vonlottmann 05.02.2018

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

Mehr über diesen Blog

‚Europapartei‘, das ist langweiliges Wort. War es immer. Zum Gähnen langweilig. Spätestens seit Helmut Kohl bezeichnete sich die CDU so, als Europapartei, und auch alle anderen Parteien legten nicht nur in Wahlkampfzeiten entsprechende Lippenbekenntnisse zu ‚Europa’ ab. Im Grunde war es über Jahrzehnte der verbrauchteste Ladenhüter der politischen Werbung überhaupt, und gezogen hat er nie, nicht einmal in den guten Gründerzeiten der Europäischen Union. Noch nie hat dieses Thema eine Wahl entschieden oder eine Partei auch nur um Prozentpunkte vorangebracht. Das ist nun anders.
Wie kam es dazu und wann begann es? Es geschah während des Bundesparteitages der SPD in Berlin, der vom 7. bis 9. Dezember stattfand. Martin Schulz hatte schon am ersten Tag seine große Rede gehalten und war wiedergewählt worden. Er war feurig und emotional aufgetreten, das kann er ja gut. Den meisten Beifall bekam er bei seinen Bekenntnissen zu Europa, doch noch länger sprach er natürlich über ‚Gerechtigkeit’.
Auch Gabriel hatte schon gesprochen, ebenfalls glänzend. Und doch blieb ein Unbehagen. Jeder im Saal wußte, daß die beiden hinreißende Redner sind – und daß die SPD trotzdem Wahlen verlor. Diese neuerlichen rhetorischen Glanzstücke reichten für Schulz aus, um im Amt zu bleiben, aber mehr nicht.
Am dritten Tag bestieg der Vorsitzende unerwartet ein weiteres Mal den mitten in der Halle angebrachten Rednersockel. Diesmal sprach er nur über Europa. Er steigerte sich in einen regelrechten Europarausch hinein. Nun war es nicht mehr das Europa, das man natürlich auch mit aller Kraft anstrebe, neben all den vielen sozialen Forderungen in der SPD, neben Mindestlohn, Kita, Gesundheit, Bildung und so weiter, jetzt war es nicht mehr Europa und Gerechtigkeit, sondern nur noch Europa. Semantisch gesprochen müßte man sagen: Europa statt Gerechtigkeit. Europa statt dem ganzen immer gleichen Krempel, mit dem die SPD seit Jahrzehnten im Sinkflug war, diese sozialen Wohltaten für eine angeblich verarmte, ausgebeutete, notleidende Bevölkerung, die sich in dem Bild, das die SPD von ihr malte, immer weniger wiederfand.
Fast allen, mehr als 80 Prozent, geht es prächtig in Deutschland, und ungerecht finden sie eher, daß sie, die Fleißigen, immer mehr arbeiten und zahlen müssen, damit die, die wenig oder gar nicht oder schwarz arbeiten, immer mehr werden und immer mehr bekommen. Der Sozialetat war früher einer unter vielen im Staatsbudget. Heute verschlingt er das Geld, das früher für die klassischen Aufgaben des Staates zur Verfügung stand. Es wundert nicht, daß ein ‚Weiter so‘ oder ‚Noch viel mehr so!‘ nur noch 20 Prozent der Wähler erreichte.
Der Ausweg wäre eine neue Idee. Denn das Weltbild der SPD ist unumkehrbar, weil ihr innerster Kern: oben die Reichen zehn Prozent, die im Luxus schwelgen, unten die Massen der Armen, die morgens früh aufstehen und zur Arbeit gehen, und die am Ende des Tages nicht wissen, wie sie die Miete bezahlen sollen. Das hat man zu glauben. Oder zu einer anderen Partei zu wechseln. Das ist die SPD Religion. Also bleibt nur die neue Idee, eine jenseits davon. Wie die Ostpolitik Willy Brandts. Wahlen werden oft mit nur einer einzigen Idee gewonnen.
Während Martin Schulz an diesem Samstag im Dezember allein über Europa sprach, merkten viele in der Cubix Messehalle: DAS ist es. Die neue Idee. Es war, als würde einen der Mantel der Geschichte streifen. Fast unheimlich für alle, die es miterlebten: Damit wird es gehen. Europa. Nicht als Lippenbekenntnis, sondern als Vision. Nicht als ‚Baustelle’ konkreten Handelns, sondern als etwas, das in ferner Zukunft liegt.
Die Vereinigten Staaten von Europa. Eine gänzlich andere Welt als die jetzige. Ein neues, herrliches Reich, aber ganz ohne den deutschen Geschmack unserer früheren Gemeinwesen. Ein Reich so groß wie ein Kontinent, voller Toleranz, Tatkraft, verschiedener Kulturen, Sprachen, Projekten, Unternehmen, Parteien, Gewerkschaften und sympathisch miteinander an einem Strang ziehenden Menschen! Wenn DAS übersprang, wenn das zu einer Bewegung ausgebaut werden konnte, hatte man für die nächsten zehn Jahre kein Problem mehr bei Wahlkämpfen.
Schulz selbst war leider wieder einmal der letzte, der die Wirkung seiner – eigentlich aus unbewusster Verzweiflung geborenen – Rede mitkriegte. Aber Sigmar Gabriel schwenkte schon Stunden später auf die neue Linie um. Europa, Europa, Europa. So hört man ihn seitdem täglich im Fernsehen das neue Lied singen.
Die SPD wird nicht mehr damit aufhören. Sie wird sich die nächsten knapp zwei Jahre als neue visionäre Europapartei positionieren, als eine Art ‚Macron für Deutsche‘ Bewegung, als ‚SPD-en-marche‘. Sobald das die Mehrheit unserer – historisch gesehen ohnehin visionsanfälligen Bürger – erreicht und überzeugt hat, gibt es Neuwahlen, und Gabriel übernimmt. Und bleibt so lange wie die anderen beliebten Kanzler von Adenauer bis Merkel, zehn, zwölf, sechzehn Jahre, immer mit der Europa Fanfare, unerschrocken durchhaltend für die gute Sache, für die neue Welt, für die Erlösung.
Natürlich nur, wenn die ganze fragile, mit Draghi-Billionen rettungslos überschuldete Eurozone nicht vorher zusammenkracht.

JOACHIM LOTTMANN

Der Schriftsteller Joachim Lottmann (* 6.12.1959) lebt in Berlin und Wien.

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/lottmann/2018/02/05/europa-wird-bald-das-zauberwort-sein/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.