vonlottmann 24.05.2019

Auf der Borderline nachts um halb eins

„Sein Borderline-Blog ist der Schlüssel für das Gesamtwerk des wohl besten Autors unserer Tage“ – Rainald Goetz

Mehr über diesen Blog

Joachim Lottmann: Wie fandest Du „Like it“ aus Weißrussland?
Tex: „Like ist“ ist vielleicht der größte Kompromiss, den man erzielen kann, wenn man unter der Knute eines Operettendiktators (unter Putins Gnaden) namens Aljaksandr Lukaschenka leiden muss, der mal, wie es offenbar allen Diktatoren eigen ist, auch ein Lied geschrieben hat (siehe Silvio Berlusconi über seinen Sittich), über seinen kleine weißen Hund namens Schneeflöckchen, und auf der anderen Seite dem dräuenden Aufbruch nicht wird standhalten können, und eben seinem Volk so einen Song gibt/kauft, das erinnert natürlich an Nero, der Geige gespielt hat, nachdem er Rom angezündet hat, und sich an der Zerstörung ergötzt hat, man kann nur hoffen, dass Lukaschenkow Schneeflöckchen anzündet, und das große Elend Weißrusslands doch noch zu einem Ende zu kriegen, jeder weiß, was da faul ist, alle machen mit, und es gibt in solchen Gesellschaften eben nur noch die Chance der subliminalen Ebenen, über die man kommunizieren kann, und dazu gehört „Like it“.
Lottmann: Mochtest Du denn die Sängerin Zena?
Tex: Zena ist natürlich eine der Lichtgestalten, die der Songcontest nach all diesen mediokren, künstlerischen Jahren der globalen Resignation, in denen man fast schon in Duldungsstarre vor einer künstlichen Normativität, aus der eben das faktisch wurde, was die Populisten sich so vorstellen was Kunst, Ästhetik, Stil sein muss
Lottmann: Wie wichtig ist es für die Wiedergeburt der europäischen Popmusik, dass wieder junge Männer OHNE Bärte auftreten?
Tex: Es ist eine Art Versuch eines Neuanfangs, eine Chance, ein Indiz dafür, und der ESC war ja immer feinnerviger Seismograf für die Befindlichkeiten der Gesellschaften, wenn etwas zuviel wurde, ein Trend sich totlief, während der Trend nicht mal mitbekam dass er Trend war, und wofür, also das sind Konjunkturen, Haare, Männerdutts, beim Songcontest hatten wir jetzt 4 Dutts, das ist natürlich auch Signifikant: Hier muss jetzt die ästhetische Zange angesetzt werden, um die Weichen zu uns, zu uns da draußen neu umzulegen.
Lottmann: Findest Du, die Interpreten sowie ihr Publikum / ihre Fans sollten sich treu bleiben?
Sie sind sich treu, und sie waren es schon immer, wir, die cursorisch und sporadisch Schauenden kriegen das eben nicht mit, wie sehr stilprägend, ja, visionär so ein Wettbewerb sein kann, stichwort Dutt und Schneeflöckchen
Lottmann: Sollte es Liebe ohne Limit geben?
Das ist ja die ewige Frage, nicht erst nach Julian Barnes letztem Buch (Die einzige Geschichte), die er stellt, „“Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden?“, die Antwort ist ganz einfach: „Malen Sie lieber Aquarelle“
Lottmann: Was hat sich seit Baku verändert?
Tex: Baku war eine Zäsur, weil man hier erstmalig sah, wie einen die Fratze, die ungeschminkte, der Korruption, der Diktatur, des Unrechts ins Gesicht sprang, der Sieg wurde gekauft, Stadtteile geschliffen, Menschen betrogen, belogen, verhaftet, und das in einer irisierend schillenden Schlagerblase, die wenige Tage später geplatzt war, und man stand dann da mit leeren Händen, seifig von der Blase, eine Illusion kann man nicht essen, und in Liedern nicht wohnen
Lottmann: Wer waren die Besten diesmal in Deinen Augen und warum? Warum nicht Zena? Ist sie nicht genug sich selbst treu? Diskriminierst Du damit nicht Britney Spears, wenn Du sagst, sie sei nicht soviel sie selbst wie ihre KonkurrentInnen?
Tex: Zweifellos war Australien haushoher Favorit, und die Sängerin wird langfristig in den Charts auch siegen, auch wenn in den Musikmarkt-Wettbörsen momentan der Schmusesänger aus den Niederländern hochdotiert ist, Australien auch deshalb, weil es das ALTE Europa repräsentiert, nämlich so wie es nie war.
Lottmann: Wie analysierst Du die persönliche u. politische Entwicklung von Lena Meyer-Landshut in den letzten fünf Jahren?
Tex: Lena Meyer Landruth hat es leider nie geschafft aus dem Schatten Stefan Raabs zu treten, wie es Nicole geschafft hat aus dem Schatten Ralph Siegels zu treten, und eine Karriere zu starten, die der von Celine Dion (Sieg beim ESC für die Schweiz 1988) nicht unähnlich, nur eben anders verlaufen ist
Lottmann: Sollte Greta Thunfisch eine größere Rolle beim ESC spielen dürfen als bisher und warum?
Tex: Muss sie nicht, denn sie ist, auch wenn sie nicht anwesend ist, sowieso anwesend, Stichwort Flugscham, den die meisten Teilnehmer waren ja, mit nachhaltigem Bewsusstsein ausgestattet, mit den Zug angereist.

Der Schriftsteller Tex Rubinowitz (51) lebt in Wien und gilt unter seriösen Journalisten seit fast zwanzig Jahren als der ‚master mind‘ der ESC Berichterstattung.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/lottmann/2019/05/24/nachlese-mit-tex-rubinowitz/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.