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vonlottmann 01.01.2018

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Pop meets Flüchtlingspolitik

Joachim Lottmann versteht sich gerne als „Pop-Literat“. In seinem neuen Roman „Alles Lüge“ wird erstmals die Politik zum tragenden Element. Immerhin sind die Deutschen durch die Flüchtlingskrise politisiert und polarisiert wie seit Langem nicht. Protagonist Johannes Lohmer jedenfalls neigt bei dem Thema zur Polemik.

Von Wolfgang Schneider

„Alles Lüge“ beginnt mit einem albtraumhaften Urlaub im schuldengeschüttelten Griechenland, zeichnet dann die Eskalation der Flüchtlingskrise seit dem Sommer 2015 nach und endet im terrorgeschockten Südfrankreich. Joachim Lottmann macht in seinem neuen Roman nichts anderes, als die Ereignisse eines Jahres und ihre mediale Begleitmusik mitzuschreiben.

Und natürlich die Debatten darüber im linksliberalen Freundeskreis seines Protagonisten Johannes Lohmer: lauter Autoren, Künstler, Medienmenschen. Mit feinem Gespür für falsche Töne zeigt Lottmann die hysterische Willkommensrepublik Deutschland in ihrem Komödienpotenzial.

Lohmer kann es jedenfalls nicht mehr hören: Etwa nach Terroranschlägen die stereotype Mahnung, man dürfe jetzt „keine voreiligen Schlüsse“ ziehen, mit dem Islam habe das alles doch nichts zu tun – und wer das Gegenteil behaupte, betreibe eine „schändliche Instrumentalisierung des Geschehenen im Dienste“ – nun ja – „rassistischer Hetze“. Die meisten Muslime seien doch friedliebende Bürger.

„Es war, als hätte man früher aktive Faschisten dadurch verharmlost, dass es doch auch gute Deutsche gab…“

Polemisiert Lohmer. Islamophobie-Angst wird zum Maulkorb der Aufklärung, die in jahrhundertelangen Kämpfen Freiräume gegen die Religion erkämpft hat – ohne dass dabei von so etwas wie Christophobie die Rede gewesen wäre. Der Erfolgsschriftsteller und Religionsexperte Navid Kermani wird für Lohmer zur Verkörperung des Zeitgeists:

„Der Mann war brillant, sympathisch, ernst und humorvoll zugleich. Dennoch befand sich sein gesamtes Denken in der Vormoderne, als lebten wir nach wie vor in der Zeit zwischen Goethe und Adenauer. Er beschäftigte sich mit dem Religiösen, der Bibel, dem Koran, und er tat so, als hätte niemand von uns etwas anderes und vor allem Besseres zu tun. Und die Zuschauer bestätigten ihn darin. Ich sah mich um. Überall nur muffige, weißhaarige Gutmenschen. Die Generation der Ahnungslosen.“
Man liest mit permanentem Fake-Verdacht.

Lottmanns Texte bieten ein schillerndes Gemisch aus Fiktion und Realität, man liest sie mit permanentem Fake-Verdacht. „Alles umlügen, dass sich die Balkan biegen, aber so verblüffend intim, dass es jeder glaubt“ – so hat der Autor seine Arbeitsweise einmal charakterisiert. Zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens geistern durch seine Romane. Auch in „Alles Lüge“ ist die Dichte an Prominenz wieder hoch. Neben Kermani und einer Reihe weiterer Schriftstellerkollegen bekommt der Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff sein Fett weg, Norbert Blüm wird abgestraft, und die Feuilletonisten der „Welt“ werden als „fabelhafte Springer-Boys“ zu Tode gepriesen.

Pop goes Politik! Ausflüge in diese Sphäre hat Lottmann schon früher unternommen, etwa im Roman „Zombie Nation“, wo er als „Schröderist“ dem damals gerade abgewählten Bundeskanzler huldigte. In „Alles Lüge“ aber wird die Politik nun erstmals zum tragenden Element eines Lottmann-Romans. Schließlich sind die Deutschen durch die Flüchtlingskrise politisiert und polarisiert wie seit Langem nicht, mancher Riss geht mitten durch Freundes- und Bekanntenkreise, durch Familien und Beziehungen. Daraus bezieht der Roman seinen sehr zeitgemäßen Grundkonflikt. Denn auch zwischen Lohmer und seiner Lebensgefährtin Harriet schwelt es. Sie ist eine linksorientierte Journalistin; Lohmers Gedanken aber driften in die Gegenrichtung. Lottmann inszeniert sein Alter Ego seit je als Querkopf und Widerspruchsgeist.

„Ich sah die Dinge notorisch anders, als es gerade vorgeschrieben war…“

Bekennt er an einer Stelle. Und rupft die Blüten der politischen Korrektheit.

„500 Millionen Europäer sahen nun seit Jahren diese Sendungen über Krieg und Wüste, den IS mit flatternden Fahnen, Pick-ups mit Maschinengewehren, Männer, Kämpfer, Moscheen, Muezzin-Rufe, Bärte, wieder Wüste, zerschossene Gebäude, Ruinen, Fahnen, betende Männer, martialische Männer und Allahu-Akbar-Rufe. Immer nur Beten und Morden. Religion und Gewalt. War es nicht möglich, dass viele Europäer eine natürliche Abneigung entwickelten? Und dass sie diese Leute nicht in Europa sehen wollten, selbst wenn nur jeder Zehnte von ihnen so abscheulich tickte wie diese ‚Kämpfer‘? Dass sie, die Europäer, keine abstrakten ‚Ängste‘ hatten, die sie rechtspopulistisch wählen ließen, sondern ganz konkrete und reale Abneigungen?“

So grübelt Lohmer. In den Streitgesprächen mit Harriet aber hält er meist nur zaghaft dagegen, um den Konflikt mit seiner geliebten Frau nicht zu schüren. Und letztlich weiß er auch gar nicht so genau, was nun richtig ist, schwankt in seinen Sympathien.
Küchendienst im Flüchtlingsheim

Wo man mit seiner Meinung nicht weiterkommt, ist Erfahrung hilfreich. Gemeinsam mit Harriet besucht Lohmer als Reporter einen AfD-Parteitag, den er als deprimierende Ansammlung von schlechtangezogenen alten Männern erlebt. Dann schleicht er sich in Berliner Flüchtlingsheime ein, mal gibt er sich als „Unterkunftsbeauftragter der Stadt Wien“ aus, mal als vermeintlicher Nachbar, der helfen will – und wird prompt zum Küchendienst eingeteilt. Dort erlebt er apathische Geflüchtete und Menschen mit fragwürdigem Helfersyndrom. Direkt von diesen Unterkünften begibt er sich dann wieder zu den Partys und Lesungen der Bohème von Berlin-Mitte – und macht die Erfahrung, dass in dieser Szene die Flüchtlingskrise ein komplettes Tabu ist:

„Auf meinem Pullover klebte immer noch das Kreppband mit meinem Namen, das ich im Flüchtlingsheim getragen hatte, und jetzt machte ich es hastig und verschämt ab. Von den Redakteuren, Lektoren, Herausgebern, Literaturagenten und Autoren wollte wohl keiner mit dem Flüchtlingsthema belästigt werden. Ich sprach im Lauf des Abends mit unzähligen von ihnen, doch nicht ein einziges Mal kam die Rede auf das hässliche Dauer-Sujet der Deutschen. (…) Wenn ich von meiner Küchenarbeit in der Notunterkunft erzählte, schalteten alle innerlich sofort ab und verabschiedeten sich schnell.“

Mit der Schließung der Balkanroute ändert sich Lohmers Sicht auf die Flüchtlingskrise. Wenn nicht noch weitere Millionen Migranten zu erwarten sind, kann er anfangen, die Million, die schon da ist, zu schätzen – als Jungbrunnen für die „deutsche Seniorengesellschaft“. Die Türken und Araber in ihren „warmen Verbänden“ erscheinen ihm beim Flanieren durch Neukölln plötzlich viel sympathischer als zum Beispiel die, wie er sagt, „neuen deutschen Eltern im Prenzlauer Berg mit ihren rechthaberischen Gesichtern“. In diesen Passagen lässt er das neue muslimische Deutschland in der ironischen Manier von Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ hochleben:

„Die Cafés waren offenbar entweder für ganz junge Männer reserviert oder für ganz alte. Frauen sahen wir nie, die durften sich wohl nicht ausruhen. Manchmal schleppte eine schwere Tüten und ein paar Neugeborene vorbei. Diese Welt war eine Männerwelt, die Harriet sicher missfallen hätte, aber da ich ein Mann bin, fühlte ich mich in ihr wohl. Frauen wurden ganz schön verachtet, glaube ich, aber das war ja nur die eine Seite der Medaille. So lieblos das schwache Geschlecht behandelt wurde, so liebevoll das eigene. Sobald ich einen Blickkontakt mit den jungen Muslimen hatte, strömten mir Liebe und Vertrauen entgegen, eben weil ich das richtige Geschlecht hatte.“

Schräger Humor in guter Form

Joachim Lottmann versteht sich gerne als Popliterat; mit mehr Recht könnte man ihn als den Schriftsteller für ironische Herren jenseits der Lebensmitte bezeichnen. Seine Stärke ist kein knalliger, gebärdenreicher, sich authentisch gebender Stil, sondern ein gemächlich-gemütliches Parlando, das seine doppelbödigen Reize durch schrägen Humor bekommt.

„Alles Lüge“ hat allerdings Längen. Inzwischen nervt Lottmanns Szene-Getue ein wenig, diese Selbstinszenierung als gefragter Mann, dieses Dabeigewesenseinwollen überall dort, wo der Scheiß heiß ist und die angesagten Partys stattfinden. Lottmanns Romane berichten oft von Niederlagen und Demütigungen; gerade deshalb sind sie zugleich geprägt von einer verzehrenden Sehnsucht nach Pop, Glamour und Celebrity. So ist Lohmer auch in „Alles Lüge“ wieder auf der urbanen Pirsch, im Visier hat er frisch ausgewilderte Pop-Autorinnen wie Ronja von Rönne. Dieser Jugendwahn ist eine Krise des Alterns – und erscheint inzwischen als ziemlich abgenutzte Masche.

Davon abgesehen ist Joachim Lottmann hier aber in guter Form. „Alles Lüge“ schließt nach einigen schwächeren Büchern wieder an die Stärke seiner Romane „Endlich Kokain“ und „Der Geldkomplex“ an. Die Werke dieses Autors sind Bruchstücke einer eigenwilligen Konfession, die inzwischen auf mehrere tausend Seiten angewachsen ist. Whole lotta Lottmann! Seine Mischung aus Satire, Polemik, übler Nachrede, scharfer Beobachtung und klugen Gedanken bietet eine offensive Auseinandersetzung mit der Gegenwart, wie man sie in der deutschen Literatur sonst nur selten findet.

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(An dieser Stelle befand sich zunächst eine Rezension, die jedoch entfernt wurde, da sie nicht mit dem Weltbild der taz kompatibel ist.)

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Die Gutmenschen – und die etwas schlechteren …
von Manfred Rebhandl
Der in Wien lebende deutsche Schriftsteller Joachim Lottmann hat die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 auf hohem Niveau abgearbeitet – ohne die Mittel der verbiesterten Rechthaberei Der extrem gut aussehende Johannes Lohmer trinkt Schnaps aus einer gelben Shampooflasche, die er als Flachmann stets mit sich führt, immerhin hat er sie vorher gut ausgespült. Wir schreiben das Jahr 2015, europäisches Schicksalsjahr.
Bald wird uns alles um die Ohren fliegen, bald werden sich ganze Staaten auflösen und die EU gleich mit dazu. Der Grund? Die Flüchtlingskrise! Da kann ein kräftiger Schluck aus der Shampooflasche nicht schaden. Johannes Lohmer, Ende 50, Schriftsteller und wohl Alter Ego des Autors Joachim Lottmann, mäandert durch dieses bewegte Jahr, hält sich mal in Wien auf, mal im Szene-Berlin, zu Anfang des Buches in Athen, obwohl „doch jeder Leser weiß, wie hundsanstrengend eine Reise in ein fremdes Land ist!“.
Dort interessiert ihn die Euro-Krise und „die kommunistische Regierung oder so was in der Art“, welche dort gerade regiert. Das private, über Internet gebuchte Quartier ist aber eine teure „Kloake“, und Lohmer hat bald die Schnauze voll. Die Weiterreise mit der ebenfalls extrem gut aussehenden Gattin auf das „bizarre, sumpffieberverseuchte Kreta“ lehnt er konsequenterweise ab. Dort gibt es nämlich nur „noch mehr Mücken, noch mehr Malaria und erst recht keine Tankstellen“. Alles zusammen würde unweigerlich zum lange erwarteten Herzinfarkt führen. Seine Gattin Harriet ist Redakteurin beim Nachrichtenmagazin Format, mit „Kopfweh, Fieber, Nebenhöhlen und Melancholie“ ist sie vorzüglich beschrieben.
Obwohl als investigative Journalistin von Islamisten selbst ständig an Leib und Leben bedroht, plädiert sie „für die Völkerverständigung, den Frieden und den Eierkuchen“. Gegen sie traut sich Lohmer kaum aufzumucken. Tut er es doch, muss er sich anhören: „Ach, wie interessant, so denkst du also. Schön, das mal zu erfahren!“ Für Muslime, gegen Islam Wie aber denkt er denn, dieser Johannes Lohmer? Grob umrissen ist er für Muslime, aber gegen den Islam, und das war „auch schon im Sommer meine Parole!“. Solch feine Differenzierung ist aber nicht gefragt in diesem Jahr, in dem sich beide Seiten, die Gutmenschen und die etwas schlechteren, einbunkern und sich mit Stehsätzen bewerfen: „Menschen sind Menschen und alle gleich!“, muss Lohmer sich anhören, oder: „Wenn du nicht auf der Stelle erklärst, dass Islam und Islamismus etwas vollkommen anderes, ja sogar vollkommen gegensätzlich sind, beende ich das Gespräch. Dann wäre es nämlich niveaulos!“ Joachim Lottmann hat in Alles Lüge die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 auf hohem Niveau abgearbeitet, erfreulicherweise nicht mit den Mitteln der verbiesterten Rechthaberei. Wie ein guter Boxer lässt er seinen Helden Lohmer Wirkungstreffer in alle Richtungen verteilen, in einem einzigen Absatz kann dieser Lohmer abgrundtief verachtend und herzerwärmend zärtlich zugleich sein. Um eine falsche Fährte auszuschildern (oder um die Latte hoch genug zu legen?), hat er das Buch Michel Houellebecq gewidmet, dem griesgrämigen Thailand-Dauerurlauber und Islamophobiker. Lottmanns Blick auf die Welt in den Zeiten der Krise ist aber ungleich vielfältiger und nicht so endzeitlich verbittert wie der des Franzosen. Lohmers Suche nach einer Haltung zu den ganzen Flüchtlingen, von denen er gerne eine Million haben möchte, vier Millionen aber bitte nicht, ist so ehrlich wie verzweifelt, so saukomisch wie todtraurig. Dabei bedient Lottmann einschlägige Erwartungen gleichermaßen, wie er sie unterläuft: Er lässt seinen Helden tief in den Schmutzkübel greifen, wenn dieser über kommende Sexualstraftäter unter den Ankommenden schwadroniert, schickt ihn aber auch „Flüchtlinge einsammeln“ an die burgenländische Grenze, wo ihm die „jungen Heroen aus Aleppo“ deutlich sympathischer erscheinen als die verschwitzten und fetten Österreicher. Als die Gattin jedoch selbst Flüchtlinge aufnehmen will, gibt Lohmer zu bedenken: „In die Gästewohnung? Dann wohnen gleich alle elf dort! Nehmen wir sie lieber in die Hauptwohnung.“ Womit treffend das Milieu umschrieben wäre, in dem diese mit Vorurteilen und dem bemühten Kampf dagegen spielende Groteske angesiedelt ist. Liebe in Zeiten der Krise Gott sei Dank hat Lohmer eine eigene Fluchtwohnung in Berlin, in die er sich zum „Klassiker-Lesen“ zurückziehen kann. Mehr als eine Seite von dem Zeug schafft er aber nie, er hat ja selbst gerade ein Buch geschrieben, in dem er wieder mal alle Freunde beleidigt hat, und arbeitet nun an „Der zweite Faschismus“, womit er den islamischen meint. In Berlin wird er ständig abgelenkt, zählt er sich doch zu den „100 oder 200 jungen Kreativen, die das Rückenmark der Berliner Republik ausmachen, ohne es zu wissen“. Buchpräsentationen sind nur dann gelungen, wenn man erfreut berichten kann, dass Zeit-Kritiker Ijoma Mangold da war. Dieses Berlin ist voller „Rasse-Weiber“, „Bomben im Bett“, „absoluter Granaten“, gleichzeitig tauchen immer wieder die Draschan-Brüder auf, in Wiens Café Anzengruber weltbekannte Künstler, sie erscheinen hier wie aus der Welt gefallene Figuren in einem guten Film der Gebrüder Coen. Zwischendurch fliegt Lohmer gerne mal nach Wien und schaut der „Springmaus“ Mavie Hörbiger im Burgtheater auf die „hübschen, kleinen Titten“. – „Wirklich gut, dass wir die erste Reihe genommen haben!“, raunt er einem befreundeten Feuilletonisten zu. Besser kann man „den Betrieb“ nicht beschreiben. Lottmanns hochkomischer, stets nahe am Voyeurismus schrammender Blick auf das zunehmend verblödende, im eigenen Saft schmorende Kulturleben, das er den anstürmenden Flüchtlingen quasi als mahnende Endstufe unserer sterbenden, lendenlahmen Gesellschaft gegenüberstellt, ist daher vielleicht noch gelungener als der auf die Flüchtlingskrise selbst. Dass Lottmann die „Lösung“ des ganzen Schlamassels am Ende ausgerechnet in die Hände des „smarten Außenministers Kurz“ legt, darf man ihm getrost nachsehen, hat er uns doch über weite Strecken des Buches mit Wahrheiten der Sorte „Jazz war für mich schon immer das Gegenteil von Musik“ verwöhnt. Oder er hat uns detailliert nachgewiesen, warum der rechte Bestsellerautor Thilo Sarazin nicht „pauschalisiert“, sondern „bis zum Umfallen differenziert“. Da ist Lohmer gerade mit Cousin Spundi unterwegs nach Pinkafeld, um den „kommenden Bundespräsidenten Hofer“ zu besuchen. In Wahrheit wurde es Hofer dann doch nicht, aber in Alles Lüge wird man auch in fünfzig Jahren noch nachlesen können, wie es „damals“ war: Als Lohmer mit seiner Harriet dann doch noch Kinder wollte, „kleine Antifaschisten, von Anfang an“, um dem „Islamismus in der grauslichen Stadt Berlin“ entgegenzutreten. Denn Liebe war die einzig richtige Antwort, auch in jenen stürmischen Zeiten.

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In der Filterblase der Etablierten
Widerspruch aus dem Mainstream: Joachim Lottmann über Wahrheiten und Lügen im sozialen Käfig
von Ludwig Witzani

Innerhalb der deutschen Literaturszene spielt Joachim Lottmann in etwa die gleiche Rolle wie Jan Fleischhauer beim Spiegel. Er haut mit seiner abweichenden Meinung mächtig auf die Pauke und gehört trotzdem dazu. Wie ist das möglich? Literarische Begabung allein kann das nicht erklären. Im Fall von Lottmann kommt dreierlei hinzu: gute Vernetzung, ironische Distanz als Weichzeichner unbequemer Wahrheiten und die Beachtung bestimmter Grenzen, die letztlich auch für Lottmann oder Fleischhauer gelten. „Alles Lüge“, der neueste Roman von Joachim Lottmann verdeutlicht dieses Erfolgsrezept in ganz besonderer Weise.

Johannes Lohmer, die Hauptperson des vorliegenden Romans und das unverkennbare Alter ego des Autors, ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der sein Leben in einer deutsch-österreichischen Komfortzone aus Zweitwohnung, Cabrio, Galas und Verlagsempfängen verbringt. Arriviert und hinreichend fortschrittlich wie viele seiner Schriftstellerkollegen, könnte das Leben so wunderbar sein, wenn sich Lohmer nicht mit einem linksuntypischen Gebrechen herumschlagen würde: Angesichts der Integrationsverweigerung vieler Flüchtlinge und der Zunahme des islamistischen Terrors in Europa zweifelt er plötzlich an der Weisheit der deutsch-österreichischen Flüchtlingspolitik!

Doch so oft er auch in aller Vorsicht seine Vorbehalte vorträgt, so penetrant wird ihm mit dem Doppelcredo der herrschenden „Refugee Welcome“-Ideologie geantwortet: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“; oder: „Wirkliche Gefahr geht nur von den Rechten aus“. Lohmer ist viel zu intelligent, um diesem Mantra zu glauben – aber auch zu vorsichtig, die aufgezeigten Grenzen zu mißachten. So geht er in Deckung – und das gleich doppelt. Privat redet er seiner linken, strikt feministischen und bildschönen Journalisten-Gattin nach dem Munde, weil sie ihn sonst nicht mehr an ihren Luxusleib lassen würde. Und öffentlich zieht er sofort den Kopf ein, wenn es einem anderen, wie etwa dem Welt-Journalisten Matthias Matussek, wegen dessen Islamkritik an den Kragen geht.

Persönlich und beruflich im Dauerappeasement

In der Nachzeichnung dieses Dauerappeasements, dem sich Lohmer im persönlichen und beruflichen Interesse unterziehen muß, liegt der erzählerische Schwerpunkt des Buches. Leicht ironisch in der Diktion, gut lesbar und peppig, entfaltet der Autor das Bild einer von der Lebenswirklichkeit der normalen Bevölkerung völlig abgekoppelten, aber gut versorgen Medienelite, die noch an den gewaltlosen Islam glauben wird, wenn die Dschihadisten bereits ihre Treppenhäuser hochstürmen werden. Es ist eine Welt aus lauter Jakob Augsteins, Navid Kermanis, Ulf Poschardts, in der man sich kennt und schätzt, niedermacht und promotet und dabei peinlich darauf achtet, innerhalb der politisch korrekten Vorgaben zu bleiben.

„Der linke Mainstream hatte sich in der Flüchtlingsfrage stärker und schneller radikalisiert als der rechte Stammtisch“, resümiert Lohmer. „Wer das Wort ‘Flüchtlinge’ öffentlich in den Mund nahm und nicht umgehend auch ‘Hurra’ schrie, war medial erledigt.“ War man erst einmal wegen kritischer Äußerungen zum Islam aufgefallen, blieb einem nur noch, umgehend coram publico und demonstrativ in einem der großen Blätter vor der „Islamophobie“ zu warnen. Ein Schelm, wer hier an die Distanzierung Sloterdijks von seinem früheren Mitarbeiter Marc Jongen denkt.

Schon allein wegen solcher Sentenzen ragt „Alles Lüge“ turmhoch über politisch streng korrekte Erbauungsliteratur wie „Gehen, ging, gegangen“ hinaus. Zum ersten Mal legt ein Autor aus dem etablierten Literaturbetrieb den Finger in die Wunde der politischen Korrektheit und scheut sich nicht, seinen Wiedergänger Johannes Lohmer ganz selbstkritisch als opportunistische Literaturlarve darzustellen. Daß Lottmann für dieses Buch seinen alles andere als konservativen Hausverlag Kiepenheuer & Witsch gewinnen konnte, ist mindestens bemerkenswert. Aber eben nur teilweise relativiert auch dieser Umstand die Lohmannsche Medienkritik, denn bei aller Kritik an der „Wir schaffen das“-Propaganda verbleibt der Autor – übrigens ganz ähnlich wie Robin Alexander in „Die Getriebenen“ – wenigstens im Wesentlichen im Common sense seines Milieus.

Während Jakob Augstein, der die Massenexzesse von Köln als „Gegrapsche“ verharmloste, im Buch als freundlicher Womanizer auftritt, erscheinen die Angehörigen der außerparlamentarischen Opposition, „die Rechten“, „die Nazis“ oder „Pegida“ als eine diffuse Bande von Untoten, die nur dann und wann ihr Gorgonenhaupt aus dem Off erheben. „Eine überschnappende Stimme, ein zustimmendes dunkles Massengeblöke, höhnisches Lachen. Wir waren richtig, hier war die AfD“, heißt es zum Beispiel, als der Protagonist einen AfD-Parteitag besucht. Eine literarisch angemessene und psychologisch überzeugende Darstellung eines „Rechten“, eines konservativen Patrioten, oder eines nationalliberalen Bürgers jenseits der üblichen Karikatur ist offenbar das letzte Tabu, vor dem selbst ein mutiger Autor wie Lottmann zurückschreckt – allerdings so plakativ, daß dem aufmerksamen Leser die Dekuvrierung dieses Kotaus als Kotau nicht entgeht.

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Joachim Lottmann schrieb zuletzt über das Leben als Schriftsteller oder Koks-Diäten. Jetzt wird er politisch. In seinem neuen Roman lässt er seinen Protagonisten über die Flüchtlingskrise sinnieren. Partys in Berlin und Wien gibt es natürlich immer noch.

Joachim Lottmann hat seinen neuen Roman Michel Houellebecq gewidmet. Houellebecq beschrieb zuletzt in seinem umstrittenen Roman „Unterwerfung“ (2015) ein Frankreich unter muslimischer Herrschaft.

In Lottmanns Roman „Alles Lüge“ regiert zwar noch Merkel, aber seine Hauptfigur schaut mit zunehmendem Unbehagen auf muslimische Zuwanderung. Was eigentlich eine Geschichte über eine Ehe sein soll, ist der politischste Roman, den Lottmann bislang geschrieben hat.

Johannes Lohmer – Lottmanns ewiger Protagonist, der irgendwie immer auch er selbst sein könnte – hat ein Problem. Er sagt meistens nicht das, was er wirklich denkt, weil er seine gutaussehende Frau Harriet nicht enttäuschen und einfach sehr gerne mit ihr schlafen möchte. Harriet nämlich – eine sehr linke Journalistin, die über die österreichische Innenpolitik berichtet – will niemals etwas Kritisches über den Islam hören, auch nicht wenn muslimische Minderjährige sie sexuell belästigen.

Für Lohmer wird es ein hartes Jahr – in Wien, wo er lebt, in Berlin, wo er auch gern lebt, und im Urlaub, in den er mit seiner Frau fahren muss. Er erzählt den Sommer 2015 bis 2016 nach – von Deutschen, die Flüchtlinge klatschend an Bahnhöfen empfangen, über die Silvesternacht in Köln, bei der Frauen massenhaft sexuell bedrängt werden, einen AfD-Parteitag oder die Bundespräsidentenwahl in Österreich bis zum Terroranschlag von Nizza.

Lohmer merkt immer wieder, dass er mit seinen Gedanken aneckt oder sie besser für sich behalten sollte, denn er will keinesfalls als rechts gelten – und sieht sich auch nicht so. „Ich hätte mich Wutbürger nennen können, wenn dieser Begriff nicht bereits für jene reserviert war, die das genaue Gegenteil meiner Gedanken im Kopf hatten.“

Er glaubt halt nicht recht an Integration. „Ich verstehe jeden der Flüchtlinge, die jetzt aus Syrien kommen, dass sie lieber ein neues Syrien aufbauen wollen in Deutschland als dass sie so werden wollen wie die tote Population im Alten Europa, in Flensburg, Husum oder Hallstatt.“ Er hat nichts gegen seine neuen Mitbürger: „Insgesamt machten sie auf mich einen interessanteren und sympathischeren Eindruck als die österreichische Urbevölkerung, die ja bekanntlich recht hässlich, degeneriert, überaltert und verfettet daherkommt.“

Zugleich ärgert er sich über die antisemitische und frauenfeindliche Einstellung der Muslime – jedenfalls ist er überzeugt, dass sie alle eine solche haben. Das liest sich dann so: „Die Juden waren für sie der Weltfeind, man musste sie ins Meer werfen.“ Oder so: „Antiautoritäre Erziehung, Frauenbewegung, Menschenrechtsbewegung – alles Fehlanzeige bei den reaktionären Knackern da.“

Lottmann zeichnet mit diesem Roman unsere Gegenwart nach und zwar so scharf, dass man alles auch als große Satire lesen darf. Sein Protagonist jedenfalls erwähnt stolz, dass er extra seine Rolex daheim hat liegen lassen, bevor er im Flüchtlingsheim Essen verteilt und verklärt Berlin als Mekka der Freiheit, wenn er Tee trinkende türkische Männerbünde in Neukölln plötzlich als männliche Version des Cyndi Lauper Songs „Girls Just Wanna Have Fun“ sieht.

Ein heiterer Grundplauderton, der die spitzfindigen Aussagen kontrastiert, ist das Prinzip Lottmann, über den die „Süddeutsche Zeitung“ einmal schrieb: „Der große Lügner Joachim Lottmann sollte der Schriftsteller unseres Vertrauens sein.“

Denn klar: der 57-Jährige schreibt auch hier permanent über Leute, die tatsächlich existieren und mit denen der Protagonist trinken geht – vom „Welt“-Feuilletonisten Jan Küveler bis zur Autorin Ronja von Rönne. Er gibt auch hier seinem Protagonisten im Grunde seine eigene Autobiografie mit. Und natürlich bleibt er doch immer in der Fiktion. Die NSU-Terroristin Beate Zschäpe heißt bei ihm dann plötzlich Tschäpe, der Burg-Schauspieler Michael Maertens wird zu Mertens und in Neukölln läuft er eines Tages zum Hilsenbruchplatz – den es gar nicht gibt.

Fast schon platt mag man da den Romantitel „Alles Lüge“ finden. Aber natürlich ist er nicht platt. Lottmann bleibt sich einfach treu.

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