vonlottmann 06.02.2018

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Seit sieben Jahren verdanke ich das Glück, das ich mit meiner Frau habe, der Erkenntnis, daß sie keine Komplimente mag. Ich selbst mag Komplimente sehr, und noch lieber mache ich welche. Und am liebsten würde ich meiner lieben Christa morgens, mittags und abends sagen, wie schön und reizend und klug sie ist. Doch das kann sie eben partout nicht leiden. Weil es nicht ihrem Selbstbild entspricht.

Solche Menschen gibt es. Der extremste Fall in dieser Sache war die in Literatenkreisen legendäre Jutta Winkelmann. Sie mochte es nicht, wenn man sie bewunderte, wenn man gut von ihr sprach, und da das größte Bedürfnis jeden Individuums die Übereinstimmung von Selbst- und Fremdbild ist (Fachleute definieren solchermaßen das Wort „Identität“), wandte sie sich in ihrer zweiten Lebenshälfte einer spirituellen Gruppe zu, die ihre desaströs schlechte Selbsteinschätzung nach Kräften förderte und zu einem kindskopfgroßen Minderwertigkeitskomplex ausbaute, an dem sie schließlich erstickte. In meinen Augen war das die größte Tragödie, die ich jemals hautnah miterleben mußte. Als es vor einem Jahr Jutta Winkelmann immer schlechter ging und das Ende sich abzeichnete, überfiel mich ein buchstäblich unwiderstehlicher Drang, ihr großartiges, wirkungsvolles und selbstloses Leben noch einmal aufzuzeichnen und zu würdigen. Ich sprach mit den meisten Künstlern, Autoren, Filmemachern und Musikern, die ihr ihre Entdeckung verdankten, von Wim Wenders bis Sofia Coppola und Helge Schneider. Ich schrieb meinen Bericht für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und erfuhr vom zuständigen Ressortleiter Claudius Seidl, daß selbst er seine journalistische und menschlich-humanistische Frühprägung ihr, Jutta Winkelmann, verdankte, mit der er im München der späten 70er Jahre Texte geschrieben und redigiert hatte. Er geriet sofort in eine schwärmerische, melancholische Stimmung.

Doch nun machte ich einen Fehler. Ich schickte das Manuskript vorab Jutta zu. Nicht zum Akzeptieren, sondern um der Todkranken eine Freude zu machen. Ich vergaß dabei ihre Abneigung gegen Komplimente. Außerdem vergaß ich, daß das Manuskript sogleich von den Mitgliedern ihrer spirituellen Gruppe gelesen werden würde. Diese hatten Jutta seit Jahren für ihre spirituellen Zwecke vereinnahmt und waren not amused über eine Würdigung jener frühen und aufklärerischen, somit antireligiösen Jutta.

Ich bekam keine Antwort von ihr, erfuhr aber über Umwege von ihrer Verstimmung, sodaß ich die Veröffentlichung stoppte. Wir lebten schließlich bereits wieder in Zeiten, in denen „respect“ vor jeder Art von Religion zwingend zu sein schien. So hatte ich jedenfalls den Ressortleiter Seidl verstanden, der zudem dachte, ich sei mit Vorurteilen gegen den schwer männlich-chauvinistischen Oberguru der Sekte behaftet, einen Frauenfeind reinsten Wassers. Da nun selbst Jutta Winkelmann meinen Text schrecklich fand, war es für diesen Mann leicht, seinen JüngerInnen – es waren ausschließlich Frauen mit angeborenen oder nachträglich agitierten Minderwertigkeitskomplexen – zu vermitteln, mein lobpreisender Nachruf sei ein negativer, gemeiner und kränkender Text. Tatsächlich war es ja auch wirklich nicht nur ein vorweggenommener, hymnischer beziehungsweise arglos-freundlicher Nachruf, sondern AUCH ein persönlicher Text eines Betroffenen. Das heißt, daß ich auch schrieb, wie furchtbar und vermeidbar ich das Ende dieses Lebens fand, wie falsch, und wie ich spürte, daß man so nicht sterben dürfe. Jedes Leben kann enden und darf enden, aber NICHT SO. Das waren jedenfalls meine Gefühle bei meinen letzten Treffen mit ihr, das heißt den diversen Versuchen, mich von ihr „zu verabschieden“. Mein Text trug denn auch die Überschrift „Die Frau, die nicht sterben darf“. In der Gurugruppe wurde daraus die Unterstellung, ich würde versuchen, selbst aus dem Leid des moribunden Getty-Zwillings noch Kapital zu schlagen. So zog ich mich rasch zurück, natürlich schockiert.

Aber ich war selbst schuld. Wer von seiner eigenen Minderwertigkeit und Erbärmlichkeit felsenfest überzeugt ist, erlebt jedes Lob als Lüge, ja mehr noch: als zynische Verhöhnung. Deshalb konnte ich meiner alten Freundin kein vergällenderes Abschiedswort basteln als diese Würdigung ihres „Lebens vor Langhans“. Sie muß sehr enttäuscht von mir gestorben sein, im Februar 2017. Es erschienen dann die üblichen Nachrufe, in denen keine Silbe über ihre avantgardistische Rolle in der deutsch-amerikanischen Popkultur der 70er und 80er Jahre, bis hinein in die frühen 90er und die Berliner Republik, enthalten war, sondern ihre düsteren esoterischen Statements nachgekaut wurden. Meine große Hommage an jene Frau, die für mich wie niemand sonst das Licht verkörperte, verschwand in der Festplatte meines alten Apple Computers, der kurz darauf den Geist aufgab.

JOACHIM LOTTMANN

 

 

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