Joachim Lottmann: DREI ROMANE. Über die Einnahme von Kokain beim Schreiben

Heute mußte ich im Literaturmuseum Wien einen Vortrag zum Thema „Über die Einnahme von Kokain beim Schreiben“ halten. Ich tat es gern, zumal ich viel, ja sehr viel Geld dafür bekam. Es ging natürlich um meinen (vor-)letzten Roman „Endlich Kokain“, und anschließend startete man eine lebhafte Debatte darüber und über meinen Vortrag. Es ließ sich aber nicht vermeiden, daß die Leute, vor allem die zahlreich anwesenden Journalisten, schon bald nicht mehr über mein vorletztes, sondern letztes Buch diskutieren wollten, das bekanntlich „Alles Lüge“ heißt, in der Originalversion „Der Zweite Faschismus“ hieß, und im Moment ein bißchen im Skandalmodus rotiert. Ich wiederum wollte am liebsten über keinen der beiden letzten Romane reden, sondern über mein nächstes Buch „Die Welt von gestern / Aufstieg und Untergang der Popkultur“. Eine Frau fragte mich zum x-ten Mal, warum das Alles-Lüge-Buch nicht mehr so heißen durfte wie vorher, und ich gab ihr die entsprechende Antwort. Ich bin ja keineswegs der Meinung, der Islam sei an irgendetwas schuld, was kulturell verloren gegangen ist, ganz im Gegenteil. Ursache für den Niedergang von moderner und postmoderner Kultur, auch Pop- und Jugendkultur, ist einzig die niedrige Geburtenrate. Ich habe das bei Reisen nach Japan im Oktober und Brasilien im Februar genau beobachtet. Im Grunde sind unsere Kinder mit Migrationshintergrund die einzigen, die unsere alternde Gesellschaft vitalisieren und vor dem Absaufen Richtung Altersheim bewahren. Das alles – kurz zusammengefasst – sagte ich also heute Abend, und ich war froh, mich wieder einmal gegen das Gerücht wehren zu können, ich sei islamkritisch oder gar islamfeindlich. Ich bin es nicht. Ich bin Sozialdemokrat und daher schon von Haus aus ein Freund aller Menschen, selbst wenn ich ein Buch über die Flüchtlingskrise schreibe. Doch nun zu dem Vortrag im Wortlaut, den ich heute im vollbesetzten Großen Kinosaal hielt:

„Liebe Ehrengäste, liebe normalen Gäste, liebes kinoliebendes Publikum, liebe Freunde der Literatur und liebe zahlende Zuschauer der Ausstellung ‚Rausch. Schreiben. Film‘!

Auch wenn mich der ‚Rausch‘ beim Schreiben nie interessiert hat und ich diesbezügliche Theorien und Praktiken für vollpubertär gehalten habe, besitze ich doch auch selbst ein vielfältiges Verhältnis zum Rausch. Zum Beispiel entdeckte ich früh, daß ich NACH geselligen Vollrauschabenden besonders gut schreiben konnte. Sozusagen noch besser als sowieso schon.
Aber schreiben konnte ich immer, und immer ohne Angst vor dem leeren Blatt Papier, ohne Angst vor dem leeren Bildschirm, ohne Angst vor der Schreibblockade, ohne Angst vor irgendwas und irgendwem. Ich schreibe einfach gern, so wie Mozart gern komponierte, und es hat für mich nichts Verzehrendes, und ich brauche dazu weder Alkohol, Heroin, Aufputschtabletten oder eben, obwohl das alle denken, Kokain. Schreiben ist für mich die Belohnung dafür, daß ich ein ansonsten anstrengendes und unerquickliches Leben aushalte. Schreiben ist für mich Ausruhen und Kraft tanken, nicht Verbrennen und mich ekstatisch Fertigmachen.Warum ist das so? Warum müssen alle anderen Schriftsteller mit letzter Kraft und tausend zerstörerischen Stimulanzien sich zum nächsten Satz zwingen, während ich ihn einfach hinschreibe? Warum quälen sie sich so?
Nun, vielleicht, weil ich immer schon geschrieben habe. Im Alter von fünf Jahren gab ich mit meinem zwei Jahre älteren Bruder eine der deutschen Bild Zeitung nachempfundene Zeitung heraus. Die Artikel diktierte ich meinem Bruder, der schon in der Schule war und schreiben konnte, die dazugehörenden Fotos beziehungsweise Bilder malte ich selbst. Mit sieben übernahm ich die Zeitung ganz. Sie erschien sechs Jahre lang täglich. Verwunderlich ist das nicht, da ich aus einer Journalistenfamilie stamme.
Tja, so war das. Simpel, aber wahr. Mit 17 begann ich Tagebuch zu schreiben, was ich bis heute tue. Auch dabei quäle ich mich verständlicherweise nicht, sondern ziehe daraus Lebensfreude und Gewinn. Ich habe auch noch nie bekifft oder auf Kokain Tagebuch geschrieben, was auch daran liegt, daß ich nie kiffe und nie Kokain nehme. Gleichwohl habe ich natürlich meine Erfahrungen mit Drogen gemacht, so wie ich gezielt Erfahrungen mit dem Marxismus, der Psychoanalyse, den Frauen und den Migranten gesammelt habe, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Als junger Mensch sowie als junger Künstler hat man die Pflicht und den ganz natürlichen Antrieb, die Angebote, die das Leben und die Gesellschaft für jeden bereithält, auszuprobieren und einem falsch/richtig Test zu unterziehen. So habe ich selbstverständlich auch einmal eine Klassenarbeit auf Speed geschrieben. Das Ergebnis war einfach nur ärgerlich. Es gibt noch heute Tage, an denen ich daran zurückdenke und mich ärgere. Ich habe dann tatsächlich die Vorstellung, die Lehrerin würde das noch immer wissen, und dann schäme ich mich, und zwar fürchterlich, und das vierzig Jahre nach dem Ereignis.
Daraus kann man bereits sehen, daß ich durchaus ein Verhältnis zu „Drogen beim Schreiben“ habe, nämlich ein negatives. So habe ich auch ‚Naked Lunch‘ sowie den roman nouveau und die ecriture automatique von Anfang an abgelehnt, ebenso alle Schreibexperimente von Ernst Jandl, dem frühen Handke oder wem auch immer. Das Buch von der Niemandsbucht ist in meinen Augen eine hassenswerte Zumutung für die Leser, die Handke doch mochten und Geld für das Nichtbuch ausgegeben hatten. Mit dem Schreiben sollte man nicht experimentieren, dazu war es einfach zu wichtig für die Menschen und die Gesellschaft – das war und ist meine tiefste Überzeugung. Wo stünden wir da, wir Sensiblen, die einzig durch die Weltliteratur die Pubertät überlebten und danach bis heute durchhalten konnten, wenn Stefan Zweig mit dem Schreiben experimentiert hätte, wenn Ove Knausgaard depperte Kifferbücher geschrieben hätte, wenn nicht nur Handke, sondern auch Maxim Biller, Rainald Goetz, Benjamin von Stuckrad-Barre und Joachim Lottmann nach den ersten Erfolgen Tausendseiter aus der stinklangweiligen Niemandsbucht abgeliefert hätten, entstanden allein durch nichtliterarische, mechanische Vorgaben, etwa dem selbstauferlegten Ritual, jeden Tag zwei Stunden unter Zwang zu texten, solange, bis sich die unnatürliche Situation – nämlich zu schreiben ohne etwas zu schreiben zu haben – wie Rausch anfühlt?
Doch weiter zu meinen Drogenerlebnissen. Ich schrieb ja bekanntlich den Drogenroman „Endlich Kokain“, der mich zu einem Erfolgsautor machte. Schrieb ich allen Ernstes 356 Seiten über Kokain, ohne zu wissen, was das ist? Natürlich nicht. Ich baute selbstverständlich die Versuchsanordnung des Romans nach. Nachdem die Story feststand, nämlich daß ein älterer Redakteur des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dessen Arzt ihm ein bevorstehendes Lebensende aufgrund extremen Übergewichts voraussagt, auf die Droge Kokain verfällt, weil diese ihm als einziges Mittel eine lebensverlängernde Gewichtsabnahme verspricht. Durch die kontrollierte, penible und gänzlich unextatische Einnahme von Kokain verändert sich im Laufe des nächsten Jahres aber nicht nur sein Gewicht, sondern sein soziales Umfeld. Statt eines uninteressanten Lebens führt er allmählich ein interessantes, und allein deswegen überlebt er. Ich mußte also selbst eine penible, kontrollierte Kokainzuführung bei mir vornehmen und tat das auch. Doch wie wirkte sich das auf meine Schreibfähigkeit aus? Zunächst besuchte ich – sozusagen noch ganz als verklemmter, mitte-links-dogmatischer Fernsehredakteur – die einschlägigen Drogenlokale in Wien, um einen Weg zu finden, Kokain zu kaufen und zu testen. Schließlich wußte mein Protagonist ja, daß es höchst unterschiedliches Kokain gab, und er wollte gutes haben und kein Waschpulver. Für einen Menschen, der wie der österreichische Justizminister Brandstätte aussieht, ist es selbst in der Stadt Falcos nicht leicht, mit einem Dealer zu reden und mit ihm auch noch einig zu werden. Ich hatte in der Zeit extra fünfzehn Kilo zugenommen.
Als ich die entsprechende stimulierende Substanz dann hatte, begann die kontrollierte Einnahme, beginnend mit einer so minimalen Menge, daß mich jeder Jugendliche dafür ausgelacht hätte. Wie es weiterging, läßt sich im Roman besser nachlesen, als ich es hier schildern könnte. Die Wirkung setzte keineswegs beim ersten Mal ein, sondern erst beim dritten Mal, und sie war so lau, daß ich damit literarisch nichts anfangen konnte. Ich war auf einen Zufall angewiesen, und der kam, als ich auf einer Silvesterparty – lustigerweise eines real existierenden ehemaligen ORF Redakteurs, der aber im Buch keine Rolle spielte – klinisch reines, hochwertiges und wahrscheinlich unbezahlbar teures Kokain angeboten bekam. Es hatte sich herumgesprochen, daß ich einen Roman über Kokain schrieb, und nur deshalb kam man überhaupt auf die Idee, mir das anzubieten. Die Wirkung war phantastisch. Ich hatte Allmachtsphantasien, erlebte tolle Dinge mit wildfremden Menschen und zettelte sogar eine Schlägerei an, nachts um vier Uhr im Bordell. Das war der literarische Durchbruch. Ich konnte aus der Nacht sechzig Seiten machen, die so echt und überzeugend waren, daß mir der Leser von da an alles glaubte, was ich mir noch ausdachte, egal wie bieder und unecht es eigentlich war. Für den Schreibakt selbst mußte ich allerdings erst meine Gesundheit und geistige Kraft wiederherstellen, was ungefähr eine Woche brauchte. Ich, der es gewohnt war, jeden zweiten Tag zu schreiben, war diese Spanne der Regeneration zu lang. Ich beschloss, wieder mit den Miniportionen weiterzumachen. Das war aber hartes Brot. Die Wirkung blieb auch bei erhöhter Dosis bescheiden. Es fühlte sich an wie die Wirkung einer halben Dose schalen, warmen Bieres in der Scheune hinter dem Haus im September. War die Frau in der Nähe, reichte es noch zu ein paar müden Späßen im Heuschober, aber dann war man auch schon mit Kopfweh eingeschlafen. Es war schwierig, aus solchen Momenten meinen spritzig-nervösen Kokainroman zu machen. So ersetzte ich das Kokain nach einigen Wochen durch hochprozentigen Birnenschnaps der niederösterreichischen Firma Hauser, die es verstand, Williams Christ Birnen auf einzigartige Weise zu 45 Prozent Alkoholanteil zu destillieren. Die Flasche kostete 13,99 Euro und reichte für zwei Abende beziehungsweise Nächte. Ich hatte mit Alkohol bis dahin fast so wenig praktiziert wie mit Kokain. Nur zwei kurze Alkoholphasen hatte es in meinem Leben gegeben, nämlich 1986 und 2011. Ersterer Versuch hatte in Köln stattgefunden, in der Zeit von Anfang Mai bis Ende Juli 1986, als ich somit fast hundert Tage lang das kölnische Bier getrunken und den Roman „Mai, Juni, Juli“ geschrieben hatte. 2011 versuchte ich in Wien mit der Novelle „100 Tage Alkohol“ ein Remake dieser schönen Geschichte. Diesmal trank ich kein Bier, sondern alles, was mir meine Wiener Literaten-, Künster- und Menschenfreunde vor die Nase stellten. Ich konnte, wie anfangs bereits erwähnt, am nächsten Tag immer allerbestens schreiben, wobei nicht geklärt werden kann, ob es am Restalkohol im Blut lag oder an den seligen Erinnerungen des vorangegangenen Abends. Die sozialen Erlebnisse, die in der Regel im Café Anzengruber in der Schleifmühlgasse stattfanden, waren jedenfalls des Aufschreibens mehr als wert. Dennoch war das Buch nur in Deutschland ein Erfolg, während die Wiener damit nichts anfangen konnten. Abenteuer unter Alkoholeinfluss kannten sie schon.
Wie gesagt, ich ersetzte Kokain durch Qualitätsschnaps in meinem Kokainroman, tat aber so, als wäre mein Protagonist Stephan Braum immer noch mit dem weißen Pulver unterwegs. Es hat keiner gemerkt. Und vielleicht ist die körperliche Wirkung ja auch ähnlich. Ich habe bis zum Ende des Buches über zwanzig Kilogramm wieder abgenommen, und zwar dauerhaft. Noch heute sprechen mich Freunde von früher und Verwandte darauf an, daß ich plötzlich so gut aussehen würde und so viel schlanker sei als früher, ob das womöglich und tatsächlich an der von mir erfundenen „Kokaindiät“ liege. Ich lasse dann das Kompliment wohlig in mir wirken, bis es gewissermaßen auf meiner Seele zergeht, rücke dann nahe an den anderen heran und flüstere:
„Klar, Mann.“

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