Das beste TV Interview aller Zeiten: Gerald Matt spricht mit Joachim Lottmann

Nachdem der RBB im Oktober zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse ein 56-minütiges Portrait über mich mit dem verdächtigen Titel „Wie gemein darf Literatur sein, Herr Lottmann?“ ausgestrahlt hatte, legte nun das Fernsehen in meinem neuen Heimatland Österreich nach. Ganze 58 Minuten lang durfte ich in einem XXL-Interview meine Art, meine Literatur, vor allem aber meine vermeintliche Gemeinheit vorführen. Die Sendung ist auch im Netz abrufbar, unter dem Titel „Gespräch im Hochhaus. Matt spricht mit Joachim Lottmann“ (https://www.w24.at/Matt-spricht-mit/24000540). Nun finde ich ja jede Art von Meinungs-Talkshows furchtbar, ja selbst Meinungen an sich. Deshalb sagte ich dem Moderator schon vorher, er solle mich nur konkrete Dinge fragen und niemals eine Theorie oder gar Meinung erwarten.
Aber da ich die Journalisten kenne, wußte ich, daß er sich nicht daran halten würde. Er hatte gewiß sein ganzes Berufsleben lang „kluge“ Fragen gestellt und noch klügere Antworten erhalten. Er konnte sich sicher gar nicht vorstellen, was ich meinte. So gab ich ihm Beispiele.
„Sehen Sie, Herr Matt, ich bin froh, daß wir uns bereits vor der Sendung ein paar Mal sehen konnten, um uns etwas kennenzulernen und die Sendung optimal vorzubereiten.“
„Ja, da haben Sie recht“, antwortete Gerald Matt. Wir saßen im Wiener Kaffeehaus Prückel. Der Mann trug einen Hut, mitten im Café, also so ein Hütchen, wie es bestimmte junge Leute tragen und immer getragen haben, jedenfalls seit  der unseligen Ska-Mode lange vor meiner Zeit, und während ich mir immer sicher gewesen war, Leute mit Hüten grundsätzlich abzulehnen, erkannte ich in diesem ganz offensichtlich sehr netten Schweizer namens Gerald Matt die erste Ausnahme. Das befreite mich. Vorurteile belasten immer. Ich erklärte ihm erneut wortreich, warum wir uns schon wieder trafen und was ich mir zu der Sendung dachte:
„Ich habe das extra so eingerichtet, wissen Sie. Und ich hatte Ihnen ja schon am Telefon ganz zu Anfang gesagt, daß ich nur konkrete Fragen mag und keine abstrakten. Was aber meine ich damit? Eine konkrete Frage ist zum Beispiel: ‚Was haben Sie heute zum Frühstück gegessen?‘ Und eine abstrakte wäre: ‚Wie provokativ ist Ihre Literatur im Vergleich zu der, die gerade im französischen Raum in Mode gekommen ist?‘ Verstehen Sie, was ich meine?“
„So so, ja ja.“
Ich spürte, daß er es keineswegs verstand und gab ihm weitere Beispiele.
„Konkrete Fragen sind ganz einfach. Etwa ‚Welches Auto Fahrten Sie?‘, oder Wen finden Sie besser, Arjen Robben oder Thomas Müller?… oder ‚Mögen Sie Miley Cyrus?‘“.
Er sah mich an, als könne er mit dem einen oder anderen Namen nichts anfangen. So fragte ich, ob er vielleicht schon eine Frage im Kopf hätte, die er mir stellen wolle.
„Als erstes würde ich wissen wollen, ob es stimmt, was Rainald Goetz einmal über Sie gesagt hat, nämlich daß sie ein durch und durch böser Mensch seien, so dermaßen böse, daß er Angst vor Ihnen habe. Sind Sie wirklich so böse und gemein, Herr Lottmann?“
„Also die Frage stellen Sie bitte nicht.“
„Warum denn nicht? Das würde mich doch interessieren.“
„Weil es eine abstrakte Frage ist und keine konkrete.“
„Aha.“
Er wirkte enttäuscht. Die RBB Sendung hatte ihn doch erst auf diese Fährte gebracht, „der gemeine Literat“, und jetzt sollte er ausgerechnet DAS nicht behandeln dürfen? Idiotisch! Fast schon Betrug. Ich mußte ihn weiter bearbeiten.
„Herr Matt, stellen Sie sich vor, Sie würden Baron Rothschild fragen, vielleicht sogar eine ganze Sendung lang und immer wieder, ob er geizig ist. Was sollte der da abendfüllend antworten? Er könnte es bejahen oder verneinen, oder irgendetwas dazwischen, aber interessant an ihm wäre etwas ganz anderes, nämlich, daß er Baron Rothschild ist!“
„Und wenn er DOCH geizig ist?“
„Das kann jeder sein.“


So ging es hin und her. Als dann die Sendung ein paar Wochen später aufgezeichnet wurde, hatte ich eine kleine Tafel mitgebracht, auf die ich geschrieben hatte „NUR KONKRETE FRAGEN, KEINE ABSTRAKTEN“. Die wollte ich bei der ersten unkonkreten, schwammigen Laberfrage hochhalten, was ich auch tat. Sie kam nämlich prompt, gleich die erste, und auch alle weiteren waren von dieser Sorte. Nach der zehnten hochtheoretischen Seminaristenfrage gab ich es auf und folgte konsequent einem Plan B. Ich tat nun immer so, als hätte ich die Frage nicht gehört und antwortete auf etwas anderes, nämlich auf eine Frage, die ich mir lautlos selbst stellte und die konkret war. Wenn er also zum x-ten Male gefragt hatte, ob die Triebkräfte meines Schreibens die unbewußte Lust am Quälen anderer und die niederträchtige Befriedigung am Bloßstellen von womöglich real existierender Personen sei, zumindest partiell und in einem semiphilosophischen, hyperpsychologischen Raum, so klappte ich schon bei seinen ersten Worten die Ohren zu und sagte mir stattdessen innerlich so etwas vor, wie: „Wo habe ich als Kind die großen Sommerferien verbracht und was tat ich da?“ Und entsprechend redete ich dann. Erzählte von Grottammare, vom ‚Hotel Sylvia‘, meinem Bruder und so weiter. Sie glauben, das geht nicht? Dann geben Sie einmal den anfangs genannten Link ein und sehe Sie die Sendung. Alles geht. Ich komme aus einem Politikerhaushalt. Politiker wissen, wie man Fragen nicht beantwortet, ohne daß es jemand merkt. Eine gute Mimik gehört dazu. Man reißt erfreut die Augen auf und sagt euphorisch: „Das ist enorm, daß Sie darauf kommen, eine wirklich wichtige Frage, das führt mich natürlich sofort auf den entscheidenden Punkt, Stichwort Grottammare, nicht wahr, die Kindheit. Sie verstehen, die großen Sommerferien. Lassen Sie mich das kurz ausführen…“


Nach 58 ungeschnittenen Live-Sendeminuten hatte ich den zunächst so eifrigen Enthüllungs-Moderator geschafft. Am Ende wußte er immer noch nicht, ob ich die Gemeinheit auf zwei Beinen bin, und die Zuschauer auch nicht, aber wer Joachim Lottmann ist, das schon. Und so ist es dann doch die beste Fernsehsendung geworden, die je über mich gemacht wurde.

Danke, Gerald Matt!

Noch einmal der Link zur Sendung: https://www.w24.at/Matt-spricht-mit/24000540

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