem beilförmigen Schädel in eine Kommunikation oder eine Debatte hineinschieben und später via Bild Zeitung hineinschreiben und Unheil anrichten. Genau das tat sie jetzt, indem sie mich ins Kreuzverhör über Harriets Krankheit nahm.
„Ich habe gefragt: was hat sie überhaupt?“
„Ich weiß nicht, was sie hat.“
„Ist die Krankheit ansteckend?“
„Nein, keine Ahnung, wir müssen abwarten. Sie muß sich ausruhen.“
„Also sie kann auch ansteckend sein?“
„Glaube ich nicht, ich habe das schon oft erlebt, sie arbeitet nämlich sehr hart und…“
„Also ja oder nein?“
An ihrem Tonfall erkannte ich, daß sie nun in den sogenannten Armin-Wolf-Modus gegangen war. Der Keilkopf kam immer näher, während der strichförmige, lippenlose Mund starr blieb. Armin Wolf war ein Wiener Journalist, der das sogenannte Neue Kritische Fragen erfunden hatte, eine Mode, der sich innerhalb weniger Jahre alle österreichischen Fernsehjournalisten begeistert unterworfen hatten. Dabei stellte der Journalist eine Ja-oder-Nein-Frage, und wenn der befragte Politiker – es ging ausschließlich um Politiker – differenzieren wollte, wurde die Frage wiederholt, und zwar so oft, bis der Befragte das Differenzieren aufgab und stumpf mit Ja oder Nein antwortete. Armin Wolf drehte sich dann triumphierend zur Kamera und grinste. Hatte er es wieder einmal einem Politikerschwafler gezeigt! Das Publikum liebte das. Armin Wolf galt inzwischen als der Inbegriff des kritischen Geistes, woran er freilich keine Freude mehr hatte: je öfter er sah, wie die Kollegen ihn imitierten und das ‚Neue kritische Fragen‘ an armen blöden Politikern exekutierten, verhunzt zu einem elenden Verhör, desto mulmiger wurde ihm. Schließlich ließ er es ganz bleiben und wurde wieder das, was er vorher gewesen war: der einzige wirklich brillante Journalist Österreichs. Frau Bild Zeitung hatte das natürlich noch nicht mitbekommen und fragte nun gefühlt elfmal, ob die Krankheit ansteckend war, ja oder nein. Ich dachte mir, wenn sie es nicht anders verstehen kann, entscheide ich mich für ‚nein‘:
„Nein, die Krankheit ist nicht ansteckend.“
Sie reagierte mit einem herausplatzenden, hysterischen Lachen.
„Was?! Eben haben Sie gesagt, Sie sei es vielleicht doch, Sie wüßten es nicht! Und auf einmal wissen Sie es!“
„Ja, ich weiß es. Sorry. Auf Wiedersehen!“
„MOMENT MAL! So leicht kommen Sie nicht davon!“
Der Sträflings-Mann guckte irritiert hin und her, wollte wissen, was wir gesprochen hatten. Sie übersetzte es ihm, und ich nutzte die Gelegenheit, mich ins Zimmer zu verziehen. Leider hatte sie keinen Schlüssel. Außerdem war sie verglast, sodaß man von außen ins Zimmer gucken konnte. Ich bat Harriet, bald zu verschwinden. Sie lehnte das entschieden ab. Bald darauf setzten ‚die Wehen‘ ein, das heißt, sie bekam ihren unvermeidlichen Zusammenbruch. Nun ging gar nichts mehr. Selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie nicht mehr gehen können.
Es war wie bei einem schweren Bandscheibenzwischenfall. Alles tat ihr so weh, daß selbst ein Abtransport auf einer Sanitäterliege kaum möglich gewesen wäre. Die alte Hexe kam ins Zimmer und dachte, Harriet liege im Sterben. Ängstlich verschwand sie wieder. Die Nacht verbrachten wir zum Glück schlafend.
Am nächsten Tag stand der Sträflingsmann vor dem Bett. Er habe gehört, die Krankheit sei ansteckend. Ob es Ebola sei.
„Ebola? I don’t know about ebola. This is Greece, isn’t it?“
Ob ich ausschließen könne, daß es Ebola sei. Er sah Harriet mit seinen Punktaugen entsetzt an, und ich merkte genau, daß er jetzt dachte, genau so würde Ebola aussehen. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Würde ich meine Frau nicht so lange kennen und es besser wissen, dächte ich es bestimmt auch. So sieht es aus, wenn der Sensenmann mit einem feinen Lächeln unbemerkt in die Stube getreten ist und neben der armen Seele steht, die abzuholen er sich vorgenommen hat. Ich sagte, ich könne ausschließen, daß es Ebola sei.
„Are you a doctor?“
„No, I am not.“
Auf einmal platzte ihm der Kragen. Wie könne ich ausschließen, daß es Ebola sei, wenn ich kein Doktor sei?! Und gegenüber seiner Frau hätte ich bereits zugegeben, es sei womöglich ansteckend! Alle Gäste im Haus fühlten sich extrem unwohl deswegen, die ersten seien schon abgereist!
Harriet stöhnte. Sie machte Handbewegungen, daß ich den Kerl hinauswerfen sollte. Der aber fing gerade erst an. Er berichtete vom Leid der armen Zimmervermieterin. Ich drängte ihn trotzdem aus dem Raum, da ich stets tue, was meine Frau mir aufträgt.
Natürlich versuchte ich längst, ein Hotel zu finden. Harriet lag ja nicht die ganze Zeit im Sterben, sondern hatte Phasen der Spontanheilung. Die konnten Stunden dauern, mit Glück sogar noch länger. Einmal wachte sie abends um 21 Uhr auf und war vollkommen geheilt. Kein Fieber mehr, keine Gliederschmerzen, kein Bruch der Wirbelsäule, kein Todesröcheln, sondern klare, blitzblanke Augen und gute Laune. Sie duschte sich unter der grindigen ‚DDR‘-Dusche, wusch die schönen blauschwarzen Haare mit alter Mürbeseife aus dem ‚VEB Anilin- und Sodaprodukte‘, ging mit mir auf die Straße. Ein Taxi schunkelte vorbei, und ich wollte es anhalten. Harriet fiel mir aggressiv in den Arm:
„EIN TAXI? Bist du verrückt? Das Geld so aus dem Fenster zu werfen?“
„Äh, aber, ein Hotel… die Taxifahrer wissen vielleicht am besten, wie wir ein Hotel kriegen?“
„Und DAFÜR Geld ausgeben?! Weißt du eigentlich, wie beschissen viel ich arbeiten muß für mein kleines Gehalt?“
Ich gab ihr erneut recht, obwohl es nicht stimmte. Ihr Gehalt beim SPIEGEL war fürstlich. Davon konnten Berliner Redakteure nicht einmal mehr träumen. Blöderweise hatten wir nun also kein Taxi und quälten uns durch die verlotterten, engen, stinkenden Straßen, auch noch bergauf. Alle halbe Sekunde mußten wir einem hupenden Schrottwagen oder einer furzenden Harley ausweichen, was zur Folge hatte, daß unsere frischen Kräfte rasch dahinschwanden. Aber ich sagte lieber nichts, denn das Taxithema war vermintes Gebiet. Ich will hier einmal grundsätzlich etwas erklären. Wer bis hierher gelesen hat, und das dürften ja alle gewesen sein, die für dieses Buch zwanzig Euro ausgegeben haben, wird denken, diese ersten Tage in Griechenland hätten sich ja lustig angelassen. Wer mit leichter Hand über ein Malheur berichten kann, ist weder zu bedauern noch sonderlich ernst zu nehmen. Das ist Humorist, ein Reiseonkel, ein Herr jenseits der Lebensmitte, dem nicht mehr viel passieren kann, ein Gourmet des Lebens, ein feinsinniger Chronist des Menschlichen – und wie die abscheulichen Worte sonst noch alle heißen. Aber das ist nicht so. Der Ton täuscht.

(Seite 16…)

 

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