vonlottmann 17.05.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Ich war aus Tel Aviv angereist, weil unsere Wohnung dort ausdrücklich nicht für die Woche vermietet wurde, in der der European Song Contest stattfindet. In der Woche mußten wir woanders unterkommen, und so flog ich einfach nach Berlin, wo Claudius Seidl sein neues Buch vorstellte. Er las in der unter Migranten sehr anerkannten Fahimi Bar, die ich noch von früher kannte und sofort fand. Direkt davor gab es auch einen Parkplatz für den Wartburg. Es gibt inzwischen weniger Autos in Berlin als zu meiner Zeit damals. Ich schenkte Claudius Seidl zur Begrüßung eine israelische Uhr, und er las als erstes einen Essay über seine frühe Kinoleidenschaft im München seiner Jugend. Er ist damals immer ins Filmmuseum gegangen.
Das verblüffte mich. Ich war mit Sicherheit der einzige im Raum, der exakt dieselbe Kinoleidenschaft mit ihm teilte, und auch ich war als junger Student immer ins Filmmuseum gegangen. In München. Ich hatte ihn aber dort nie getroffen. Die Erklärung ist ganz einfach: Im Kino achtet man nicht auf andere, wenn man auf die Weise ins Kino geht, wie Claudius und ich ins Kino gehen. Er beschrieb nun genau den Platz, auf dem er immer saß, dritte oder vierte Reihe, Mitte links. Das war auch der Platz, den ich bevorzugte. Ich saß immer lieber ein kleines Stückchen links von der Mitte, warum weiß ich nicht. Allerdings setzte ich mich lieber in die dritte oder sogar zweite Reihe, nicht so gern in die vierte. Wir müssen also jahrelang in unmittelbarer Nähe gesessen haben, natürlich ohne uns zu kennen. Beim Film „Die Reise nach Tilsit“ müssen wir sogar miteinander geredet haben, denn ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem Sitznachbarn, der von dem Filmerlebnis schier überwältigt war und einige Bemerkungen machte, natürlich erst nach Vorstellungsende.


Wir waren beide, wie ich heute anhand seines Stils sehe (und hoffentlich auch meinem), von Enno Patalas und Frieda Grafe begeistert, deren Aufsätze über das Kino wir nicht nur einmal, sondern immer wieder lasen. Wir liebten alle Filme aus den 40er Jahren. Erst viel später, im Wien der Jetztzeit, entdeckte ich ein Kino, dessen Programm das des Münchener Filmmuseums übertraf, das Bellaria Kino, das ausschließlich deutsche Filme aus der Zeit zeigte und zeigt. Die Vorstellungen sind immer nachmittags, sodaß ich unbemerkt von meiner Frau, die dann arbeitet, dort hineinschlüpfen kann. Sie sitzt in ihrer Redaktion und mag diese Filme nicht. Es gibt über tausend davon, und die amerikanischen Klassiker kenne ich nun schon in ausreichender Weise. Über hundert Filme wurden damals pro Jahr gedreht, in Deutschland, und richtig interessant sind die, die nicht im Kanon aufgenommen sind, also jene B-Filme für die Friseusen und Dienstmädchen, die auch Siegfried Krakauer schon bevorzugte. Die amerikanischen Klassiker dagegen kenne ich nun schon in ausreichender Weise
Claudius Seidl natürlich auch, aber es stört ihn nicht. Diese Klassiker scheinen ihn nach wie vor zu inspirieren. Ich dagegen mag auch heutige Filme. Als ich letzten Mittwoch in Berlin landete, nutzte ich sofort die Gelegenheit, mir alle verfügbaren Filme anzusehen. Meine Frau war in der ESC Woche nach Wien ausgewichen, und so konnte ich, wie in meiner Jugend in München, allein ins Kino gehen. Ich ging mehrmals am Tag ins Kino und kam jedesmal erfrischt, angeregt und größer geworden heraus.
Im Grunde gibt es für mich kein negatives Kinoerlebnis. Denn auch die misslungenen Filme bringen meinen Kopf sofort zum Arbeiten. Oft sind es gerade die schlechten Filme, die besonders gut den Geist entlarven, mit dem sie gemacht wurden, den Zeitgeist, das falsche Bewusstsein, die jeweilige, meist besonders aktuelle Ideologie. Ich weiß dann wieder ganz genau, wo die Menschheit gerade steht.
Das ist toll – weil irre belebend – und dennoch nicht so wohltuend wie das Aufnehmen und Einsaugen der alten Filme aus den 40er und 50er Jahren. Denn deren Ideologie ist ja abgelaufen. Man erkennt sie, ist aber nicht mehr bedroht von ihr. Damit meine ich nicht die ausdrücklichen Propagandastreifen der Nazis, die ja verboten sind und nicht gezeigt werden, sondern ganz normale Melodramen für schlichte Gemüter. Wenn da „Treue“ filmisch durchbuchstabiert wird, ist das gruselig, aber für die Gegenwart irrelevant. Wenn dagegen in heutigen Filmen „Treue“ vorkommt, immer im Sinne von Treue zu sich selbst, sich selber treu bleiben, der sein, der man ist, es alleine schaffen, auf dem Boden bleiben, ein Star werden und sich nicht verbiegen, und so weiter, ahnt man die asoziale Wirkung auf Millionen dabei. Die Verdunkelung des Geistes, die JEDE Ideologie nach sich zieht, die Verhinderung von vernünftigen Problemlösungen für das Individuum.
Aber das ist nicht nur der einzige Gewinn aus der Sache. Es scheint mir eher so zu sein, daß ich im Film mit DEN MENSCHEN in Berührung komme. Man könnte fast sagen, ich „lebe“ dann endlich, während mir die realen Begegnungen mit Menschen als wenig real, als reduziert und verfälscht vorkommen. Ich bin zu sehr daran beteiligt, als daß sie echt sein könnten.
Ich hatte also lauter Filme intus, als ich die Fahimi Bar betrat, von „The Avengers / Endgame“, „Der Funktionär“, „Rocca das Pferd“ (ich sehe manchmal sogar solche Filme, um mitzukriegen, welche Prägungen auf die noch butterweichen Gehirne losgelassen werden), „Monsieur Claude & seine Töchter Teil II“, „Van Gogh“, „Nur eine Frau“, „Das Familienfoto“, „Liebesfilm“, „All your Loving“ von Edward Berger bis zu „Im Netz der Versuchung“, ein kompletter Scheißfilm aus Amerika. Ich war, nach acht Monaten Tel Aviv ohne Kino, filmisch-geistig aufgeladen wie nie zuvor und fit wie ein Turnschuh. Die ganze Haute Volee der Verlags- und Medienbranche war gekommen, niemand wollte dem extrem geschätzten, ja wirklich geliebten Claudius Seidl die Ehre und hippe Feier verweigern.

Ich schüttelte die ersten Hände, nach der Lesung. Hilka Sinning, Peter Richter, Volker Weidermann, Thomas Lindemann, Luzia Braun, die sehr adorierte Johanna Adorjan, die unvergleichliche Julia Encke, Nils Minkmar und so weiter. Der Small Talk begann. Es war wie eine intime Geburtstagsparty. Das gerade Vorgetragene, die Kapitel aus Seidls Buch, wirkten noch nach. Und wie gesagt die vielen Filme der letzten Tage, die mich so richtig aufgepumpt hatten mit Lebenslust. Das war doch die Paradoxie dabei, daß ich, je mehr Filme ich sah, umso mehr Lust auf Menschen bekam. Und so schlug es um, und aus dem extremen Kinogänger Lottmann wurde ein extremer Mitmensch Lottmann. Es war GANZ GROSSES KINO für mich plötzlich, wie man so sagt, dieses Wiedersehen mit den Kollegen…
Also soweit erstmal für heute.
(Und mehr vielleicht beim nächsten Buch von Claudius Seidl)

CLAUDIUS SEIDL
Die Kunst und das Nichts
Essays über das Kino
Edition Tiamat, 242 Seiten, Euro 19,99

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