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vonlottmann 23.12.2017

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Es gibt Partys, die gelten später als super, als historisch, als ultimative Sause, als die glücklichsten Stunden eines ganzen Jahres oder Jahrzehntes. Es gibt die Jahrhundert-Party. Und es gibt, als letzte Stufe, die Party, an der Sebastian Kurz teilnimmt oder teilnahm, der wunderbar junge Kanzler der Republik Österreich, gleichzeitig der größte männliche Popstar unserer Zeit, zumindest im deutschsprachigen Raum. Von dieser Party, die in der Nacht von gestern auf heute stattfand, will ich berichten.
Es war offiziell die Weihnachtsparty der Zeitschrift ‚Profil‘, dem größten und bedeutendsten Nachrichtenmagazin des Landes, vergleichbar dem deutschen Magazin DER SPIEGEL. Der neue junge Kanzler war erst zwei Tage zuvor vereidigt worden. Er hatte in diesen 48 Stunden sein Kabinett vorgestellt, seine erste Auslandsreise nach Brüssel angetreten, hatte dort mit Jean-Claude Juncker und den anderen Chefbürokraten der Europäischen Union geredet und sie für sich gewonnen, hatte vor der Presse sein Regierungsprogramm vorgestellt und vor dem Parlament erste Gesetze verabschiedet und verteidigt. Und dann hatte er auch noch angekündigt, die ‚Profil‘-Party zu besuchen. Bei alldem hatte er nicht eine Sekunde lang gestresst, hektisch oder übermüdet gewirkt, im Gegenteil. Alle anderen Menschen um ihn herum hatten größere Mühe, die Contenance zu bewahren. Es war ein bißchen wie bei den frühen Beatles, als tausende Mädchen in Ohnmacht fielen, die Musiker selbst aber ruhig blieben.
Die ‚Profil‘ Party hatte auch vorher schon einen exzellenten Ruf gehabt. Das lag zum einen an dem charismatischen Chefredakteur und Fraueneroberer Christian Rainer, dem seit Jahrzehnten die ausgesucht schönsten Frauen der kleinen Alpenrepublik zu Füßen lagen; ebenso lang leitete er das populäre Magazin, nämlich seit 1993. Zum anderen lag es an den guten Redakteuren, die das Blatt hatte und größtenteils halten konnte. Auch bei einem vergleichsweise niedrigen Gehalt schrieben die Besten von ihnen weiter für die renommierte Zeitung, anstatt für zehntausend Euro im Monat zum gesichtslosen SPIEGEL oder gar zum rechtsliberalen CICERO zu wechseln. Die Leser dankten es ihnen durch ebensolche Treue.
Ich will nicht lange drumherumreden. Der junge Kanzler erschien um Punkt 22 Uhr, also zur klassischen Partyeinstiegszeit. Ich war natürlich schon um 20 Uhr gekommen, zusammen mit meiner Frau, die zur Gründungsmannschaft der Zeitung gehörte und dort seit fast einem Vierteljahrhundert die Stellung hielt. Das heißt aber nicht, daß sie aussah wie Marion Gräfin Dönhoff in ihrer Spätphase, eher dachte man, es mit einer noch immer blendend aussehenden 40-jährigen zu tun zu haben. Das hatte genetische Gründe. Sie sah einfach phantastisch aus und war schon so auf die Welt gekommen, wie Jugendphotos zeigten. Außerdem war sie schon in jungen Jahren, noch während des Studiums, zum ‚Profil‘ gekommen. So eine Naturschönheit war zweifellos auch der junge Kanzler, dachte ich nun, der in zwanzig Jahren gewiß immer noch ein attraktiver Mann sein würde. Er stand im unteren Geschoß der traditionellen Zuckerbäckerei ‚Demel‘ und war umringt von jungen Frauen und anzugtragenden Männern mittleren Alters. Eine etwas vulgär erscheinende Busenblondine schob sich nah an ihn heran. Ich beobachte alles von der Freitreppe aus, die zum ersten Stock führte. Da ich eine gewisse Aufregung in meiner Brust aufsteigen fühlte, wartete ich noch etwas ab. Ich hätte einfach die letzten sechs Stufen hinabsteigen und ihn, Sebastian Kurz, begrüßen können, aber vielleicht war es besser, dachte ich, sich etwas zu sammeln. Gerade und aufrecht stand er im eher abgedunkelten Raum, der hauptsächlich von Kerzen beleuchtet wurde, denn es sollte ja eine Weihnachtsparty sein. Er selbst, der Kanzler, war jedoch scharf konturiert zu sehen, jedenfalls von meinem Standpunkt aus, da bereits eine mir gegenüber in Stellung gebrachte Fernsehkamera samt Scheinwerfer auf ihn gerichtet war. Und so bewunderte ich den gut geschnittenen, nachtblauen Anzug, das gerade Kreuz, die lockere, aufrechte Haltung und den edlen Kopf mit den vollen, dunkelbraunen, perfekt frisierten Haaren des neuen Regierungschefs, ehe ich auf ihn zutrat.
Ich näherte mich also von einer halbschräge Position aus von hinten und legte ihm möglichst sacht, um nicht übergriffig zu wirken, meine rechte Hand auf die Schulter. Mühelos, also auf ganz natürlich wirkende Weise und ohne dabei unhöflich zu wirken, unterbrach er sein Gespräch und sah mich an.
Er hatte einen merkwürdigen blauen Blick, scharf und diagnostisch wach, wie er mich nun beobachtete, träumerisch fast, als wenn er Musik hörte, und wunderbar warm und teilnehmend, als wir zu sprechen begannen. Ein unvergesslicher Blick war das, ein ruhender und einhüllender; ganz und sicher fühlte man sich darin geborgen, wie zu einem Arzt sprach man vertraulich zu ihm, der doch der neue Kanzler war, und genauso hörte er zu.
Zum Glück hatte ich ihn schon gekannt, als er noch kein Kanzler gewesen war, noch kein Außenminister, noch kein berühmter Politiker. Er war mir auf einer anderen Party aufgefallen, vor vielen Jahren, einem Sommerfest der Österreichischen Volkspartei. Nicht viel älter als 20 war er damals gewesen, und er fiel mir nur deswegen auf, weil er mit meiner Frau zusammenstand und diese dadurch in einer Weise verändert wurde, die mich verblüffte. Sie, die immer kritisch wirkte, die bei Menschen, die nicht aus dem konsequent linken Lager kamen, sofort fremdelte, die niemals Komplimente machte und auf ihr dargebrachte Komplimente allergisch bis feindselig reagierte, stand in Flammen. Sie leuchtete. Ihr Strahlen erhellte den gesamten weitläufigen Garten der alten herrschaftlichen Villa, in der das Gartenfest abgehalten wurde. Ich erinnerte mich nun, daß damals er es war, der noch so junge Sebastian Kurz, der, Stunden später, mit seiner Hand meine Schulter berührte, sodaß ich mich überrascht umdrehte und auf seinen Blick traf, zum ersten Mal, auf diesen merkwürdigen blauen Blick. Vielleicht hatte ich nur im Weg gestanden, und er wollte vorbei. Vielleicht wollte er mich aber auch kennenlernen, da er gesehen hatte, daß ich der Mann der berühmten Journalistin war, die er vorhin so zum Leuchten gebracht hatte. Jedenfalls kamen wir sofort ins Gespräch, und er gab mir seine private Handynummer. Von da an blieben wir in Kontakt. Als er Wladimir Putin in Moskau besuchte, nahm er mich einfach mit. Wir cruisten mit seiner Staatslimousine – inzwischen war er schon Außenminister – zwei Tage durch die abgesperrten Wege des Kreml und flogen mit der AUSTRIAN ONE, der offiziellen Maschine des ebenfalls mitfliegenden Bundespräsidenten, wieder zurück nach Wien. Trotzdem waren wir keine Freunde, denn schon bald trennten uns alle nur erdenklichen Stufen der gesellschaftlichen Hierarchie. Ich war kein Politiker, noch nicht einmal ein richtiger Journalist, und so konnte ihm ihm nicht förderlich sein und er nicht mir. Über das, was wir miteinander besprachen, konnte ich nicht schreiben, wenn ich ihn nicht desavouieren wollte, und genauso ist es auch jetzt, da ich mit ihm auf der ‚Profil‘ Party sprach. Ich muß mich darauf beschränken, seine Kleidung und seine Haarfarbe zu beschreiben, sonst würde er beim nächsten Treffen nicht mehr vertraulich mit mir umgehen.
Eines aber kann ich doch gefahrlos preisgeben, nämlich, daß ich schon vor fünf Jahren wußte und ihm sagte, er würde Minister werden, und vor zwei Jahren, er würde Kanzler werden, und jetzt, daß seine Umfragewerte im neuen Jahr durch die Decke gehen und von da an jahrelang auf diesem Niveau bleiben würden. Er freute sich darüber erkennbar. Da meine Weitsicht immer gestimmt hatte, klang die neuerliche Prognose glaubhaft. Er wollte natürlich wissen, wie ich das begründete, und ich legte es ihm dar.
Die Party ging weiter. Durch die Anwesenheit des Kanzlers befanden sich alle in Hochstimmung, vor allem der Chefredakteur, der nun sicher wußte, daß am nächsten Tag alle über dieses Event seiner Zeitung reden würden, eben als gesellschaftlichen Höhepunkt des zu Ende gehenden Jahres 2017. Um ihn herum standen schon wieder nicht weniger als vier Frauen, die bildschön zu nennen keine langweilige Formulierung wäre, drei davon klassisch blond und playboyhaft jung, völlig aus der Zeit gefallen also, sodaß ich mich erschrocken umsah, ob wir beobachtet würden. Im Zeitalter der #MeToo Bewegung konnte einem das Herumstehen mit solchen Sexbomben die Karriere kosten. Bestimmt waren das AUCH noch hochqualifizierte RedakteurInnen, und deswegen standen sie da, trotzdem: Ich bewunderte den Chefredakteur für seinen Mut. Gewiß war er einer der Letzten seiner Art. Und gewiß war das dann auch eine der letzten guten Partys, zu denen eben solche Frauen immer unabdingbar dazugehört hatten. Sebastian Kurz hatte sich inzwischen zu meiner Frau gestellt, die er nämlich nach wie vor schätzte, was ich nachdenkenswert fand. Es sprach sehr für Kurz, daß er das tat und daran in all den zurückliegenden Jahren unbeirrbar festgehalten hatte, denn meine Frau war eine ultralinke Stimme im österreichischen Journalismus, einige hielten sie sogar für die einzige verbliebende linksradikale Journalistin. Das bedeutete, daß sie die Politik des Shooting Stars Sebastian Kurz wöchentlich in ihrer Zeitung geißelte. Auch in der neuesten Ausgabe, die an diesem Tag erschienen war und in den Partyräumen auslag, hatte sie auf drei Heftseiten gnadenlos zugeschlagen. ‚Das rechte Denken‘ hieß ihr politisch-philosophischer Essay, in dem sie wahrheitswidrig nahelegte, im Kabinett des neuen Kanzlers säßen Rassisten. Das war schon deshalb abwegig, weil seit dem 8. Mai 1945 kein Mensch mit Abitur mehr an Rasse oder verschiedene Blutsorten zu glauben vermochte, so wenig wie an die Jungfrauengeburt oder die Erschaffung der Welt in sechs Tagen. Das war einfach Quark und jeder wußte es, jedenfalls Leute in leitenden Funktionen. Trotzdem geisterte der ‚Rassismus‘-Vorwurf immer wieder durch die politische Debatte. Wohl deshalb suchte Kurz das klärende Gespräch mit meiner Frau, die ihn aber, trotz innerer Wallungen höchster Sympathie, erneut abblitzen ließ.
„Wie geht es Ihnen?“ fragte Kurz.
„Den Umständen entsprechend“, raunzte sie missmutig.
„Oh! Was sind denn das für Umstände?“
„Na, die neue Regierung, die Sie uns eingebrockt haben!“ stieß sie hervor.
Er versteinerte und sagte nichts mehr. Was sollte er auch antworten? In Rekordtempo hatte er die neue Koalition geschmiedet, mit sehr unterschiedlichen, jahrzehntelang böse verfeindeten Partnern, und in nur acht Wochen. Österreich hatte später als Deutschland gewählt, wo es immer noch keine neue Regierung gab. Er schaute lange in das schöne Gesicht der Journalistin, erst finster, dann fragend, bis sie endlich nachgab.
„Passen Sie halt ein bißchen auf Ihre Leute auf…“ meinte sie nun, schon versöhnlicher. Das Eis war wieder einmal gebrochen. Es war nicht möglich, diesem Mann auf Dauer böse zu sein. Sie blieben sich treu. Er würde sie auch beim nächsten Zusammentreffen nett ansprechen, und sie würde seine Politik weiter als rechten Horror beschreiben. Wir waren schließlich in Österreich, und genau dieser Dinge wegen war ich hier.

Der neue Kanzler von Österreich Sebastian Kurz in der k u. k Zuckerbäckerei Demel

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