„Nackte Mavie Hörbiger? Alles Lüge!“ Joachim Lottmanns Stellungnahme zum Sexismus Skandal, der nur ein österreichischer ist.

Bevor ich zum ersten Mal einen Roman veröffentlichte, schrieb ich ein paar Buchkritiken, und darin legte ich frühzeitig – ich war kaum volljährig – jene Prinzipien fest, die für mich bis heute bei der Beurteilung von Belletristik gelten.

Erstens: Am besten man schreibt überhaupt niemals Buchkritiken. Zweitens: Wenn aber doch, dann nur lobende. Denn schlechte Bücher sollte man sowieso totschweigen. Drittens: Bei einem Buch sollte man auf den Sound achten, auf die Stimmung, in die es einen versetzt. Man sollte es so beschreiben wie einen guten Pop-Song. Man sollte es niemals sezieren, auf eine andere Ebene zerren, es abstrahieren, zerlegen oder „erklären“. Damit hatten einem schon die Deutschlehrer die besten Bücher verleidet. Man sollte den Rhythmus genießen, die natürliche, melodische Sprache (wenn vorhanden), die Stimmigkeit im Ausdruck, die gute Laune, den Humor, den Optimismus, den Sarkasmus. Man sollte das Weltbild des Schriftstellers teilen, das ja, bei einem guten Buch, kein dummes sein kann.

All diese Kriterien sind in Österreich unbekannt. Dort wird geschulmeistert wie im alten Gymnasium. Und weil selbst das für viele Kritiker zu hoch ist, verlegen sie sich oft auf die Methode „who is who?“, das heißt, sie spekulieren, welche reale Person hinter einer literarischen steckt. Diese Kritiker haben eine mir nicht nachvollziehbare Freude dabei, und sie drücken sich ausnahmslos schadenfroh, schamlos und hämisch aus.

Das alles wußte ich seit vielen Jahren und bat schon so manchen befreundeten Journalisten, über mein jeweils neuestes Buch bitteschön NICHT zu schreiben. Bei Rebhandl tat ich es nicht. Er ist ein guter Mann, und mein Verlag beschwerte sich gerade darüber, ‚Alles Lüge‘ werde zu wenig besprochen in Österreich. So kam es zu einer prominenten Veröffentlichung im „Standard“. Das Ergebnis liegt nun vor, ich bin eher angenehm überrascht als empört. Eine Menge guter Gedanken sind darin, auch wenn natürlich auch diese Kritik sehr österreichisch ist. Man ist hier im Ton gern a bisserl vulgär, und prompt klingt es bei Rebhandl nun so, als hätte ich die junge Schauspielerin Mavie Hörbiger sexistisch und voyeuristisch in meinem Roman abgebildet. Die Boulevard Presse griff das auf. Man liest jetzt etwas von einem Sex Skandal, den ich ausgelöst hätte.

Das läßt sich aber schnell auflösen. Ich stelle einfach die Stelle ins Netz, um die es geht. Jeder kann nun sehen, daß die Vorwürfe haltlos sind.

ALLES LÜGE von Joachim Lottmann, Seiten 143 f.f.:

„Wieder in Wien, ging ich erst einmal ins Theater. Es gab keine bessere Methode, sich binnen Stunden zurück ins Zentrum dieser anderen Kultur zu katapultieren. Unser neuer Berliner Freund – er hieß wie gesagt Jan Küveler und war mit Ronja von Rönne zusammen – schloß sich uns kurzerhand an, flog mit nach Wien, wohnte in der Gästewohnung und besorgte die Karten für das Burgtheater. Ein Stück von Thomas Bernhard wurde gegeben, es hieß „Holzfällen“.

Darin ging es um Schauspieler, die nach der Premiere des Stückes „Die Wildente“ von Henrik Ibsen im Wiener Burgtheater eine Premierenfeier im privaten Kreis abhalten und dabei von dem Ich-Erzähler des Buches „Holzfällen“, sozusagen vom Autor Thomas Bernhard, beobachtet werden.
Jan Küveler meinte, er habe gerade mit der Hauptdarstellerin des Stückes, die Mavie Höriger hieß und mit vierzehn prominenten Hörbigern aus der bekannten Schauspieler-Dynastie direkt verwandt war, eine Szene gehabt.
„Eine Szene?“ fragte ich ungläubig.
„Ich habe über ihre letzte Premiere in Berlin berichtet und dabei am Schluß auch über die Premierenfeier ein paar Sätze geschrieben.“
„Na und? Klingt doch nach Thomas Bernhard.“
„Als ich Mavie dann kürzlich in der Maxim-Biller-Bar wiedersah, rein zufällig, hat sie mir deswegen eine Szene gemacht. Ich sei ein Arschloch, hat sie mindestens zehnmal durch die ganze Maxim-Biller-Bar geschrien. Sie ist klein und zierlich, hat aber eine orkanartig laute Stimme.“
„Aber warum denn bloß?“
„Weiß ich nicht, hat sie wohl trainiert.“
„Nein, ich meine, warum hat sie dich beschimpft? Gefiel ihr die Kritik nicht?“


Küveler beteuerte, das Stück überaus wohlwollend besprochen zu haben. Die Sache war ein Rätsel, und ich nahm mir vor, Küvelers Artikel im Internet zu lesen. Doch dazu war jetzt keine Zeit. Er hatte zwei Pressekarten im Theater hinterlegen lassen, eine dritte Karte kauften wir für Harriet.
Das Stück „Holzfällen“ wurde erwartungsgemäß gekonnt und höchst unterhaltsam über die Bühne gebracht. Michael Mertens überragte alle Schauspieler, und wären die anderen ebenso hochkarätig besetzt gewesen, hätte es eine durch und durch gelungene, ja schon perfekte Inszenierung gegeben. Aber eben dadurch, daß Michael Mertens, übrigens der Mann von Mavie Hörbiger, seine übrigen Mitschauspieler um eine Dimension überragte, war die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums, wie er später sagte, allein auf ihn konzentriert gewesen, was ihm gar nicht so recht war. Seine Frau erreichte sein alle anderen überragendes Niveau noch am ehesten. Sie war manchmal etwas zu laut, war dafür aber am interessantesten anzusehen. In buchstäblich jeder Sekunde ihrer mehrstündigen Bühnenpräsenz schien sie sich darüber im klaren zu sein, daß sie angestarrt wurde. Ich war mir sicher, daß alle Zuschauer, die männlichen und die weiblichen, immerzu auf diese höchst eindrückliche Mavie Höriger blickten, daß ihre Augen an dieser ganz besonders interessanten Erscheinung hängenblieben und geradezu festklebten, selbst dann, wenn der objektiv überragende Burgschauspieler Michael Mertens die Thomas Bernhardschen Sätze deklamierte und dabei die Aufmerksamkeit von Publikum und Presse, wie er ja später bedauernd mitteilte, für sich gewann. Mavie änderte ihren Gesichtsausdruck innerhalb von zehn Sekunden zehnmal, und deswegen konnte man den Blick von ihr nicht abwenden. Zudem hatte sie das schönste Theatergesicht seit Faye Dunaway. Sie sah so verrückt schön aus, daß man es einfach nicht glauben konnte und schon deswegen immer wieder hinstarrte, um sich zu vergewissern, daß man nicht träumte und es dieses verrückt schöne, nämlich extrem helle, tiefblau- und großäugige, transparent-unschuldig-kindliche und dennoch cäsarenhaft scharfgeschnittene Gesicht wirklich gäbe. Ihre Haare waren weißgefärbt und streng nach hinten gekämmt. Ihr Outfit bestand aus einer weißen hochgeschlossenen Mädchenbluse und einem moorgrünen Internatskittel. Dazu trug sie Lackstiefel, die aber zierlich wirkten. Die ganze so berserkernde Person war eigentlich zierlich. Offenbar war in ihr das gesamte Talent aller vier Generationen hochkarätiger Hörbiger-Schauspieler-Genies eingeflossen. Sie war die Über-Schauspielerin, und es hätte mich nicht gewundert, wenn sie sich vom Theaterboden erhoben hätte und durch den Zuschauerraum geflogen wäre, ausgestattet mit den mentalen Über-Kräften ihrer Ahnen. Aber, wie schon erwähnt, die Aufmerksamkeit der anwesenden Journalisten und des zahlenden Publikums lag dennoch bei dem eher unscheinbar gekleideten Michael Martens, wie er später bei der Premierenfeier selbst mitteilte. Denn es gab selbstverständlich auch diesmal eine Premierenfeier, wie nach jeder Premiere, und genau wie im gerade aufgeführten Drama. Wir wären nicht hingegangen, aber die neue Intendantin des Burgtheaters entdeckte meine Frau, die in Wien eine bekannte Person war und ist, und lud sie ein, natürlich mitsamt ihrer Begleitung, also mich und unseren neuen Freund aus Berlin.
Wie im Stück von Thomas Bernhard versammelten sich ein paar Handvoll Schauspieler und Theaterfreunde im privaten Rahmen, nämlich in der legendären Theaterkantine. Viel zu selbstbewusste und gewerkschaftlich organisierte, unkündbare und überbezahlte Kantinenmitarbeiter versorgten die versammelten Feiernden missmutig mit Alkohol und vertrockneten Brötchen. Das war die seit Jahrzehnten gepflegte Kantinenfolklore, die einst Bert Brecht in die Theaterwelt eingeführt hatte. Meistens reagierten die hässlichen Angestellten nicht einmal, und die illustren Gäste mußten dreimal betteln, bis ihnen ein Glas Bier hingeknallt wurde. Die Theaterfreunde hielten diese stolze Muffigkeit für Authentizität und liebten sie. Und die wirklich prominenten Schauspieler – das waren die, die in den entsetzlichen „Tatort“-Krimis mitspielen durften – hatten immerhin das Vorrecht, die hingeblafften Befehle des Kantinenpersonals aufzuheben. Als mir zwei Mutter-Courage-Typen in fleckigen Schürzen das aus Supermärkten bekannte Wort „Kas-sen-schluß!“ entgegenbrüllten, schickte ich den Burgschauspieler Michael Mertens vor, der dann eine sogenannte letzte Runde durchsetzte. Das war aber schon am Ende des Abends.
Interessant war für uns natürlich, ob es diesmal erneut eine „Szene“ zwischen Jan Küveler und Mavie Hörbiger geben würde. Oder sah sie inzwischen, am Tag des Thomas-Bernhard-Stückes, selbst ein, daß ein Autor, der über eine Aufführung schrieb, dieselbe Freiheit hatte wie ein Schauspieler, nämlich formale Grenzen zu überwinden, natürlich im Dienste der Sache? Also im Dienste eines gesteigerten künstlerischen Wertes bei der Aufführung wie auch bei der Besprechung? Und was soll ich sagen, die „Szene“ wiederholte sich. Wort für Wort, Nuance für Nuance, wie Küveler uns versicherte, als wäre sie zig-mal geprobt worden. Zehnmal schrie die junge Hörbiger „Arschloch“ oder „Du Arschloch“, wahlweise „Küveler du Arschloch“ durch die Burgtheaterkantine. Mit dem begnadeten Burgschauspieler Michael Mertens, der genau zwischen Küveler und mir am Tisch saß, kam es unverzüglich zu einem Gespräch darüber. Ich war nämlich innerlich auf die Situation vorbereitet und glaubte, sie in wenigen Sätzen auflösen zu können. Zudem war Mertens ein kluger und verständiger Mann, zumindest behauptete er das. Ich fragte also, warum das Theater alles dürfe und die Kritik nicht. Er verstand nicht genau, was ich meinte und führte nur aus, was wir schon wußten, nämlich daß Küveler in seiner Rezension auch die anschließende Premierenfeier erwähnt habe, die jedoch privat gewesen sei. Ich holte etwas weiter aus:
„Gerade das fortschrittlichste Theater, das moderne Regie-Theater, das immerfort Grenzen überwindet, müßte doch verstehen, daß auch die Kritik bei einer adäquaten Darstellung nicht die Regeln befolgen sollte, die noch auf Gründgens gepaßt haben, wobei selbst das nicht stimmt, denn auch Polgar und ähnliche haben bereits…“
Er unterbrach mich verärgert und polterte:
„Man wird doch nach einer anstrengenden Premiere, nach anstrengenden Wochen, nach anstrengenden Proben, im privaten Kreis ein Glas Schampus heben dürfen! Da hat die Journaille nichts zu suchen! Das ist ganz und gar unmöglich, wenn du mich fragst!“
Das kumplige Du, das naturgemäß Teil der Kantinenfolklore, ja dort vorgeschrieben war, behielt er bei, auch wenn er mich feindselig mit rollenden Augen ansah. Seine Argumentation leuchtete mir ein, auch wenn sie ein bißchen die Ebenen verwischte. Ich glaubte immer noch, daß Jan Küveler das Recht hatte, über ihn auf der Premierenfeier zu schreiben, so wie Thomas Bernhard das getan hatte, schon allemal, wenn das Stück genau diesen Inhalt hatte. Aber ich tat mich schwer, ihm das zu vermitteln, da er eben einfach drei Ebenen tiefer blieb, nämlich auf der superkonkreten: er wollte nach der Arbeit seine Ruhe haben. Daß diese Arbeitszeitenvorstellung im 21. Jahrhundert nicht mehr galt oder zumindest für eine Weltspiegelung im Medienzeitalter kontraproduktiv war, war ihm auf dieser Ebene, da er doch gerade in den Gemütlichkeitsmodus schaltete und die zu engen Theaterschuhe auszog, nicht zuzumuten. Und so mußte ich in der Folge zusehen, wie Mavie noch ein paarmal die „Arschloch“-Szene aufführte, die ihr wohl irgendeine schauspielerische oder körperlich-sportliche Befriedigung verschaffte, zuletzt beim Abschied um halb drei Uhr nachts, als sie, Mavie, allen Ernstes auf mich zutrat und mir detailliert erzählte, was alle Welt nun wußte, nämlich daß Jan Küveler eine Theaterkritik geschrieben hätte, in der er am Ende auch über die Premierenfeier geschrieben habe, also nicht nur über die Aufführung, ja im Grunde und eigentlich überhaupt nicht oder kaum noch über die Inszenierung selbst, sondern über die Feier NACH der Aufführung, die jedoch privat gewesen sei, und deshalb sei dieser Küveler ein Arschloch, ein totales Arschloch, ein Depp, und so werde sie ihn fortan auch immer nennen, einen Depp, einen Depp! Einen Depp!
Der große Burgschauspieler Michael Mertens mußte sie festhalten, da sie dazu übergegangen war, kleine schnelle Faustschläge in Richtung unseres Freundes aus Berlin abzufeuern, zack-zack-zack, es sah niedlich aus, da sie eine so zierliche, zarte und kindliche Person war, ein blonder magerer Weihnachtsengel, keine fünfzig Kilogramm schwer. Die Stimme trug freilich bis zum kilometerweit entfernten Rathausmarkt. Es war die rachenehmende Stimme Echnatons, und es hätte mich nicht gewundert, wenn die Ausländerpolizei alarmiert worden wäre und ausgerückt wäre, in Erwartung einer Massenschlägerei verfeindeter Migrantengruppen. Deshalb umfaßte der legendäre Schauspieler, der die ganze Thomas-Bernhard-Premiere überstrahlt hatte, wie er selbst seufzend konstatierte, seine umwerfend temperamentvolle Frau. Sie gefiel mir natürlich sogar jetzt noch gut, denn Schriftsteller haben meist wenig Temperament und sehen sich danach wie ein Schäferhund nach der Wurst. Freilich besaß ich schon Harriet, gewiß kein Mäuschen, und konnte mich beherrschen. Genau diese meine Selbstkontrolle schien die Schauspielerin verrückt zu machen. Sie hatte sie sehr wohl wahrgenommen und dann in schneller Folge acht Humpen Bier getrunken, dabei immer vitaler und verführerischer werdend. Schauspieler wollen oder müssen andere Menschen verführen, verzaubern, gänzlich für sich einnehmen, und sei es für Minuten, sonst ist der Abend für sie verpfuscht. Ich hätte ihr sogar den Gefallen getan und zwar gern, aber das Schauspielergenie an ihrer Seite beziehungsweise an unserem Tisch, der Burgschauspieler Michael Mertens, rollte erneut mit seinen großen, noch nicht abgeschminkten Augen, und zwar derart furchterregend und genau auf mich fixiert, daß ich verzichtete.
Im Taxi fragte ich Harriet, ob sie ebenfalls den Eindruck habe, daß die Schauspieler den Zusammenhang zwischen „Holzfällen“ und dem gerade erlebten Abend gar nicht verstanden hätten.
„Nein, sie haben das nicht gesehen. Es ist kaum zu glauben, aber sie wissen wohl nicht, was sie spielen. Das ist vielleicht bei allen Schauspielern so. Sie können Bücher gar nicht lesen. Also sie lesen sie lediglich als Material zum Aufführen und nicht als Mitteilung.“
Wie klug doch meine Harriet war. Ich versuchte es doch noch einmal:
„Und wenn man ihnen das genau so erklären würde? Wenn man ihnen sagen würde, was sie tun? Was Thomas Bernhard gemeint hat?“
Sie schüttelte nur den Kopf. Ich sah sie an und merkte, daß sie Recht hatte. Auch Jan Küveler, der vorne neben dem Taxifahrer saß, sah müde und resigniert aus. Und verletzt.

 

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