vonlottmann 20.05.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

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Gibt es noch andere Worte als „amazing“ und „great“, um Zustimmung auszudrücken in dieser speziellen Welt des „European Song Contest“, abgekürzt ESC, früher (sehr viel früher) „Grand Prix d’Eurovision“? Wohl nicht. Aber seit wann braucht ein Videoclip Worte? Nicht einmal, wenn es sich um einen 270-minütigen Videoclip handelt. Verwirrend schnell und bunt, kopfschmerztreibend, immer mit rasender Kamera gedreht, die stets um sich selbst kreist, dazu rauf und runter, hingezoomt und zurück, bis das Bild einmal im künstlichen Nebel versuppt. Aufatmen. Eine kostbare Sekunde der Ruhe.
Dann weiter. Der georgische Alpenbär aus vorsintflutlicher Zeit schmettert mit gewaltiger Stimmkraft gegen das unvorbereitete Trommelfell. Bengalische Feuer und kreiselnde Universen. Speer’sche Lichtdome. Virtuelle Schneewüsten, Mondkrater, unterirdische Grottenwelten. Bronzefarbende Bartmänner mit offener Brust verkleiden sich als Engel. Conchita Wurst schockt wieder kleine Kinder. Der Kitkat Club aus dem Berlin der Nullerjahre ist neu erwacht. Lederstrapse und Sado Mao Getue. Michael Jackson Gezappel überall. Und das alles schon nach den ersten Minuten. Was wird noch kommen?
Als ein El Al Jumbo auf die Bühne rollt, immerhin das größte Flugzeug der Welt, und ihm die Kandidaten aus 41 Ländern entsteigen, wirkt es weniger pompös als die virtuellen Welten davor und danach. Kein großer Effekt, der alte Jumbo, denkt man. Aber keine Sorge, gleich explodieren wieder die Pyrobalken, trällern sibirische Großmütter, tanzt eine Kandidatin wie eine Echse nach dem Hörsturz zu einem kaputtgegangenen Transistorradio. Eine Griechin trägt mit Knödelstimme einen von Taylor Swift geklauten Hit vor. Sie erreicht Platz 21.
Wer hat gewonnen? Ein altersmäßig schwer einzuordnender, wahrscheinlich eher junger Holländer, der sich Duncan Laurence nennt. Eigentlich ein netter Typ mit Johannes-Heesters-Lächeln. Natürlich mit schwarzem, dichten Bart, das geht ja heute nicht mehr ohne. Sitzt allein am Klavier und schmachtet und heult. Ist okee soweit. Immerhin einer, der das ganze computergesteuerte Brimborium eher drosselt als anheizt.
Angeblich fand das alles in Israel statt. Ich könnte das sogar bestätigen, denn ich wohne seit acht Monaten dort, in Tel Aviv. Nun hat mir mein Vermieter – in der Welthauptstadt der Schwulenbewegung – die Wohnung im Florentin Viertel ausdrücklich mit Ausnahme der ESC-Woche vermietet. In der Woche wollte er tausende Dollar extra verdienen, wie auch die Hotels, die unbezahlbare Sonderpreise verlangten. So mußte ich ausgerechnet jetzt die Zeit in meiner europäischen Heimat überbrücken, in Wien, wo am selben Abend der junge Kanzler stürzte.

Das war aber nicht schlimm, der Abstecher. In Wien war ich nämlich nicht allein, sondern traf auf andere jüdische Nachbarn aus der Florentin Street, die ebenfalls ihre Wohnung in der fraglichen Woche abgegeben hatten. Angeblich des Geldes wegen. In Wirklichkeit waren sie einfach vor der Abscheulichkeit des ESC geflohen, was sie nicht zugeben wollten, um niemanden aus der gay community zu kränken. Auch sie, Freunde des jungen Kanzlers wie ich, interessierten sich mehr für die Nazis in der Regierung als für die Neonherzen im Fernsehen. Schon den ganzen Tag über hatten sich zehntausende Wutbürger vor dem Kanzleramt zusammengerottet und forderten den Kopf von Sebastian Kurz und Neuwahlen. Um 14 Uhr wollte er sich in einer Pressekonferenz erklären. Aber er kam nicht.
Die Menge schwoll an und wurde lauter. Zwielichtige Gestalten mischten sich darunter, eine Stimmung wie vor dem Marsch auf die Bastille. Journalisten berichteten schließlich um 16 Uhr, der junge Kanzler sei verschwunden, habe sich in einem Nebenraum eingeschlossen, „um allein zu sein und mit sich selbst nachzudenken“. Ich rief ihn an, aber er nahm nicht mehr ab. Auf mehrere SMS antwortete er nicht.


Wir machten uns Sorgen. Aber es half nichts, der ESC mußte abrecherchiert werden. Die Zeitung wartete auf den Bericht. Ich konnte mich kaum auf die laufende Übertragung konzentrieren, aber ich hatte ja bereits die beiden ‚Halbfinals‘ gesehen, jeweils 150 Minuten, mit nicht nur gefühlt hunderten von Interpreten. Zu allem Überfluss gab es auch noch Rahmenprogramme, Auftritte außer Konkurrenz, NebendarstellerInnen und ‚top acts‘ ohne Sinn und Verstand. Figuren in biblischen Gewändern, die hebräische Gesänge intonierten, wechselten sich mit 16-jährigen Lolitas ab, die zu viel Britney-Spears-Karaoke im Kinderzimmer geprobt hatten.


ESC, das ist die Suspendierung des Sinns, hätte man früher neunmalklug gesagt. Und positiv gemeint. Und es stimmt ja auch: diese Veranstaltung ist und war immer subversiv, und zwar schon deshalb, weil sie vom herrschenden Diskurs verachtet wird. Ich kenne niemanden, der diese gemachte Schönsingerei für Kultur hält. Schon gar nicht die Musik- und Popmusikjournalisten. Sie sehen zu Recht überall nur Manipulation am Werk, gekaufte Töne, kalkulierte Texte, falsche Gefühle. Die produzierten ‚Songs‘ werden von irgendwelchen gedungenen Profis im Hintergrund geschrieben, unbekannten Leuten, die sich seit Jahrzehnten auf den ESC spezialisiert haben. Am Markt floppen diese sogenannten Hits regelmäßig. Kein Mensch würde dafür Geld ausgeben. Deswegen hat das alles mit „den Charts“ nichts, mit einer schwulen Geburtstagsfeier oder den ebenso bedeutungslosen Europawahlen viel zu tun. Mitten in der Sendung wird aufgerufen, wählen zu gehen. Immer wieder. Nicht nur ‚Sisters‘ steht zur Wahl, der deutsche ESC Beitrag, sondern auch noch Katarina Barley und Manfred Weber.
‚Sisters‘ war eigentlich gar nicht so schlecht. So deutsch, im Sinne von: mehr Zeitgeist geht nicht. Und dann auch noch so schön ernstgemeint. Aus voller Brust moralisch engagiert. Garantiert humorfreier Feminismus, ehrliche Frauenliebe, totale weibliche Solidarität und natürlich Multikulti. Vorgetragen mit zwei Stimmen, die perfekt zueinander paßten und einen enervierenden Doppelsound herstellten, der direkt das Lustzentrum traf oder zumindest die kaputte Wirbelsäule. Dafür gab es vom weit gestreuten Publikum der größten Musikshow der Welt – 235 Millionen Zuschauer – null Punkte. Es war der einzige Beitrag von allen 41, der keinen einzigen Publikumspunkt bekam. Der öffentlich-rechtliche Sprecher stammelte immer wieder, er könne es überhaupt nicht begreifen.
Meine Frau rief an, sie stand noch am Ballhausplatz vor dem Kanzleramt in Wien. Als Redakteurin des Nachrichtenmagazins ‚Profil‘ – so etwas wie der SPIEGEL in Deutschland – mußte sie noch in derselben Nacht mitsamt der gesamten Innenpolitikredaktion die Titelgeschichte zur gerade ausgesprochenen Staatsaffäre schreiben (‚ENDSPIEL‘).

Aber  Sebastian Kurz grübelte nicht länger. Er hatte die Koalition mit der Nazipartei beendet und mit dem Bundespräsidenten Neuwahlen verabredet.
„Ein Segen! Eine Stunde noch länger warten, und sie hätten hier einen Galgen errichtet…“


Die Vulgärlinken waren in Österreich weitaus zahlreicher als in Deutschland. Ich konnte mich nun ganz den Interpreten widmen. Wen gab es noch? Wer wurde Zweiter, Dritter, Vierter? Vielleicht die Lederboys von ‚Hatari‘ aus Island? Tex Rubinowitz, der größte (ehrlicherweise EINZIGE) intellektuelle Kopf der ESC-Berichterstattung, schrieb in der ‚taz‘ über sie: „Das sind Leute, mit denen man nicht in Ruhe Doppelkopf spielen möchte“:

Nein, sie landeten nur auf Platz 10. Ein nicht sehr italienisch aussehender ‚Mahmood‘, der im Vorfeld prompt von Matteo Salvini angepöbelt worden war, schaffte Platz 2. Ein heterosexueller Mann, wohl der einzige, kam dahinter, für Russland. Das war eine ziemlich gute Hymne. Dann ein netter Schweizer Bub, wieder mit dem üblichen Migrationshintergrund, aber ganz unüblich bartlos. Dann ein Nichts aus Norwegen, das man noch während des Hörens wieder vergaß. Dann ein sympathischer Schwarzer aus Schweden, der die ganze Zeit mit einem Stofftier wedelte. Dieser Typ war wirklich zum Knuddeln nett. Wäre ich in Tel Aviv geblieben, hätte ich ein Interview mit ihm verabredet. Wahrscheinlich war er noch nicht einmal queer und/oder gay und meinte es als einziger im Wortsinn, wenn er beteuerte, ALLE zu lieben.


Ach ja, und dann war natürlich noch MADONNA zugegen. Das alte Schlachtroß der Frauenmachtergreifung legte eine phantastische Performance hin und überraschte mich damit ziemlich. Früher selbst größter Fan, hatte ich in den letzten zwanzig Jahren zunehmend widerwillig den Sexismus dieser Person zur Kenntnis genommen. Nun aber wurde ich, wie die 10.000 Besucher im Convention Center, auf dem falschen Bein erwischt. Sie inszenierte, wie aus dem Nichts, von einer albernen Sekunde zur nächsten, ein düsteres, an den Holocaust gemahnenden Melodram im Saal. Vor dem flammenlodernden Hintergrund bombardierter Städte, vor qualmenden Bürgerkriegsruinen und einstürzenden Wohnhäusern, schreienden, laufenden Zivilisten trug sie eine Art Musicalsong vor. Auf einmal stand die ganze Pyrotechnik und der digitale Firlefanz im Zeichen einer realen Bedeutung. Aus depperten, beliebigen, aus der Zufallmaschine herausgerechneten Märchen wurde auf einmal der Nahe Osten des realen Staates Israel. Das verschlug nicht nur den Moderatoren die Sprache. Sie brauchten ein paar peinliche Sekunden der Verdatterung, bis sie ins alte Dauergrinsen zurückfanden. Natürlich war Madonnas Auftritt trotzdem für sie ‚amazing‘:
„Great show…“ leierte die süße Bar Rafaeli.
Fast so gut wie der dröhnende Alpenbär aus Georgien!
Als man das hinter sich hatte – die meisten waren nur Madonnas wegen bis jetzt, knapp nach Mitternacht, aufgeblieben – gab es immerhin noch die Auszählung mitzukriegen, die Ermittlung des Siegers. Aus allen 41 Hauptstädten Europas wurde jeweils ein junger Mensch zugeschaltet, Vertreter des Fernsehsenders seines Landes, der die zwölf Punkte bekanntgab und dazu noch genau einen Satz seiner Wahl sagen durfte. Es war meist derselbe Satz, nämlich, ungefähr: „Hey, supi, es war eine tolle Show heute, amazing, great! Tel Aviv ist geil! And twelf points are going to…“ Dann mußte er eine dramatische Kunstpause von drei Sekunden einlegen, sich vielleicht noch in den Schritt fassen und dann das Land sagen. Mir gefiel das gut, also diese vielen Hauptstädte im Hintergrund, live und bewegt, nächtlich erleuchtet, diese modernen, angestrahlten, europäischen Städte, alle gleich irgendwie und gerade deswegen schön. Und die jungen, erfreuten, unbedarften Gesichter der Moderatoren.
Nur der österreichische Bursch mußte wieder einmal ausscheren. Anstatt den vorgeschrieben Satz zu sagen („Hey Tel Aviv, ihr seid cool, ich liebe euch! Twelf points from Austria are going to…“), hielt er bierernstes Plädoyer gegen Rassismus, Nationalismus, Intoleranz, Korruption, Bedrohung der Pressefreiheit, Fremdenfeindlichkeit, Rechtspopulismus und sonst was, bevor er endlich seine zwölf Punkte ausspuckte. Fehlte nur noch, daß er zum Sturz der rechtslastigen Regierung von Sebastian Kurz aufrief.
In Österreich kannte man einfach kein anderes Thema, in dieser Nacht.

Joachim Lottmann, 59, ist ein deutscher Schriftsteller mit Wohnsitz in Tel Aviv und Wien. Zuletzt erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch der Roman ‚Alles Lüge‘. Derzeit schreibt Lottmann an dem Kurzgeschichtenband ‚Israel Short Stories‘.


Der vollständige und redigierte Text von Joachim Lottmann erschien heute (20. Mai 2019) in der überregionalen deutschen Tageszeitung DIE WELT.

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