Mein allerletzter Flug mit Air Berlin. Der Schriftsteller Joachim Lottmann stieg wider besseres Wissen noch einmal in eine Maschine der maroden Fluglinie.

Jahrelang war ich geradezu verliebt in die Fluglinie Air Berlin. Sie ermöglichte es mir, für 42 Euro von Berlin nach Wien zu fliegen, zu meiner Frau, also fast wöchentlich. Das ist wahnsinnig wenig Geld. Ich konnte somit Beruf und Familie vereinbaren.
Ich nahm immer denselben Flug, immer die Nachtmaschine um 21.35 Uhr, immer denselben Fensterplatz in der neunten Reihe Platz A, dieselben Zubringer, schwulen Flugbegleiter, Kapitäne, Rituale. Ich war so geübt am Ende. Ich konnte alles wie im Schlaf machen. Es war herrlich. Ich flog in tiefschwarzer Nacht durch Mitteleuropa und hing meinen Gedanken nach. Und jedesmal erfrischte mich der Flug so sehr, als wäre mir ein Tag geschenkt worden. Wenn ich ausstieg und die roten Air Berlin Schokoherzen von Herrn Hansen bekam, meinem Lieblingssteward – er steckte mir immer gleich mehrere zu, weil er dachte, ich hätte Kinder – war ich gestärkt für den nächsten Tag und für jede Herausforderung, die er bringen mochte. Alles war einfach etwas lockerer und netter bei Air Berlin.
Tja. So war das einmal. Berlin war arm, aber sexy, Klaus Wowereit ein charismatischer Party- und Bürgermeister, und im Süden der lebenswerten Stadt bauten sie einen tollen neuen Flughafen, mit Air Berlin als zukünftigen Hauptkunden…
Vorbei, vorbei. Wir wissen, was alles passierte. Der Bürgermeister feierte schon bald seine letzte Party, den Flughafen wird es nie geben, und auch Air Berlin glich zuletzt auf verblüffende Weise immer mehr dem haarsträubenden Eurograb in Schönefeld. Alles wurde immer schlechter und verursachte immer mehr Schulden. Seit zwei Jahren tuschelte man über eine mögliche Pleite, eine Insolvenz, eine Übernahme, einen Konkurs. Wie durch ein Wunder – das den Namen Etihad Airlines trug – flogen die Berliner trotzdem weiter. Aber jeder rechnete damit, daß sein Flug der letzte sein konnte.


Auch ich. Jede Woche fehlte ein (weiteres) Element meiner liebgewonnenen Air Berlin Flugrituale. Eines Tages konnte man kein Mittagessen mehr ordern – ich nahm immer Rindsfilet mit Erbsen-Karotten-Mischgemüse und Kartoffelpüree – , dann konnte man den Sitz nicht mehr frei wählen, eben den Sitz 9A, dann gab es keine Bonuspunkte mehr, dann war der Snack nicht mehr umsonst, dann flogen die Maschinen nicht mehr pünktlich, dann wurde man auf andere Flüge umgesetzt und mußte warten, manchmal bis zum nächsten Morgen. Schließlich wurden die Flüge gänzlich annulliert. Weil sich nämlich die Piloten in Massen krankmeldeten.


Inzwischen war ja auch die Insolvenz eingetreten. Ich hatte aber immer noch einen Flug übrig, einen Rückflug von Berlin nach Wien. Ich hatte ihn vor Monaten gebucht und bezahlt. Mein Geiz untersagte es mir, ihn einfach zu vergessen, obwohl ich überall hörte, ich solle genau das tun. Auf den Flughäfen herrsche blanke Panik. Bilder im Fernsehen bestätigten das. Reisende irrten orientierungslos herum und zogen ihre riesigen Reise-Rollkoffer hinter sich her, als wären sie ihr letztes Hab und Gut. Sie wirkten wie die Vertriebenen von Myamar! Hundert Flüge waren am Dienstag einfach gestrichen worden.
Ich ging trotzdem hin. Ich wollte zurück zu meiner Familie. Meine Chancen standen schlecht, denn auch mein Flug war storniert worden. Ich wußte nur eines: selbst wenn ich noch in eine Maschine hineinkam, würde es mein letzter Flug mit Air Berlin sein.
Es gelang mir, einen Mann von der Flughafen Information zu fragen, ob ich lieber gehen und es am nächsten Tag versuchen solle. Mit aufgerissenen Angstaugen sagte, nein krächzte er: „Fliegen Sie heute, fliegen Sie JETZT!“ So ging ich weiter in den Wartebereich hinein.
Dann sah ich die Wartenden. Air Berlin, das waren jetzt einfach nur noch Menschen, die warteten. Leute kauften die Geschenke- und Spielzeugshops leer, um sich irgendwie abzulenken. Jeder klebte am Handy, weil man nach neuen Infos im Netz suchte. Ich sah mir die Halle C, in der Air Berlin ‚wohnte‘ zum erstmal genauer an. Es war eine Behelfsbaracke mit einer Art Wellblechdecke, provisorisch wie eine Flüchtlingsunterkunft. Statt verputzter Mauern gab es nur Stangen, Stützpfeiler, rohe Stahlträger, offene Leitungen, Belüftungsschächte, es sah wie der Theater-Schnürboden vom Berliner Ensemble aus, nicht wie der Flughafen einer Millionenstadt. Klar: Man hatte die Halle nur vorübergehend nutzen wollen, bis zur Fertigstellung des BER, des grandiosen Pleiteprojekts, das die Stadt seit Ewigkeiten in den märkischen Sand setzte.
Eine Szene rührte mich. Offenbar hatte sich ein Liebespaar wiedergefunden. Ein (doch noch) angekommenes Mädchen fiel dem sie abholenden Freund um den Hals. Es war von selten erlebter Leidenschaftlichkeit. Immer wieder drehten sich die beiden, bogen ihre Köpfe und Körper in die eine, dann wieder zuckend in die andere Richtung, ließen kurz voneinander ab, um sich entzückt und wie von Sinnen anzustarren:
„Gelandet! Überlebt! Mit Air Berlin!“, schienen sie zu denken.
Die taten wirklich so, als sei die junge Frau gerade in letzter Sekunde einer leckgeschlagenen Raumfähre entstiegen. Ich sah das nicht ohne Unbehagen, da mir mein eigener Flug noch bevorstand.


Viele Leute bekamen Hunger und standen sich für einen ‚Diabolo Burger’ die Beine in den Leib. Auch ich erstand für 5,70 Euro ein pappiges Etwas mit Matschtomate, kaltgewordenem Fleisch, Chorizo, Jalapenos und Pir-Piri, was immer das sein sollte. Im Wahnsinn tut man vieles, was man später nicht mehr versteht. Zum Beispiel eine Packung Erdnüsse zum zweitenmal aus dem Automaten ziehen zu wollen, obwohl der schon beim ersten Versuch einfach nur das Geld geschluckt hatte. Oder nach vier Stunden Warten doch noch in einen Air Berlin Seelenverkäufer zu klettern. Das tat ich nämlich. Vorher blieb noch der Bus vom Gate zum Flugzeug stecken. Wertvolle Minuten. Ich dachte schon, nun fliegt das Ding einfach so weg. War doch sowieso jetzt alles egal, für den Ersatzcaptain, der die eigene Krankmeldung für den nächsten Tag sicher schon in der Tasche hatte.
Dann sitze ich drin. Die Stewardessen tragen immer noch die alten Air Berlin Uniformen, was mich beruhigt. Doch dann kommt ein mürrischer Mann und schaut genau nach, ob mein Gurt auch wirklich ganz straff anliegt. Das alarmiert mich natürlich. Ich frage mich, warum er das tut. Droht Absturzgefahr, weil das Geld nicht mehr für eine Vollbetankung reichte? Insolvenz heißt auf deutsch ‚kein Geld mehr da‘. Keines, kein einziger Cent!
Dem widerspricht natürlich der großzügige 150-Millionen-‚Kredit‘ des Steuerzahlers, aber wer weiß? Im ganzen Innenraum erlischt das Licht. Fast 22 Uhr, und das Flugzeug steht noch immer auf der Rollbahn. Es ist mir, als säße ich im unteren Deck eines alten Sklavenschiffes. Die Phantasie wird sehr angeregt durch die beschriebenen Umstände.
Nun rollt es wieder. Es rollt und rollt. Rollt es einmal um den ganzen Flughafen? Testen sie etwas dabei? Haben sie Skrupel loszufliegen? Die Erklärung könnte eine Ansage aus dem Cockpit sein:
„Meine Damen und Herren, wir bitten Sie, aufgrund der erwarteten Turbulenzen UNBEDINGT angeschnallt zu bleiben, bis die Anschnallzeichen erloschen sind!“
Turbulenzen. Das sind wohl Winde, Stürme, Gewitter, orkanartige Niederschläge und so weiter – mir rasen die Ausdrücke der Meteorologen durch den Kopf. Doch ich beruhige mich nun. Turbulenzen sind etwas Normales. Weniger gefährlich als alles andere, das einem einfallen könnte beim Stichwort Air Berlin.
Ich lehne mich zurück. Sehr viele Plätze sind leergeblieben. Das scheint widersprüchlich, bei so vielen Wartenden vorhin. Und es ist natürlich auch etwas unheimlich, so eine Fahrt, allein im leeren Großflugzeug. Beim Hinflug war es ebenfalls schon so gewesen, erinnere ich mich nun. Fast schon gruselig. Ich hatte das verdrängt.
Der Start. Ein ungesundes Dröhnen schwillt an bis zur Unerträglichkeit. Es kommt mir alles anders vor als sonst, bei diesem meinen letzten Flug mit Air Berlin, aber das ist nur Einbildung. Die Maschine schwankt hin und her, das muß der starke Seitenwind sein. Oder weil die Maschine völlig unterbelastet ist? Unten zieht das nächtliche Berlin vorbei. Wir sind schon in der Luft.
Nun fängt auch noch ein Baby an zu schreien. Ziemlich fürchterlich. Ein echtes Terrorkind. Der Mutter ist es egal, besser gesagt, sie kommt sie nicht auf den Gedanken, da etwas zu machen. Vielleicht, weil sie eine typische Berliner Mutter ist, mit Toleranzzwang? Ein letzter Getränkewagen wird durch den schmalen Mittelgang gezogen. Früher geschmäht wegen der gesalzenen Preise, recken sich ihm nun die verzweifelten Hände der verbliebenen Passagiere entgegen.
Seltsam, das Geräusch dieses Düsenflugzeugs, einer Airbus A320, Alter unbekannt und schwer zu schätzen. Es bleibt ein Dauerdröhnen, das keinen Ursprung zu haben scheint, das überall gleich ist, auf dem Sitz, auf dem Gang, im Kopf, im berührungsempfindlichen Zahn. Als wäre es kein Flugzeug mit zwei Düsen, sondern eine einzige Riesendüse, in der man hockt. Eine Rakete von Kim Jong-Un, die über Japan hinwegbrettert und dann ausgebrannt ins Meer kracht, muß einen ähnlichen Sound haben.
Und dann kommen sie tatsächlich, die ‚Turbulenzen‘. Was für ein schwaches Wort dafür! Die Menschen krallen sich mit beiden Händen an der Nackenstütze des Vordermannes fest. Man kennt so etwas nur vom Rummelplatz. Ich höre, wie die Stewardess, die ganz hinten von dem Sturm überrascht wurde, mit dem Kapitän telefoniert und bemüht ruhig auf ihn einredet. Hat ER Angst? Ist es sein erster Flug?! Beim Hinflug, erinnere ich mich jetzt, hat ein mir unbekannter Schwarzafrikaner ohne Uniform die Maschine gesteuert. Aber er hat das gut gemacht. Bitte nicht gerade jetzt falsche Gedanken. Es war allerdings irritierend, daß er mit einer schweren Getränkekiste schnaufend ins Cockpit gestiefelt ist!
Der Körper wird nun ruckartig nicht nur von links nach rechts und umgekehrt hart gestoßen – es fühlt sich wie Schläge an – , sondern auch von unten nach oben und zurück. Das bietet nicht einmal der Superscooter im Würstelprater.
Bloß gut, daß man nichts mehr zu Essen bei Air Berlin kriegt. Vielen wird schlecht. Und Spucktüten gibt es heutzutage wohl nicht mehr. Nach zehn Minuten ist es aber vorbei, alles beruhigt sich, und ich suche etwas Ablenkung in der Zeitung, die ich zum Glück noch im S-Bahnhof gekauft hatte (kostenlose Zeitungen hat Air Berlin schon letztes Jahr abgeschafft). Sie heißt ‚B.Z.‘ und titelt so griffig wie giftig im Jugendjargon:
„Wie krank seid ihr denn?!“
Die Zeile füllt die ganze Seite. Weiter hinten relativiert ein Sprecher der krankfeiernden Piloten, es ginge ihnen nicht um ein paar Prozent mehr Lohn, sondern um ihre Existenz. „Alles Lüge!“ schießt es mir die durch den Kopf, als wäre das ganze Geschehen Teil meines gleichnamigen Romans, der ja gerade Furore macht. Ich flüchte erst einmal zur Toilette.
Dort geht es aber prompt von vorne los. Ich werde kalt erwischt von diesen neuen Orkanböen. Es geht verrückt rauf und runter, nun ohne Gurt. Ein Aufstehversuch missglückt. Ich werde mit überirdischer Gewalt zurück auf die Brille gedrückt, dann an die Wand geworfen, auf und nieder, auf und nieder, dann auf die Knie gezwungen, mit offener Hose, es ist sowas von entwürdigend. Ich sehe auch keinen Haltegriff, vielleicht, weil mich die Situation überfordert. Und natürlich funktioniert in diesem Moment auch die Spülung nicht.
Als es wieder vorbei ist, frage ich mich ungläubig: War das ‚Irma‘?
Nein, es war trotz allem ein ganz normaler Flug. Also für den Außenstehenden, den neutralen Beobachter, für den Fachmann. Nur für mich war es etwas Spezielles.
Beim Ausstieg kam ich an der aufgereihten Besatzung vorbei, um mich von ihr zu verabschieden und das rote Air Berlin Herz in Empfang zu nehmen. Obwohl sich mein Magen kritisch anfühlte, freute ich mich auf die Schokolade. Ich blieb vor der ersten Stewardess stehen und wartete darauf, daß sie mir das Herz in die aufgeklappte Hand drückte wie der Priester die Hostie. So war es doch immer gewesen. Ihr weiß-rot gestreiftes Air Berlin Halstuch war noch ganz verrutscht, von den Turbulenzen, und saß ganz schief auf der dunkelgrauen, elegant-enggeschnittenen Air Berlin Uniform, die ich so mochte. Ihre Gesichtshaut war weiß wie Papier, wohl noch schockbedingt, und der tiefrot geschminkte Mund wirkte dadurch grell. Sie gab mir aber gar kein Schokoherz, sondern fragte nur leicht befremdet:
„Und? Was ist?“
„Das Herzchen!“ stieß ich hervor.
„Die gibt es nicht mehr bei diesen Flügen.“
Ich taumelte gruß- und wortlos die Gangway hinunter.
So endete er, mein letzter Flug mit Air Berlin.


Joachim Lottmann, Jahrgang 1959, ist ein deutscher Schriftsteller und lebt in Wien. Er gilt als Begründer der deutschen Popliteratur. Zuletzt erschien sein Roman „Alles Lüge“ (Kiepenheuer & Witsch, 2017, 355 Seiten, Euro 12,00). Der vollständige Text „Mein letzter Flug mit Air Berlin“ erschien gestern, am 17. September 2017, in der überregionalen deutschen Wochenzeitung ‚WELT am Sonntag‘.

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