Außenseiter unter sich. Simon Strauß findet in Joachim Lottmann sein role model. Auf der Gruppe 47 nachts um halb eins…

Fünfzig Jahre nach ihrer letzten Tagung trafen sich die Schriftsteller der Gruppe 47 noch einmal an gleicher Stätte, nämlich in der legendären ‚Pulvermühle‘ im fränkisch-nordbayerischen Nirgendwo.

Man kann sich heute ja gar nicht mehr vorstellen, wie anders die Zeit war, als die Gruppe 47 existierte. Die Adenauerzeit. Die Schriftsteller sprachen druckreif, die älteren zudem pathetisch. Manche trugen seltsame ‚Künstlerfrisuren‘, gerade in den 50er Jahren, und rauchten mit ernstem Gesichtsausdruck Pfeife. Hans Werner Richter, Gründer-Papst der Gruppe und weltberühmt, fuhr noch im Oktober 1967 im klapprigen VW Käfer zur Tagung und steuerte selbst. Sie fand an einem idyllischen Ort statt, in der fränkischen Schweiz, schon damals fernab jeglicher Verkehrsanbindung, im Hotelrestaurant ‚Pulvermühle‘ nahe der Burg Waischenfeld, und dort sollte es letztes Wochenende zum Revival kommen.
Der Platz war gut gewählt, denn hier kam es vor genau fünfzig Jahren zum vielleicht entscheidenden Kulturbruch in der Bundesrepublik. Die Nachkriegszeit endete mit einem Knall. Linksradikale Studenten vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund stürmten vor den Kameras des Fernsehens die Tagung, verhöhnten die Autoren und gaben sie der Lächerlichkeit preis. Die Gruppe 47 war von einem Tag zum anderen nicht mehr Avantgarde und löste sich auf.
Zwanzig Jahre lang war sie mit einer Art „Alleinvertretungsanspruch des deutschen Geistes“ die kritische Kehrseite zum autoritären CDU-Staat gewesen. Nun ging beides gemeinsam unter. Unter dem Druck der vor der ‚Pulvermühle‘ randalierenden Studenten unterschrieben die anwesenden Schriftsteller und Verleger eine Resolution gegen den Axel Springer Verlag, für den nicht mehr geschrieben und der nicht mehr mit Anzeigen bedacht werden sollte.
Von all dem spürte man jetzt nichts mehr. Man hatte andere Attraktionen. Hans Magnus Enzensberger war gekommen. Der Sohn von Botho Strauß ebenso. Ein rothaariger Waldhornbläser, nach Einschätzung des lokalen Bürgermeisters „der beste Waldhornbläser Nordfrankens“, blies das Waldhorn. Ein Pfarrer segnete vor den Augen eines Teams des ZDF – auch das im Rahmen der Wiederbelebung der Gruppe 47 – fabrikneue Traktoren. Junge Talente lasen aus ihren jungen, alte Mitglieder von damals aus ihren alten Werken.


Jürgen Becker, der Preisträger von 1967, attestierte den Newcomern, viel besser zu schreiben als die Helden von früher. Das war mutig und großzügig, vielleicht sogar übertrieben. Denn überholt und peinlich sind heute eher die modernistischen und blutleeren „neuen Schreibweisen“ sowie das ideologische Schreiben, das der Gruppe 47 folgte, nicht die Weltliteratur von Günter Grass, Ingeborg Bachmann und Paul Celan davor.
Aus Österreich war Robert Schindel angereist. Seine Analyse auf einer der vielen Podiumsveranstaltungen war interessant. Er meinte, eine Annäherung an die journalistische Sprache und -Sphäre habe die Literatur der Gruppe 47 ausgehöhlt, und diese Gefahr bestehe auch für heutige Literatur.
Tatsächlich aber waren die Star-Schriftsteller und Star-Journalisten damals viel getrennter als heute. Beide in gleich starken Formationen angereist, verhielten sie sich wie einander feindliche Truppen. Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser oder Rudolf Augstein kungelten mit keinen Lieblingsautoren, eher schon kam es zu sexuellen Intimitäten mit Autorinnen, was wiederum heute generell stark im Rückgang begriffen ist. Ebenso das vielbeschworene „Trinken bis zum frühen Morgen“, das ein Teilnehmer von damals als beruflich sinnvoll rechtfertigte. Wo sonst habe man damals die Möglichkeit gehabt, buchstäblich mehrere Tage und Nächte lang, eben „bis zum frühen Morgen“, über das eigene Handwerk zu reden?


Heutzutage, auf der Frankfurter Buchmesse, die gerade stattfand, wird gewiß noch wesentlich mehr und länger geredet, aber zum Glück nie über das eigene Handwerk. Die immer gern schlechtgeredete Messe ist doch eine phantastische Sache, meinte Hans Magnus Enzensberger, der lebenslang jüngste und frischeste Kopf von allen. Eine kollektive Euphorie, kann ich nur bestätigen, getragen von zehntausenden herumrennenden gutaussehenden, gutgekleideten, gutverdienenden Literaturbegeisterten, etwas, von dem die Beteiligten dereinst so erinnerungsselig erzählen werde wie Christoph Buch von den Treffen der Gruppe 47.
„Das einzige Problem ist“, meint Enzensberger lachend, „daß dort immer mindestens fünfzig Leute auftauchen, die behaupten, mit mir gut bekannt zu sein, ich mich aber nicht an sie erinnere. Ich sage dann immer: ‚Ach natürlich, wir haben uns doch in Berlin gesehen!‘ Und dann denken DIE, daß sie sich nicht erinnern.“


Heute hätten alle Autoren einen Agenten, so wie im Fußball alle Spieler einen sogenannten Spielerberater. Er habe nie einen Agenten gehabt. Er liest nun aus unveröffentlichten Manuskripten. Ein Agent hätte die Sachen bestimmt schon vor Jahren verhökert. Auch seine Frau Katharina liest etwas vor, nur Tochter und Wunderkind Theresia hält sich von der Tagung fern, zum Leidwesen der Journalisten, die gern wieder Fotos von ihr und dem anderen Wunderkind, Simon Strauß, geschossen hätten.
Dieser junge Mann hat auch wirklich ein vielversprechendes Potenzial. Er könnte die Stimme seiner Generation werden. Noch deutlich vor der magischen Grenze zur 30, hat er bereits das Studium der Geschichte abgeschlossen, eine Redakteursstelle im Feuilleton der angesehensten Zeitung des Landes ergattert, einen vielbeachteten Roman veröffentlicht, und vor allem eine eigene literarische Gruppe gegründet. Das Beste aber ist, daß er sich für das alles haßt. Er verachtet sich als Streber, als glatten Superkonformisten, dem alles gelingt und dem niemals etwas Schreckliches geschieht. Der Beifall dröhnt ihm entgegen, noch ehe er den Mund aufgemacht hat. Man könnte sagen, er ist eben der Sohn von Botho Strauß, da ist das eben so. Doch seine ganze Generation erlebt abgeschwächt Ähnliches. Es sind so wenige Kinder geboren worden, in eine so historisch beispiellos wohlhabende Gesellschaft, da wurde jedes gehätschelt und verweichlicht. Strauß liest das erste Kapitel seines Bestsellers „Sieben Todsünden“. Schon wieder ist das Publikum hingerissen, sogar dieses, die Altvordern der Nachkriegs-Elite. Jürgen Becker reißt es vom Stuhl. So spontan wie bewegt hält er eine kleine Rede, eine Art Replik auf das gerade Gehörte. Man versteht nicht genau, was er sagen will, spürt aber das Gefühl dabei: ganz großes Kino ist das, will Becker wohl mitteilen, die Literatur des 21. Jahrhunderts.
„Die sieben Todsünden“ handelt von einem jungen, angepassten Twenty-Something, der drauf und dran ist, seine Existenz festzuzurren, also eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen und einen Festanstellungsvertrag zu unterschreiben. Der sich dafür verachtet. Also von Simon Strauß eben. Der Text ist in der Tat verstörend, und zwar, weil der Autor ihn mit jammervoller, fast brechender Stimme vorliest. Da ist einer, merkt man, der wirklich ein Problem hat.
Ich gehe anschließend zu ihm.
„Wenn Sie wirklich unter dem Angepaßtsein so sehr leiden, müssen Sie es wie ich machen. Werden Sie Außenseiter!“
„Was? Wie Sie?!“
Hinter seiner schönen, faltenlosen Stirn arbeitet es. Man merkt deutlich, daß er dann doch lieber der Sohn von Botho Strauß ist. Er stellt sich das Außenseitertum wahrscheinlich als recht schmerzhaft vor, daher sage ich:
„Ja! Wissen Sie, diese Position fühlt sich sehr angenehm an, sehr befreit, nämlich, wenn man eines Tages gelernt hat, sie zu genießen.“
Nein, nein. Sein plötzliche Schock sitzt zu tief. Er will lieber weiter ein Leben innerhalb der vereinbarten Codes führen. Auch gut, denke ich, dann leidet er weiter und schreibt gute Bücher.
In der Schule lernt man heute im Leistungskurs Deutsch, die Gruppe 47 habe die politische Alphabetisierung der jungen Bundesrepublik erst möglich gemacht. Peter Handke habe ihr 1966 bei einer berühmten Tagung in Princeton Beschreibungsimpotenz vorgeworfen und sie damit gekillt. In der Universität im entsprechenden Studienfach lernt man die Schriftstellernamen und liest die Nachkriegsliteratur. Auf Wikipedia rauschen die Namen an einem vorbei wie Wasser durch die Leitung. Irgendwie nichtssagend das alles. Die Namen glänzen und funkeln nicht, wie bei Hemingway, Camus oder Kafka. Es sind Worte wie Heissenbüttel, Hildesheimer, Karl Ludwig Arnold oder Piwitt. Erst die Schwarzweißfilme, die in der ‚Pulvermühle‘ gezeigt wurden, stoßen ein Tor zum Leben und zum Abenteuer dieser Zeit auf. Man erlebt, wie schwer sich die Überlebenden der deutschen Totalkatastrophe taten. Wie mühsam die betäubten Gehirne langsam wieder zur Sprache fanden. Jeder einzelne hatte mehr erlebt, als ein Mensch aushält. Trotzdem schrieben die Schriftsteller der Gruppe 47 niemals wehleidig. Gemeinsam war ihnen ein schnörkelloser, kompromisslos dem Realismus verpflichteter Stil.
Sie waren Helden. Nicht die der 54er Weltmeister, sondern des Geistes.
Joachim Lottmann (* 6.12.1959 in Hamburg), ist ein deutscher Schriftsteller und lebt in Berlin und Wien. Sein aktueller Roman ‚Alles Lüge‘ ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Der vollständige Artikel von Joachim Lottmann erschien in der überregionalen deutschen Tageszeitung DIE WELT am 17. Oktober 2017.

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