vonlottmann 18.01.2018

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Ich möchte heute über ein Phänomen berichten, das Ihnen unbekannt sein wird. Und von dem Sie unter normalen Umständen auch nicht behelligt werden möchten. Es ist ein Gebiet, in das bisher noch kein seriöser Journalist vorgedrungen ist. Am wenigsten ich. Auch für mich war es eine Reise ins Unbekannte, ins schier Unbegreifliche, in eine Welt, für die es bisher keine Worte gab. Aber wie Wilhelm von Humboldt, der vor über 200 Jahren unerschrocken ins Innere Südamerikas vordrang, trieb mich jener unauslöschliche Wissensdurst, der deutschen Wissenschaftlern von je her eigen ist. Ich werde zunächst das Thema definieren und in einem zweiten Schritt ausführlich meine entsprechende Reise beziehungsweise Reportage schildern.

Es geht im weitesten Sinn um Kindermusik des 21. Jahrhunderts, und im Besonderen um eine junge Sängerin, die erst Hannah Montana hieß und später Miley Cyrus. Die eine Odyssee schockierender Art durchlief, eine Persönlichkeitstransformation vom christlich erzogenen braven Kind, Idol für hunderte Millionen anderer braver Kinder, zur vulgären, sexistischen Schlampe, und dabei deren Idol blieb, und die bis heute mehr Tonträger verkauft als Katy Perry und Taylor Swift zusammen. Wobei das Interessante der Grad der Übertreibung ist, also die verblüffende Maßlosigkeit der eingenommenen Identität. Nie war ein Teen-Star mit 14 dermaßen rigide angepasst und nie so schmutzig und übergriffig pornographisch nur drei Jahre später. Das ist das Thema. Soweit versteht man noch alles. Bis hierhin hat der Journalist kein Problem, könnte man meinen.

Es fällt aber schon zu Beginn der Recherche auf, daß es keinerlei Texte zu diesem erfolgreichsten Popstar der letzten zwölf Jahre gibt. Hannah Montana alias Miley Cyrus ist kommerziell erfolgreicher als Ariana Grande, als Selena Gomez, natürlich auch als Madonna, die ihre Oma sein könnte. Trotzdem hat Wikipedia nichts darüber auf der Liste. Lediglich unsere unbestechliche preußische Institution DER SPIEGEL hat sich im Jahr 2006 zu einem Konzertbericht durchgequält.


Ein hübscher Text übrigens. Für diesen Mut muß man das Hamburger Nachrichtenmagazin einfach lieben, auch wenn sich natürlich kein namhafter Redakteur, der einen Ruf zu verlieren gehabt hätte, dafür hergegeben hat. Eine Volontärin mußte ran, von der man später nie wieder etwas hörte. Zu peinlich, die ganze Sache. Unter Popmusik versteht der deutsche Musikredakteur immer noch Dinge, die er unter den Kürzeln Rock, Funk, Blues, Jazz, Folk, Punk oder Rap einordnen kann. Am liebsten mag er Musiker, für die gleich mehrere dieser Kürzel anwendbar sind, im Moment zum Beispiel die neue Rapperin Hayiti, die sich gegen die blöden Zuordnungen nicht wehren kann. Aber für die Geräusche, die bei Hannah Montana entstehen beziehungsweise entstanden, kam keines dieser Kürzel infrage.
Was sollte ein altgedienter Journalist, der gerade Bob Geldof über den Hunger in Afrika befragt hatte, zu einer Göre aus dem Disney Kinderfernsehen sagen, die mit ihrem Purity Ring protzte, den sie zu Ehren ihres Vaters trug, ein Symbol für sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe? Wenn er keine Kinder hatte, war ihm der ganze Disney Bereich ohnehin unter der Wahrnehmungsschwelle durchgerutscht. Wobei jetzt die Frage entsteht, wieso gerade ich, dessen Kinder längst erwachsen sind, auf das Thema stieß.
Die Antwort heißt Indien. In den Jahren 2007 bis 2009 hielt ich mich dort auf, um menschliche Studien vorzunehmen. Ich stieg nur in den wenigen guten Hotels ab, die es dort gab, in der Regel eines pro Metropole. In Kalkutta etwa fand ich nur ein einziges mit Klimaanlage, und dort verschanzte ich mich. Man konnte sich innerhalb des Gebäudes inklusive der weißmarmornen Lobby gefahrlos bewegen, und im Zimmer hatte ich einen Fernsehapparat mit 99 Programmen. 98 davon waren indische Nachrichtenkanäle oder religiöse Kanäle, ein einziger war nichtindisch, und auf dem liefen in der Endlosschleife die ersten drei Staffeln von Hannah Montana. So wurde ich gezwungen, diesen Kanal manchmal mit den Augen zu streifen.


Es war schrecklich. Ich verstand es nicht. Ich sah ein definitiv nicht schönes, offenbar in der Pubertät steckendes Mädchen, das die Stimme eines Frosches hatte. Hatten die Inder die Stimme synchronisiert? Unmöglich, denn das seltsame Gequake war bei angestrengtem Hinhören doch immer noch als eine Form von Englisch, besser Highschool-Jargon-Amerikanisch, zu identifizieren. Die Sprache also hörte ich noch, aber den Inhalt verstand ich nicht. Niemals. Ich wußte nicht, worum es ging. Nicht im Großen und nicht im Detail. Heute weiß ich, daß es schon damals um eine Doppelidentität ging. Nämlich um eine kleine, schüchterne Schülerin, die in der Klasse gemoppt wird und die aber abends heimlich in Kneipen als Schlagerkönigin Lieder singt und dort ganz selbstbewusst auftritt. Schon da tauscht sie Faltenrock und Rosenkranz gegen Glitzerhöschen und bauchfreies Top. Das mußte sie auch tun, weil selbst ihre bravsten und jüngsten Fans keinen Faltenrock mehr trugen, sondern schon beim Erdkundeunterricht wie aufgebrezelte Lolitas herumsprangen. Nur logisch, daß sie das hässliche Entlein mit dem Purity Ring mobben mußten.
Doch weiter in meiner Erzählung. Habe ich jemals eine Folge ganz gesehen? Oder wenigstens eines der dort vorgetragenen Lieder in ganzer Gänze und sozusagen bis zum Ende alle dreieinhalb Minuten lang hindurch gaaanz angehört? Nein. Ich kann das wirklich ausschließen.


Wieder in Europa und Jahre später fiel mir auf, daß es in den Billigkaufhäusern, die ich so liebe und die Namen tragen wie „Ein Euro Paradies“, „MacGeiz“ oder „Best Preis Shop“, jede Menge Merchandising Produkte von Hannah Montana zu kaufen gab. Teller, Tassen, Uhren, Wecker, Poster, gerahmte Wandbilder, Hefte, Stifte, Kämme, Spiegel: es gab alles mit Hannah Montana Aufdrucken. Die Sachen kosteten in der Regel nur einen Euro, und so hatte ich, als ich mir eine Zweitwohnung einrichtete, plötzlich lauter Sachen mit dem Konterfei des quakenden Mädchens aus der Disneyfamilie. Diesen Müll gibt es bis heute, und kürzlich erzählte mir ein Freund, die Flüchtlingsunterkunft im Flughafen Tempelhof sei massenhaft mit Hannah Montana Bettwäsche ausgestattet worden.


Damals nun, also zu Beginn der Zehnerjahre, las ich in der Bild Zeitung von den sexuellen Skandalen einer gewissen Miley Cyrus, die früher Hannah Montana geheißen haben sollte. Ich starrte auf das Foto und entdeckte keine Ähnlichkeit. Die Person, die da nackt auf einer Kanonenkugel saß und die Zunge bis zum Bauchnabel herausstreckte, erinnerte eher an die unsägliche Altsängerin Madonna, die sich mit jedem Jahr, das sie älter wurde, schamlosere Positionen und Outfits ausdachte. Ohne lange darüber nachzudenken, legte ich die Zeitung beiseite.
Irgendwann aber schossen ganz normale Superhits von dieser Miley Cyrus in die Top Twenty jener VIVA Charts, die ich aus nostalgischen Gründen immer noch manchmal ansah. Ich war als junger Mann einer der ersten Textchefs dieses Senders gewesen, hatte Heike Makatsch, Nils Bokelberg und Memo erfunden – falls sich jemand an sie und seine eigene Jugendzeit erinnert. ‚Wrecking Ball‘ im Jahre 2013 war dann ein richtig guter Hit, und dieses Miley Cyrus war inzwischen auch schon zwanzig Jahre alt. Offenbar hatte dieses große Mädchen eine Persönlichkeitsstörung, die mit Nudismus zusammenhing, das war schade, aber die Musik war nicht sehr viel schlechter als, sagen wir, Pink.
2015 begann sie sogar, Coverversionen der größten Stars der Popgeschichte aufzunehmen, der Könige von Elvis bis Aretha Franklin, und kein Name war ihr zu groß. Auf ihren Konzerten, die zuverlässig über die großen Städte der Welt hereinbrachen, trug sie diese Versionen vor – als wären es eigene Songs – und wurde stürmisch gefeiert. Sie sang derart erbärmlich, daß ich ähnlich reagierte wie einst in Indien – immerhin waren Lieder von Bob Dylan und den Beatles dabei – aber eigentlich konnte man jetzt sogar als erwachsener Musikreporter über sie etwas schreiben. Wie ich inzwischen weiß, tat es aber niemand. Irgendwann mußte ich mich selbst auf den Weg machen, ahnte ich, diese Dinge zu klären.


Also: WAS war das? Hatte es wirklich mit MUSIK zu tun? WER war diese Frau? Warum trat sie immer auf allen möglichen Music Awards nackt auf und kopulierte mit dem Mikro oder mit mitgereisten Statisten? Wurde sie dafür von der Bild Zeitung oder von Fox News bezahlt? Wie kam sie zu gefühlt zwanzig Nummer Eins Hits, und warum hüpfte sie in allen dazugehörenden Videos immer im Höschen durchs Bild, als wäre ‚Ein Leben in der Unterhose‘ der Titel ihrer visuellen Autobiographie? Und was hatte das alles mit der #MeToo Bewegung zu tun? War Miley Cyrus deren konsequente Übersteigerung, nach dem Motto „Wir grapschen zurück“? War das ewige Disney Girl also einfach nur der weibliche Donald Trump der zeitgenössischen amerikanischen Popmusik? Oder, etwas anspruchsvoller: was war das für ein Blick auf sich selbst, den diese Außerirdische, Vorbild für Millionen andere Aliens, auf sich warf?
Man muß sich vergegenwärtigen, daß es selbst in Deutschland Millionen Menschen gibt, die in den prägenden ersten zehn Kindheitsjahren und darüber hinaus bis zur Volljährigkeit Fans von dieser Person waren. Diese Leute leben unter uns. Kann man sie von außen erkennen? Wahrscheinlich nicht, sonst wären sie mir aufgefallen. Sie sind nicht erforscht, es gibt keine ‚Generation Hannah Montana‘ Studien des Innenministeriums oder entsprechende ‚stern‘-Titelgeschichten.


Man kann nur spekulieren. Ich habe mir gestern die halbe Nacht lang Miley Cyrus Videos auf Youtube angeschaut. Es gibt ungefähr 45 Stück. Immer weiter tauchte ich hinab in einen im Wortsinne grenzenlosen Kosmos einer künstlichen Gegenwelt aus grellen Bildern und verzerrten Tönen. ‚Trash’ ist dabei ein Konzept, das Hannah alias Miley blutig ernst oder sogar schadenfroh ernst genommen hat. Nicht nur sie selbst ist hässlich – das geht bis zu den unregelmäßigen Zähnen und dem herausgewachsenen Blond der Haare – auch alles um sie herum ist falsch, laut, aufdringlich und übergriffig. Furchtbar, wie gepanschtes Kokain (Humboldt hatte in den Anden weniger auszuhalten als ich auf Youtube). Verstörend (für Feministen vielleicht ermutigend) ist auch das ungetrübt Maskuline in der Aggressivität der scharfgemachten und entsicherten Sexbombe. ‚Opfer’ ist hier wirklich keine weibliche Option mehr, sondern immer nur Täter, und das ohne Obergrenze.
Es gibt auch Sendungen nicht mit, sondern über Miley, etwa Stellungnahmen anderer Stars über Cyrus, zum Beispiel ‚Celebs talking about Miley Cyrus‘. Das ist substanzloses Gelaber. Auch die Celebs (celebrities) haben noch keine Worte für diesen akustischen Wolkenbruch. Irgendwie beruhigend.
Man erkennt dabei, also bei den jüngeren Youtube-Filmen über Cyrus, daß sie heutzutage vor allem auf street credibility setzt und mit seriösen schwarzen Rappern zusammenarbeitet, von Snoop Dogg und Wiz Khalifa bis Pharrell Williams und French Montana. Die Kollegen bezeichnen sie als professionell und frei von Allüren. Ariana Grande, die auch schon mit ihr gesungen hat, ist platt vor Bewunderung. Kann man verstehen. Ariana Grande ist ja gerade jenes platte Popsternchen, das Miley Cyrus der Welt und dem düpierten Disney Konzern, bei dem sie natürlich rausflog, nur vorgespielt hatte. Die Islamisten, die letztes Jahr ein Ariana Grande Konzert stürmten und wie verrückt um sich schossen (22 Tote, ein Vielfaches an Verletzten) wären mit ihren Sturmgewehren vielleicht lieber auf Hannah Montana losgegangen. Da hätten sie das in ihren Augen Gottlose noch mehr gefunden. Natürlich distanziere ich mich von solch entsetzlichen Terroraktionen und will lediglich eine Erklärung – keine Rechtfertigung – abgeben: junge verklemmte Männer, die Hannah Montana Videos sehen, vielleicht zum falschen Zeitpunkt innerhalb ihres Heranwachsens, können dabei wahnsinnig werden.


Ich würde am Ende sagen, Hannah alias Miley ist das Ergebnis von Chaos. Nämlich jenes Chaos, das schon in ihren offiziellen Wikipedia Biographie-Stichworten rasch zu erahnen ist. Liest man diese knapp zehn Zeilen, sieht man die Scherben einer explodierten bürgerlichen Gesellschaft nur überdeutlich. Lauter zerbrochene Ehen, Patchwork-Familien, Kindheiten, und mittendrin ein Kind, das die Eltern, beide zwischen erster, zweiter oder bald dritter Scheidung, ‚Destiny Hope‘ genannt haben, also Schicksal und Hoffnung, angeblich in der metaphysischen Gewißheit, aus dem Kind werde einmal etwas schicksalhaft Großes werden.
Statt von metaphysischer Gewissheit würde ein Psychologe wie ich – im Nebenberuf ausgebildeter Paartherapeut – natürlich lieber von forcierter elterlicher Erwartungshaltung sprechen. Doch lesen wir einmal selbst hinein:
„Miley Cyrus wurde am 23. November 1992 als Tochter des Country-Musikers Billy Ray Cyrus und der Filmproduzentin Letitia Jean „Tish“ Cyrus (damals noch Finley) unter dem Namen Destiny Hope Cyrus geboren. Ihre Eltern heirateten am 28. Dezember 1993. Miley Cyrus hat mit Braison Cyrus (* 9. Mai 1994) und Noah Cyrus (* 8. Januar 2000) zwei jüngere Geschwister. Außerdem hat sie mit Brandi Cyrus (* 26. Mai 1987) und Trace Cyrus (* 24. Februar 1989) zwei ältere Halbgeschwister, die aus einer früheren Beziehung ihrer Mutter stammen. Ihr Vater hat mit Christopher Cody Cyrus (* April 1992) noch einen Sohn, der bei seiner Mutter in South Carolina lebt. Brandi und Trace wurden nach der Hochzeit von Billy Ray Cyrus adoptiert. Patentante von Miley Cyrus ist Dolly Parton.
Als Kleinkind bekam Miley Cyrus den Spitznamen Smiley, da sie oft gelächelt habe. Aus Smiley wurde nach einiger Zeit Miley. Im Januar 2008 änderte sie ihren Namen offiziell von Destiny Hope Cyrus zu Miley Ray Cyrus. Den Mittelnamen Ray nahm sie laut ihrem Vater zu Ehren ihres Großvaters Ronald Ray Cyrus an.“
So ist das also. Es gibt doch nichts Schöneres als Familienpsychologie. Wir wissen nun, wer Miley Cyrus ist und daß sie einfach nur blind ihr vorgegebenes Programm runtergerappelt hat, wie jeder von uns. Sie ist ein Produkt ihrer Zeit, ihres Jahrhunderts und ihrer Kaputtheit. Ihre Generation erkennt sich in ihr wieder, meine tut es nicht. Dabei soll es, wenn es nach mir geht, bleiben. Gute Nacht!

P.S.: Von mir aus darf Miley Cyrus am Leben bleiben, aber sie darf nie mehr ‚Lucy in the sky with diamonds‘ singen!!!

P.P.S.: Und nicht einmal ‚My Way‘ von Frank Sinatra!

 

(Dieser Text entstammt einem Vortrag von Joachim Lottmann bei „NUN Die Kunst der Stunde“ am 17. Januar 2018 in den Hallen der Holm Friebe Gesellschaft in Berlin.)

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https://blogs.taz.de/lottmann/2018/01/18/hannah-montana-als-verkanntes-gesamtkunstwerk-vortrag-von-joachim-lottmann-bei-nun-die-kunst-der-stunde/

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